Die Angehörigen von Messies:

                                          Mitbetroffen!

Ehepartner, Kinder, Eltern und auch Nachbarn, sie alle geraten mit in den Abwärtsstrudel der Hoffnungslosigkeit. Manche erleben es so stark, dass sie am Ende selbst behandlungsbedürftig sind.

Nach Meinung der Experten gibt es fast zwei Prozent der Bevölkerung, die an dem Messie-Syndrom erkrankt sind. Angehörige gibt es um ein Vielfaches mehr. Das Messie - Erleben wirkt besonders im privaten Bereich. Es entsteht oft eine Atmosphäre, diese Defizite nicht ansprechen zu können. Diese Krankheit ist eine Beziehungskrankheit, sie wirkt immer auf das ganze Umfeld - und das mit ungeheuerer Vehemenz. Die widersprüchlichen Signale eines Messies setzen den Gegenüber letztlich schachmatt.

Die seelische Not der Angehörigen wird oft nicht gesehen. Die Gießener Studie belegt in ihrer Untersuchung von 87 Angehörigen psychisch Kranker, dass diese einer enormen Belastung ausgesetzt sind - wie bei einem Staatsexamen -, allerdings mit lebenslanger Perspektive. Die Angehörigen sind hinsichtlich psychischer und psychosomatischer Störungen doppelt so hoch belastet wie die Durchschnittsbevölkerung. Häufig fühlen sich die Betroffenen völlig überfordert.

Es gibt drei wesentliche Beziehungsmuster, bei denen die Angehörigen oft ein Gefühl von Gefangen-Sein erleben:

Das erste Verhalten hat einen “distanzierten und entziehenden Effekt”. Der Messie zeigt kein Interesse, wirkt starr und reaktionslos, das Gespräch erscheint oft sinnlos und hoffnungslos. Der Messie möchte am liebsten allein gelassen werden und sich nur im Bett aufhalten und empfindet die Erwartungen der anderen, mit denen er zusammenlebt, als überfordernd. Die Angehörigen, die sich zurückgestoßen fühlen und widersprüchliche Gefühle erleben, empfinden gleichzeitig Verärgerung und Mitleid - sie geraten in einen Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt.

Zweitens ruft die Abwehr der eigenen Verantwortung aber auch Feindseligkeit hervor: Die ständige Klagen, wer oder was verhindert hat, die vorgenommenen Arbeiten nicht oder nur teilweise erledigen zu können, verstehen Angehörige häufig als Anklagen: vor allem dann, wenn diese in gereizter und verbitterter Weise vorgebracht werden. Das verärgert Angehörige, die sowieso alles tun, um gegen diese trostlose und aussichtslose Stimmung anzukämpfen.

Drittens wirkt es als Appell: Die geäußerte Verzweiflung und Hilflosigkeit des Messies wecken beim Partner Mitgefühl und Anteilnahme. Ein “Schrei nach Hilfe”. Das verändert sich, wenn die Angehörigen wirklich helfen, denn “so haben sie es nicht gemeint”. Angehörige können Gefühle wie Wut, Ärger, Angst, Schuld, Scham, oder Mitleid nicht zeigen, weil sie glauben, dass die Situation sich sonst verschlechtert, und das bringt sie in ein ständiges Stresserleben. Schließlich können sie der häuslichen Atmosphäre nicht ausweichen - wie Außenstehende.

Angehörige wehren sich gegen den nur vage empfundene Kontrollverlust ihrer Gefühle, indem sie den Kampf gegen diese Stimmung aufnehmen. Es werden alle Hebel in Bewegung gesetzt: Aufmuntern, Disziplinieren, Durchhalteparolen, Appelle an den Willen, übersteigerte Aktivität mit Aufräum- und Entmüllungsaktionen. Partner, Eltern, Geschwister, aber auch Kinder versuchen, durch die Übernahme von notwendigen Hausarbeiten in ein normales Leben zurückzukommen - meist mit geringem oder gar keinem Erfolg.

Diese Veränderungsversuche vollziehen sich nach einem bestimmten Muster:

Zuerst werden Pläne gemacht, die die tägliche Arbeit festlegen. Sie scheitern oft nach wenigen Tagen ohne erkennbare Ursachen. Wegwerf-, Ausräum- und Sortieraktionen scheitern nach kurzer Zeit durch trotziges und Widerstands - Verhalten der Messies. Nach Wochen oder Monaten erleben die Angehörigen eine psychische Erschöpfung. Erschwerend kommt hinzu, dass sie häufig die gesamten Aufgaben im Haushalt mit übernehmen müssen: Betreuung der Kinder, der pflegebedürftigen Mutter und so weiter. Viele Angehörige überfordern sich dabei und geraten nach einer Weile selbst an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Zusätzlich haben sie das Gefühl, dass die Messies durch exzessives Sammeln und Horten zur Verschärfung der häuslichen Situation beitragen. Oder durch immer neue Ideen und einen Perfektionismus den Angehörigen daran hindern, die übernommenen Hausarbeiten auszuführen, selbst aber mit deren Ausführung regelmäßig scheitern.

Was können Angehörige tun, um sich aus dieser Abwärtsspirale zu befreien oder sich selbst zu schützen?

1. Die Verhaltensweisen des Messies akzeptieren

Es ist ein schmerzlicher Prozess sich einzugestehen, dass man den anderen nicht verändern kann. Man muss sich diesen Problemen stellen - auch wenn es schwer ist und das bedeutet letztlich immer auch einen Verlust (Hoffnung, Illusion) und das heißt eine partielle Trennung (Abgrenzung).

2. Sich keine Schuldgefühle machen

Eltern suchen oft die Ursache für die Probleme ihrer Kinder in ihren Erziehungsmethoden, auch wenn sie das Gefühl haben, gar nicht besser hätten handeln zu können. Mit ihren Schuldgefühlen nehmen sie den Kindern aber ihre Eigenverantwortlichkeit, auf bestimmte Situationen richtig reagieren zu müssen.

Dass Kinder und Jugendliche auch eine eigene Verantwortung für sich haben (und das gilt erst recht für Erwachsene), das zu wissen entlastet Angehörige von Schuldgefühlen und der Angst, versagt zu haben.

3. Die Grenzen der eigenen Belastbarkeit erkennen

Angehörige müssen erkennen, dass sie dem Messie wenig bis keine Hilfe geben können. Denn das Messie - Verhalten besitzt eine Eigendynamik, die oftmals von unmittelbar zusammenlebenden Personen so in Gang gesetzt wird. Diese ungünstige Beziehungsdynamik erfordert mitunter eine massive Abgrenzung gegenüber den Forderungen nach mehr räumlicher Ausbreitung und Inbesitznahme von Dingen. Wenn dieses sehr aggressiv gefordert wird, reagieren Angehörige überängstlich und es ist dann sinnvoll, Hilfe von außen zu suchen.

4. Verantwortung abgeben

 Es ist eine Entlastung für Angehörige, wenn der Messie selbst nach Veränderungsmöglichkeiten sucht. Zum Beispiel, wenn er eine Therapie beginnt oder in eine Selbsthilfegruppe geht. Der Angehörige kann dann aufatmen, wenn die Verantwortung bei der Person liegt, wo sie hingehört.

5. Sich Auszeiten nehmen und eigenen Interessen nachgehen

Denn Auszeiten sind unumgänglich, um nicht selbst auszubrennen. Angehörige sollten weiterhin ihren Hobbys nachgehen, Sport machen, für sie wichtige und interessante Veranstaltungen besuchen. Auch die eigenen Sozialkontakte sind von entscheidender Bedeutung für die Bewältigung der häuslichen Situation und oftmals von entscheidender Bedeutung, wenn es um das Aushalten und Hoffnung tanken geht.

6. Die Wozu - Frage stellen “Wozu braucht der Messie das Chaos?”

Das Verhalten des Messies kann eine Botschaft enthalten und es kann auch etwas mit den Angehörigen zu tun haben: mit Eltern, denen die Fassade immer wichtiger waren als die Bedürfnisse und Gefühlswelt ihres Kindes; der Partner, der die Überforderung und die Doppelbelastung als Mutter und Geschäftsfrau nicht erkennt und die Erschöpfung nicht sieht. Oder die Unfähigkeit des Messies, sich vor den riesigen Ansprüchen abgrenzen zu können. Das Chaos zwingt zum Innehalten, zum Überdenken seiner mehr oder weniger gelungen Lebenskonzepte, um diese mit der aktuellen Lebenssituation der Angehörigen zu verschmelzen. Wichtig ist, den Partner darin zu unterstützen, krank machende Bedingungen seiner jetzigen Lebenssituation zu verändern. Nicht immer schaffen Angehörige all dieses aus eigener Kraft.

In solchen Fällen können Angehörigengruppen sinnvolle Unterstützung geben.

Messie - Angehörigen-  Selbsthilfegruppen sollte es in den Städten geben, in denen es auch Messie - Selbsthilfegruppen gibt.

Die Ziele dieser Zusammentreffen sind:

Die Angehörigen

-          informieren sich über alle möglichen Verhaltensweisen und deren Auswirkungen auf die Familie;

-          können durch Gespräche ihre Schuldgefühle abbauen;

-          werden ermutigt, Grenzen zu setzen;

-          erleben, dass andere Menschen dieselben Probleme haben wie sie;

-          lernen, ihre Beziehungsmuster zu erkennen: einer hilflos - einer Helfer und dann auch zu verändern.

Wie komme ich zu einer Angehörigen-Gruppe?

Erkundigen Sie sich, ob in Ihrer Umgebung bereits eine Selbsthilfegruppe besteht. In einigen Städten gibt es Selbsthilfegruppen-Kontaktstellen, bei denen Sie sich informieren können. Die Kontaktstelle kann auch initiativ eine Gruppengründung anregen oder erleichtern.

Wie gründe ich selbst eine Gruppe?

Eine Anfrage bei der Lokalzeitung, ob ein Journalist(in) Interesse hat, über die Gruppengründung zu berichten und dabei gleichzeitig Ort und Zeit des Gründungstreffens bekannt zu geben. Keine Angst, die meisten Journalisten helfen gern.

Wo soll sich die Gruppe treffen?

Möglichst in einem neutralen Raum. Die SHG - Kontaktstelle kann auch hier behilflich sein.

Wie oft und wie lange sollte sich die Gruppe treffen?

Wichtig ist vor allem die regelmäßige Teilnahme über einen längeren Zeitraum. Es erfordert Zeit, Vertrauen zu entwickeln und Probleme zu bewältigen. Die meisten Gruppen treffen sich mindestens ein Jahr lang einmal pro Woche für 2-3 Stunden. Es empfiehlt sich, die Anfangs- und Endzeiten möglichst genau festzulegen und einzuhalten. Man muss sich aufeinander verlassen können.

Wie groß sollte die Gruppe sein?

Eine gute Gruppengröße für Gesprächsgruppen ist 6-8 Personen. Anfangen sollte man jedoch mit einer größeren Anzahl (etwa 12), da gerade in der Anfangsphase einige Interessierte abspringen. Eine länger bestehende, stabile Gruppe wird beim Ausscheiden von Mitgliedern selbst entscheiden, ob neue Interessenten aufgenommen werden sollen.

Braucht die Gruppe eine Leitung?

Eine Selbsthilfegruppe hat keinen Leiter. Sie benutzt die Fähigkeit der Mitglieder, sich selbst und anderen zu helfen. Diese Fähigkeiten sind die gleichen, mit denen wir unsere Alltagsprobleme bewältigen. Manche Gruppen gestalten ihre ersten Treffen mit Hilfe von Anleitungen - dies mindert die anfängliche Unsicherheit. Jede Gruppe wird ihren eigenen Stil finden.

Den größten Erfolg haben erfahrungsgemäß Gruppen, die im freien Gespräch so offen wie möglich ihre Probleme austauschen und zu bewältigen versuchen.

Was tun bei Gruppenschwierigkeiten?

Es ist hilfreich und wichtig, sich mit anderen Selbsthilfegruppen auszutauschen. Diese haben oder hatten möglicherweise vergleichbare Probleme und können von ihren Lösungsversuchen berichten, oder sie können dazu beitragen, die Bedeutung eines Problems angemessen einzuschätzen.

Verhaltensempfehlungen für Angehörige

  1. Nicht an den Willen appellieren mit Sätzen wie “Du wolltest doch...”  Messie - Sein hat nicht mit Willensschwäche zu tun und auch nichts mit Schlampigsein.

  2. Jetzt keine wichtigen Entscheidungen einfordern, wie zum Beispiel Arbeitsplatzwechsel, Scheidung, Kinder bekommen.

  3. Sich so authentisch verhalten wie möglich. Das hilft dem Messie, den anderen anders wahrzunehmen und den eigenen Standort neu zu bestimmen.

  4. Sich immer wieder deutlich abgrenzen, damit der Messie die Grenzen anderer wahrnehmen kann und sie nicht überschreitet.

  5. Auf einen Tag - Nacht - Rhythmus achten (nicht bis in die Nacht arbeiten und tagsüber ununterbrochen müde sein).

  6. Die Beziehung nicht vermeiden oder abbrechen, wenn die verbale Verständigung fehlt.

  7. Eine präzise und klare Sprache benutzen: indirektes Sprechen vermeiden, knapp, kurz, aber in aller Offenheit formulieren, ohne Befehlston.

  8. Vereinbarungen über die täglichen Dinge treffen. Deren Einhaltung nicht kontrollieren, aber doch Verstöße ansprechen.

  9. Nicht auf das Grübeln über vergangene Ereignisse eingehen. Möglichst in der Gegenwart bei aktuellen Empfindungen bleiben.

  10. Die negativen Empfindungen wie: Unlust, Schlaflosigkeit, körperliche Beschwerden nicht bagatellisieren, wegdeuten oder ausreden. Keinen platten Trost spenden.

  11. Im Gespräch bleiben, aber bitte mit Offenheit und Ehrlichkeit, auch wenn der Messie abweisend ist. Er hat ein sehr sensibles Gespür dafür, wie andere zu ihm stehen - genervt oder wohlwollend.

  12. Bei ungehemmtem Geldausgeben zur freiwilligen Beschränkung überreden.

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