Marianne Bönigk-Schulz

Das Messie-Syndrom

Plädoyer für eine Blickwendung

August 2002 

Danksagung 

Diese Studie wäre ohne die Berichte und Gespräche mit Messies und deren Angehörigen nicht entstanden. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich danke meinem Mann Manfred für seine anhaltende Geduld beim Korrigieren meiner Rechtschreibfehler und für seine Anregungen und seine Hilfe, z. B., aus einem Satz von mir gleich mehrere Sätze machen zu können; auch, dass er immer zur Verfügung stand, wenn es darum ging, die Texte lesefreundlicher zu gestalten und dafür, dass er mir immer wieder Mut zugesprochen hat, so weiter zu machen.

Ich danke Harm. Ohne sein spezielles Wissen und seine nachhaltig materialfordernde Art lägen die Entwürfe sicherlich noch in einer Datei im Computer. Er hat mich mit seiner Kenntnis, seiner intellektuellen Klarheit und seinem Vertrauen unterstützt.

Und schließlich bin ich einer großen Zahl von Menschen dankbar, deren Anonymität ich wahren werde, deren Erleben, Erfahrungen und Nöte in einem ganz erheblichen Maß zu dieser Studie geführt haben.

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

 „Experten in eigener Sache“.

Worum geht es beim Messie-Syndrom?

1.             Im Bermuda-Dreieck

          des Messie-Syndroms

          Die Geschichte von Angelika

          Sandra Felton und das Messie - Erleben 

          Primäre Symptome 

          Probleme bei der Diagnose

 2.       Woran erkennt man einen Messie? 

          Typische Verhaltensmuster 

          Qualitative Merkmale 

          Charakteristische Handlungsprinzipien

 3.       Konzentrationsstörung und Angststörung 

         Stress als Ursache der Ablenkbarkeit 

Die Geschichte von Elvira 

          Häufige Symptome 

          Panik und Angst als Ursache von Stress

 4.       Auswirkungen auf den Alltag 

          Soziale und berufliche Probleme

          Schwierigkeiten bei Routinetätigkeiten

5.       Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten 

          Mögliche Ursachen 

          Voraussetzungen für Therapie-Ansätze

6.       Was können wir in eigener Selbst-Hilfe verändern

          um das Chaos besser zu bewältigen?

          Lernen, uns wieder berühren zu lassen

7.       Der entscheidende Augenblick

          Die Krise als Chance zum Neuanfang

          Veränderung setzt Sensibilität und Flexibilität voraus

          Trennungsangst als Ursache für verschüttete (Selbst) Wahrnehmung

          Die Katastrophe als erster Schritt zur Heilung

          Zum Schluss eine Kurz-Geschichte.

8.       Anhang:

           Erwachsenwerden als Ziel

           Sieben Aufgaben zur Selbst-Hilfe

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EINLEITUNG 

Vor fünf Jahren habe ich mir das Schreibmaschineschreiben durch Selbstunterricht beigebracht, und zwar als eine Möglichkeit für mich, kleinere Texte für unsere Selbsthilfegruppe abzuschreiben. Was sich dann daraus entwickelt hat, war so für mich nicht abzusehen gewesen: Die Dokumentation der 1. Messie -Fachtagung, der Leitfaden für Messie-SHG, das Heft: Warum fühlen wir uns wie gelähmt und blockiert? u.s.w.

Ich habe diese Arbeit über das Messie-Syndrom angefangen, weil in den letzten Jahren die fehlenden diagnostischen Kriterien und die daraus resultierenden therapeutischen Ausrichtungen sich als wenig hilfreich für Messies erwiesen haben. Ich muss gestehen, dass mich das sehr ärgerlich gemacht hatte.

Nach den ersten Vervielfältigungen dieses Heftes habe ich den Text in einem Seminar an der Universität Bielefeld den Teilnehmern zur Diskussion vorgestellt. In dem Seminar ging es um die Einführung in Techniken wissenschaftlichen Arbeitens. Die Teilnehmer und auch die Leiterin dieses Seminars haben mir wertvolle Anregungen gegeben, um in dem Text deutlicher zum Ausdruck zu bringen, worum es bei dem Messie-Syndrom geht; worum es mir persönlich geht und warum ich eine Blickwendung für diese komplexen Probleme eines Messies für notwendig erachte. Mein Ärger ist durch dieses Feedback glücklicherweise auch deshalb verschwunden, weil ich mittlerweile für mich selbst akzeptieren kann, als „Experte in eigener Sache“ über dieses Syndrom schreiben zu dürfen.

Zur gänzlichen Einstellungsveränderung über meine Arbeit ist es während der 2. Messie-Fachtagung in Göppingen gekommen. Meine Angst war sehr groß, nicht angemessen auf Fragen und Anmerkungen von den Teilnehmern, die ihre Probleme ausschließlich im Wohnbereich und in vermeintlich fehlender eigener Struktur sehen, zu reagieren und diese unangemessen abzuwehren. Sicherlich bin ich nicht jedem gerecht geworden. Trotz alledem habe ich aber gemerkt, dass von der überwiegenden Mehrheit die Ursachenorientierung und die daraus resultierenden Schlüsse für eine reifere Persönlichkeitsentwicklung, als hilfreich empfunden wurden.

Nur lenken leider die mittlerweile vielfach erschienen Ratgeberbücher zu der Messie-Problematik von der eigentlichen Frage ab. Diverse Anleitungen zum Training eines vermeintlich besseren Ordnungssystems und die versuchten selbstwertstärkenden Aussagen vernebeln den kritischen Blick auf die wahre Ursache und täuschen die Betroffenen über ihre Situation hinweg. So wird ihnen weisgemacht, dass sie nur tüchtig sich ins Zeug zu legen und am Riemen zu reißen hätten, um der Unfähigkeit durch ein Training oder ein neues System beizukommen. Dann würden sie das Ordnungssystem schon finden; ein jeder, was er sich verdient.

Eine Krise von dieser Größenordnung ist keine Frage mehr von Zufall, von menschlichem Versagen, persönlicher Schuld. Hier weltfromm zu kurieren verstellt die Aussicht, auf den Grund vorzudringen und die unverfälschte Nachricht zu entschlüsseln, die dort in dem Messie-Verhalten zu finden ist.

Ein Leiden von diesem Ausmaß und dieser Qualität soll uns dazu anhalten, zu sehen, was fehlt und den Betroffenen vorenthalten bleibt. Auch wenn diese Entwicklungsmöglichkeit genommen zu sein scheint und der Verlusterfahrung zum Trotz, kann eine Kraft entstehen, die herausführt aus Verneblung und Betäubung und die das Richtige herauslöst aus der Verfälschung.

Deswegen ist eine BLICKWENDUNG nötig, zu der ich vehement aufrufen möchte.

In unseren Messie-Selbsthilfegruppen findet Leidensarbeit statt. Das hat auf beiden Seiten das an sich, was Lawinen haben: Da ist etwas in Bewegung geraten und will sich im Stürzen zugleich entfesseln und mehren, will niederreißen und aufräumen, Platz schaffen für ein anderes, das nicht war, noch nicht ist - das aus dem Chaos kommt. „Wir entwickeln Neues und überlegen uns ungewohnte Perspektiven.” Es bedarf der Bestätigung im Gegenüber, wo der Einzelne sich nicht mehr allein gelassen sieht, nicht im Stich gelassen wird mit der Bedrängnis und schon gar nicht, wenn es ihnen elend geht: Die verlorene Hoffung wiedergewinnen, das gemeinsame Schicksal gemeinsam erkunden und Einsichten gewinnen, die weiter helfen, auch im Verständnis der anderen Position. Seit sie sich nicht mehr durch die Erwartungen anderer einschränken lassen, haben sie ganz neue Fähigkeiten entwickelt. „Ich hab` ein ungeheures Selbstbewusstsein bekommen...”

 

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„Experten in eigener Sache“

Diese Studie wurde keineswegs aus dem Blickwinkel einer wissenschaftlichen Disziplin geschrieben. Wissenschaftliche psychologische Disziplinen neigen häufig dazu, ihre jeweiligen Erklärungsmuster arglos auf neue Phänomene zu übertragen. In ihren gelernten Theorien scheint so wenig Raum für diese unbewussten und irrationalen Tiefen entspringende Motivation zu sein. Deswegen haben Betroffene immer den Eindruck, dass diese Theoretiker bemüht sind, einen Liter widerspenstiger menschlicher Natur in einen Halbliterkrug ordentlicher Theorie zu pressen. Die Versuchung eines solchen Vorgehens besteht darin, das Phänomen willkürlich den Erklärungsmustern der jeweiligen Disziplin anzupassen.

Mir geht es in dieser Studie um den umgekehrten Weg. Ich möchte die Erfahrungen der Betroffenen aufgreifen, ihnen eine Stimme geben und daraus Fragen und Voraussetzungen für wissenschaftliche Untersuchungen und künftige Therapieansätze ableiten.

Zum einen geht es mir um die Systematisierung von konkreten Erfahrungen Betroffener und von konkreten Erfahrungen in der Arbeit mit Betroffenen. Zum anderen möchte ich damit zur Entwicklung einer differenzierteren Sichtweise bei Betroffenen und bei Therapeuten beitragen. Vor allem und an erster Stelle aber geht es mir um Anregungen zur Selbst-Hilfe der Betroffenen.

Wenn renommierte Wissenschaftler diesen Menschen, die sammeln und horten, Therapieresistenz attestieren, dann verhält es sich nur so, dass diese Wissenschaftler noch keine Kenntnis über die hilfreiche Therapie haben, vor allen Dingen, wenn sie meinen, nur die Verhaltenstherapie sei dafür die erfolgsversprechende Therapieform. Wenn diese Wissenschaftler die notwendigen Kenntnisse schließlich einmal zur Verfügung haben, werden therapieresistente- zu therapierbaren Klienten. Es handelt sich dabei aber immer noch um die gleiche Störung, nur die Kenntnisse der Fachleute sind andere.

Mir wurde dann klar, dass diese Fachleute, so sehr sie auch Koryphäen in ihrem Fach sind, das Erleben dieser Störung nicht so hautnah erlebt hatten wie ich. Es ist eben ein grundlegender Unterschied, wie wir etwas erleben oder wie etwas theoretisch analysiert wird. Je nachdem, welche Ziele dabei verfolgt werden, kann es zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dabei ist es aber sinnvoll, darüber zu sprechen, wie es funktioniert und wie es zu einer hilfreichen Therapiemöglichkeit kommen kann.

 

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Worum geht es beim Messie-Syndrom?

„Jede Kleinigkeit verlangt von mir eine riesige Anstrengung, obwohl ich mich doch zusammennehmen möchte. Ich schäme mich vor meinem Mann, der doch Verständnis für mich hat. Ich kann es einfach nicht. Ein Geschirrtuch in die Hand nehmen? Schon das geht über meine Kräfte. Ich soll kochen und möchte es auch gern tun. Aber auch das kann ich nicht. Hunderte von kleinen Gedanken beschäftigen mich, ohne dass ich sie in Zusammenhang bringen kann. Ich lasse alles laufen, und mir ist dabei todlangweilig ... Irgendwann lasse ich alles fallen und ergreife unter irgendeinem Vorwand die Flucht.“

Wenn in den Medien vom Messie-Syndrom die Rede ist, steht die spektakuläre Darstellung von Wohnungen im Vordergrund, die bis an die Decke vollgestopft sind. Nach meiner langjährigen Erfahrung mit Messies ist das jedoch eher ein äußerliches Symptom tieferliegender Störungen.

Um die Grundstörung, an der Messies leiden, in den Blick zu bekommen, ist eine grundsätzliche Blickwendung nötig. In meinen Augen lässt sich die Problematik, die dem Messie-Syndrom zugrunde liegt, im wesentlichen auf vier Kernpunkte zurückführen:

Messies sind dadurch gekennzeichnet,

  •  dass sie sich über einen langen Zeitraum blockiert und gehemmt fühlen,

  • dass sie vorgefassten Ideen verhaftet bleiben,

  •  dass sie in einmal gelernten Gedanken und Reaktionen festgefahren sind,

  • dass sie keinen Anfang und kein Ende kennen.

Dieses Erleben bringt automatisch Handlungsschwierigkeiten mit sich. Man hat das Gefühl, dass die Energie nicht ausreicht, um ganz normale Arbeiten zu verrichten. Situationen, die ein Handeln erfordern, schrecken ab und werden vermieden. Das betrifft Menschen, die sich selbst als „Messies“ bezeichnen, in besonders schwerem Ausmaß und mit oft tragischen Folgen. Sie haben größere Schwierigkeiten als andere mit dem Sortieren und mit der organisatorischen, planerischen und zeitlichen Einschätzung von Handlungen, die eigentlich Routinetätigkeiten sein sollten.

Diese Unzulänglichkeit macht sich vor allem beim Umsetzen von Gedanken in Handlungen bemerkbar. Messies planen, etwas zu tun; der Wunsch oder die Idee kann sehr stark sein. Dann kommt eine andere Idee oder ein anderer Wunsch und noch eine ... - doch die Verwirklichung bleibt aus. „Dieses mache ich später ... Jenes mache ich morgen ...“ Weder später noch morgen werden die Ideen in Handlungen umgesetzt. Stattdessen kommt es immer nur zu begrenzten, zusammenhanglosen Handlungen, die Konzentrationsstörungen und schließlich eine dauernde Handlungsunfähigkeit nach sich ziehen. Im tragischen Endzustand wird jede Tätigkeit unmöglich.

An dieser Stelle möchte ich einige Bemerkungen einschieben, weil sie dazu dienen können, die Konflikte bei dieser Störung klarer ins Blickfeld zu bringen. Dieser zentrale innere Konflikt besteht zwischen konstruktiven und destruktiven Kräften, also zwischen der gesunden Fähigkeit, sich zu entfalten und der gestörten - sich bis zur Handlungslähmung zu hemmen. Wenn zum Beispiel dieser Konflikt die Form erbarmungsloser Selbstverdammung annimmt, kann dies - und höchstwahrscheinlich ist es auch der Fall - dazu führen, dass wir uns selbst unendlich hassen.

Dieser Selbsthass kommt aus der Diskrepanz zwischen dem, was ich sein möchte und dem, was ich bin. Genauer gesagt: Selbsthass dient dem Trieb, das idealisierte Selbst zu verwirklichen, sodass eine Abhängigkeit zu den Vorgefassten Ideen und Idealen aufrecht erhalten bleibt. Diese Selbstentfremdung kann erst durch das Erleben von Leid - weil der Mensch sich selbst unterdrückt - zu verändernden konstruktiveren Schritten führen. Der Mensch muss zunächst die Existenz eigener Bedürfnisse wahrnehmen und auch zugeben.

„Die Wohnung wird zum Gefängnis, worin das Selbst sich ohnmächtig gefangen hält und hadert, weil nicht zu begreifen ist, was sich da derart bedrohlich zusammenballen konnte; wie sie, von langer Hand gelenkt, herangeschlichen ist; der aufgetürmte Hürdenberg aus lauter lächerlichen Zufälligkeiten, die sich heillos verstricken und wo nicht zu sehen ist, wie es  dann zu beseitigen, ehe es zu spät ist.  Im Nachhinein zu zetern mit den erst hinterher durchschaubaren Umständen, die zum Scheitern führen, verändert nichts. Was war, hat so geschehen müssen.  Rechtzeitige Vermeidung oder Beschwichtigung, jede Art von Aussperrung der Fragen, der Vorwürfe und Konflikte hätte die Ratten nur in den Keller gesperrt, nicht getilgt.“

Denn wenn der Verstand versagt oder nichts mehr zu sagen hat, schalten sie ab. Statt die aufgebrochene Krise zu entwirren, die Konflikte zu lösen, gehen sie auf Distanz, richten sich lustlos im sprachlichen Nebeneinander ein. „Es gehört”, sagt Theodor W. Adorno, „zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten.” Deswegen sparen sie nicht mit Selbstanklage, die freilich dann leider allzu häufig in Selbstmitleid endet, oder sie gehen auf die Flucht, brechen aus, um diese nicht mehr zu bewältigende Welt zu meiden, oder sie laufen vor den nicht zu erfüllenden Ansprüchen davon.

Jener Stimme, die einem wider alle Ratio womöglich weismachen will, „dass die Leichen im Keller anfangen zu stinken”, entgeht man durch ständigen Zeitvertreib und geschäftiges Auf-Trab-Sein. Mag da verwesen, was will; sie hat nichts gesehen, will nichts wissen, nichts begreifen. Eher räumt sie das Haus, als dass sie sich zum Aufräumen und Sortieren bequemt, geschweige denn zur Arbeit in Trauer. Geht sie davon, bar jeder Spur von Wehmut, von Bedenken, und geht doch, die Schulter eingezogen, als schleppe sie einen Sack voll Gerümpel, einen Stoß Akten mit dem Vermerk „Unerledigt”.

Da lässt sich höchstens vorübergehend Quartier beziehen, beschränkt in Raum und Zeit. Da häuft und summiert sich Wechsel auf Wechsel und der Aktenberg wächst. Wo der eine unbearbeitet bleibt, ist der nächste Tag schon belastet, sammelt sich nach dem Gesetz der Vermehrung „Unerledigtes” beklemmend an. Wer derart in die Zwickmühle gerät, von allen Seiten eingekeilt, vielfach bedrängt, und sehr wohl merkt, wie die Hände immer schwieriger freizubekommen sind, erst recht der Blick, vom rechten Augenmaß zu schweigen, der greift in Gedanken nur zu gern zum großen Besen, um die Bude zu fegen, zu befreien vom Gerümpel und jeglichem Ballast, der die Aussicht verstellt, den Ausweg blockiert. Wo nichts mehr läuft, läuft im Leerlauf vergeudete Zeit, verschachertes Leben, Ich-Verlust.

Etwa fünfzehn Prozent der Bevölkerung kennen Anteile des Messie-Erlebens, besonders Situationen von Existenzangst oder der altersbedingten Angst, sich an wichtige Dinge und Ereignisse nicht erinnern oder Dingen nicht die richtige Wertigkeit zuordnen zu können. Zur krankhaften Ausprägung des Messie-Syndroms mit seinen typischen Verhaltenssymptomen kommt es bei etwa zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Das Leid des Messie-Erlebens, die Auswirkung auf die engere Umgebung sowie die Folgen für die Angehörigen können dramatisch sein.

Die Beziehungen zu anderen Menschen sind verkrampfte, spannungsgeladene und hoch ängstliche Beziehungen. Die Möglichkeit, aus gemachten Erfahrung zu lernen, ist oftmals in Stresssituationen gehemmt und so sind Befindlichkeiten nicht nachhaltig zu verändern, sodass diese Starrheit von der Wahrheit weg in die emotionale Unstabilität und zu einer ganz bestimmten Geisteshaltung und zu verdrehten Wertvorstellungen führt, die dann mit anderen Menschen nichts gemein haben müssen. Dieser Verfall der persönlichen Wertvorstellungen bedeutet, eine Beziehung mit sich selbst führen. Und je weiter sich Wahrnehmung und Verhalten von der Realität entfernen, desto stärker werden die Denkprozesse beeinträchtigt. Solche gestörten Denkprozesse basieren auf falschen Vermutungen, Verwirrung, Verzerrung, Rechtfertigung, Illusion - und sie führen noch weiter von der Wahrheit weg. 

So werden diese Menschen mit der Zeit zunehmend selbstbezogen, isoliert, ängstlich, verwirrt, gefühllos, dualistisch, kontrollierend, perfektionistisch, unehrlicher zu sich selbst, tadelnd und dysfunktional. Kurz, sie können ihr Leben immer weniger meistern.

 

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1.    Im Bermuda-Dreieck
des Messie-Syndroms

Ein Nichts zu sein, das kann kein Mensch ertragen und muss doch damit leben. „Ich weiß nicht mehr, wohin ich gehöre und kann mich nirgends festhalten...” So redet doch mit mir, sagt sie; sagt sie wortlos. Wir können nicht reden, stumm geworden in der Trostlosigkeit. Wir sitzen zusammen und wissen nichts zu sagen, fühlen nur diese erbärmliche Verstümmelung; ein Nichts, das schreien will. So gehen sie meist stumm durch die Welt und blind in ungefährer Einsamkeit. Ohne Forderung möchte sie sein, ohne Entscheidung... Wonach sie sich sehnen, sagen sie nicht. Ihre Welt hat keinen Boden, hat sich zugestellt mit den geronnenen, erstarrten Dingen, hat sich angefüllt wie ein Trödlerladen. In dieser schwankenden Welt ist es muffig geworden von so viel Abgestandenem, von so viel eingetrödelter, erstickter Geschichte. Komm mit in die Rumpelkammer des Glücks... Zu tief sitzt die Angst, den andern zu erscheinen, wie man wirklich ist. 

Vernageltes Haus, verrottetes Dach, morsche Wände, die der Kälte nicht standhalten, an müden Tagen gelähmt auf bizarre und bittere Weise: Worauf noch setzen, da alles besetzt ist, bestückt mit Dingen, die aus der Vergangenheit heraufgrüßen, die schummrig den Ausgang blockieren. Wer nimmt mir meine Traurigkeit... wüsste ich nur, was mir dabei Angst macht... Wir haben gelernt, wie man es macht, die wahren Gefühle zu verbergen... auch vor uns selbst... Zu tief sitzt das Misstrauen, verraten zu werden, ausgebeutet, erpresst, zu tief die Angst, sich an Gefühle zu verlieren, wehrlos, in Leid verloren. Diese neue Art von Abwehr-Syndrom zeigt, dass aus Angst vor Bindung sich jeder engeren Beziehung mit anderen Menschen verweigert wird. Im Spannungsfeld zwischen den widersprüchlichen Bedürfnissen nach dauerhafter Bindung und eigener Ungebundenheit sitzt die Angst am Schalthebel der Konflikte und entlädt sich vorzugsweise aggressiv.

 

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Die Geschichte von Angelika

Angelika leidet unter einer Tendenz zur Vermüllung und Selbstvernachlässigung. Sie tappt weitgehend im Dunkeln, was ihr Innenleben anbelangt. Sie ist noch nicht in der Lage, die verschiedenen Aspekte ihres unbewussten Lebens zu erkennen. Ihrer Komplexe ist sie sich nicht bewusst. Die bewusste Wahrnehmung dessen, was in ihr und um sie herum vorgeht, ist stark eingeschränkt. Aus diesem Grund gerät sie in den verschiedensten Lebenssituationen aus dem Gleichgewicht. Menschen mit einem schwachen Selbstwertgefühl sind sich im allgemeinen der tiefliegenden Verwundungen nicht bewusst, denen sie in ihrer Kindheit ausgesetzt waren. Sie erinnern sich nicht an das, was ihnen angetan wurde und was seitdem ihrem negativen Selbstwertgefühl zugrunde liegt.

Insbesondere in einem Punkt leidet die bald vierzigjährige Angelika unter einer extremen Empfindlichkeit: Sie ist unfähig, sich selbst zu verteidigen, und ebenso unfähig, verbal auszudrücken, was sie von anderen erwartet. Hat sie das Gefühl, sie würde geringschätzig behandelt, zieht sie sich in ein mit Dynamit geladenes Schweigen zurück. Sie ist außerordentlich ängstlich und würde nie wagen, die Szenen, die sich in solchen Augenblicken vor ihrem inneren Auge abspielen, auszuleben.

So entsteht ein indifferentes Verhalten zu Menschen, von denen sie sich ungerecht behandelt fühlt; sie sind einfach nicht für sie anwesend. Es fehlen Möglichkeiten, eigene Gefühle auszudrücken. Anderen erscheint ihre Mimik oft als maskenhaft, starr und bizarr. Sie fühlt sich unfähig, Neues zu erkunden oder zu tun. Stattdessen verharrt sie in Untätigkeit und in Ablehnung der Kontakte zu anderen.

Aus dem zwanghaften Schweigen und der Unfähigkeit, sich direkt und offen auseinander zusetzen, entspringt eine feindselige Haltung. Es wächst die Versuchung, den anderen versteckt anzugreifen, unauffällig abzuwerten, indirekt zu verdächtigen und mit Hinterlist auszutricksen. Um die eigene Person aufzuwerten, stiftet Angelika Beunruhigung und Misstrauen zwischen anderen, zwischen Freunden oder Gemeinschaften: sie intrigiert.

Solange Angelika sich nicht angemessen verteidigen kann und ihre Gefühle in abruptem Schweigen verschließen muss, ist sie auf solche kompensatorischen Verhaltensweisen angewiesen. Solche Menschen wissen sich nicht anders zu wehren und zu helfen, als ihre Ziele und Zwecke hintenherum erreichen zu wollen - was ihnen tragischerweise den Verlust jeglichen Vertrauens einbringt.

Wie wir gerade feststellen können, hängt der Grad unserer Instabilität davon ab, wie sehr wir unserer selbst und unserer Konflikte und Komplexe bewusst sind. Eine relative Stabilität verlangt eine relative Bewusstheit. Die unbewussten Konflikte unseres Erwachsenenlebens wurzeln alle in frühkindlichen Anpassungsmustern. Damals, als wir uns als Kinder bestimmte Verhaltensmuster aneigneten, waren sie notwendig und angebracht, doch unsere Lebensumstände verändern sich immer wieder, und wir beginnen, unseren alten Verhaltensmustern zu entwachsen. Bei Erwachsenen ist die Stabilität vom Grad des Bewusstseins abhängig. Die Frau, von der hier die Rede ist, lebt gemäss eines solchen alten, überholten Anpassungsmusters.

Neue, reifere Anpassungsprozesse sind von unserer Fähigkeit abhängig, uns selbst und die Situationen, mit denen wir konfrontiert werden, wahrzunehmen und darüber zu reflektieren. Erst wenn diese Fähigkeit entwickelt wird, können wir bewusst entscheiden, wie wir uns anpassen können oder wollen. Ausschlaggebend für einen solchen reifen Anpassungsprozess ist unsere Sensibilität für das, was sich in uns und um uns herum ereignet. Wir müssen in der Lage sein, kleine Veränderungen in unserer Innen- und Außenwelt zu erspüren, uns der auftretenden Veränderung und den Instabilitäten bewusst zu werden. Dann und nur dann können wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen und versuchen, angemessen und zufriedenstellend mit ihnen umzugehen.

So heißt das, dass der betreffende Mensch sich auf das Leben einlassen und es zulassen muss, von seinen Wahrnehmungen und Erfahrungen berührt zu werden. Die Entwicklung der Sensibilität wirkt als ein Anpassungsinstrument, damit verschiedene Prozesse, die in uns und in der Welt ablaufen, ins Bewusstsein gehoben werden.

Zurück zu der Geschichte von Angelika, die in ihrer alten, nicht mehr angepassten Ordnung beharrt und damit unflexibel und unsensibel bleibt. Sie verweigert ihre eigene Anpassung und zwingt auf diese Weise ihre Umgebung zur Anpassung. So kommt es nicht selten vor, dass wir in einer Familie auf jemanden stoßen, der besonders starr und unflexibel ist. In diesem Fall wird das Problem des Auffindens einer neuen Ordnung unweigerlich auf ein anderes Familienmitglied übertragen.

 

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Sandra Felton und das Messie - Erleben

Wie bei vielen anderen ist auch mein Messie-Bewusstsein und Messie-Erleben durch die Bücher von Sandra Felton im Nachhinein stark geprägt worden. Sie hat uns überhaupt erst die Worte und Bilder gegeben - wenn auch ihre Worte und Bilder. Wie leicht und einfach wird dort das Problem auf den Zustand der Wohnung (und die Lösung auf die Veränderung dieses Zustandes) reduziert!

Zu meinem Glück hatte ich schon Anfang 1997, also noch vor dem Sandra-Felton-Boom in Deutschland, eine Therapie begonnen, wobei der Zustand meiner Wohnung nur eine Nebenrolle spielte. Irgendwie war mir damals intuitiv bewusst, welche tieferen Ursachen meinen organisatorischen Defiziten zugrunde lagen: selbstquälerische Gedanken, die aus dem Nichts auftauchten und mich unfähig machten, die einfachsten Dinge des Alltags zu verrichten. Diese Gedanken waren negativ, selbstabwertend, angsteinflößend und destabilisierend. Sie setzten mich einer starken Verunsicherung aus.

Die Berichterstattung der letzten Jahre wurde stark von Sandra Felton geprägt. Würde ich heute eine Therapie beginnen, dann stünde sicherlich die Unfähigkeit, eine akzeptable Ordnung in meiner Wohnung zu schaffen und aufrecht zu erhalten, im Mittelpunkt. Ich hatte das Glück, dass spektakuläre Reportagen von vermüllten Wohnungen damals noch nicht so verbreitet waren. So war mir noch ein eigener Zugang zu den Ursachen meines Chaos möglich. Diese Ursachen und auch die Art des Chaos sind für jeden Menschen etwas anderes. Nur die Folgen gleichen sich: Die Unfähigkeit zur Ordnung betäubt uns und macht uns hilflos.

Mittlerweile ist eine ganze Palette von Büchern erschienen, die sich ausgiebig mit dem außen sichtbaren Symptom auseinandergesetzt haben. Diese Bücher haben ganz entschieden zu unserem Verständnis dieser besonderen Problematik beigetragen; nur fehlten ihm grundlegende Informationen und bestimmte Perspektiven wurden überhaupt nicht berücksichtigt. Und gerade diese halte ich für wesentlich, um Handlungsabläufe zu verstehen und sie dann somit veränderbar zu machen.

Wir alle wollen Zuflucht suchen im schützenden Bereich, in dem die dringendsten Wünsche gelten: Wärme und Geborgenheit. Ohnmächtig spürt der Mensch dann sich selbst - vor dem gerade er sich verbergen wollte. Und darum müssen sie gehen, um wenigstens den Traum zu bewahren, die Erinnerung nicht zu verlieren und nicht sich selbst... und doch zu gehen mit leeren Händen. Da gibt das Gehen ihnen einen ordnungsschaffenden Zug, da wird aufgeräumt, was sich erledigt hat, Platz gemacht für den neuen Versuch, der sein Ergebnis schon mit sich bringt.

Nicht-Alleinsein tilgt Einsamkeit nicht - Sehnsucht sucht Leerraum auszustaffieren mit den Versatzstücken. Worauf es ankommt, bleibt ausgespart; Flucht in die Arbeit, in den Rausch oder in die Gleichgültigkeit; Todstellreflex, lähmende Müdigkeit, hektische Betriebsamkeit, Chaos der Existenz. Wo das Ich sich nach der Erfahrung des Verlustes oder Trennung nur in seinem eigenen Zerfall behält, muss krampfhaft aktiviert werden, was wenigstens an der Oberfläche vergessen lässt, ablenkt von der gähnenden Leere, in die der Leidende süchtig fallen will.

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Primäre Symptome

Nach meiner Erfahrung ist die Desorganisation eher eine sekundäre Auswirkung tieferliegender Probleme. An zentraler Stelle stehen bei der Messie-Störung die folgenden Verhaltenssymptome:

·       Hohe Ablenkbarkeit bei Routinetätigkeiten durch innere und äußere Reize

·       Große Schwierigkeiten bei der Einschätzung, was wichtig und was unwichtig ist

·       Extrem verlangsamte (oder extrem hohe) motorische, emotionale und verbale Impulsivität

·       Schwierigkeiten in der Erinnerungs-, Handlungs- und Verhaltenssteuerung

·       Gestörter Tag-Nacht-Rhythmus

·       Unterstellen verächtlicher Gedanken bei anderen Menschen über die eigene Person; Tendenz, sich zu isolieren und, bei fehlender Akzeptanz, sich anderen gegenüber feindselig zu verhalten

Solche Verhaltensauffälligkeiten kommen natürlich auch bei anderen Menschen vor, die sich nicht als „Messies“ bezeichnen würden. Das Spezifische beim Messie-Syndrom ist, dass die primären Symptome zu einem Verhalten führen, das die Betroffenen überhaupt nicht wollen und trotzdem daran festhalten. Die primären Symptome bestimmen, mit unterschiedlich ausgeprägten Anteilen, in ihrer Kombination ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster (Kapitel 2).

 

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Probleme bei der Diagnose

Oft erleben Betroffene, die den Weg zu Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiatern oder Neurologen suchen, bei den Fachleuten mangelhafte Einfühlsamkeit in die spezielle Problematik, fehlendes Verständnis und ein falsches Bewusstsein für den Zusammenhang äußerer Organisationsprobleme mit den dazugehörigen Gefühlen und Empfindungen. Sie bekommen oft eine falsche Diagnose (oder gleich mehrere falsche Diagnosen, in einem konkreten Fall im Laufe von sieben Jahren zwölf unterschiedliche Diagnosen bei verschiedenen Therapeuten) und in der Folge die falsche Behandlung. Häufig werden depressive oder angstneurotische Störungen, psychosomatische Störungen, Persönlichkeitsstörungen oder soziale Störungen diagnostiziert. Es liegt zwar auf der Hand, dass soziale Probleme und Probleme der Persönlichkeitsfindung eine Rolle spielen. Doch bis heute scheint es keine hinreichenden Erfahrungen in der Einordnung der Problemgründe des Klienten und im Umgang damit zu geben. Diagnostik und Behandlung gleichen eher einem Ratespiel.

In der aktuellen Situation stehen einer angemessenen Diagnose schwerwiegende Hindernisse entgegen:

Da die traditionellen therapeutischen Techniken bei den meisten Messies seltsamerweise versagen und das Problem vielleicht sogar noch verschärfen, müssen wir die Realität eines zugrundeliegenden Prozesses (des Nicht-Handeln-Könnens) erkennen. Bei dem Messie-Syndrom steht nicht das Symptom (Desorganisation und das Horten) im Mittelpunkt; vielmehr liegt hier ein Automatismus von Prozessen - wie sie die Betroffenen so nicht wollen - vor. Prozessgebundene Handlungen sind weitaus heikler und komplizierter zu durchschauen. Oftmals sind sie in unserer Gesellschaft integriert. Wir befinden uns derzeit noch auf einem Wissensstand, wo wir aus allen erdenklichen Handlungsabläufen Material benötigen. Daher ist auf die Erforschung dieser prozesssteuernden Mechanismen und auf ihre Behandlung sehr viel Sorgfalt zu verwenden.

Wollen wir den jeweils spezifischen Ablauf erkennen und erfassen, dann ist es sinnvoll, sich anzusehen, welchen Einfluss und welche Verstärkungseffekte das auf die Betroffenen ausübt, und es muss die Bedeutung des Syndroms auf den zugrundeliegenden Prozess verstanden werden. Aber noch stehen wir mit unserem Wissen über jene subtilen Prozesse ganz am Anfang. Der Grund liegt darin, dass erst eine Auseinandersetzung mit dem sichtbaren Symptom erfolgt, auch weil Betroffene immer wieder zu erkennen gegeben haben, dass das ihr eigentliches Problem darstellt.

 

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2. Woran erkennt man einen Messie?

Ein Überblick wie dieser ist immer ein Kompromiss zwischen Differenzierung und Verallgemeinerung. Er kann den achtsamen Blick für die jeweilige konkrete, einmalige und unwiederholbare Situation nicht ersetzen. Viele Missverständnisse und Kontroversen beruhen darauf, dass eine objektive und sorgfältige Detailanalyse von Therapeuten nicht mit der subjektiven Selbsteinschätzung des Betroffenen ins Gleichgewicht gebracht wird. Was ich hier darstelle, beruht auf eigener zweiunddreißigjähriger Erlebniserfahrung einschließlich fünfjähriger Erfahrung in der Betreuung und Beratung von Messies.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass das beschriebene Muster vor allem das Verhalten solcher Patienten widerspiegelt, bei denen das Leiden, sich nicht wie andere verhalten zu können, besonders ausgeprägt ist, oder bei denen ihre Umwelt anhaltend daran leidet. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nicht ausschließen, dass das Verhaltensmuster leichter zu verändern wäre, wenn stärker Patienten einbezogen würden, die die Symptomatik nur in milderer Ausprägung zeigen (die die Symptome nur sporadisch erleben). Ich glaube, dass es mitunter nicht verantwortbar ist, dass in solchen Fällen der Fokus nur auf äußere Probleme gelenkt wird, weil bei diesen Menschen dadurch ihre Verhaltens- und Erlebensweisen verstärkt werden können. 

 

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Typische Verhaltensmuster

Als Folge der primären Symptome ergeben sich bestimmte Verhaltensmuster, die für Messies typisch sind:

·       Diese Menschen haben ein beschädigtes Ich-Bewusstsein. Sie können ihrem Selbstkonzept, ihrer Vorstellung, wie sie eigentlich sein sollten, in der Realität nicht gerecht werden. Dieser Mangel wird überdeckt und kompensiert durch Perfektionsstreben, Fürsorglichkeit für andere sowie andere Mittel der Kontrolle (Verächtlichmachen anderer, Intrigieren, Neigung zum Klatsch, Harmoniesucht, übermäßige Freundlichkeit und Höflichkeit).

·       Sie neigen dazu, sich zu isolieren, sich unwohl zu fühlen unter anderen Menschen, insbesondere im Zusammensein mit Autoritätspersonen.

·       Sie suchen nach Anerkennung. Sie würden alles tun, um Menschen dazu zu bringen, sie zu mögen - selbst wenn alles dafür spricht, dass dieses fehl am Platz ist. Bei fehlender Anerkennung reagieren sie mit feindseligem Verhalten.

·       Diese Menschen lassen sich einschüchtern von persönlicher Kritik oder von aggressiven und ärgerlichen Menschen. Sie haben Angstgefühle, in solchen Situationen nicht angemessen reagieren zu können. Das trägt zur Überempfindlichkeit bei.

·       Bei neuen Beziehungen wählen diese Betroffenen im allgemeinen nicht sicher gebundene Menschen, emotional instabile Menschen, Unstabile mit Suchtproblemen.

·       Die Betroffenen leben ihr Leben in einer bestimmten Haltung, zum Beispiel der Opferhaltung. Sie sind abhängig von der Situation und leben in der Re-Aktion. Sie fühlen sich angezogen von Ähnlichen, Gleichen, in der Partnerschaft und in Freundschaftsbeziehungen.

·       Diese Menschen verwechseln Mitleid mit Liebe und neigen mehr zu denen, die bemitleidet und gerettet werden können. Sie sind weniger angezogen von gesunden, liebevollen und liebenswerten Menschen, die stark sind und Selbstvertrauen haben.

·       Die so betroffenen Menschen haben große Mühe, Projekte vom Anfang bis zum Ende durchzuhalten.

Diese Verhaltensmuster scheinen nur auf den ersten Blick zu einem ganz normalen Verhalten zu gehören, wenn sie nicht bei den Betroffenen zu extremen inneren Einstellungen und Bewältigungsmustern führen würden, die dann nur noch von diesen vorgenannten Verhaltensweisen bestimmt werden.

 

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Qualitative Merkmale

Messies wissen normalerweise nur wenig über ihre Verhaltensmuster. Wie Ertrinkende klammern sie sich an das Nicht-Wissen-Wollen. Sie denken Tag und Nacht über die gleichen inneren Probleme nach. Sie sehen nichts anderes als die Probleme mit dem eigenen Ich und besitzen deswegen eine stark eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit. Ihr innerer Zustand kreist ständig um affektive Probleme, die nie erledigt wurden und aus denen sich geistige Verkrampfungen entwickelt haben. Das Ergebnis ist eine Art von unwillkürlichem Konzentrationszustand, der drei Viertel ihrer Gehirnkapazität blockieren kann. In der Folge verkümmern ihre menschlichen Fähigkeiten. Ihr Lebensfeld wird in tragischer Weise eingeengt.

 

Jahrelanges belastendes Erleben des Nichts-Ändern-Könnens und immer wieder erfolglose eigene Bemühungen oder Therapien sind die Zeichen einer chronischen Entwicklung. Viele Messies haben das Gefühl der Aussichtslosigkeit: Es lohnt sich gar nicht erst, hart für eine ordentliche Wohnung zu arbeiten, da sie dieses Ziel sowieso niemals erreichen werden. Die Enttäuschung über sich selbst spielt eine Rolle, aber viel gravierender ist das lähmende Gefühl der Vergeblichkeit. Für dieses quälende Lebensgefühl der Vergeblichkeit taucht immer wieder das Bild des Hamsters im Laufrad auf, der bis zur Erschöpfung rennt und doch nie von der Stelle kommt. 

„Es war ihr plötzlich, als ob sie gegen einen mächtigen Strom angehen müsse, oder gegen einen gewaltigen und doch unspürbaren Wind, der sie einfach zurückblies. Sie stemmte sich schräg gegen den rätselhaften Druck, zog sich an Mauervorsprüngen weiter und kroch manchmal auf allen Vieren.“

In dem Buch „Momo“ von Michael Ende wird noch deutlicher das Lähmende dieses Gefühls beschrieben. Die unheimlichen grauen Herren, Zeit-Diebe von der Zeit-Spar-Kasse, machen in der Niemals-Gasse Jagd auf Momo, die die Erwachsenen über den Zeit-Diebstahl aufklären will. Doch in dieser Gasse herrscht ein Zeit-Sog. Erst als sie auf Anraten der hilfreichen Schildkröte Kassiopeia rückwärts geht, kommt sie wieder mühelos von der Stelle und entkommt den Verfolgern. Die grauen Herren in ihren schwarzen Limousinen fahren zwar immer schneller, aber der Abstand zu Momo wird immer größer. Sie versuchen, die Verfolgung zu Fuß fortzusetzen. Aber je schneller sie laufen, desto größer wird der Abstand, sodass sie schließlich aufgeben.

„Nach dem Einbiegen in die Niemals-Gasse kamen die Autos plötzlich nicht mehr vom Fleck. Die Fahrer traten aufs Gas, die Räder jaulten, aber sie liefen am Ort, etwa so, als ob sie auf einem fahrenden Band stünden, das mit gleicher Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung läuft. Und je mehr sie beschleunigten, desto weniger kamen sie vorwärts. Als die grauen Herren das merkten, sprangen sie fluchend aus den Wagen und versuchten, Momo, die sie weit in der Ferne gerade noch erkennen konnten, zu Fuß einzuholen. Sie rannten mit verzerrten Gesichtern, und als sie endlich erschöpft innehalten mussten, waren sie im Ganzen gerade zehn Meter vorangekommen. Und das Mädchen Momo war irgendwo in der Ferne zwischen den Häusern verschwunden.“

 

Typischerweise werden die Verhaltensweisen von Messies durch bestimmte situative Bedingungen verstärkt, die bei der Diagnostik sorgfältig erhoben werden müssen. Dazu gehört ein Vergleich des Verhaltens im selbstverantwortlichen Rahmen mit dem im nicht selbstverantworteten Rahmen (Kapitel 4).

Da die Bedingungen dafür in der psychologischen Praxis nicht gegeben sind, kann der Therapeut leicht das Ausmaß der Situationsabhängigkeit und das Reagieren auf soziale Auslöser von Widerstand übersehen:

      Widerstand der Betroffenen gegen Erwartungen anderer,

      Widerstand gegen Fremd-Diagnose
(Der Betroffene weiß ja seine eigene „Diagnose“: Es geht einfach nicht.)

      und der Widerspruchsgeist, der immer wieder risikoreiche Situationen im beruflichen wie im sozialen Umfeld schafft.

 

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Charakteristische Handlungsprinzipien

Viele Verhaltensweisen von Messies sind nur auf dem Hintergrund dahinterliegender (wenig realistischer) Einstellungen zu verstehen.

·       Sie sind entweder „super-verantwortlich“ oder „super-unverantwort-lich“. Sie versuchen, die Probleme anderer zu lösen, und erwarten von anderen, dass diese sich für sie verantwortlich fühlen. Die Folge: Sie verlieren den Kontakt zu sich selbst.

·       Diese Menschen fühlen sich schuldig, wenn sie für sich selbst etwas tun oder selbstbewusst werden. Lieber tun sie alles für andere als etwas für sich selbst.

·       Sie leugnen, verkleinern oder unterdrücken Gefühle aus ihrer belasteten Kindheit. So verlieren sie die Fähigkeit, ihre Gefühle in der aktuellen Situation zu benennen und zum Ausdruck zu bringen. Sie sind nicht in der Lage, den Einfluss zu bemerken, den die nicht wahrgenommenen Emotionen und Gefühle auf ihr Leben haben.

·       Diese Menschen fühlen sich unfrei, gehemmt und abhängig von allem Möglichen. Sie sind erschreckt bei Zurückweisung und Verlassenwerden. Sie neigen dazu, Beziehungen einzugehen (auch zu Dingen und Sachen), die schädlich oder nachteilig für sie sind. Die übermäßige Angst kann sie einerseits hindern, diese schmerzvollen Beziehungen aufzugeben, andererseits hemmen, in gesunde, lohnende Beziehungen einzutreten.

·       Die Schwierigkeiten von Betroffenen mit tiefen Beziehungen machen deutlich, wie viel Unsicherheit und wie wenig Vertrauen in sich und andere vorherrschen. Unklare Grenzen führen zum Vermischen von eigenen Nöten und Emotionen und denen des Partners.

·       Symptome emotionsgestörter Familienhintergründe sind Leugnung, Isolierung und Distanzierung, indirektes und kontrollierendes Verhalten sowie falsche Schuldgefühle. Das Resultat ist chronische Hilf- und Hoffnungslosigkeit.

·       Das ureigenste Bedürfnis dieser Menschen ist, Kontrolle zu haben. Er reagiert überstark auf Veränderungen, über die sie keine Kontrolle haben.

 

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3.    Konzentrationsstörung und Angststörung

       Stress als Ursache der Ablenkbarkeit

 

Die Geschichte von Elvira

Bevor ich sie kennen lernte, war Elvira mehrere Male an die Grenzen ihres Chaos gestoßen und hatte auf diese Weise mit dem unbeugsamen Ordnungsanspruch des Lebens und der Umwelt Kontakt bekommen. Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und hatte bereits mehrere Suizidversuche unternommen. Sie betrat den Raum stets in einer steifen, irgendwie zombieartigen Haltung. Es dauerte mehrere Monate, bis sie über ihr eigentliches Problem sprechen konnte. Das Problem, dem sie sich gegenübersah, schien ihr unlösbar. Elvira sah keinen Ausweg, und solange sie bei dieser Denkweise verharrte, standen ihr auch wirklich keine Möglichkeiten offen. Aus ihrer Haltung ergab sich die logische Folgerung, dass eine Veränderung und somit ein Weitermachen unmöglich sei. Alles wirkte schwarz und hoffnungslos.

Ist man einmal von dem Gedanken überzeugt, dass aus dem Chaos niemals Ordnung entstehen kann, so ergibt sich die weitere Logik von selbst. Elvira hatte sich in eine statische und sterile Welt zurückgezogen, in der keine Kommunikation mehr stattfand. Da sie sich völlig von der Welt distanziert hatte, konnte sie ihre Schwarzweißmalerei nicht mittels realer Lebenserfahrungen differenzieren. Sie war gewissermaßen unsensibel für die Wirklichkeit geworden. Sie konnte Dinge, die sich in ihrer inneren und äußeren Welt ereigneten, nicht mehr wirklich spüren. Ihr Denken, aber auch ihre emotionale und körperliche Ausdrucksfähigkeit, waren starr und unbeweglich geworden.

Die Fähigkeit, sich auch andere Möglichkeiten vorzustellen, wäre der Schlüssel, der die Tür aus ihrem unnachgiebigen Eingekerkertsein öffnen würde zu einem Dialog der jungen Frau mit ihrem Selbst und mit ihrer Außenwelt.

Es kam selten vor, dass sie sich darum bemühte, etwas, was ihr wichtig war, zu erlangen oder zu verwirklichen. Sie verharrte in einer passiv abwartenden Haltung. Ihr wichtigstes Bedürfnis war der Wunsch nach Entlastung von ihrer Unsicherheit, indem sie sich unentwegt der Akzeptanz der anderen Mitglieder in der Gruppe versicherte. Sie suchte Besänftigung, Beruhigung und die ständige Versicherung, dass mit ihr alles in Ordnung sei. Das war ihre einzige Möglichkeit des Umgangs mit dem Chaos, nämlich die Vermeidungstaktik. Ihr Vermeidungsmuster, schon früh daheim gelernt, bestand darin, Signale von anderen zu verdrängen. Bisher war es nicht möglich, die unbewussten, dem Konflikt zugrundeliegenden Muster aufzudecken, die für das Chaos verantwortlich sind. Erst zu einem späteren Zeitpunkt wird sie die Energie und das Interesse aufbringen können, ihre innere Welt zu erforschen.

Emotionale Instabilität kann als Folge von unglücklichen Lebensumständen, zu früher Verlassenheit oder durch das Gefühl, nicht verstanden, nicht angenommen, nicht geliebt zu sein, entstehen. Diese Kinder, die sich gern in eine Scheinwelt der Geborgenheit flüchten und die so die Entwicklung zum Erwachsenen verpassen, sind oft nicht in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Sie sind in ihrer Haltung so passiv und sie erwarten, dass andere sie versorgen, andere ihnen Entscheidungen abnehmen und andere für sie handeln. Es fällt ihnen schwer, Aufgaben und Projekte, die sie angefangen haben, zu Ende zu führen. Nie sind sie sicher, dass das, was sie gerade tun, auch das ist, was sie wollen. Immer fühlen sie sich unsicher und wissen nicht, wohin sie ihr Leben lenken sollen.

„Ja, so ist es immer. Zuerst weiß ich ganz genau, was ich eigentlich will. Das eine spricht dafür, das andere dagegen. Ich tue das, was die anderen von mir wollen. Dann wachsen die Widerstände. Ich habe immer weniger Energie und Lust, die Sache zu beenden und versuche vergeblich, den Karren wieder in Fahrt zu setzen. Dann wachsen meine Schuldgefühle. Ich resigniere und tue das, was die anderen erwarten, oder das, was meine Schuldgefühle sagen. Doch mache ich ständig Fehler. Jetzt gelingt mir nichts mehr. Alles, was mir wichtig und wert wäre, ist verschwunden. Ich verpasse das Allerwichtigste.” Diese Frau erzählt aus ihrem Alltag, in dem sich dieses Muster immer wiederholt. Es wird dann wirksam, wenn sie etwas für sich unternehmen will. Wer hier aufmerksam liest, wird den Widerspruch in dieser Selbstbeschreibung erkennen können.

Solange die Verhaltensmuster der Chaosvermeidung einigermaßen „befriedigend“ funktionieren (extreme Ordnungssysteme wie fixe Ideen, Kontroll- oder Waschzwang, anorexie-bedingtes Ess- und Brechverhalten oder die Flucht in Drogen oder drogenähnliche Zustände oder Alkoholabhängigkeit), verspürt der Mensch kein Bedürfnis, nach neuen Mustern der Begegnung mit dem Chaos zu suchen. Erst wenn die Abwehr brüchig geworden ist, wird die Überprüfung der Situation plötzlich wichtig.

Messies nehmen das Chaos oft gar nicht mehr wahr. Nur selten suchen sie Hilfe von außen. Sie leben innerhalb ihres Systems, und es gelingt ihnen so gut, sich vor dem Chaos zu verstecken, dass sie es selbst nicht mehr spüren. In solchen Fällen reagiert dann eher die Umwelt. Das Chaos wird offenbar, wenn ein Mitglied der Familie oder des Umfeldes spürt, dass etwas nicht mehr stimmt, und dem Betroffenen eine Therapie nahe legt.

 

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Häufige Symptome

Die Konzentrationsstörung lässt Messies am Umgang mit Situationen scheitern, die anderen völlig normal und unproblematisch erscheinen.

Es geht dabei um mehr als um einen momentanen Gedächtnisverlust, den jeder von Zeit zu Zeit hat. Dafür geschieht es einfach zu oft. „Und in diesen Augenblicken empfinde ich eine große Desorientierung, die mehrere Minuten anhalten kann.“ - „Ein weiteres Problem ist mein Zeitgefühl und mein schlechtes Gedächtnis; sie scheinen zu schwanken, sodass mein Urteils- und Erinnerungsvermögen in ganz bestimmten Situationen beeinträchtigt zu sein scheint.“

 

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Panik und Angst als Ursache von Stress

Das Hauptproblem bei der Arbeit mit dem Chaos ist die Panik, die das Chaos hervorruft. Die Angst kann derart beherrschend sein, dass die Bearbeitung der zugrundeliegenden Probleme eine Weile in den Hintergrund gestellt werden muss. Betroffene sind derart von ihrer Angst überwältigt, dass zunächst einmal dafür gesorgt werden muss, sie auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Ob Betroffene einen inneren Abstand zur Angst finden können, hängt vor allem davon ab, ob der Therapeut selbst die notwendige Nähe zum Menschen mit der notwendigen Distanz zum Chaos verbinden kann. Betroffene müssen spüren können, dass sie mit all ihren Ängsten und Verunsicherungen angenommen sind (Stressreduzierung).

Das Chaos ist weniger bedrohlich, wenn man sich von einer solchen mütterlich fürsorglichen Haltung getragen fühlt. Die Zuversicht des Therapeuten, dass das Chaos den Menschen nicht überwältigen wird, hilft, das Gefühl der Bedrohung zu mindern (Stressreduzierung). Erst aus einer solchen relativen Sicherheit kann der Messie zur Einsicht gelangen, dass zwar Probleme vorhanden sind, dass sie aber gelöst werden können. Das Chaos wird endlich fassbar und die Fähigkeit gestärkt, damit umzugehen. Ängste, die früher wie aus dem Nichts aufzutauchen schienen, sind künftig nicht mehr unberechenbare Wegelagerer, die uns aus dem Hinterhalt überfallen und wehrlos machen (nachhaltige Stressminderung).

Diese Art der Annäherung an das Chaos nimmt viel Zeit in Anspruch, denn die unseren Ängsten zugrundeliegenden Konflikte sind relativ unbewusst. Erinnerungen, Empfindungen, Phantasien, Stimmungen, Gefühle, Assoziationen, Bilder oder Ideen - das ist der Stoff, aus dem die Persönlichkeit gemacht ist. In all dieser verwirrenden Vielfalt strebt das Individuum nach jeweils seiner spezifischen Kohärenz (Stressminimierung).

 

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4. Auswirkungen auf den Alltag

Bereits ein mittlerer Ausprägungsgrad der Störung führt zu ganz erheblichen Problemen in der sozialen, beruflichen und familiären Integration. Ihr Ausmaß hängt unter anderem von der Intelligenz der Betroffenen ab. Inwieweit die Intelligenzstreuung bei Messies der von Nichtmessies entspricht, muss noch untersucht werden. Es gibt hochbegabte Messies mit besonderen Fähigkeiten - aber auch mit beträchtlichen Ängsten, sozial zu scheitern.

Die Ausbreitung der sekundären Integrations- und Einordnungsprobleme hängt in besonderer Weise davon ab, in welchem Ausmaß Betroffene, in ihrer eigenen Wahrnehmung, Problemen der räumlichen und zeitlichen Desorganisation Priorität geben. Tragischerweise steht im Bewusstsein vieler Messies das Organisatorische und Illusorische stark im Vordergrund. Die fast immer vorhandenen Störungen der sozialen Bindungen können nicht gesehen werden, weil das Chaos so dominant ist.

Früher war ich voller Dynamik und immer auf Trab, aber jetzt habe ich anscheinend keine Energie mehr. Jetzt ist das Aufstehen allein schon eine Sache, die mich für den Rest des Tages fertig macht und ich könnte auf der Stelle wieder ins Bett gehen. Meine Stimmung schwankt erheblich. Manchmal bin ich fröhlich: über alle Maßen fröhlich, sodass ich grundlos lache - dann wieder sitze ich stundenlang einfach nur still da. Ich sitze verzweifelt vor dem Fernseher und versuche, mich zu konzentrieren. Manchmal versuche ich mich so stark zu konzentrieren, dass ich überhaupt nichts vom Film mitbekomme.“

„Eine unangenehme Folge meiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit ist die Tatsache, dass ich durch alles Mögliche abgelenkt werde. Ich fühle, dass ich sehr leicht meine Beherrschung verliere und darunter leidet meine Familie.“

Wir brauchen dringend mehr Fachleute, die das Krankhafte dieser Verhaltensweisen erkennen. Unter Berücksichtigung des Bindungsverhaltens kann die Störung verlässlich diagnostiziert und auch behandelt werden. Aus einer zutreffenden Diagnose könnten sich spezifische Behandlungsvoraussetzungen ergeben.

 

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Soziale und berufliche Probleme

als Folge hoch ängstlichen Verhaltens

Die grundlegenden Ängste, die hinter dem Verhalten von Messies stehen, haben gravierende Folgen für den sozialen und für den beruflichen Bereich.

·       Das Sozialverhalten von Messies ist geprägt vom „Alles oder Nichts“ - Denken („Alle wollen mir etwas      Böses anhängen“) und vom Freund-Feind-Denken.

·       Dem Sozialverhalten wohnt eine ständige innere Spannung inne. Es ist geprägt von Abwehr, Aggressions- und Feindseligkeitsbereitschaft gegenüber fehlender Akzeptanz.

·       Messies wählen häufig Berufe, die ihrer Intelligenz und ihren eigenen Erwartungen nicht entsprechen. Das hat zu tun mit ihrer Angst, zu scheitern und zu versagen, und führt seinerseits wieder zu ständiger Unzufriedenheit.

·       Sie wählen häufig Berufe und Arbeit mit wenig Fremdkontrolle.

·       Messies haben häufig Probleme mit Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, deren Fähigkeiten ohne Barmherzigkeit beurteilt und verurteilt werden.

Die Konzentrationsstörung führt in Zusammenhang mit den sozialen und beruflichen Problemen dazu, dass ihre verzweifelten Bemühungen, den Anforderungen gerecht zu werden, selten anerkannt werden und oft in großer Enttäuschung enden. Anhaltende Kritik von Partnern, Kindern, Eltern oder Kollegen führt zu zunehmend depressiven Reaktionen. Neben den frustrierenden Erlebnissen begünstigen solche Erfahrungen andererseits eine starke  Sensibilität zur Einfühlung in andere Menschen, um auf diesem Umweg die Kontrolle über die Situation nicht zu verlieren.

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Schwierigkeiten bei Routinetätigkeiten

Die Symptome von Messies stehen in Zusammenhang mit Desorganisation, Sammeln- und Horten-Müssen sowie der Unfähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Diese Symptome betreffen in erster Linie die eigene Wohnung und die eigenen Bedürfnisse. Obwohl der Betroffene ganz anders handeln will, scheint er im eigenen Umfeld blockiert zu sein, diese Handlungen umzusetzen. Wenn dagegen Verwandte oder Freunde einen Messie um Hilfe bitten, vergleichbare Tätigkeiten zu übernehmen, ist er meist sehr wohl in der Lage, zu organisieren und zu entscheiden, was aufgehoben werden soll und was weg kann - und das sogar ausgesprochen gut.

Dieses ist der entscheidende Punkt zur Unterscheidung von anderen psychischen Störungen. Die grundsätzlichen organisatorischen Fähigkeiten sind zwar vorhanden. Sie sind jedoch auf tragische Weise blockiert, wo Entscheidungen direkte Auswirkungen auf das eigene Erleben haben - da, wo wir für uns selbst zuständig sind, wo wir mit unserer Eigenverantwortung konfrontiert sind.

Messies haben Schwierigkeiten:

      die eigene Wohnung aufzuräumen; leichte Handlungen auszuführen, die normalerweise in die Gewohnheit übergehen.

      alltägliche Aufgaben und die dafür nötige Zeit realistisch einzuschätzen; ständig wiederkehrende Aufgaben zeitlich einzuschätzen.

      bei allem, was mit Entscheidungen zu tun hat: sie erleben Ängste, wenn sie sich von vermeintlich wichtigen Dingen trennen sollen.

      mit noch so viel Elan begonnene Arbeiten zu Ende zu führen oder notwendige Arbeiten zu beginnen; sie fühlen sich ratlos, das, was sie eigentlich tun möchten, nicht tun zu können.

      beim Sortieren all der Dinge, die sich in einem Messie-Haushalt befinden. Sortieren bedeutet für einen Messie, sich überfordert zu fühlen, nicht erkennen zu können, was wichtig und was unwichtig ist. Er kann die Integration von Vorgängen in sein Leben nicht abschließen. Alles bleibt offen.

      beim Erinnern: an den schönen Urlaub, an das, was man noch tun wollte. Sie haben Angst, sich in einer kritischen Situation nicht an wichtige Dinge erinnern zu können. Erst wenn es zu spät ist, kommt die Erinnerung zurück.

      mit Zerstreutheit. Sie haben Mühe, ihre Aufmerksamkeit auf die Gedanken zu konzentrieren, die mit der augenblicklichen Situation zu tun haben. Stattdessen eilen ihre Gedanken oft schon weiter voraus zu späteren Situationen. Sie leiden unter einem Zuviel an Konzentration auf andere, vermeintlich wichtigere (weil selbstwerterhaltende) Dinge.

Ich verzichte hier auf die spektakuläre Schilderung von Messie-Wohnungen. Der Grund liegt darin, dass nicht zuerst eine Auseinandersetzung mit dem sichtbaren Syndrom erfolgen sollte, auch wenn Betroffene immer wieder zu erkennen gegeben, dass das ihr eigentliches Problem darstellt. 

Desorganisation und das Sammeln und Horten stehen im einem besonderen Kontext. Diese Dinge einzeln zu erforschen enthält die Gefahr der falschen Hypothesen und Schlüsse. Ich denke, die wechselseitige Beziehung zwischen Desorganisation und Horten sollten untersucht werden. Ins Auge stechen, leider, nur allzu oft die offenkundigen Auswirkungen von Desorganisation und Horten, und nur allzu leicht gleiten Diskussionen und Informationen ins Voyeuristische oder ins Moralisieren oder auch Disziplinieren ab. Wenig deutlich wird dann, wie der Kontakt zur Realität, diesen Menschen verloren geht. Diese Menschen die furchtbare Qualen, Selbstabwertung und eine ständige Spannung erleben, die leicht an ihren Widerstand stoßen, zerbrechen daran oft oftmals. Denn wenn das Problem immer wieder nur in dem Zustand der Wohnung gesehen wird, ist es natürlich schwer einzusehen, dass z. B. innere Einstellungen zu sich selbst Ursache für dieses Syndrom sein sollen: Auf diese Weise entgehen diesen Menschen sämtliche Hilfen für die Bewältigung einer Krankheit, die ihr Leben zerstören kann.

Denn der Besitz, an den ein Messie sich krampfhaft klammert, bedeutet in Laufe der Zeit immer mehr ein Schutz gegen innere und auch gegen gefährliche äußere Mächte und das bedeutet, dass er beide Abwehrfunktionen so in sich vereinigt hat.

Am Anfang des Prozesses, der sein Zustandekommen einleitet, steht zwar auch wie bei der neurotischen Symptombildung eine reale Versagung oder Enttäuschung, nur wird der entstandene Konflikt da noch nicht verinnerlicht, sondern bleibt an der Außenwelt haften. Die Handlungen „Sammeln/Horten“ werden immer wieder als Zwang bezeichnet. Sie haben auch, von außen her gesehen, eine große Ähnlichkeit mit Zwangssymptomen (Sammelzwang), aber dieses würde auch für den Suchtbereich gelten (Sammelsucht).

Aber sie sind natürlich, wenn man sie näher betrachtet, keine Zwangshandlungen im eigentlichen Sinn, denn im Vordergrund dieser Störung steht nicht das Sammeln oder Horten, sondern das NICHTS-WEGWERFEN-KÖNNEN. Die Angst vor einem Verlust entspricht in ihrer Struktur in keiner Weise dem, was wir als charakteristisch für den Bau der neurotischen Symptome überhaupt erkannt haben. Denn diese Abwehrmethode richtet sich erst einmal direkt gegen die versagende Außenwelt. 

So ist es auch nicht verwunderlich, wenn das mühsam gehaltene Gleichgewicht zwischen Abgewehrtem und Abwehr gestört wird, denn wenn es von außen her zu einer Unterbrechung dieser Handlungen kommt, geschieht dasselbe wie bei der äußeren Unterbrechung echter Zwänge.

Die Außenwelt andererseits lässt sich in ihrem Urteil über die Normalität oder Abnormalität solcher Schutzmechanismen wie das Horten nicht von dem inneren Bau der Abwehrform, sondern nur durch den Grad ihrer Auffälligkeit bestimmen, denn nur wenn Messies horten, haben sie ein „Symptom“. Und sie gelten von da an als normal, wenn sie ihre gehorteten Dinge weggeworfen haben. Der Messie hat dann seinen Mechanismus zur Zufriedenheit der Umwelt untergebracht oder wenigstens vor ihren Blicken und Anforderungen verborgen. Das ändert allerdings nichts an seiner inneren Angstsituation, denn dadurch, dass der Abwehrversuch scheitert, wird die Angstentwicklung fortschreiten, direkt zum inneren Konflikt. Die Beziehung zur Realität wird schwer gestört und die Realitätsprüfung dann eingestellt.

Denn die Nachgiebigkeit der Außenwelt solchen Schutzmaßnahmen gegenüber entscheidet gelegentlich darüber, ob die Angstentwicklung an dieser Stelle aufgehalten und im „Symptom“ gebunden wird, oder ob die Angstentwicklung dramatisch fortschreitet, denn die daraus resultierenden Sonderbarkeiten, Eigenarten oder Auswüchse werden sich, wenn überhaupt, nur schwer wieder zurückbilden lassen. Meiner Meinung nach ist die Symptombildung eine Bewältigungsstrategie. Diese Bewältigungsstrategie zu beseitigen bedeutet den Widerstand zu manifestieren, was für die Betroffenen eine enorme Anstrengung bedeutet. Dieses scheint dann wiederum eigene kompensatorische Wege zu gehen und deswegen werden oft von mir folgende Beobachtungen gemacht:

Depression - kompensatorisch - gegen - Anstrengung; 

Zwänge (Kontroll- und Waschzwänge) - kompensatorisch - gegen - Anstrengung; 

Psychosomatische Störungen, z.B.: Magenbeschwerden, Tinnitus, Schwerhörigkeit, Sucht usw. - kompensatorisch - gegen Anstrengung – Krankheit als Möglichkeit der Anstrengung auszuweichen. 

Dieses kann so dramatisch werden, für den Betroffenen aber auch für die Angehörigen, dass ich allen erst einmal nur empfehlen kann, die Symptome so zu belassen oder nur kleine Interventionen vorzunehmen. Denn oftmals sind die Arbeitsblockaden mit unserem Verhalten gegenüber den Angehörigen eng verknüpft. Aber diese Störungen werden, wie wir gleich sehen, nicht alle bewusst empfunden. Eine adäquate Einschätzung dessen, was eine bestimmte Aufgabe mit sich bringt, finden wir nur selten. Meist werden die gegebenen Schwierigkeiten entweder unterschätzt oder überschätzt. Auch eine adäquate Bewertung der geleisteten Arbeit gibt es im allgemeinen bei diesen Betroffenen nicht. Deswegen geraten Beziehungsmuster so an den Rand des Erträglichen, dass irreparable Ereignisse die Folge sein können.  

Viel wichtiger ist es nämlich, zu erkennen, dass ein großer Teil dessen, was wir mit Routinetätigkeiten bezeichnen, auf Erfahrungswissen beruht und dass ein Messie sein Erfahrungswissen in bestimmten Situationen nicht zur Verfügung hat. Wenn man eine Hausfrau bei ihrer Tätigkeit beobachtet (ständig wiederkehrende Handlungen, die in die Gewohnheit übergehen), stellt man fest, dass sie gar nicht mehr darüber nachdenken muss - es sei denn, eine Störung taucht auf oder der Zeitplan ist schiefgelaufen. Kopf und Glieder wissen sozusagen von selbst, was zu tun ist. Das ist wie beim Autofahren, Klavierspielen oder wie beim Atmen. Erst wenn eine Störung des gewohnten Ablaufs vorliegt, greifen die Routinen nicht mehr. Es muss spontan ein neuer Handlungsablauf entwickelt werden, im Rückgriff auf frühere Erfahrungen der Problembewältigung. Man beachte, dass eine wichtige Bedingung für die Entwicklung neuer Handlungsabläufe die Erinnerung an frühere Erfahrungen ist. Wird die Erinnerung blockiert oder gehemmt, dann entsteht Unsicherheit.

Für den Umgang mit Unsicherheit gibt es verschiedene Bewältigungsstrategien. Sich in der Weise absichern zu wollen, dass man alles aufschreibt oder sich zu merken versucht, bedeutet langfristig eine Überforderung des Gedächtnisses. Sich erinnern zu können, Dinge, die man einmal gelernt hat, sich in Erinnerung zu rufen, ist ausschlaggebend für die Identitäts- und Persönlichkeitsbildung. Gerade dies ist Messies oft verwehrt. Stabile Identität und Persönlichkeit würde die Voraussetzung für Selbstvertrauen und das Vertrauen in andere Menschen schaffen. Dieses erst würde die Fähigkeit zur unverzerrten Selbstwahrnehmung ermöglichen.

Die vielfältigen Emotionen, die vielfältigen Aspekte der Persönlichkeit können nicht als Bestandteil eines umfassenden Ganzen angenommen werden. Neid und Eifersucht, Enttäuschungen und Angst, Versagen und Trennung werden aus dem Bild ausgeblendet, das der Mensch von sich selbst und der Welt hat. Die Leugnung dieser zum Leben gehörenden Tatsachen, dieser unleugbaren Realität menschlichen Seins, führt zu einer gravierenden Einschränkung der Persönlichkeit, die damit zunehmend an Weite und Flexibilität verliert.

Distanz ohne das Sich-Einlassen auf die Erfahrung führt zu einem Rückzug vor der Welt in die autistische Ordnung und in die totale Abspaltung von der Wirklichkeit der eigenen Gefühle. Das Ende besteht in starren Rationalisierungen, die einer Versteinerung gleichkommen.

Verletztheit, Ärger, Angst, Einsamkeit, Bedürftigkeit, Glück oder Wohlbefinden - all dies sind Dinge, die wahrgenommen werden wollen. Vielen Messies fehlt ein Bewusstsein für sich selbst (ihre Gefühle, ihre Gedanken, ihr Wissen). Sie sehen deshalb keine Möglichkeit, sich anderen mitzuteilen. Wer sich selbst kennt, spürt, wann er ein Bad benötigt oder wann er müde ist. Er nimmt seinen Hunger wahr und merkt, was er mag und was er nicht mag.

Ich ermutige Messies, wieder Kontakt zu ihren Gefühlen aufzunehmen und ihnen Ausdruck zu verleihen - eine Fähigkeit, die im allgemeinen unterdrückt ist. Messies können ihre inneren Bedürfnisse und das, was sie nach außen zum Ausdruck bringen, nicht gut miteinander in Einklang bringen. Doch genau diese Art der Übereinstimmung (Kongruenz) ist notwendig, wenn wir Nähe zu uns selbst herstellen wollen. Die Fähigkeit zu Nähe und Bindung zu anderen Menschen setzt Nähe zu uns selbst voraus.

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5. Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten

Mögliche Ursachen

Die Ursachen des Messie-Syndroms sind so vielfältig wie die Persönlichkeiten und Schicksale der Messies. Dennoch lassen sich in all der individuellen Vielfalt einige Konstanten ausmachen:

Oftmals ist den Betroffenen nicht bewusst, dass sie Ängste erleben. Die Handlungen können es aber deutlich machen. Der durch unbewusst ängstliche Situationen erlebte Stress scheint nach meiner Beobachtung ursächlich für das Blockieren der unbewussten Routinen zu sein.

Denkbar sind schließlich auch zusammenwirkende Effekte mehrerer Ursachen: zum Beispiel die Unfähigkeit der Abgrenzung mit gleichzeitiger Bindung an Objekte. An vorderster Stelle stehen Probleme mit der Informationsverarbeitung (mit dem Gedächtnis), mit der Konzentration und mit dem Organisieren der Dinge. Die emotionale Bindung lässt alle Objekte bedeutsam erscheinen. Die Trennung von einem Gegenstand erlebt der Messie als Verlust. Häufig signalisieren die Dinge Sicherheit, etwas zu haben und damit etwas zu sein. Die angehäuften Dinge wirken wie ein Bollwerk gegen die bedrohliche Außenwelt und die anderen.

Es gibt zahlreiche Begründungen, alle möglichen Dinge in Besitz zu nehmen und zu behalten:

        „Das kann ich bestimmt noch einmal gebrauchen (oder vielleicht ein anderer)!“

        Die Überzeugung, dass ein Gegenstand einen potentiellen Wert besitzt. So wird Müll zur Wertstoffsammlung.

        Die Wahrnehmung, dass einzelne Gegenstände von anderen nicht sachgemäß entsorgt werden und dass man sich ihrer annehmen muss.

Menschen, die sich mit Entscheidungen schwer tun (und sei es auch nur das Bestellen im Restaurant), haben eine panische Angst, etwas falsch zu machen. So ist nicht verwunderlich, dass viele Messies ausgeprägte Perfektionisten sind - die ihren eigenen Anforderungen natürlich nicht gerecht werden. Sie leben in der Vorstellung, dass eigentlich immer alles perfekt sein sollte.

Die ebenfalls für Messies typische Vermeidungshaltung hängt mit anderen Defiziten zusammen. Wer Schwierigkeiten hat, sich von Dingen zu trennen, meidet Entscheidungen und versucht, unangenehmen Gefühlen und Gedanken auszuweichen. Solange jedoch ein Messie in der Lage ist, seine Besitztümer zu ordnen und zu sortieren, ist es relativ belanglos, wie viel er hortet. Sortierenkönnen ist hilfreich, weil es eine Form des Integrierens darstellt.

Zuerst verschwinden in wichtigen Augenblicken die Erinnerungen. Dann passen wir unsere Wahrnehmung in der Wohnung dem an, wie wir uns fühlen möchten. Unser Wissen, die Gefühle und schließlich auch unsere Kommunikationsfähigkeit schränken wir ein (aus guten Grund, wie wir meinen) und das Vermögen, uns um unsere grundlegenden menschlichen Bedürfnisse zu kümmern, kann schließlich versiegen. 

 

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Voraussetzungen für Therapie-Ansätze

In der Fachwelt ist die Diagnose „Messie-Syndrom“ bisher unbekannt. Es fehlt ausreichendes Wissen, das eine angemessene Diagnose ermöglichen würde. Entsprechend fehlen hinreichende Erfahrungen in der Behandlung dieser Störung.

Es ist mein Anliegen, mit dieser Studie zu einer differenzierten Sichtweise beizutragen. Aus den hier angeführten Erfahrungen lassen sich die folgenden Voraussetzungen für eine erfolgversprechende Behandlung ableiten:

·       Therapeutisches Bindungsangebot,      
das die Elemente früher Mutter-Kind-Interaktionen beinhaltet.

·       Abgrenzung und Trennung, Autonomie und Selbstverantwortung   
Langfristig angestrebte größere Eigenständigkeit, Überwindung von Ängsten vor aktiven und passiven Trennungen sowie die Sicherung ausreichend guter Bindungen.

·       Ausführliche Information über die Hintergründe ihres Verhaltens  
Die meisten Messies verstehen nicht, was mit ihnen geschieht und an welchen konkreten Punkten sie vom allgemein üblichen Verhalten abweichen - zum Beispiel, wenn sie alle möglichen Elektrosachen sammeln und horten, auch wenn sie schon lange nicht mehr der technischen Norm entsprechen (Kabel ohne Erdung, Anschlusskabel mit längst veralteten Steckern).

·       Vermittlung zuverlässigen Wissens über eigene organisatorische Fähigkeiten       
Messies haben von sich die Annahme, nichts zu können, was eine normale Haushaltsführung oder auch nur das Ablegen und Wiederfinden von Dokumenten und Papieren ermöglichen würde. Erst auf Nachfrage, ob sie noch nie Freunden, Kindern oder Eltern bei solchen Tätigkeiten geholfen haben, erinnern sie sich daran, dass sie das sehr wohl konnten und es sogar als leicht und angenehm empfunden haben. Es gibt natürlich immer auch „entschuldigende“ Erklärungen dafür, dass sie es dort geschafft haben und dass das eigentlich eine Ausnahme war. Aber es ist wichtig, sie immer wieder an diese Situationen zu erinnern.

·       Bejahung der hilfreichen Funktion von Abwehr        
Grundlage für eine Haltung unablässiger und vielseitiger Förderung und Bestätigung von Abgrenzung und Autonomie nach innen und außen ist die Berücksichtigung der unbewussten Folgen verletzender Eingriffe in die frühkindliche Autonomieentwicklung. Über eine lange Zeit stellten die Abwehrmechanismen einen notwendigen und hilfreichen Schutz vor weiterer Verletzung dar.

·      Verlässlichkeit und Berechenbarkeit des Behandlungsrahmens

Damit kommen wir zu der Kunst der Therapie: Die Bedingungen zu schaffen, in der ein Patient sein Bindungsbedürfnis und -gefühl entwickeln kann. Um ein Gleichgewicht zu erreichen, auch nicht schneller vorzugehen, als der Patient es ertragen kann, dazu wird alle Intuition und Vorstellungskraft und das ganze Einfühlungsvermögen eines Therapeuten benötigt. Denn es sind zwei verschiedene Dinge, ob der Therapeut sein Bestes tut, eine vertrauenswürdige, hilfreiche und beständige Bindungsfigur zu sein, und ob der Patient ihn als solche wahrnimmt und ihm vertraut.

Je ungünstiger die Erfahrungen mit anderen wichtigen Menschen waren, desto weniger leicht ist es für ihn, nun dem Therapeuten zu vertrauen, und desto leichter könnte falsch wahrgenommen, missverstanden, missgedeutet und missinterpretiert werden, was der Therapeut tut und sagt. Je weniger er darüber hinaus dem Therapeuten vertrauen kann, desto weniger wird er ihm erzählen und desto schwieriger wird es für beide Parteien sein, die schmerzhaften oder furchteinflößenden oder rätselhaften Ereignisse zu erforschen, die in den früheren Jahren des Patienten aufgetreten seien mögen.

Ein Symptom der Störung ist die Selbsttäuschung. Ein Betroffener gibt nicht zu, dass er sich nicht mehr selbst helfen kann. Jeder Patient ist also in ein mehr oder weniger geschlossenes System eingesperrt, und nur langsam, oft in winzig kleinen Schritten, ist es möglich, ihn daraus zu befreien. Es geht also darum, das sich ein Patient zu einer emotional stabilen Person entwickelt und diese emotionale Stabilität das ganze Leben hindurch funktionsfähig bleibt.

Ich finde es nach wie vor merkwürdig, dass dieselben Wissenschaftler und Therapeuten, die zugeben, dass sie nicht wissen, welche Ursachen diese Störung hat und die keine Therapie für diese Menschen haben (z. B. eine, die hilft), andererseits starrköpfig behaupten, dass das, was sie wissen, richtig ist! Ich kann nur an alle Fachleute (auch die, die sich dafür halten) mit Blick auf die vielen Betroffenen appellieren, sich mit Hypothesen, Deutungsversuchen und Methoden zurückzuhalten. Denn viele dieser Versuche führen bei den Betroffenen überwiegend zur Frustration, zum Erleben von Hoffnungslosigkeit und zum Stress. Denn nachhaltige Veränderungen werden so in den seltensten Fällen erreicht.

 

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6.  Was können wir in eigener Selbst-Hilfe verändern

     um das Chaos besser zu bewältigen?        

„Wir sind losgelöste Einzelwesen, eingeengt von dem Verbotenen und dem Unmöglichen, und wir gestalten unsere hochgradig unvollkommenen Beziehungen. Wir leben, indem wir verlieren und verlassen und uns loslösen. Und früher oder später und unter mehr oder weniger starken Schmerzen müssen wir alle erfahren, dass Verlust tatsächlich ‚ein lebenslanger Zustand des Menschen‘ ist.“

Judith Viorst (Mut zur Trennung)

 

Lernen, uns wieder berühren zu lassen

Ich möchte noch einmal betonen, dass der Grad unserer inneren Stabilität davon abhängt, wie sehr wir uns unserer Konflikte und Komplexe bewusst sind. Eine relative Stabilität verlangt immer eine relative Bewusstheit. Die unbewussten Konflikte unseres Erwachsenenlebens wurzeln in frühkindlichen Anpassungsmustern. Damals, als wir uns als Kinder bestimmte Verhaltensmuster aneigneten, waren diese Muster notwendig und angebracht. Doch in gleichem Maße, in dem sich unsere Lebensumstände verändern, entwachsen wir unseren alten Verhaltensmustern. Bei Erwachsenen ist die innere Stabilität vom Grad des Bewusstseins abhängig.

Den mittlerweile fast jährlich erschienenen Büchern für Messies, die sich ausgiebig mit dem außen sichtbaren Chaos auseinandergesetzt haben, fehlen so grundlegende Informationen und bestimmte Perspektiven über die Wichtigkeit und Bedeutung des Symptoms. 

Wenn Betroffene diese Verdrehung erkennen, erwacht der Protest und die Empörung und es kann sich das Richtige herauslösen und das Gültige offenbaren, was die Erinnerung an Gewesenes und Genommenes wecken kann. Denn die Erfahrung und Erinnerung sind gleichermaßen nach Auskunft zu befragen, die dann den Beitrag liefert zu gültigen Schlussfolgerungen. Im Fundus der Erinnerung, ob aufbewahrt im Gedächtnis des Unbewussten oder sichtbar im Handeln, bekennt und erkennt der Betroffene sich selbst. Das Sich-Selbst-Erkennen wird notwendigerweise im wesentlichen der Identität hinzugefügt und gerade daraus ergibt sich der Lernprozess zu jenem Charakter der reifen Persönlichkeit eines Menschen.

Messies machen nicht mehr mit. Sie haben mittlerweile andere, nämlich ihre eigenen Erfahrungen gewonnen. Die zunächst wichtigste Erfahrung liegt im Miteinander von Betroffenen: „...dass man da wirklich als ganze Person akzeptiert wird - auch wenn ich nicht nett bin, mich widersprüchlich verhalte oder es mir schlecht geht.” Diese Antwort wird als richtig ausgewiesen: offen zu sein und nicht abgeschlossen. Wo in der Offenheit das Leben als Herausforderung bleibt, muss das Unzuhause im Hier doch überwunden werden. Die Beziehung mit den anderen Betroffenen in der Gruppe hat andere, neue Qualitäten. Wer sich verschließt, wird nie begreifen. Wo nichts begriffen wird, ist Liebe nicht.

Ein Mensch, der Ordnung aus dem Chaos auftauchen lassen kann, ist offen dafür, sich sowohl von der Innen- als auch von der Außenwelt berühren zu lassen. Er ist fähig, seine momentane Lage kritisch zu überprüfen und - unter Zuhilfenahme des Bewusstseins - seine eigene Fähigkeit und Bereitschaft zur Anpassung zu beurteilen. Die Auseinandersetzung mit dem Chaos führt zu einem einzigartigen Kommunikationsprozess: zur Wiederherstellung der Kommunikation als Mittel zur Wandlung.

Ich glaube jetzt, dass es eine einfachere und grundsätzliche Lösung gibt, und ich war erstaunt, dass ich in keinem dieser Bücher für Messies darüber etwas gelesen hatte. Da das Interesse dieser Bücher in erster Linie darauf abzielt, finanzielle Gewinne zu tätigen unter der Prämisse „Messies hilfreich zu sein“, werden diesen Menschen Methoden übergestülpt, die nichts mit ihrem Erleben zu tun haben.

Mir selbst ist in einer 12-Schritte-Gruppe der AM klar geworden, dass ich auf den falschen Weg bin, wenn ich das weitermache, was ich schon alleine versucht habe, nur noch gesteigert durch mehr Frust, Angst und Stress in der Selbsthilfegruppe, nämlich meinen Haushalt zu sortieren und bewältigen zu können. Ich fühlte, dass es wichtig ist, die symptombedingte Isolation zu durchbrechen und sich neue soziale Kontakte mit neuen kommunikativen Möglichkeiten zu erschließen.

Für mich war es erst einmal wichtig, unterscheiden zu können, welche Einstellungen und Verhaltensweisen konträr zu alten Einstellungen und Verhaltensweisen waren. Es war sicherlich wenig sinnvoll, das, was ich 26 Jahre versucht hatte, in der AM-Gruppe weiterzuverfolgen, und doch hatte diese Gruppe den positiven Effekt, mit den ureigensten Problemen nicht alleine zu sein. Damit hörte es dann auch schon auf und eine Persönlichkeitsentwicklung erreichte ich erst durch eine Therapie.

Der Erfolg in Therapien oder auch in Gruppenarbeit wird erreicht, wenn Therapeuten oder die Selbsthilfegruppen in der Lage sind, die Symptomebene außer Acht zu lassen, um sich den verursachenden Prozessen zuzuwenden. Die einseitige Fixierung auf das Symptom schafft mehr Stress und führt so zur Verstärkung psychischer Störungen oder zu psychosomatischen Störungen.

Die Prozesse, die uns Menschen erlauben, sich in unsere soziale Umwelt zu integrieren und durch die wechselseitige Einwirkung an Persönlichkeitsreife zu gewinnen, können nach meiner Meinung in den Selbsthilfegruppen sehr gut geübt werden:

1.                  Dort kann das Verhalten anderer beobachtet werden, dort werden starre Ideen und Einstellungen sichtbar und es können Rückschlüsse auf eigene starre Muster bewusst gemacht werden.

2.                  In der Gruppe können Ereignisse und Erfahrungen im Gedächtnis festgehalten werden. Es kann darüber nachgedacht und bei neuen Ereignissen kann mit mehr Wissen angepasster auf Konflikte reagiert werden.

3.                  Dort können schließlich durch selbstentwickelte Anreize und konsequentes Verhalten die alten Verhaltensweisen modifiziert werden.

Soziales Lernen beruht nicht auf einseitiger, sondern auf gegenseitige Resonanz. Im Anhang dieses Heftes befinden sich Punkte, die hilfreich bei einer Ortsbestimmung der eigenen Persönlichkeit sein können. Eine reife Persönlichkeit erlebt wenig Selbstunsicherheit, wenig starre Denkmuster, ein gesteigertes konsequentes Verhalten, mehr Selbstakzeptanz bei vermeintlichen Defiziten und die Fähigkeit, sich auf veränderte Situationen stressfrei einstellen zu können.

 

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7. Der entscheidende Augenblick         
Die Krise als Schlüssel zum Neuanfang

Veränderung setzt Sensibilität und Flexibilität voraus

Mir scheint die Suche nach einem anderen Programm wichtig zu sein, das besser auf den betreffenden Menschen und seine Bedürfnisse abgestimmt ist und das eine hohe Toleranz beinhaltet. Oft fehlt es uns jedoch an dieser notwendigen Offenheit. Immer wieder haben wir feststellen können, dass Menschen dazu neigen, vor dieser Erfahrung den Rückzug in eine Welt der starren Ordnung anzutreten, und dass der emotionale Rückzug und die Distanzierung Hand in Hand gehen mit dem Festhalten an einem begrenzten Selbstbild. Der Mensch ist nicht mehr fähig, das, was in ihm und um ihn herum vor sich geht, zu spüren. Da er seine Bedürfnisse nicht wahrzunehmen vermag, kann er sie auch nicht befriedigend erfüllen. Das ist ein scheinbar unentrinnbarer Teufelskreis!

Es gibt Menschen, die, wenn sie mit dem Chaos konfrontiert werden, nicht mehr fähig sind, Wege zu einer ihnen gemäßen Ordnung zu suchen. Sie haben vielmehr das Bedürfnis, das Sicherheitsgefühl wiederherzustellen, das ihnen eine restriktive Ordnung vermittelt. Doch häufig leiden sie an einer tiefsitzenden Angst vor Ordnung und neigen dazu, sich auf die „feindlichen“ Ordnungskräfte zu konzentrieren. Andererseits wiederum leugnen sie ihr persönliches Bedürfnis nach Ordnung. Dieses Gefühlschaos führt zu einer unklaren Selbstwahrnehmung, die für Messies charakteristisch ist.

Eine genaue Betrachtung der Anfänge begünstigt die Entwicklung der Sensibilität. Man beginnt, verschiedene Gefühle und Zustandsweisen wahrzunehmen. Wir akzeptieren und untersuchen die chaotische Situation und bemühen uns, die ihr zugrundeliegenden Muster zu klären. 

 

Trennungsangst als Ursache für die verschüttete (Selbst-)Wahr-nehmung

Zu Anfang wollen wir alle unsere Schätze ganz für uns haben, darunter auch unseren kostbarsten Schatz - die Liebe unserer Mutter. Und wir wollen auch nicht, dass die Köstlichkeiten, die uns allein gehören, einem anderen gegeben oder von ihm genommen werden. Nicht viele von uns erinnern sich mit Klarheit an solche frühkindlichen Gefühle, an das Besitzstreben und die Habgier, die unseren Hass angefeuert haben, wenn wir diese Liebe mit rivalisierenden Ansprüchen teilen mussten. Bei der sich allmählich entwickelnden kindlichen Persönlichkeit entsteht dadurch, dass wir das Unmögliche ersehnen und verlangen, nach einer Liebe, die uns ganz allein gehört, eine Frustration, der im Laufe der Zeit ein Kontrollverlust der Angst- und Schuldgefühle nachfolgen und die über das normal Übliche hinausgeht und ein Anzeichen von psychischer Störung ist. Kinder sind besonders anfällig für die Entwicklung von Schuldgefühlen. Dies kann schon sehr früh beginnen, wenn ein Kind nicht erwünscht war. Es spürt die offene oder unterschwellige Ablehnung und wird lebenslänglich glauben, sich für sein Dasein rechtfertigen zu müssen. Diese Orientierungslosigkeit ist im Erwachsenenleben fast unerträglich und so suchen sie immer etwas, was ihnen Orientierung bietet. 

Der Wunsch, einzig und allein geliebt zu werden, könnte durchaus tief eingefleischt und angeboren sein. Die fehlende befriedigende Beziehung zwischen Mutter und Kind und das Sich-Nicht-Geborgen-Fühlen des Kindes kann unter Umständen dazu führen, dass jegliche Kontaktfähigkeit verkümmert. Wütend und gequält und mehr oder weniger erfolgreich lernen wir es, diesen Wunsch aufzugeben - ihn loslassen. Wir alle haben nämlich in den ersten Monaten unseres Lebens die Illusion erfahren, unsere Mutter ganz und gar zu besitzen. Diese Symbiose war ein alles andere ausschließendes „Mama-und-ich“. Die Erkenntnis, dass andere gleiche oder sogar vorrangige Ansprüche an ihre Liebe stellen, macht uns mit der Eifersucht bekannt. Das Unbehagen, das die Eifersucht oder der Hass uns einflößt, kann uns dazu bringen, ihn vor uns selbst und vor andern zu leugnen. Denn die Gefahr, die Liebe unserer Mutter oder unseres Vaters zu verlieren - und später dann die Liebe unserer Geliebten - versetzt uns in Schrecken und flößt uns Furcht ein. Wenn wir daher den Hass spüren, müssen wir ihn gleichzeitig unterdrücken, damit er nicht zum Verlust der Liebe führen kann. Mit Hilfe eines oder mehrerer - meist unbewusster - Abwehrmechanismen können wir die Angst in Schach halten, indem wir unsere gefährlichen und jetzt unerwünschten Impulse durch Gegenmaßnahmen, Widerstand, Umwandlung oder Verdrängung loswerden.

Diese Schutzmaßnahmen beschränken sich nicht auf frühe Verlustängste, sondern sie dienen uns unser Leben lang und zwar immer dann, wenn ein gefürchteter oder ein tatsächlicher Verlust unsere Angst erwachen lässt. Sie dienen uns in Situationen, die wir unbewusst als emotional gefährlich ansehen und so wird in Laufe der Zeit dieser Mechanismus zu einem entscheidenden Teil unseres Charakters.

Wenn man das Verlassenwerden oder den Verlust auf Situationen erweitert, sodass wir den Verlust von Liebe einschließen, entsteht dadurch eine noch komplexere Situation. Wir sollten uns nicht scheuen, von Mangel an Liebe als Ursache aller Verlassenheitssymptome zu sprechen. Wie ist das Erleben der Kinder, die äußerlich nie verlassen, sogar oft gehalten und getragen, und doch nicht wirklich geliebt wurden?

Oft ist hier nur im Atmosphärischen der Mangel an Liebe spürbar. Dieses wird aber von Kindern intensiv empfunden, was zur Irritierung des Kindes führen kann, da die Reaktionen und Verhaltensabfolgen, die bei Verlust normalerweise üblich sind, in dieser Situation auf die Reaktion der Mutter treffen. So kann Wut und destruktives Verhalten nicht ausgelebt werden, das zornige Bemühen, Zuneigung zu bekommen, schwankt zu einer Verzweiflung, die sich in gedämpfter Trauer - oder überhaupt nicht - äußert.

Die Vorstellung von Messies zur sozialen Interaktion des Menschen, die auf der Befriedigung physiologischer Bedürfnisse basiert, sieht wahrscheinlich anders aus, und das hat Einfluss auf Verhaltensprozesse, deren Änderung als unerlässlich erscheint. Es ist offenkundig, dass die Bedeutung der ersten menschlichen Beziehungen, die Unvermeidbarkeit innerpsychischer Konflikte, Formen der Abwehr gegen Ängste und Methoden der Konflikt- und Angst-Regulierung durch diese Menschen in verschiedene soziale Reaktionen somit in ein komplexeres Ganzes integriert werden, in denen sie mit unvereinbaren eigenen Reaktionen wie Feindseligkeit oder Fluchtverhalten konfrontiert werden.

Das Erleben einer Trennungsangst kann als Schlüsselproblem betrachtet werden, wenn eine erkannte, erinnerte, erwartete Situation der Hilflosigkeit erscheint, die sich dann damit als größte Gefahrensituation darstellt. Denn die Erfahrung der Hilflosigkeit kann zu einem frühreifen Gefühl der Verantwortung für andere oder zum Hervorrufen von Schuldgefühlen führen, sodass diese Menschen dazu neigen, übergewissenhaft zu werden, unter Gefühlen zu leiden und Angstbindungen zu entwickeln. Ist das Nicht-Erkennen, Nicht-Erinnern-Können oder -Wollen eine Abwehrfunktion dieser Angst? Eine solche Person hat wahrscheinlich auch ein starkes unbewusstes Verlangen nach Liebe, Akzeptanz und Unterstützung. Vielleicht kommt in dem chaotischem Verhalten dieser Menschen eine anomalen Form des Fürsorge auslösenden Verhaltens zum Ausdruck? Für diese noch offenen Fragen fehlen mir bis jetzt noch plausible Antworten, bezogen auf das Erleben von Messies.

Die Reaktionen, wann immer eine Person sich mit einer größeren Veränderung in ihrer Lebenssituation auseinander zusetzen hat, sind ein Gradmesser für das Selbstvertrauen. Da sich bei geringem oder fehlendem Selbstvertrauen das Bindungsverhalten anderen gegenüber zumeist als Angstbindung entwickelt, kommt dem Erlernen des Vertrauens in die eigene Person große Bedeutung zu. Ein sicheres Bindungsverhalten bedeutet auch emotionale Stabilität und mit einem sicheren Bindungsverhalten ist es erst möglich, die emotionale Stabilität das ganze Leben hindurch funktionsfähig zu erhalten.

Unsicheres Bindungsverhalten verursacht emotionale Instabilität. Ein solcher Mensch bietet ein Bild von emotionaler Selbstgenügsamkeit und selbstbewusster Unabhängigkeit. Unter keinen Umständen wird er sich jemandem gegenüber verpflichten, und sofern er überhaupt Beziehungen eingeht, wird er dafür Sorge tragen, dass sie ihm nicht außer Kontrolle geraten. Die distanzierte Beziehung zu anderen und die Art und Weise, wie man Menschen von sich fernhält, ist eine offensichtliche Vermeidungsstrategie, die das erneute Erleben verhindern soll, verletzt, zurückgewiesen und feindselig behandelt zu werden.

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Die Katastrophe als erster Schritt zur Heilung

Die Suche des Menschen nach einer organischen Beständigkeit ist ein fortwährender und niemals abgeschlossener Prozess. In seinem Verlauf versucht der Mensch, sich der verschiedenen Standpunkte, die in ihm vorhanden sind, bewusst zu werden. Genauso verhält es sich mit unserer vielschichtigen Betrachtungsweise, bei der verschiedene und oft höchst widersprüchliche Bilder zu einem größeren Ganzen verschmelzen: Sie stimmt nicht überein mit dem Bild, das wir von uns selbst haben. So fällt es uns schwer, die verschiedenen Aspekte zu integrieren.

Oft werden wir erst dann, wenn das Chaos ausgebrochen ist, zur Einsicht gezwungen, dass wir uns in einer Sackgasse befinden.

Alte, übernommene Standpunkte erweisen sich für unsere gegenwärtigen Lebensumstände als unzureichend. Wir müssen die natürliche Flexibilität und Dynamik unserer Persönlichkeit zurückgewinnen. So betrachtet, können wir das Chaos als jenen Augenblick begreifen, wo die verschiedenen Standpunkte, die wir lange unterdrückt haben oder die uns nie bewusst geworden sind, sich manifestieren und nicht mehr zu übersehen sind. Wir können Ereignisse aneinander reihen und ihre Entwicklung erkennen. Sie streben eine neue und angemessenere Ordnung an, die den veränderten gegenwärtigen Bedürfnissen entspricht.

Wir leben keineswegs in einer heilen Welt, beschränkt in dem umgrenzten Bereich und darauf bedacht, zu bewahren und sich des Wenigen durch ängstliche Abwehr zu versichern. Deshalb haben wir aufgehört zu denken und zu leben. Sicherheit, Geborgenheit, Anerkennung, das alles ist zusammengesackt und die eigene Behausung ist eingestürzt. Durch die Latten pfeift der Wind einer unbekannten Leere, ...Raum ohne Spielregeln, ...Versuch freizukommen. Doch Abwehr macht jegliche Einsicht zunichte. Die Gefahr wird im Verlust erlebt und bedrohlich erscheint uns das Gefühl, dass uns unkontrollierbare Sehnsüchte schmerzen, und weil wir erleben: „dass ich mich auf nichts und niemanden außerhalb von mir verlassen kann.“ „Das tiefe Bedürfnis nach einer neuen Kommunikation muss sich erst einen mühsamen Weg durch das Gestrüpp der unbewusst verankerten Ängsten und Abwehrformen bahnen.“ 

Denn wenn wir uns auf diesen Kommunikationsprozess einlassen können, wird eine Wandlung möglich: andere Standpunkte bewusst zu reflektieren und die Bemühungen um angemessene und befriedigende Handlungs- und Reaktionsmuster im Hier und Jetzt zu berücksichtigen. Auf diese Weise wird unser Erleben dynamisch und trägt dazu bei, dass wir uns neuen Lebensumständen anpassen. Mit genügend innerem Abstand sind wir fähig, Ereignisse zu prüfen und ihre logischen Zusammenhänge zu erkennen, also Abstand zu gewinnen, um im Chaos die Ordnung zu erkennen und das Chaos ordnen zu können. 

 

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Zum Schluss möchte ich noch einmal anhand einer kurzen Geschichte deutlich machen, welche Fragen sich jeder Messie stellen sollte, wenn ihn seine Probleme zu überrollen drohen:

Ein Offizier der amerikanischen Armee interessierte sich vor vielen Jahren für ein Phänomen beim Salutfeuer mit einem alten Geschütz. Klar, ein so mächtiges Geschütz muss von einer Mannschaft bedient werden. Merkwürdig fand er nur, dass sich bei diesem streng reglementierten Verfahren zwei Mannschaftsmitglieder immer in einer ganz bestimmten Entfernung weit hinter dem Geschütz aufstellen mussten, ohne ersichtlichen Grund. Was sollten diese Männer da?

Der Offizier forschte in den Archiven. Er erkundete den Ursprung dieses reglementierten Verfahrens mit der paradoxen Anordnung des Standortes dieser beiden Männer, die an dieser Stelle nichts taten und deren Anwesenheit dort vollkommen nutzlos erschien. Er konnte dieses Ritual über viele Jahrzehnte zurückverfolgen und fand schließlich des Rätsels Lösung: Diese beiden Männer sollten die Pferde halten.

Der wissensdurstige Offizier, der Erkundungen nach dem „WARUM“ anstellte, kann uns als Vorbild dienen. Wenn wir Erkundigungen darüber anstellen, was mit uns los ist, dann können wir unser Verhalten besser steuern. Wir wollen nicht in die Lage geraten, die „PFERDE HALTEN“ zu müssen, die aus vergangenen seelischen Verletzungen oder gegenwärtigen Belastungen resultieren. Mit etwas Geschick und einer gehörigen Portion Stehvermögen kann es uns gelingen, die Pferde laufen zu lassen.

Wir sind dazu fähig, die Pferde nicht mehr festhalten zu müssen, vor allen Dingen dann, wenn in der heutigen Zeit überhaupt keine Pferde mehr notwendig sind!


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Anhang:

Erwachsenwerden als Ziel

(Dieser und der folgende Abschnitt sind entnommen aus: Ursula Nuber "Die schwierige Kunst, ein Erwachsener zu sein", Psychologie Heute, April 2001)

Das postmoderne, unsichere Leben lässt sich als Erwachsener leichter meistern, die neuen Herausforderungen der Lebenszyklen besser bewältigen.

Im Erwachsensein liegt die Lösung vieler Probleme.

Der Philosoph und Sozialwissenschaftler Frederic M. Hudson hat eine umfangreiche Liste von Eigenschaften vorgelegt. Danach ist eine Person erwachsen, wenn sie

·       über ein hohes Maß an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein verfügt

·       anderen interessiert und objektiv zuhören kann

·       ihren Gefühlen angemessen Ausdruck verleiht

·       fähig ist, Dankbarkeit und Anerkennung auszudrücken

·       zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden kann

·       weiß, dass sie Autorität besitzt; sie stellt ihr Licht nicht unter den Scheffel, ist

·       Kritik ertragen und Kritik üben kann

·       immer wieder über den Sinn ihres Lebens nachdenkt

·       sich bemüht, angemessene Lösungen für Probleme zu finden, und diese Aufgabe nicht an andere delegiert

·       kooperativ und teamfähig ist

·       auf haltgebende Rituale in ihrem Leben achtet

·       zukunftsorientiert ist

·       die „Feste feiert, wie sie fallen“ und dafür sorgt, dass Freude in ihrem Leben nicht zu kurz kommt

·       sich auf intime Bindungen einlässt, womit Liebesbeziehungen ebenso gemeint sind wie Freundschaften

·       in der Lage ist, „nein“ zu sagen

·       kompromissbereit ist, aber nicht konformistisch

·       auf Veränderungen vorbereitet ist

·       den Status quo immer wieder in Frage stellt

·       keine Angst hat, Fehler zu machen, und Fehler auch bei anderen toleriert 

·       immer auf der Suche nach neuen Ressourcen und Informationen ist, die sie bei der Bewältigung der Lebenszyklen unterstützen können.

 

Sieben Aufgaben zur Selbst-Hilfe

Dass all diese Eigenschaften nicht schlagartig bis zu einem gewissen Alter erworben werden können, ist jedem klar. Doch wir können dem Ziel „Erwachsensein“ näher kommen, wenn wir in den aufeinanderfolgenden Zyklen unseres Lebensweges beharrlich an folgenden sieben Aufgaben arbeiten:

 

1. Lerne Geduld

Weil das zyklische Modell des Lebenslaufes immer wieder neue Herausforderungen für uns bereithält, brauchen wir viel Geduld, um Lebensübergänge zu meistern. „Lebensübergänge bedeuten, dass sich Rollen ändern, unsere Identität sich auflöst und wir ganz neue Dimensionen unseres Selbst entdecken“, erklärt Frederic M. Hudson. „Entgegen den Hoffnungen der meisten Menschen sind Lebensübergänge keine kurze Periode. Die Entwicklung von dem Mensch, der man ist, zu dem, der man sein wird, braucht Zeit. Es ist ein emotionaler und reflektierender Prozess, der viele Monate oder gar Jahre in Anspruch nimmt.“

Die „neuen Erwachsenen“ scheinen dies intuitiv zu wissen. Sie lassen sich Zeit: Wenn die Jugendphase vorüber ist, ziehen sie sich nicht sofort den Erwachsenen-Schuh an, sondern gönnen sich ein ziemlich ausgedehntes Moratorium.

 

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2. Lerne Autonomie

Autonomie bedeutet nicht „die Freiheit, sich und anderen ständig Beweise der Stärke und Überlegenheit liefern zu müssen“, erklärt der Psychoanalytiker Arno Gruen. Für ihn ist ein Mensch autonom, wenn er „in voller Übereinstimmung mit seinen eigenen Gefühlen und Bedürfnissen ist“. Wer erwachsen ist, kann akzeptieren, dass er ein eigenständiges, von anderen unabhängiges Wesen ist und dass andere wiederum unabhängig von ihm existieren.

Das Gefühl „Ich bin hier, und du bist dort“ halten die amerikanischen Autoren Fran und Louis Cox für das „wichtigste Prinzip des Erwachsenseins“. Ein Mensch ist ihrer Ansicht nach so lange nicht erwachsen, wie er nicht seine innere Unabhängigkeit von anderen entwickelt hat. Die Erkenntnis, dass man ein eigenständiges Ich besitzt, gibt einem Sicherheit. Erwachsene müssen sich nicht ständig mit anderen vergleichen. Sie müssen sich ihren Wert auch nicht dadurch beweisen, dass sie anderen zu Gefallen sind. Ein Erwachsener fühlt sich sicher und wertvoll, während ein Nichterwachsener eine grundlegende Unsicherheit niemals richtig los wird. Er ist von der Meinung anderer abhängig, lässt es zu, dass ihn deren Urteile und Handlungen in seinem Selbstwertgefühl beeinflussen.

Menschen, die ein starkes Gefühl für ihr eigenes Selbst haben, die ihren eigenen Wert kennen, bleiben auch in Situationen, in denen sie sich von anderen angegriffen oder herabgesetzt fühlen, gelassen. Die Gelassenheit ist ein Ausdruck innerer Reife, niemand kann ihre Integrität verletzen. An einem Beispiel aus seinem Alltag schildert das Autorenpaar Cox, wie geschützt ein autonomer Mensch selbst in Ausnahmesituationen ist: Fran Cox erhielt einen anonymen Anruf. Der Mann am anderen Ende der Leitung drohte ihr: „Ich weiß, wo du wohnst, und ich werde dich töten“. Ohne groß nachzudenken, antwortete Fran Cox gelassen: „Tut mir leid, sie müssen sich verwählt haben“.

 

3. Lerne, das Älterwerden zu akzeptieren

Wirklich erwachsene Menschen klammern sich nicht an Jugendlichkeit. „Es gibt Erwachsene, die werden zu lächerlichen Jugendkarikaturen und merken es selber nicht“, sagt die Züricher Psychologin und Buchautorin Eva Zeltner. „Der ewigen Jugend hinterher zu hecheln ist nicht gerade erwachsenes Verhalten. Wir sollten uns weniger darüber freuen, dass wir uns gut gehalten haben, sondern mehr Achtung vor unserer Reife und Lebenserfahrung entwickeln.“

 

4. Lerne, Verantwortung zu übernehmen

Erwachsene stilisieren sich nicht als Opfer. Sie machen beispielsweise nicht ihre Eltern dafür verantwortlich, wenn in ihrem Leben etwas nicht nach ihren Vorstellungen verläuft, sondern sehen die primäre Verantwortung für das eigene Leben bei sich selbst. Sie bemühen sich, ihre Eltern zu verstehen und es ihnen nachzusehen, dass sie keine perfekten Eltern sein konnten.

 

5. Lerne, für die Generationen nach dir zu sorgen

Der Lebenslaufforscher Erik H. Erikson hielt „Generativität“ für ein bedeutsames Element des Erwachsenenlebens: Sie „ist in erster Linie das Interesse an der nächsten Generation, wenn es auch Menschen gibt, die wegen unglücklicher Umstände oder aufgrund besonderer Gaben diesen Trieb nicht auf ein Kind, sondern auf eine andere schöpferische Leistung richten, die ihren Teil an elterlicher Verantwortung absorbieren kann“. Der Psychologe John Kotre unterscheidet daher zwischen biologischer Generativität, (eigene Kinder großziehen), elterlicher Generativität (sich um fremde Kinder kümmern), technischer Generativität (Fertigkeiten und Wissen an die nächste Generation vermitteln) und kultureller Generativität (kulturelle Werte weitergeben).

 

6. Lerne, deine Geschlechtsrolle infrage zu stellen

Die Geschlechtsrollen, die noch unsere Väter und Mütter vorlebten, sind für uns nicht mehr tauglich. Es ist schon lange nicht mehr nur dem Mann vorbehalten, hinaus ins feindliche Leben zu marschieren, und Frauen beschränken sich nicht mehr auf die Rolle der treu sorgenden Ehefrau und Mutter. Wohl in keinem anderen Lebensbereich sind Erwachsene heute so aufs Experimentieren angewiesen wie in diesem. Was heißt heute „männlich“?  Was ist „weiblich“? Frank Pittman rät verunsicherten Männern, denen der eigene Vater in der Regel kein Vorbild sein kann, genau das zu tun, was dieser empört als „Frauensache“ von sich gewiesen hätte: zärtlich sein, weinen, einen romantischen Film anschauen, Wäsche waschen, das Kind wickeln und beispielsweise Frauenliteratur lesen. „So befreien Sie sich von alten Geschlechtsklischees. Und keine Angst: Sie büßen dabei keinen Tropfen Testosteron und auch kein Y-Chromosom ein“, versichert der Psychotherapeut.

Frauen empfiehlt er, das eigene Geschlecht vorbehaltlos zu akzeptieren und Männer weniger ernst zu nehmen. Frauen sollten etwas in ihrem Leben finden, das ihnen ein Gefühl von Einfluss und Stärke verleiht. Niemals sollte sich eine erwachsene Frau über die Beziehung zu einem Mann definieren: „Sie dürfen sich lieben und unterstützen lassen von einem Mann. Aber niemals dürfen sie sich von einem Mann definieren lassen.“

 

7. Lerne, aus der Unsicherheit eine Tugend zu machen

Menschen sollten nach Ansicht des Dichters John Keats fähig sein, „in der Ungewissheit, dem Geheimnis, dem Zweifel zu verharren, ohne ungeduldig nach Tatsachen oder Begründungen zu streben“. Diese Haltung sollten sich Erwachsene, die „neue“ Erwachsene sein wollen, zu eigen machen. Wer Ambivalenzen, widersprüchliche Gefühle ertragen kann, wer nicht auf „Nummer Sicher“ gehen muss, wer aus der Orientierungslosigkeit eine Tugend macht, der ist bestens gerüstet für den langen, gewundenen Weg zum reifen Erwachsenen.

Wenn wir in diesem Sinne erwachsen werden, ohne uns von den „alten“ Erwachsenen den Schneid abkaufen zu lassen, dann haben wir auch die Freiheit, uns hin und wieder eine Auszeit vom Erwachsensein zu genehmigen. Rückfälle in kindliche Hilflosigkeit oder jugendliche Rebellion sind in diesem Leben, das sich ständig neu formiert, nicht nur erlaubt, sondern auch notwendig. Erwachsensein ist weniger schwer, wenn wir ab und zu unseren Rücktritt davon erklären. 

 Gehen wir spielen!

 

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Für die freundliche Erlaubnis zum Abdruck des Titel-Bildes

„Chaos Küche“

danken wir MARCUS LANGER

Luebbelstr. 7 – 33602 Bielefeld

Tel. : 0521-121253

 

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