Warum tun wir uns so schwer, wenn wir uns ändern wollen?

 

Warum fühlen wir uns wie

gelähmt

und                            

blockiert?                                 

                 

FÖRDERVEREIN ZUR ERFORSCHUNG DES MESSIE-SYNDROMS

 

 

Vorwort

In diesem Heftchen spiegeln sich Gespräche wider, die ich mit Messies und deren Angehörigen geführt habe. Mich hat besonders die Frage interessiert: Warum tun Messies eigentlich das, was sie tun? Vor allem aber frage ich mich, warum diese Menschen etwas Bestimmtes tun, auch wenn sie ganz andere Intentionen haben. Die Verbindung des inneren Erlebens des so betroffenen Menschen mit dem äußeren Verhalten, wie Messies Informationen verarbeiten, hat mich unter der Perspektive der kognitiven Psychologie besonders interessiert.

Auf Grund meines eigenen Erlebens ist es für mich leicht, Ihnen gute Ratschläge zu geben, zum Beispiel, was sie tun oder auch lieber nicht tun sollten. Aber ich bin überzeugt, dass Sie die Nutzlosigkeit guter Ratschläge erkennen. Wenn Sie sie hören, wird Ihnen bewusst, dass sie nichts mit dem zu tun haben, was Sie wirklich beschäftigt.

Hier ein Beispiel:

Ist es für Sie ein Problem, dass Sie Dinge auf die lange Bank schieben, die Sie auch heute schon hätten erledigen können? Nun gut, ich schlage Ihnen ein sicheres Rezept vor. Befolgen Sie diesen Rat, und das Problem ist gelöst:

„Planen Sie langfristig und beginnen Sie rechtzeitig!“

Leiden Sie darunter, dass Sie zuviel wiegen? Möchten Sie einige Pfunde abnehmen? Kein Problem. Es gibt eine sichere Methode, um abzunehmen. Befolgen Sie diesen Rat, und Ihre Pfunde werden dahinschmelzen:

„Essen Sie weniger und bewegen Sie sich mehr!“

Sie wissen ja, dass Sie rechtzeitig anfangen sollten. Und Sie wissen auch, dass Sie weniger essen sollten.

Die Frage ist, wenn wir all das schon wissen - warum können wir denn nicht danach handeln?

Zum Beispiel beabsichtigen Sie, pünktlich zu sein, treffen aber immer verspätet zu Verabredungen ein. Sie haben vor, regelmäßig Sport zu treiben - aber es gelingt Ihnen nicht, den Zeitplan einzuhalten. Ich hoffe, Ihnen einige Denkanstöße vermitteln zu können, mit denen sich Ihre Probleme besser lösen lassen. Ich bin sicher, dass ich hier menschliche Schwächen anspreche, die auch Sie betreffen. Ich spreche aber auch von Ihren Fähigkeiten, mit diesen oder anderen Problemen umzugehen.

Oft erinnert uns unser Verhalten an ein kindliches Verhalten. Das noch nicht sozialisierte Kind verhält sich nämlich „ungehemmt“ und tut das, was ihm „Spaß“ macht, wozu es „Lust“ hat. Diese Art von direkter Bedürfnisbefriedigung, welche die „Erhabenheit“ sozialer Institutionen ignoriert, bedeutet gleichzeitig aber auch Mut und Zivilcourage, da sie sich in der Regel über verbindliche Spielregeln der Gemeinschaft hinwegsetzt. Das Nichtbefolgen dieser Spielregeln kann negative Sanktionen nach sich ziehen, und so sind wir ein Leben lang „ängstlich“ darauf bedacht, gerade jenes schöpferische Potential in seiner vitalen Entfaltung zu hemmen. Da wir einerseits die normalen Forderungen des Erwachsenenlebens „zu ernst nehmen“ bzw. diese perfekt verwirklichen wollen, entsteht in uns ein Pendeln von „gehemmtem“ und „ungehemmtem“ Verhalten, weil wir nur diese Art von direkter Bedürfnisbefriedigung kennen. Dieses ist aber im Erwachsenenleben wenig sinnvoll, und so wird deutlich, dass wir unsere Bedürfnisse auf eine andere Art, nicht auf eine kindliche Art, befriedigen lernen müssen.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie könnten ganz unterschiedlichen, mehr oder weniger verlockenden Tätigkeiten nachgehen: einen Roman lesen, den Teppich saugen - was Sie mögen, da Sie Staub nicht ertragen können - oder fernsehen. Sie denken an den Roman, nehmen ihn zur Hand, machen es sich bequem und beginnen mit der Lektüre. Doch als Sie kurz darauf umblättern, fällt Ihr Blick auf den Fernsehapparat in der Ecke des Zimmers. Das erinnert Sie an ein Programm, das Ihnen gut gefällt, und Sie stellen den Apparat an. Warum lassen Sie sich durch eine andere Aktivität von der Lektüre fortlocken? Wenn Sie vom Fernseher zu Ihrem Platz zurückkehren, sehen Sie auf dem Teppich einige Staubfusseln. Da fällt Ihnen ein, dass Sie ja etwas gegen Staub unternehmen wollten. Sie vergessen das Fernsehprogramm und holen den Staubsauger. Wenn das so weitergeht, kommt man mit der Lektüre des Romans aber wohl nie zu Ende.

Es mag uns ein wenig widerstreben, den Abwasch zu erledigen, aber hat man erst einmal angefangen, geht es meist ganz gut. Wenn Sie beim Frühstück die Zeitung lesen, vergessen Sie möglicherweise eine Weile, Ihre Cornflakes weiterzuessen. Ein Telefonklingeln, ein Blick auf den Wecker, eine Nachfrage - das alles kann durchaus bewirken, dass Sie plötzlich aus Ihrer Aufmerksamkeit herausgerissen werden und sich etwas anderem zuwenden. Vielleicht sind Sie glücklich und zufrieden, wenn Sie einige Stunden im Garten arbeiten können. Ist das „Verzetteln“ nur eine Laune der Natur? Was bringt Ordnung in unser Leben? Was hält uns im aktuellen Tun fest und verhindert so, dass wir von einer Sache zur andern wechseln und nie etwas zu Ende bringen?

Möchten Sie den einen einzigen Satz hören, das zuverlässige Rezept, das bei der Bewältigung unserer Probleme ausschlaggebend ist?

 „Es kommt nicht darauf an, was Ihnen widerfährt, sondern was Sie daraus machen.“

 Übernehmen Sie persönlich die Verantwortung für Ihre augenblickliche Situation und fassen Sie den Entschluss, nach vorn zu schauen, statt Energie damit zu vergeuden, Ihren momentanen Zustand Umständen zuzuschreiben, die in der Vergangenheit wurzeln.

 Möchten Sie den einen einzigen Satz hören, das zuverlässigste Rezept, das bei der Heilung aller mit Stress verbundenen Symptome niemals versagt?

 „Wenn Sie weniger Stress haben möchten, dann schrauben Sie Ihre Erwartungen herunter.“

 Würden wir uns bei dem, was wir im Leben erreichen wollen, alle danach richten, wozu wir realistischerweise in der Lage sind, gäbe es weniger destruktiven Stress.

 Möchten Sie den einen einzigen Satz hören, das zuverlässige Rezept, das bei der Befriedigung Ihres Bedürfnisses nach Anerkennung niemals versagt?

„Akzeptieren Sie Ihre positiven und Ihre negativen Seiten, so bilden Sie Selbstakzeptanz.“

Sie können sicher sein, dass die meisten Menschen, denen Sie in Ihrem Leben begegnen, um die Aufmerksamkeit und den Beifall ihrer Mitmenschen gieren. Es ist ein natürlicher Instinkt, ein Wunsch, der für viele unerfüllt bleibt.

 Wenn man das nicht tut, was man eigentlich tun will

In unserer Selbsthilfegruppe sagte Rita: 

„Ich werde meine Lebensweise komplett umstellen. Also: Morgens eine Stunde früher aufstehen, gut frühstücken und danach eine ganze Stunde Zeitschriften durchsortieren. Mittags koche ich mir dann etwas Schönes nach dem 1500-Kalorien-Diät-Buch und danach sortiere ich die Kleidungsstücke heraus, die ich zum Container bringen kann. Und abends esse ich beim Fernsehen nur Obst.“

 Angelika sagt: „Toll! Wie lange bist du schon dabei?“

Rita: „Morgen fange ich an."

Ich denke, so oder so ähnlich erleben wir die Absichtserklärungen in den Messie - Selbsthilfegruppen, komisch und tragisch zugleich. Denn wir spüren und wissen, dass Rita ihre Änderungen der Lebensweise wohl nicht in die Tat umsetzen wird - egal, was für gute Absichten sie heute in der Selbsthilfegruppe haben mag. Sicherlich wird sie mit ihren Vorhaben schon beim Aufstehen scheitern und diese auf morgen, übermorgen, vielleicht den nächsten Monat verschieben. Oder wenn Rita doch am nächsten Tag beginnt, wird sie den Plan lediglich ein, zwei Tage durchhalten. Wie die Lebenserfahrung lehrt, gelingt es uns recht selten, ein strenges Programm zu befolgen, auch wenn wir die besten Absichten haben.

Wir beabsichtigen, nichts mehr aufzuschieben, nicht mehr zu spät zu kommen, nicht mehr alles einfach liegen zu lassen usw., enttäuschen uns aber ziemlich häufig selbst. Dass wir mit unseren besten Absichten scheitern, erscheint uns beinahe wie ein Merkmal der menschlichen Natur. Dieses ganz gewöhnliche Defizit bezeichnet man als „kontra - intentionales Verhalten“: Jemand verhält sich im Widerspruch zu seiner Intention, obgleich es nichts gibt, das ihn auf den ersten Blick davon abhält, den Vorsatz in die Tat umzusetzen.

         Rita beabsichtigt, morgens eine Stunde früher aufzustehen, und kein Hindernis versperrt ihr den Weg. Trotzdem tut sie es nicht. Sie möchte die Zeitschriften durchsortieren, doch entgegen ihrer besten Absicht fängt sie an, ein vermeintlich wichtiges Buch zu lesen. Wir alle kennen dieses Verhalten sehr gut, weil daraus unser Problem entsteht.

          Ein kontra - intentionales Verhalten liegt dann vor, wenn es Ihnen nicht gelingt, das zu tun, was Ihnen Ihre beste Absicht vorschreibt; wenn Sie nichts von einer Umsetzung in die Tat abhält - keine äußeren Hemmnisse, kein mangelndes Können, keine fehlenden Fachkenntnisse.

Diese Situationen sind keine Beispiele für kontra - intentionales Verhalten - auch wenn Sie sich ganz anders verhalten haben als geplant. Kontra - intentionales Verhalten bedeutet, dass unsere Willensanstrengung erfolglos bleibt und dass Ihnen nichts im Wege steht, das Sie von der Verwirklichung Ihrer Absichten abhält. >Nichts< ist ein wenig übertrieben. Gewiss, es stören Sie keine äußeren Widerstände, keine Defizite hinsichtlich Ihrer Fähigkeiten oder Ihres Könnens. Irgend etwas muss Ihnen aber im Wege stehen, denn sonst würden Sie sich ja nicht kontra - intentional verhalten.

Dieses Etwas nennen wir Blockierung. Offenbar halten uns verschiedene psychische Faktoren davon ab, das zu tun, von dem wir glauben, dass wir es tun sollten. Doch was bedeuten diese psychischen Sperren? Was geht dabei in uns vor? Und welche Aussichten bestehen, sie zu überwinden? Blockierung und kontra - intentionales Verhalten sind lediglich zwei verschiedene Formen, denen ein und dasselbe Phänomen zugrunde liegt. Zunächst wollen wir das Phänomen begreiflich machen. Auf den folgenden Seiten betrachten wir kontra - intentionales Verhalten und die psychischen Blockierungen, die es hervorruft. Wie es zu diesen Blockierungen kommt, warum sie entstehen und welche tieferreichenden Mechanismen dafür verantwortlich sind, gilt es uns bewusst zu machen. Wir wollen ein Problem ja nicht nur verstehen und uns bewusst machen, sondern uns auch fragen, welche Einflussmöglichkeiten wir dagegen haben. Was lässt sich gegen eine Blockierung eigentlich tun? Zum Glück sehr viel! Es gibt Techniken, die unsere Blockierungen mildern, zum Verschwinden bringen und so kontra - intentionales Verhalten verringern können.

Ein Mittel gegen ganz normale Blockierungen

         Um in unseren Blockierungen einen Sinn zu finden, müssen wir zunächst untersuchen, auf welche Weise wir unsere Verhaltensmuster erklären und wie wir die Motive unseres Tun deuten. Normalerweise machen wir uns keine Gedanken über unsere Handlungen und Verhaltensweisen. Wir tun es, und wenn die Angelegenheit abgeschlossen ist, gehen wir daran, etwas anderes zu tun. Doch wenn wir uns einer kontra - intentionalen Verhaltensweise gegenübersehen, sind wir ratlos: Warum haben wir im Widerspruch zu unseren doch so guten Absichten gehandelt?

        Glücklicherweise beschäftigt die meisten Menschen dieses Verhaltensmuster nur kurze Zeit. Wohl deshalb, weil sie sich gut kennen und weil sie nicht von sich erwarten, dass sie sich in jedem Augenblick ihres Lebens fehlerlos verhalten müssen. Etwas in ihnen sagt vielleicht sogar: „Ich bin ja auch nur ein Mensch!“

Wenn ein sehr intelligenter Mensch etwas sehr Dummes tut, dann wissen wir, hier sind mächtige Kräfte am Werk.

William G. Perry Jr.

Der Wecker klingelt. Rita schläft tief und fest. Sie schreckt hoch und tastet nach dem Ausstellknopf, lässt sich ins Kissen zurückfallen und denkt: „Was für einen Tag haben wir heute? Freitag. Ich habe mir so viel für heute vorgenommen, ich muss sofort aufstehen.“ Reglos und hellwach bleibt Rita unter der Decke liegen: „Ich muss aufstehen... Ich wollte doch die Zeitungen durchsortieren... Aufstehen...“ Aber irgend etwas hindert sie daran. Schließlich schwingt sie die Beine über die Bettkante, wirft einen Blick auf den Wecker und sieht, dass ihr Entschluss, eine Stunde früher aufzustehen, gescheitert ist. „So etwas Dummes“, denkt sie und kleidet sich hastig und lustlos an. „Unfassbar, da liege ich wach im Bett und lasse kostbare Zeit verstreichen. Wieso bin ich nicht gleich aufgestanden, als der Wecker läutete? Auf mich ist doch kein Verlass!“

Bis zum Abgabetermin sind es nur noch wenige Tage. Rose nimmt, wie jede freie Journalistin, manchmal Aufträge an, die mehr Aufwand erfordern, als es die Sache wert ist, so wie bei der gegenwärtigen Arbeit. Sie trinkt noch einen Schluck Kaffee und überlegt, ob sie sich an den Schreibtisch setzen soll. Da sieht sie den Berg schmutzigen Geschirrs in der Spüle und sagt: „Ich müsste eigentlich erst ein wenig aufräumen und abwaschen, bevor ich zu schreiben beginne.“ Das eine führt zum anderen, und erst spätabends, kurz vor dem Einschlafen, wird ihr klar, dass abermals ein Tag verstrichen ist, an dem sie keine Zeile zu Papier gebracht hat. Rose ärgert sich über sich selbst. „Wenn ich mich mehr angestrengt hätte, hätte ich früher angefangen und den Termin eingehalten. Mit ein bisschen mehr Willenskraft, ein wenig mehr Disziplin hätte es geklappt. Aber morgen früh“, verspricht sie sich, „mache ich mich gleich nach dem Frühstück an die Arbeit.“

Rita und Rose können unseres Mitgefühl sicher sein. Mühelos erkennen wir uns in ihren Erfahrungen wieder. Rita möchte etwas tun, gegen das sie innerlich blockiert ist, ohne es zu wissen. Deshalb bleibt sie im Bett liegen. Rose fühlt sich von der Aufgabe abgeschreckt,  deren  Erledigung  sie  sich fest vorgenommen hat: sie will sich an den Schreibtisch setzen und schreiben.

    „In einer Verhaltensweise ein-gesperrt“ und „aus einer Verhaltensweise aus-gesperrt“ - so wollen wir diese beiden zentralen Kräfte-Situationen bezeichnen. „Ein-gesperrt“ beschreibt eine Lage, bei der Sie trotz aller Bemühungen unfähig sind, sich von einem Verhalten zu lösen, das Sie nicht anstreben. „Aus-gesperrt“ umschreibt Kräfte, bei denen Sie gegen Ihre Intention außerstande sind, mit einem Verhalten zu beginnen, das Sie wirklich anstreben.

      Beide Phänomene haben ein uns schmerzlich bewusstes Verhaltensmuster gemeinsam: Ausgangspunkt ist unsere erklärte, gute Absicht. Doch dann merken Sie plötzlich, Sie haben kontra -intentional gehandelt. Also sagen Sie sich, dass Sie „ein bisschen mehr Willenskraft“ aufbringen müssten. Etwas mehr Selbstdisziplin würde schon reichen! Außerdem liegt ja in den meisten Menschen - Sie selbst einbegriffen - irgendwo eine große Willenskraft verborgen. Da sind Sie sich ganz sicher. Und so beschließen Sie, „sich noch mehr anzustrengen“.

      Trotzdem - es gelingt dem Willen nicht, die aktuell wirksamen, widerstreitenden Kräfte zu bändigen. Wieder einmal ertappen Sie sich dabei, dass Sie im Bett liegen bleiben, unangenehme Aufgaben unerledigt lassen, zuviel essen, zuviel Geld ausgeben usw. Schließlich halten Sie sich für einen Versager: Sie fühlen sich schuldig, empfinden sich als willensschwach und sind von sich enttäuscht.

     Wir kennen alle diese Verhaltensmuster. Sie können sehr verwirrend und frustrierend sein. Wie kommt es, dass wir ein-gesperrt sind? Was blockiert uns auch weiterhin? Die quälendste Frage aber lautet: Warum bleiben alle unsere Anstrengung, die Blockierung zu lösen, wirkungslos?

Warum halten wir den Willen eigentlich für eine starke Kraft? Ganz einfach: weil er uns hilft, mit dem betreffenden Problem fertig zu werden. Man denkt dann: „Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, dann versuche ich es eben noch einmal.“ Wir feuern uns an, weil wir auch schwierige  Ziele erreichen wollen, die wir andernfalls nicht bewältigen könnten. So entsteht eine wichtige Annahme: Der Wille ist eine starke Kraft. Aber je stärker die Gegenkraft, an der wir uns stören, um so mehr Willenskraft müssen wir aufbringen, um sie zu bezwingen. Deswegen führt der Glaube an einen starken Willen dazu, dass wir unsere Blockierungen auf eine Schwäche oder das Versagen der Willenskraft zurückführen. Dies widerfuhr Rita in der Episode, mit der wir das Kapitel einleiteten. Wenn der Wille „auf Hochtouren läuft“, so meinen wir, sollte es uns doch nicht schwer fallen, ihn entsprechend unserer Absicht auch durchzuführen. Kontra - intentionales Verhalten bedeutet demnach: Es kommt zu einem vorübergehenden oder noch schlimmer: zu einem dauerhaften Versagen unseres normalerweise starken Willens. Oder wir machen eine zu geringe Willensanstrengung für unser Versagen verantwortlich. Dann glauben wir, wir müssten nur den „Regler“ unseres Willens „aufdrehen“, und beschließen deshalb, „uns beim nächsten Mal mehr anzustrengen“.

Unser Glaube, dass der Wille stark sei, ergibt allerdings nur wenig Sinn. Deswegen ziehen Sie in Erwägung, dass der Wille möglicherweise keine starke, sondern eine eher schwache Kraft darstellt. Verhalten wir uns intentional, so nicht deshalb, weil unser Wille besonders stark ist, und verhalten wir uns kontra - intentional, dann nicht deshalb, weil unser Wille besonders schwach ist. In beiden Fällen leiten uns vielmehr ganz andere Kräfte.

Angenommen, wir betrachten den Willen als schwachen, nicht als starken Mitspieler. Wie müssen wir dann bestimmte Situationen umdeuten? Wir könnten dem Willen nicht länger die Schuld dafür geben, dass wir kontra - intentional gehandelt haben. Vergegenwärtigen Sie sich den Fall von Rita, der es so sehr widerstrebt, aufzustehen. Vielleicht haben viele Kräfte zu ihrem Verhalten beigetragen: Am Abend war sie etwas später als üblich ins Bett gegangen, sie hatte zu lange ferngesehen, sie hat zu lange gechattet, es war so wohlig-warm unter der Decke. Es ist daher sinnvoller, nicht Ritas Willensschwäche, sondern die Stärke dieser Kräfte-Kombination, der Mangel an Schlaf und das Wohlfühlen im Bett, für ihr Versagen verantwortlich zu machen.

Dies macht auch verständlich, warum wir so oft gegen unsere Absicht handeln. Die Vorbereitung für eine Arbeit, für die Umstellung einer Lebensweise ganz gleich welcher Art, gehören zur Gesamtsituation dazu. Man sollte deshalb beim Planen daran denken, sich nicht im Vorfeld die Bewältigung einer Aufgabe unmöglich zu machen. Rita hätte, wenn sie morgens eine Stunde früher aufstehen wollte, eine Stunde früher zu Bett gehen sollen. Es sollte uns also dann nicht wundern, wenn wir uns auf eine Weise verhalten, die unserer Absicht widerspricht, und es ist auch kein Wunder, dass wir das nicht einfach abstellen können, indem wir uns mehr anstrengen. Oft bleiben aber auch bei einem solchen Vorgehen mehr Fragen offen als beantwortet werden. Wenn der Wille schwach ist, wie kann ich denn dann mein Handeln steuern? Was sind diese starken Gegenkräfte, die so großen Einfluss auf uns haben, und woher stammen sie?

Die Vorstellung vom schwachen Willen weist uns eine ganz andere Rolle im Leben zu. Statt von der Vernunft geleitet zu werden, liegen wir in ständigem Widerstreit mit starken, unser Handeln prägenden Kräften. Im allgemeinen arbeiten die starken Kräfte mit unseren guten Absichten zusammen, statt ihnen entgegenzusteuern, und schaffen so die Handlungsweise, die wir uns aus tiefstem Herzen wünschen.

Wer durstig ist, sehnt sich nach Wasser, wer sehr durstig ist, sehnt sich mächtig danach. Was könnte angemessener sein? Wir brauchen das Wasser zum Überleben, und die Kraft des großen Durstes zwingt uns dazu, das Wasser aufzusuchen.

Die Vorstellung, dass starke Kräfte unser Verhalten leiten, sollte uns nicht allzu sehr erschrecken, sondern neugierig auf die Frage machen: Woher kommen diese starken Kräfte eigentlich und warum sind sie so stark? Wenn wir einige Antworten auf diese Fragen gefunden haben, können wir vielleicht besser mit den Kräften auskommen, die auf uns einwirken.

            Fällt es Ihnen beispielsweise schwer, morgens aus dem Bett zu kommen? Wenn Sie den Wecker neu einstellen, dann verändern Sie Ihre Umgebung. Wenn Sie den Wecker weiter von sich weg schieben, damit er weniger nahe am Ohr schrillt oder Sie sich zwingen wollen, aufzustehen, um ihn auszustellen, modifizieren Sie nochmals Ihre Umwelt. Stellen Sie den Wecker ab, drehen Sie sich dann auf die Seite und schlafen wieder ein?

           Und wenn Sie am Wochenende den Wecker ausgeschaltet lassen - fällt Ihnen das Aufstehen dann schwerer, und haben Sie Gewissensbisse, weil sie so lange im Bett bleiben? Das Spielchen, erst ein Bein über die Bettkante baumeln zu lassen, wodurch Sie dann irgendwie mitgezogen werden, ist ein Fall, in dem Sie die eine Reaktion, die Sie nicht durchführen können, durch eine andere ersetzen: Zwar rät Ihnen Ihre Vernunft: „Steh auf“. Sie können auch nicht gleich aktiv und munter aus dem Bett springen, denn alle Ihre Kräfte sagen: „Bleib liegen“, aber das Bein aus dem Bett baumeln lassen, das klappt durchaus. Oder Sie denken an das für den Vormittag geplante Freizeitvergnügen, wodurch Sie ebenfalls zusätzliche Kräfte in sich ansammeln. Oder Sie nehmen Ihre Situation neu wahr - „Ich verdiene es, noch eine Weile im Bett liegen zu bleiben. Die Arbeitswoche ist doch ziemlich anstrengend gewesen.“ - und legen sich wieder schlafen. So haben Sie die Situation umgedeutet und fühlen sich etwas wohler - ob Sie nun aufstehen oder nicht.

Diese und andere Mechanismen, die die Funktionsweise der starken Kräfte gut erklären, sind gewiss zweischneidig. Meistens arbeiten sie zu unserem Nutzen, verstärken unsere Absichten und geben uns die Kraft, das zu tun, was wir wollen. Manchmal aber machen sie unsere erklärten Vorsätze zunichte und drängen uns zu kontra - intentionalen Handlungen. Die Mechanismen „sperren“ uns aus einer Verhaltensweise „aus“, die einem erklärten Vorsatz entspricht, oder „sperren“ uns in Verhaltensweisen „ein“, die wir nach Kräften zu vermeiden suchen. Die gängige Vorstellung lautet: seelische Blockaden und die damit einhergehenden psychischen Probleme haben stets tiefe Ursachen. In ihnen werden Ursachen wirksam, die in Kindheitserinnerungen verborgen liegen und die eine Behandlung erfordern, wenn man die Kräfte ans Licht bringen und ändern will.

     Das ist jedoch ein irreführendes Bild sowohl der Psychotherapien als auch der menschlichen Natur, das selbst der Umdeutung bedarf. Viele Blockierungen haben gar keine besonders tiefe Ursache! Vielmehr sind sie recht  leicht zu durchschauen. Es sind mühelos erkennbare Kräftekonstellationen, die nur leider so stark sind, dass sie ein Verhalten hervorrufen, das unseren erklärten Vorsätzen widerspricht.

      Solche Kräfte müssen nicht entschleiert, sondern nur ausmanövriert werden. Damit bestehen gute Aussichten, diese Kräfte unschädlich zu machen. Das Entscheidende ist aber, dass es auch zahlreiche „Oberflächen“ - Probleme gibt. Außerdem lassen sich durch „oberflächliche“ Taktiken gelegentlich auch tiefreichende Probleme lösen. Die lebensgeschichtliche Ursache einer Spinnenphobie oder eines immer wiederkehrenden Jähzorns liegt eventuell im Dunkeln. Doch sehr oft kann Ihnen die Methode der systematischen Entsensibilisierung und bei Jähzorn das leise Zählen bis zwanzig helfen, das Problem zu meistern und einen grundlegenden Wandel sowohl in Ihrem Handeln als auch in Ihrem Fühlen herbeizuführen.

      Deswegen lohnt es, darüber nachzudenken, warum die tiefe Deutung einer psychischen Hemmung uns oft in ein verwinkeltes, von Spekulationen beherrschtes Labyrinth lockt, wenngleich eine unkomplizierte Erklärung uns mehr nützen würde. Tiefreichende Deutungen sind aus mancherlei Gründen verlockend: Ersten sind sie interessanter, so fühlen wir uns über diesen Umweg interessant! Zweitens favorisieren wir die tiefe Deutung aufgrund unseres Irrglaubens, der Wille sei eine starke Kraft, und so nehmen wir an, etwas „Tiefes“ müsse in uns wirken, das den starken Willen überwältigt. Und diese Erklärung hilft, unserer Verantwortung und unserer Scham auszuweichen. Drittens entspricht es unserer Neigung, alles gedanklich auseinander zu nehmen, um für unsere Verhaltensweisen und die der anderen logische Erklärungen zu haben, die uns bei unserer Wahrnehmung und Einordnung mehr Sicherheit geben. So ist es also gar nicht verwunderlich, dass Sie sich hilflos diesen mächtigen Kräften ausgesetzt fühlen.

     Nochmals: Wir wollen nicht behaupten, dass tiefe Erklärungen nie angemessen oder zutreffend seien. Häufig ist ganz offensichtlich beides zutreffend. Da andere Ursachen diese Vorliebe für tiefgehende Deutungen beeinflussen können, sollten wir sie mit einer gewissen Skepsis betrachten: So kann die Lockung exotischer  und  tiefer  Erklärungen  den  Glauben  an  die Stärke unseres Willens aufrechterhalten und unsere Gewohnheit rechtfertigen. Aber weil uns diese Faktoren oft unbewusst sind, behaupten wir hier - etwas paradox -, dass es eine tiefe Erklärung dafür gibt, weshalb tiefe Erklärungen häufig von trügerischer Anziehungskraft sind! Um diesen „Abgrund“ noch weiter zu erkunden, wenden wir uns von den starken Kräften ab und konzentrieren uns auf die verborgenen Kräfte.

Auch wenn es uns bewusst ist, dass sich Kräfte verbergen können, wenngleich wir Ausschau nach ihnen halten - es kann dennoch geschehen, dass sie sich nicht zeigen. Es liegt auch daran, dass sie sich auf vielerlei Weise verbergen können. Deswegen wenden wir uns von dem „Warum“ ab und betrachten das „Wie“ der verborgenen Kräfte. Wir können einigen Mechanismen zusehen, wie sie sich gerade entfalten.

  Vermeidung. Manfred ist freudig erregt. In Kürze will er die Verlobung mit seiner Freundin Tanja bekannt geben. In letzter Zeit ist er zwar recht unruhig, aber das hat nichts zu sagen - schließlich hält man sie für ein ideales Paar. Eines Abends fragt ihn Tanja: „Liebling, hast du etwas? Du bist in letzter Zeit ein bisschen empfindlich.“ Da wirklich alles in Ordnung ist, antwortet er nur: „Nein, es ist alles in Ordnung.“

Normalerweise ist Manfred ein mitteilungsbedürftiger Typ. Deswegen wirkt die knappe Erwiderung auf Tanjas Frage ungewöhnlich, und sie fragt: „Schätzchen - wenn etwas nicht stimmt, dann sag es mir doch bitte.“ Manfred weiß im Grunde keine Antwort und entgegnet: „Ehrlich, Tanja, es ist nichts.“ Schließlich sagt Tanja: „Manni, Schatz, du hast doch etwas. Bist du böse mit mir?“ Worauf Manfred entnervt ausruft: „Ich bin nicht böse! Und hör bitte auf, ständig diese Babyausdrücke zu benutzen!“

Was ist los? Er reagiert zwar wütend, vermag seinen Zorn aber nicht als verhaltensbestimmende Kraft zu erkennen - auch nicht, als Tanja ihn fragt, was mit ihm los ist. Es mag viele Gründe für  seine  gereizte  Stimmung  geben. Vielleicht gibt es Dinge an Tanja, die ihn mehr stören, als er sich eingestehen kann, oder er ärgert sich über Tanjas Mutter, die andere Vorstellungen hinsichtlich der Gästeliste hat. Möglicherweise gibt es auch einige Ursachen, warum er nicht zugeben kann, dass er Zorn empfindet. Sicherlich fürchtet er, die Wut könnte, wenn er sie „herauslässt“, seine Beziehung gefährden.

   Bezeichnen wir diesen Mechanismus also als Vermeidungshaltung. Egal, was die Gründe im einzelnen sind: Manfred kann seine Gefühle auf keine für ihn akzeptable Form ausdrücken, und so vermeidet er es zuzugeben, dass sie überhaupt existieren. Sowohl gegenüber sich selbst als auch vor Tanja leugnet er, überhaupt zornig zu sein - und zwar auch noch dann, als er die Fassung verliert. Wir haben gesehen, dass die Vermeidung möglicherweise mehr Probleme schafft, als sie löst. Dieser psychische Mechanismus kann aber auch positive Auswirkungen haben.

   Verschleierung. Dirk ist ein hervorragender Schüler. Seine Eltern sind sehr stolz auf ihn und es wird erwartet, dass er die Arztlaufbahn einschlagen wird, um in der gutgehenden Praxis seines Vaters mitzuarbeiten. Bislang hat Dirk immer gute Noten erzielt, aber jetzt im zweiten Semester haben seine Leistungen stark nachgelassen. Obgleich Dirk gut abschneiden und seine Eltern zufrieden stellen will, ist er wie gelähmt und leidet unter Prüfungsangst. Nach einem Semester voller Schuldgefühle und Plackerei schwänzt er zwei Kurse und fühlt sich zunehmend überfordert. Was geht in Dirk vor? Angenommen, sein Verhalten ist von einer verborgenen Rebellion gegen den starken Einfluss der Eltern motiviert. Ihm ist bewusst, wie wichtig es seinen Eltern ist, dass er Arzt wird, und er weiß auch, dass sie nur sein Bestes wollen. Seine rebellischen Empfindungen bleiben ihm verborgen, da er die Eltern nicht enttäuschen möchte. Außerdem scheinen sie über seine Zukunft klarere Vorstellung zu haben als er selbst. Also kommt sein Wunsch nach Unabhängigkeit verschleiert zum Ausdruck, in Form mangelnder Motivation und einer Vernachlässigung des Studiums. Dirk scheint ein gehorsamer Sohn zu sein, dessen Absicht, Medizin zu studieren, von einer verwirrenden Motivationsblockade verhindert wird. Diese Vermeidungshaltung beweist, dass nur er - nicht seine Eltern - seine Zukunft bestimmen will.

  Verschiebung. Irene und ihre Tochter Lisa verstehen sich gut. Gemeinsam haben sie viele Organisationsprobleme gelöst, die zwischen einer berufstätigen Mutter und Töchtern auftreten können. Lisa hält sich strikt an vereinbarte Zeiten, und wenn sie gelegentlich den Wagen der Mutter benutzt, fährt sie vorsichtig. Ihre Mutter hat das Vertrauen, dass ihre Tochter keine Dummheiten anstellt. In der laufenden Woche hat Irene Lisa erlaubt, jeden Tag das Auto auszuleihen, damit sie zum Lernen zu einer Freundin fahren kann. Irene entstehen dadurch Unannehmlichkeiten, aber, sagt sie sich, Lisa muss unabhängiger werden. Doch an diesem Abend, als Lisa sie abermals bittet, den Wagen nehmen zu dürfen, antwortet sie plötzlich unwirsch: „Nein, heute Abend darfst Du den Wagen nicht haben! Ich habe ihn ja überhaupt nicht mehr für mich!“

      Was ist mit Irene los? Angenommen, sie hat den Eindruck, man nutze sie im Beruf aus, weil sie ständig kleine Besorgungen erledigen oder Überstunden machen muss. Da sie für ihre Tochter Verantwortung trägt und ihr die berufliche Arbeit sehr wichtig ist, kann sie das Gefühl, überlastet zu sein, nicht offen anerkennen. Ihr Groll verschiebt sich auf Lisas Bitte, das Auto benutzen zu dürfen. Dieser Mechanismus der Verschiebung entsteht, wenn eine Kraft, die im ursprünglichen Zusammenhang keinen Ausdruck findet, sich in einem anderen Rahmen Geltung verschafft. Da dieses wenig Sinn ergibt, ist oft nur schwer zu verstehen, was da geschehen ist.

     Fassen wir zusammen: Kräfte können sich durch verschiedene Mechanismen verbergen. Wenn sich bestimmte Kräfte auf eine Art verbergen, die uns Probleme bereitet, so kann man darin doch Versuche zur Anpassung sehen. Wie fehlgeleitet Manfreds Vermeidung der Wut auch sein mag, sie dient dazu, ihn vor Tanjas Zurückweisung zu schützen. Wie zerstörerisch Dirks Verschleierung und Blockaden auch sein mögen, sie helfen, den Bruch mit den Eltern zu vermeiden. Und wie unberechtigt Irenes Verschiebung ihrer mit dem Beruf zusammenhängenden Grollgefühle auf ihr Privatleben auch sind, sie hilft, die beruflichen Anforderungen weiterhin zu erfüllen. Ein bedeutsamer und wichtiger Aspekt im Umgang mit den verborgenen Kräften besteht also darin, dass die Emotionen und Gefühle unmittelbar im Zusammenhang mit dem Erleben wahrgenommen werden sollten. Eine unangenehme Folge dieses Phänomens ist der psychische Schmerz der Unsicherheit, zumal wenn er uns im Kern trifft. Viele Hypothesen hinsichtlich des Verhaltens bedeuten für die Betroffenen ein starkes Unbehagen und Ratlosigkeit.

 Wenn jemand nicht nur auf die Lage, in der er sich befindet, reagiert, sondern auf eine bestimmte Seite in sich - Bestürzung über die eigene Verwirrung, Angst vor dem eigenen Zorn und so weiter -, dann erlebt er das, was wir als „Wirkung der Vermeidungshaltungen“ bezeichnen. Derlei Wirkungen können uns einiges klarmachen. Neben dem Risiko, verhaltensunsicher zu werden, können uns schmerzliche Umstände dazu verhelfen, durch Selbsterforschung andere, produktivere Möglichkeiten zu entwickeln, sodass diese Verhaltensweisen nicht mehr entstehen können.

Die weder vollkommene noch besonders aufregende Antwort lautet: Seien Sie selbstkritisch. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Offen Selbstkritik zu üben fällt uns sicher schwer, aber einen besseren Weg gibt es nicht. Welche Fragen kann man nun stellen, um zu prüfen, ob die eine oder die andere Deutung einen Sinn ergibt? Solche Nachfragen lassen sich allerdings weder leicht beantworten noch sind sie von entscheidender Bedeutung. Manchmal müssen wir fachkundige psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, weil wir zur notwendigen kritischen Nachforschung selbst nicht oder nur eingeschränkt in der Lage sind. Bisweilen fällt es uns besonders schwer, die eigenen Charakterzüge mit klarem, kritischem Verstand zu deuten. Die Kräfte, die gegen unseren Willen oder unsere Intention wirken, verbergen sich entweder zufällig oder absichtlich vor unserem Blick. Doch im Grunde dienen die Mechanismen, in denen sich eine Kraft verbirgt, der Anpassung: Sie sollen uns vor schmerzlichen Konflikten oder Stress-Situationen schützen. Sie sind allerdings zweischneidig, denn oft spielen sie eine wichtige Rolle bei der Entstehung kontra - intentionaler Verhaltensweisen, und das ist auch das paradoxe an diesem Mechanismus, denn dadurch entstehen Stress und viele Konflikte.

     Haben Sie erst die Probleme der Doppeldeutigkeit gelöst, dann hoffen Sie bestimmt, dass es nun ein Ende habe mit diesen schwierig zu erfassenden verborgenen Kräften. Dem ist nicht ganz so. Wir wollen deshalb einen Schritt zurücktreten, betrachten, wie weit wir bisher gekommen sind, und die nächste Frage in Angriff nehmen. Aber führt uns diese Erkenntnis so weit, dass wir unser Verhalten ändern? Wahrscheinlich haben Sie, wenn Sie dieses lesen, erwartet, dass Sie Ihr Verhalten nicht nur verstehen, sondern auch besser steuern können. Mitten in einem kontra - intentionalen Dilemma denken wir: „Wenn ich bloß wüsste, warum ich mich so verhalte...!“ Wir wollen Einsicht erlangen, weil wir darin den Schlüssel zur Lösung unserer Probleme vermuten. Viele psychotherapeutische Denkansätze vertreten die gleiche Auffassung. Aber helfen uns Einsichten tatsächlich auf diese Art? Verschwindet dann unsere Blockierung? Sind unsere Schwierigkeiten damit behoben?

      Die Erfahrung lehrt, dass die Enthüllung einer verborgenen Kraft nicht alles ändert. So erlangen wir nicht automatisch ein höheres Maß an Kontrolle über unser Verhalten. Mitunter können Einsichten sogar alles noch verschlimmern. Also kann das Zur - Sprache - Bringen des Problems uns mit Gefühlen und Emotionen aus früherer Zeit konfrontieren. Dieses Erkennen des eigenen Gefühls ist oft stark angstbesetzt.

Im vorigen Kapitel haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass sich manche Kräfte absichtlich verbergen. Dieser Mechanismus soll uns vor Schmerz bewahren. Einsicht bringt zwar unsere eingefahrenen Denkmuster in Bewegung und bewirkt, dass wir weniger Unbehagen in bestimmten Situationen empfinden.

Wenn Einsichten nicht immer helfen und unsere Schwierigkeiten sogar noch vergrößern, worin liegt dann überhaupt ihr Nutzen? Wir erwarten ja schlechterdings, dass sie uns helfen. Warum betrachten wir Erkenntnisse also als Lösung für unsere Probleme? Vielleicht müssen wir unsere Annahmen über die Art, wie sie uns helfen, überdenken. Je genauer wir die verhaltensauslösenden Kräfte verstehen, desto bessere Aussichten bestehen, etwas in der Situation zu ändern. Das  heißt,  aufgrund  verstärkter  Einflussmöglichkeiten haben wir weitere Mittel, unsere Intention auch auszuführen. Begreifen wir, warum und wie eine Handlung abläuft, haben wir mehr Chancen, Herr unser Handlungen zu werden. Wir sind dann in der Lage, unseren Willen so einzusetzen, dass er die beste Wirkung erzielt. Da wir uns für offene, unkomplizierte und willensstarke Menschen halten, verfügen wir nur über ein Mittel zum Erreichen unseres Ziels: „die pure Gewalt“, das heißt die Änderung des Verhaltens durch einen Willensakt.

      Natürlich kann man mit diesem Vorgehen Erfolg haben. Bleibt er aber aus, so wird möglicherweise der Frust und die Enttäuschung noch größer.

     Ein Beispiel: Seit Semesterbeginn hat Connie Schwierigkeiten, sich konzentriert auf die Seminare vorzubereiten. Sie schafft es nicht, das Lesepensum zu bewältigen, und kaum hat sie ein Lehrbuch zugeklappt, hat sie den Inhalt auch schon wieder vergessen. Nach den ersten Klausuren in der Mitte des Semesters, die katastrophal schlecht ausfallen, nimmt sie sich vor, noch mehr zu arbeiten: „Auf dem Gymnasium hatte ich immer gute Noten; es gibt keinen Grund, warum ich nicht auch auf der Uni gute Leistungen erzielen kann“. Also erhöht sie die Stundenzahl für die Seminarvorbereitungen, was sich aber kaum positiv auswirkt, da sie sich beim Lernen immer wieder ihren Tagträumen hingibt. Je härter sie arbeiten will, desto mehr Schuldgefühle bekommt sie, weil sie so schlechte Noten erzielt. Allmählich glaubt sie, dass etwas nicht stimmt und sie fragt sich, ob sie vielleicht nicht intelligent genug ist, was sie deprimiert, oder ob sie unter Lernschwierigkeiten leidet, was ihr Angst einjagt. Außerdem denkt sie, sie habe womöglich einen großen Fehler begangen, es mangele ihr eben „noch an der Hochschulreife“.

    Messies werden erkennen können, wie ähnlich der Verlauf in dem Beispiel mit ihrem Problem übereinstimmt. Was können wir verändern? Wir könnten mit Hilfe einer Psychotherapie versuchen, die Wurzeln unseres Perfektionismus freizulegen - vielleicht handelt es sich um einen Abwehrmechanismus gegen tiefsitzende Minderwertigkeitsgefühle.

    Zurück zu Connie. Angenommen, nach einem langen Gespräch mit einem Psychologen erkennt sie, dass sie großes Heimweh hat.  Weitere Erkenntnisse folgen: Ihr wird klar, dass sie sich in den überfüllten Seminaren einsam fühlt und es ihr schwer fällt, die Anforderungen zu erfüllen, im Gegensatz zu den täglichen Hausaufgaben, die sie auf dem Gymnasium bekam. Und nicht mehr bei den Eltern zu wohnen bereitet ihr auch mehr Probleme, als sie dachte. Kein Wunder, dass sie unter Konzentrationsstörungen leidet! Immer wieder denkt sie an ihre Eltern und ihre Freunde und daran, wie viel besser es ihr im letzten Jahr ging, als sie ihr Abitur gemacht hat. Schließlich erkennt sie, dass ihr die gegenwärtige Situation doch mehr Kummer bereitet, als sie sich eingestehen mag.

     Connies Einsicht in den Umstand, dass sie Heimweh hat, beeinflusst ihre Gefühle auf doppelte Weise. Erstens wird dadurch erreicht, dass sich einige besonders schlimme Befürchtungen nicht bestätigen. Connie kann sich sagen: „Da fällt mir ein Stein vom Herzen! Ich bin weder verrückt noch dumm noch faul - ich habe nur alle Hände voll zu tun, mich der neuen Umgebung anzupassen.“ Zweitens bewirkt die Erkenntnis möglicherweise, dass sich Connie nicht mehr so einsam fühlt und weniger Selbstkritik übt: „Natürlich! Es ist ganz normal, dass ich eine schwere Zeit durchmache. Jeder würde in meiner Lage ähnlich reagieren.“

     Die Einsicht in bestimmte Ursachen ihrer Probleme hat Connie also von einigen schmerzlichen, selbstabwertenden Reaktionen befreit. Möglicherweise fällt es ihr nun auch leichter, sich trotz ihres Heimwehs auf die Arbeit zu konzentrieren. Bedenken Sie allerdings, dass diese Erkenntnis nicht zwangsläufig bewirkt, dass sich Connie nicht mehr nach zu Hause und nach der vertrauten Umgebung sehnt. Die zu diesem Problem führende Situation ändert sich nur wenig durch das Bewusstwerden, auch wenn die Wirkungen - das Problem mit der Aufmerksamkeit und Konzentration - gemildert wurden.

veränderte Kognitionen

Oft beruht die Änderung der Gegenkraft, die unser Verhalten in einer Situation bestimmt, auf Einsicht.  Einsicht  verbessert  die  Einflussmöglichkeiten und ist ein geistiger Prozess - sie ist eine Art Denken - und geht immer mit einem Wandel unserer Erkenntnisse einher, weil wir unsere Situation schließlich anders wahrnehmen. Und wenn Einsicht in Connies Fall die Auswirkung ihres Problems verringert, muss das nicht unbedingt ihr Heimweh lindern. Vielmehr ändert sie nur die Art, wie sie über sich nachdenkt oder was sie hinsichtlich ihres Verhaltens empfindet.

    Unter bestimmten Umständen bewirken Einsichten allerdings unmittelbar einen Kräftewandel und beeinflussen konkret unser Verhalten.

Angenommen, Sie ärgern sich über eine Freundin, weil sie nicht pünktlich zu einer Verabredung zum Essen kommt. Sie finden das unhöflich und denken: „Wenigstens hätte sie anrufen können.“ Schließlich trifft die Freundin ein, und Sie begrüßen sie eher kühl. Als sie Ihnen erklärt, die U-Bahn sei defekt gewesen, wodurch sie geraume Zeit zwischen zwei Haltestellen steckengeblieben sei, verfliegt Ihr Zorn und wird - vielleicht - durch eine freundliche Umarmung ersetzt.

      Was ist da geschehen? Die kognitive Voraussetzung für Ihren Zorn bestand zunächst in der Überlegung, dass Ihre Freundin sich anders hätte verhalten können und sich aus Unhöflichkeit verspätet. Als Ihre Erkenntnisse korrigiert werden - als Sie erfahren, dass die Freundin für die Verspätung nicht verantwortlich ist und Sie nicht anrufen konnte -, verschwindet Ihr Zorn. Möglicherweise sind Sie noch immer verärgert, weil das Essen inzwischen kalt ist oder weil die U-Bahnen in einem dermaßen miserablen Zustand sind, aber zumindest werfen Sie der Freundin nicht mehr unhöfliches Verhalten vor.

      In diesen Alltagssituationen ruft Ihr Zorn zunächst ein pro-intentionales Verhalten hervor: Sie empfinden Ihre erste Reaktion auf die Verspätung der Freundin als ganz verständlich. Schließlich ist es normal, sich zu ärgern, wenn man sich schlecht behandelt fühlt. Entscheidend ist aber, dass eine veränderte Wahrnehmung (eine Korrektur Ihrer fehlerhaften Annahmen) unmittelbar zur Änderung der wirkenden Kräfte führt. In kontra - intentionalen Situationen entsteht ein ähnlicher Mechanismus. Die Kräfte, die kontra - intentionales Verhalten hervorrufen, verschwinden, sobald eine Einsicht das kognitive Fundament zum Einsturz bringt.

     Wenn man sich nicht darauf verlassen kann, dass Einsicht unsere Probleme löst, lohnt dann unsere ganze Mühe? Die Antwort lautet: „Auf jeden Fall.“ Es hat keinen Sinn, dieses Erkenntnisinstrument nur deshalb gering zu schätzen, weil es nicht das Patentrezept darstellt, zu dem wir es oft machen möchten. Einsichten in die verhaltenssteuernden verborgenen Kräfte können also unser Gefühl der Hilflosigkeit verringern und dazu beitragen, dass wir entsprechend unseren Absichten handeln. Einsichten helfen aber weder automatisch noch auf mysteriöse Weise und sind auch nicht so verlässlich, wie wir es uns wünschen. Vielmehr helfen sie, wenn überhaupt, auf ganz spezielle Art.

 Entscheidend aber ist vor allem dies: Sollen sie einen Sinn ergeben, darf man nicht fertige Antworten parat haben oder nach gespeicherten Erkenntnissen Ausschau halten, sondern muss sich dem Prozess ständigen Nachdenkens anvertrauen. Dieser Ablauf hat durchaus eine positive Funktion. Er kann zu einer Änderung des Denkens und des Verhaltens führen und bietet auch Chancen zur Selbstwahrnehmung und die Möglichkeit zur Selbstkontrolle. Allgemein gilt: Aus Selbsterkenntnis erwächst die Chance zur Erlangung erhöhter Selbstkontrolle. Oft empfinden wir es als schwierig, Gefühle wie Angst oder Zorn wahrzunehmen; diese Gewohnheit kann sich als hartnäckig erweisen; wir ergeben uns vielleicht unserem Frust. Wenn wir unser Verhalten in den Griff bekommen wollen, entpuppt sich das Selbst mitunter als schwer fassbar. Sie sehen, die Sache ist komplex.

Und wie steht es mit einigen Dingen, die sich außerhalb Ihrer Haut befinden? Sind diese denn eindeutig nicht Teil Ihres Selbst? Man kann sich vorstellen, dass jemand ganz aufrichtig sagt: „Von Kindesbeinen an habe ich einen Teddybär im Schrank. Ich sehe ihn mir nur einmal im Jahr an. Aber wenn ich ihn verlöre, wäre es, als hätte ich einen Teil von mir verloren!“

Andere Menschen erleben vielleicht ihre Sammlung von Rock-and-Roll-Singles aus den fünfziger Jahren oder  ihren  Sportwagen  als  tiefempfundenen Teil von sich. Viele Menschen empfinden auch ihre Angehörigen - den Partner, die Kinder, die Eltern - als zu sich gehörig. Natürlich gibt es auch Personen, die beim Aufräumen des Dachbodens ihren Teddybären oder ihre Rock-and-Roll-Singles ohne Bedenken wegwerfen, das Auto einzig als Transportmittel betrachten und sich auch nicht besonders stark mit ihren Familienangehörigen verbunden fühlen.

     Offenbar gibt es also keinen eindeutigen Maßstab für die Definition dessen, was zu unserem Selbst gehört. Nicht einmal die Grenzen des Körper-Selbst können wir eindeutig definieren, vom psychologischen Selbst ganz zu schweigen. Wenn es nun aber keine Antwort auf die Frage: „Was ist das wahre Selbst?“ gibt, wie kommen wir denn zu der Vorstellung, wer wir sind? Zumeist empfinden wir unser Selbst als ziemlich stabil. Wenn es hier keine strengen Vorschriften gibt, wieso können wir dann das Selbst dennoch recht gut definieren? Allgemein gesagt, „konstruieren“ wir im Laufe des Lebens ein bestimmtes Bild von uns selbst. Wie dieser Prozess funktioniert, wie die Grenzen des Selbst konstruiert werden, ist eher eine komplizierte, wechselvolle Entwicklung der Lebensgeschichte.

    Wenn eine Blockierung jedoch zum Problem wird, ist es nützlich, die Verschiebbarkeit der Selbst-Grenzen zu erkennen. Das Selbst ist eine Konstruktion. Es bildet sich im Laufe der Zeit als Folge unserer Erfahrungen heraus und entwickelt sich zeitlebens weiter. Verschiedene Gegenstände und Charaktereigenschaften betrachten wir in Beziehung zu unserem Kern-Selbst als anerkannt (Teil-Selbst), nicht anerkannt (dem Selbst fremd) oder unbedeutend (ohne Relevanz für das Selbst).

Der Status bestimmter Gegenstände oder Eigenschaften mag sich im Laufe der Zeit ändern, wodurch sich die Grenze zwischen Selbst/Nicht-Selbst verschiebt. Tatsächlich hat jeder Wandel hinsichtlich des Anerkennungsverhältnisses aber weitreichende Folgen für unsere Selbst-Akzeptanz, unser Verantwortungsgefühl sowie unsere Selbstkontrolle. Dass wir erkennen, wie die Blockierungen funktionieren und welches ihre Wirkungen sind, trägt zum Verstehen und zu  Bewältigung  der  Blockierungen bei. In diesem Vorzug liegt allerdings auch ein Problem. Die Anpassungsfähigkeit und der Nutzen dieser Effekte bringen es mit sich, dass zahlreiche Fragen der Deutung bedürfen oder offen bleiben. Und dieser Spielraum kann uns Angst machen. Und zwar, weil er in uns ein Gefühl von Verantwortlichkeit - die Notwendigkeit, eine Wahl zu treffen oder eine Entscheidung zu fällen, den Sinn der eigenen Verhaltensweisen zu deuten - sowie das Streben nach Selbstbestimmung weckt. Wo man die Grenzen des Selbst zieht, hängt nicht von einem weitgefassten Prinzip ab, sondern von geschickten Verhandlungen mit sich selbst (vielleicht mit fachkundiger Hilfe). Durch sie streben wir nach einer Selbstdefinition, die unserem Wohlbefinden dient. Das Entscheidende ist, dass man erkennt, wie viel Spielraum man beim Ziehen der Grenzen des Selbst hat. Vergessen Sie aber nicht: wie wir uns selbst sehen, hat großen Einfluss auf unser Erleben und Handeln. Vielleicht können wir dadurch, dass wir uns auf neue Weise sehen, unser Selbst-Bild neu konstruieren, alte Grenzen aufgeben und uns so von unseren Problemen befreien.

Ihre Garage ist seit Monaten ein einziges Durcheinander. Auf der Arbeitsplatte liegen nicht benötigte Werkzeuge herum, die Sammelbehälter für den wiederverwertbaren Abfall quellen über, und der Fußboden ist schmutzig. Ihre Frau bittet Sie zum x-ten Mal, die Werkstatt an diesem Wochenende endlich sauberzumachen. Sagen sie sich laut vor:

„Okay, okay, ich versuche, es noch vor dem Spiel am Sonntag zu schaffen.“

Und jetzt sagen Sie folgendes: „Sonntag Nachmittag ist die Werkstatt tipptopp.“

Welches Versprechen wird Sie eher motivieren, Taten folgen zu lassen?

Sagen Sie sich selbst und anderen, was Sie tun werden, nicht, was Sie versuchen, zu tun.

Anstatt zu sagen: „Ich werde es versuchen,“ sagen sie lieber: „Ich werde es tun.“

Anstatt zu sagen: „Ich möchte gern wissen, ob Sie vielleicht...?“ sagen Sie lieber: „Wann werden Sie...?“

Anstatt zu sagen: „Das ist unmöglich.“ sagen Sie lieber: „Es wird einige besondere Anstrengung erfordern - und es lässt sich machen.“

 Wie lautet Ihre Entschuldigung?

Sie bitten Ihre Kollegin, Sie nach Hause zu fahren, und als Sie ankommen, laden Sie sie zu einer Tasse Kaffee ein. Sagen Sie sich laut vor: „Sie müssen das Durcheinander entschuldigen. Ich hatte es eilig heute morgen, die Wohnung ist ein einziges Chaos.“

Und jetzt sagen Sie folgendes: „Willkommen daheim.“

Wessen Wohnung wird der Kollegin ordentlicher vorkommen? Wo wird sie sich wohler fühlen? Was hört sich eher nach einem selbstsicheren Menschen an?

Jeden Tag werde ich mir meiner Sprache aufs neue bewusst, und ich strenge mich an, sie zu verbessern. Das können Sie auch!

Jedes Mal, wenn Sie sagen: „Sie müssen mir mein ...Haus/ meinen Wagen/ meine Leistung usw. verzeihen“, dann hat Ihre Entschuldigung einen doppelten Effekt: Erstens machen Sie auf einen Umstand aufmerksam, mit dem Sie sich nicht abfinden können und den der andere wahrscheinlich gar nicht bemerkt hätte. Zweitens wirken Sie unsicher! Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Leute, die sich für alles mögliche entschuldigen, es in den seltensten Fällen nötig haben? Sobald sie sagen: „Bitte entschuldigen Sie meine chaotische Wohnung“, denken sie sich wahrscheinlich bloß: „Wofür entschuldigt er sich? Sie ist viel ordentlicher als meine.“

Nimmt jemand Anstoß am Erscheinungsbild Ihrer Wohnung, an Ihrem unordentlichen Büro oder an Ihrem dreckigen Wagen, dann ist es sein Problem! In Wirklichkeit fällt den meisten gar nicht auf, was Ihnen Unbehagen bereitet - falls Sie sie nicht mit der Nase darauf stoßen. Und fällt es ihnen trotzdem auf, sollte es Sie nicht kümmern.

Kurz: Entschuldigen Sie sich nicht für etwas, wo Sie sich unsicher fühlen. Entweder tun Sie etwas daran, oder Sie  lassen  es  bleiben.  Hören  Sie  auf,  sich zu rechtfertigen oder für irgendeine eingebildete Schwäche zu entschuldigen.

Anstatt zu sagen: „Sie müssen meine unordentliche Wohnung schon entschuldigen. Ich hatte diese Woche einfach keine Zeit, sauberzumachen,“

sagen Sie lieber: „Willkommen! Nett, dass Sie da sind.“

Anstatt zu sagen: „Bitte entschuldigen Sie den Haufen Zeugs in meinem Büro. Ich war ziemlich beschäftigt die letzte Zeit. Ich fürchte, mein Raum bietet ein Bild der Verwüstung,“

sagen Sie lieber: „Kommen Sie herein. Ich räume nur ein paar Sachen zur Seite, dann haben wir Platz.“

Anstatt zu sagen: „Wir könnten meinen Wagen nehmen, wenn Sie sich mit meiner alten Rostbeule zufrieden geben. Ich will mir einen neuen kaufen, aber bergab schafft es meiner auch noch ganz gut.“

sagen Sie lieber: „Nehmen wir meinen Wagen!“

Anstatt zu sagen: „Sie müssen meinen Wagen / meine Unordnung / meine Frisur / mein Haus entschuldigen,“

sagen Sie lieber - gar nichts.

Ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Worte offenbaren, was wir über uns denken und wie wir uns fühlen. Sie dienen als eine Art Stimmungsbarometer, das den Grad unserer Selbstachtung anzeigt. Ein angekratztes Selbstbild wird daher beispielsweise zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. „Wie man behandelt wird, hängt davon ab, wie man sich behandelt und verhält.“ Wenn wir also in dem Miteinander etwas verändern wollen, dann sollten wir stets auf den Punkt kommen, das unnötige Wortgetöse und Erklären müssen beiseite schieben und sagen, was wir meinen. Es gibt unter Messies einige, die viel reden und wenig sagen, so viel vages Gerede und dummes Geschwätz, dass man es als eine angenehme Abwechslung empfindet, wenn jemand nichtssagende Worthülsen sprengt und sich darauf konzentriert, kurz und bündig zur Sache zu reden. Seien Sie eindeutig in dem, was sie sagen. Seien Sie darauf bedacht, Verlässlichkeit zu vermitteln. Kommunikation ist immer eine zweigleisige Spur. Haben Sie zusätzlich zu Ihrem guten Ausdruck auch die Geduld, zuhören zu können. Jedoch verlassen sie sich nicht darauf, alles gleich beim erstenmal richtig zu verstehen.

Sie demonstrieren ihre kommunikative Kompetenz, indem Sie sich Zeit lassen, um nachzufragen, ob das, was sie verstanden haben, auch das ist, was der jeweilige Gesprächspartner gesagt hat.

 Anstatt zu sagen: „Wir müssten es dann und dann fertig haben,“ sagen Sie lieber: „Wir sind dann und dann damit fertig.“

Legen Sie sich auf einen bestimmten Termin, einen bestimmten Zeitpunkt und auf eine bestimmte Menge fest. Das Wort „müsste“ oder „könnte“ läuft einer Zusage zuwider und ist unpräzise. Überlegen Sie sich vorher, was Sie sagen wollen und sagen Sie es dann geradeheraus!

Anstatt zu sagen: „Ich möchte hier doch anmerken...,“ sagen Sie, was Sie zu sagen haben.

Anstatt zu sagen: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“, fragen Sie!

Anstatt zu sagen: „Also, im allgemeinen neige ich doch eher zu der Annahme, dass...“ sagen Sie: „Ich meine...“

Anstatt zu sagen: „Eigentlich habe ich keine Lust, aber ich sage mal ja.“ sagen Sie lieber: „Nein, ich kann nicht. Trotzdem danke, dass Sie mich fragen.“

Wenn man halbherzig einwilligt, etwas zu tun, wozu man eigentlich überhaupt keine Lust hat, wird man es später fast immer bereuen. Wenn man nicht ganz sicher ist, dass man auch wirklich will, sollte man lieber gleich nein sagen. Ein gutes Gefühl, auch mal nein zu sagen! Es ist nicht meine Absicht, unhöflich oder unkooperativ zu sein. Ich will nur einfach meine Grenze aufzeigen.

 Anerkennung, die man verdient hat, anzunehmen, ist auch noch aus einem anderen Grunde wichtig: Wir alle reagieren auf Bestätigung - und die Art von Bestätigung, die am meisten Gewicht hat, kann unter Umständen die sein, die wir uns selbst geben. Es ist wichtig, dass wir uns nicht scheuen zu sagen, worin wir gut sind. Hören wir Messies sagen: „Ach, ich weiß nicht so recht“, dann merke ich und auch andere, es fehlt ihnen das Selbstvertauen. Mit anderen Worten, sich selbst etwas als Verdienst  anzurechnen,  resultiert in einer Bestätigung der eigenen Person und fördert die Absicht, ähnliche Leistungen zu wiederholen.

Viele Menschen knüpfen sich bei diversen Gelegenheiten gern ein Sicherheitsnetz aus Entschuldigungen, in der Erwartung, dass sie versagen oder andere Menschen von Ihnen enttäuscht sein werden. Dabei würde, wenn man nichts sagt, aller Wahrscheinlichkeit nach keinem auffallen, dass man sich seiner Fähigkeiten nicht ganz sicher ist. Der einzige, der viel zu kritisch an seine Leistung herangeht, ist man selbst.

 Um es noch einmal deutlich zu machen:

Das einzige Handikap ist die Einstellung und Unsicherheit im Blick auf die vermeintliche Unfähigkeit, und das wäre kaum jemandem aufgefallen, wenn man nicht dauernd auf die Ungeschicklichkeit aufmerksam gemacht hätte. Geben Sie ihr Bestes, ohne zu sagen, dass Sie ihr Bestes nicht für gut genug halten

Anstatt zu sagen: „Ich bin da wirklich nicht gut drin,“ legen Sie einfach los und geben Sie Ihr Bestes - ohne sich erst zu entschuldigen.

Sie werden aus Ihrer Firma gefeuert. Sie hinken mit zwei Kreditraten hinterher. Ihr Partner verlässt sie: Warum musste mir das passieren? Nach einer Zeit voller Not und Verzweiflung und Depressionen dämmert es Ihnen: Weil ich es geschehen ließ. So einfach ist das: Wenn wir etwas geschehen lassen, geben wir die Kontrolle über unser eigenes Schicksal an andere weiter.

Anstatt zu sagen: „Ich kann es nicht ändern; es ist nicht meine Schuld,“ sagen Sie lieber: „Ich bin dafür verantwortlich, dass sich das ändert.“

 Wie werden wir unsere Unsicherheit, Ängste und Sorgen wieder los?

  1.           Überlegen sie, was genau Ihnen Sorgen bereitet, und beantworten Sie sich die Frage: Was könnte sich schlimmstenfalls aus dieser Situation ergeben?

  2.            Akzeptieren Sie „das Schlimmste“, als wäre es bereits eingetreten. Stellen Sie sich vor, es ist Wirklichkeit. Nachdem Sie nun Ihre schlimmsten Befürchtungen akzeptiert haben, besteht keine Notwendigkeit mehr, auch nur die geringste Energie auf die Sorge zu verschwenden, sie könnten wahr werden.

  3.            Leiten Sie Ihre Energie, die Sie auf die Sorge verwendet haben, Ihre schlimmste Befürchtung könnte sich bewahrheiten, um und tun Sie statt- dessen etwas Nützliches, das verhindert, dass sie tatsächlich Wirklichkeit wird.

Übernehmen Sie bereitwillig persönliche Verantwortung. Statt anderen die Schuld zuzuweisen und Rechenschaft von ihnen zu verlangen, betrachten sie sich als Mensch, der das Schicksal in die eigenen Hände nehmen kann. 

Sie setzen sich voll und ganz ein. Sie sind kein Betrogener und reden nicht, als seien sie Opfer von Verhältnissen, die jenseits ihrer Kontrolle liegen. Formen Sie sich die Verhältnisse selbst. Sind die Verhältnisse nicht optimal, machen Sie sich daran, sie zu verändern. Ist an einer Situation tatsächlich einmal nichts zu verändern, richten sie sich darauf ein und verändern ihre Reaktion. Übernehmen Sie Verantwortung für das, was sie erreichen, aber auch für das, was Sie nicht erreichen. Schieben wir die Schuld anderen zu, schwächen wir uns selbst. Statt unsere Situation zu verbessern, machen wir einen Rückschritt. Es sind nicht andere Menschen oder andere Umstände, die uns zurückhalten. Wir halten uns zurück durch die Art und Weise, wie wir auf diese Menschen und diese Umstände reagieren. 

Ich bin ver-antwort-lich - das heißt, in der Lage, eine Antwort auf meine Situation zu finden.

Eine Eigenschaft, die man durchgehend bei „Nicht - Messies“ antrifft, ist die, dass sie die Verantwortung für ihren Zustand selbst übernehmen. Sie spielen nie die „Opferrolle“. Sie bleiben nicht dabei stehen, sich etwas als Verdienst anzurechnen, wenn die Sache gut gelaufen ist. Sie glauben an die Idee einer persönlichen Verantwortung, auch wenn nicht alles perfekt läuft. So erhalten sie sich die Kraft, die Dinge zu ändern. Sehen Sie ein, dass das meiste von dem, was Ihnen im Leben gefällt oder nicht gefällt, veränderbar ist. Und selbst bei den wenigen Dingen, die Sie nicht ändern können, haben Sie immer noch die Wahl zwischen einer positiven oder negativen Reaktion. Übernehmen Sie Verantwortung, akzeptieren Sie Ihre Entscheidung, und sprechen Sie von wählen, wenn Sie die Situation beschreiben, in der sie sich befinden.

Anstatt zu sagen: „Ich kann daran nichts ändern. Ich habe mich nicht freiwillig in diese festgefahrene Situation gebracht,“

sagen Sie lieber: „Ich habe beschlossen, das Beste aus der Situation zu machen.“

Wann immer ich auf andere zeige, weil ich zum Beispiel in meiner Arbeit gestört oder abgelenkt wurde, mache ich mir eine kleine Hilfskrücke zu- nutze: Vor meinem geistigen Auge sehe ich meinen Zeigefinger auf denjenigen oder die Situation gerichtet die mich vermeintlich daran gehindert hat, das zu tun, was ich wollte. Aber gleichzeitig liegen die anderen drei Finger auf meiner Handfläche und zeigen in meine Richtung. Diese drei Finger ermahnen mich, nicht abzulenken, sondern die Aufmerksamkeit auf mich zu richten, auf meinen Anteil an der so abgelaufenen Situation. Richten wir unser Augenmerk auf die drei anderen Finger, verändern wir unsere innere Haltung - von einer erlebten Hilflosigkeit zu einem Handeln-Können , Nein-Sagen-Können, Sagen-Können, was ich will.

Immer wenn Sie sich dabei ertappen, wie Sie die Schuld oder die Verantwortung auf etwas anderes oder jemand anderen schieben, schauen Sie sich die drei anderen Finger an, die in die entgegengesetzte Richtung zeigen - auf Sie.

Anstatt zu sagen: „Der... hat mich gestört, deswegen bin ich noch nicht fertig, ich brauche mehr Zeit,“

sehen Sie lieber Ihren Anteil. Sie haben sich stören lassen - warum? Können Sie nicht nein sagen? Das aber kann man lernen. Wünschen Sie sich nicht mehr Zeit. Übernehmen Sie lieber die Verantwortung dafür, wie Sie die zur Verfügung stehende Zeit nutzen und akzeptieren Sie, dass Ihre Leistung und auch Fehlleistung ein Spiegel Ihrer Entscheidung ist, Ihrer Zeiteinteilung. Erinnern Sie sich also immer wieder an diese Entscheidung, indem Sie in der Weise über Ihre Situation oder Zeit reden, die Ihre Rolle bei dieser Gestaltung anerkennt.

Die meisten Konfliktsituationen sind auf eingebildete Barrieren zurückzuführen. Wenn man zusammenarbeitet, auf derselben Seite steht, dann gibt es keine Konfrontation. Der erste Schritt zur Konfliktreduzierung besteht darin, diese Barrieren aufzulösen. Sie müssen dem anderen zeigen, dass Sie darauf abzielen, ihn als Partner zu gewinnen, nicht als Gegner.

 Vermeiden Sie, wenn es geht, Pronomen, die das Ich - Du - Schema nur verstärken. Sagen Sie „wir“ oder „uns“ statt „Sie/du“ und „ich“, um deutlich zu zeigen, dass Sie die Beziehung als eine Partnerschaft betrachten.

 Vergessen Sie nicht, die Gemeinsamkeiten hervorzuheben, die Sie mit Ihrem Gegenpart teilen. Machen Sie es der anderen Person leicht, zu erkennen, dass Sie es ehrlich mit ihr meinen. Sobald Sie eine Gemeinsamkeit mit jemandem festgestellt haben, ist dieser eher bereit, Sie als einen Partner anzuerkennen, der das anstehende Problem lösen wird und nicht als einen Feind, der den Konflikt nicht einmal ernst nimmt. Deswegen Vorsicht bei Allgemeinbegriffen! Streichen Sie solche Worte wie „immer“, „nie“, „alles“ und „nichts“ aus Ihrem Wortschatz - vor allem, wenn Sie damit Ihr eigenes Verhalten oder das eines anderen kritisch beschreiben wollen.

 Anstatt zu sagen: „Ich kann mir Deine Telefonnummer nie merken,“

sagen Sie lieber: „Manchmal habe ich Schwierigkeiten, mir Telefonnummern zu merken, deswegen werde ich mir deine jetzt aufschreiben.“

Anstatt zu sagen: „Sie müssen folgendes tun,“ sagen Sie lieber: „Wir werden jetzt folgendes tun.“

Wir setzen unsere Sprache ein, um Kooperation zu fördern und potentielle Konflikte zu entschärfen. Sie gebrauchen beiderseitig aufbauende Redewendungen und gehen Partnerschaften mit anderen ein. Ihr Bestreben ist es, dafür zu sorgen, dass bei allen Verhandlungen beide Seiten gewinnen, dass es keine Verlierer gibt. Der simple Austausch des Wörtchens „aber“ durch das Wörtchen „und“ wirkt konfliktreduzierend, indem er nahe legt, dass zwei gegensätzliche Vorstellungen gleichzeitig nebeneinander existieren können, ohne dass die eine die andere umstößt. In den meisten Fällen jedoch benutzen wir „aber“ aus reiner Gewohnheit, auch wenn „und“ eine viel passendere Wortwahl wäre - sofern Sie den vorausgegangenen Gedanken nicht wirklich herabsetzen wollen.

Ich hoffe, Ihnen einige Denkanstöße, Sprechweisen und Überlegungen vermitteln zu können, mit denen sich das Messie - Syndrom besser lösen lassen.

Welche Theorie >richtig< ist, ist nicht wichtig. Was zählt, ist unser Bemühen, einen Sinn in den Dingen zu finden - so, dass es uns hilft, sie zu verstehen und zu ändern, d. h. in diesem Fall: unser Bemühen, unsere Verhaltenweisen zu verstehen und zu beeinflussen lernen. >Richtig< ist also das, was funktioniert, was uns hilft, etwas sinnvoll zu deuten und einen Wandel im Verhalte herbeizuführen. Und wenn das zwei vollkommen unterschiedlichen (Sprech-) Weisen bei unterschiedlichen Anlässen gelingt oder auf unterschiedlichen Wegen bei derselben Gelegenheit oder für unterschiedliche Menschen, dann reicht das schon, dass wir das in unsere Sinndeutungsversuche integrieren sollten.

Wenn wir uns aber nach leichten Antworten oder schnellen Lösungen sehnen, sollten wir uns daran erinnern, dass es in der Welt nicht immer leicht erklärlich zugeht. Insbesondere nicht in dem Winkel, den wir etwas schrulligen Menschen (Messies) bewohnen.

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