Das Messie-Syndrom

 Primäre Symptome

 Marianne Bönigk-Schulz

 

Was kann helfen?

Ein Versuch der Bewältigung...

 

Januar 2005

 

Herausgeberin:

Marianne Bönigk-Schulz

Tegerstraße 15, 32825 Blomberg

 

FÖRDERVEREIN ZUR ERFORSCHUNG DES MESSIE-SYNDROMS (FEM) e.V.

Bundesgeschäftsstelle der Messie und Angehörigen Selbsthilfegruppen Deutschland

Tegerstraße 15, 32825 Blomberg

Tel. 05236-888795

Fax 05236-888796

EMail:

Internet: http://www.femmessies.de

Internet: http://www.messie-selbsthilfe.de

 

Spenden-Konto:Sparkasse Detmold (BLZ 476 501 30) Kto.-Nr. 470 492 42

Copyright

© Alle Rechte bei den Autoren

Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers.

"Rechteinhaber für die in dieser Broschüre verwandten Zitate werden freundlich gebeten, sich mit dem FEM e. V. in Verbindung zu setzen." 

 Ausgabe 01/2005

 ISSN 1860-8302

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.ddb.de abrufbar.

Einleitung

 

„Marianne, ich will in die gleiche Selbsthilfegruppe gehen, in der du warst, und zu demselben Therapeuten.“

Dieser Satz bewegte mich dazu, in dieser Broschüre noch deutlicher zu machen, dass dieses Ansinnen kein automatisches Bewältigen des Messie-Syndroms verspricht. Und eigentlich habe ich das, bei den Zusammentreffen mit Menschen, die eine Handlungsblockade erleben, immer deutlich zu machen versucht: Es nutzt überhaupt nichts, Bewältigungsstrategien anderer Menschen zu übernehmen, dann würden ja die Ratgeberbücher wirklich helfen; zur Bewältigung des Messie-Syndroms oder vielleicht aller psychischen Störungen können nur die ureigensten Strategien helfen. Und diese Strategie gehört ganz einfach zum Menschsein dazu, jedoch scheinen hier viele Zugänge verschüttet zu sein, so dass das Freischaufeln eine leidvolle und anstrengende Arbeit ist.

Jedoch die Not, in der diese Menschen stecken, führt schnell dazu, nach jedem nur möglichen und unmöglichen Strohhalm zu greifen. Und das wird allzu oft von Heilsverkündern für den persönlichen Gewinn ausgenutzt. Was die Flut an Ratgeberbüchern und Aufräumfirmen zeigt. Denn die wirklichen Kehrseiten der eigenen Arbeitsweise sind psychologisch begründet und es wirken sich tieferliegende Anpassungen, früh Gelerntes, hier aus. Wenn es in den Menschen einen Schalter gäbe, den man nur anknipsen müsste, würde ich das gerne machen. Aber es gibt mehrere solche Schalter (bildlich gesprochen), an die aber kein anderer herankommen kann, nur die Person selbst. Kein Therapeut, keine Selbsthilfegruppe und auch kein mitfühlender Mitmensch ist in der Lage, dieses zu bewerkstelligen. Diese Menschen ebnen nur den Weg, sie geben uns ein Gerüst und sie leisten Hilfestellungen, doch schalten müssen wir ganz alleine. Das ist auch gut so, denn sonst könnte man uns nach Lust und Laune manipulieren.

Das Phänomen, im Alltag nicht so handeln zu können, wie der Mensch es gerne möchte und wie es seiner Intention entspricht, ist in den letzten Jahren zunehmend in den Medien unter den Begriff „Messie“ zu verfolgen. Jedoch unter einer undifferenzierten und nicht eindeutigen Ausprägung, und zwar: „Vermüllte Wohnung ist gleich Messie“. Sandra Felton hat dieses Kunstwort von dem engl. „mess“ hergeleitet und geprägt. Unter dem Messie-Syndrom verstehen wir heute eine Unfähigkeit, über Handlungsroutinen, vorwiegend in der eigenen Wohnung, zu verfügen, obwohl diese Menschen normale Handlungsabläufe in fremden Wohnungen aufweisen und besitzen.

Seit den ersten wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Phänomen von Gisela Steins wurden zahlreiche, jedoch meist unbefriedigende Versuche unternommen, den Begriff Messie-Syndrom zu definieren oder zu diagnostizieren. Die Diagnose des Messie-Syndroms ist, wie gezeigt werden soll, mit dem Problem der Verhaltensdominanz (hier anfangen und dort anfangen, das Unwichtige zuerst machen, viele Dinge aufheben müssen usw.) behaftet und das sollte, meiner Meinung nach, durch eine differenzierte Betrachtungsweise und auf den unterschiedlichsten Ebenen (Gefühle, Handlung, Denken, Erleben, bewusst, unbewusst, usw.) ersetzt werden.

Da keine Klarheit darüber besteht, was das Messie-Sein bedeutet und dieses Syndrom an Symptomen beinhalten kann oder ob das Messie-Sein eine Folge anderer Störungen ist, kann dies kontrovers diskutiert werden. Jedoch scheint die ausschließliche Einordnung in ADD (unterstützt von Frau Felton) oder Zwangserkrankung (unterstützt von Frau Herms) leichter zu sein als das Bemühen, eine so uneinheitliche Störung mit der gesamten Ausprägung erst einmal nur zu beschreiben. Eine sorgfältige Bewertung des heutigen Forschungsstandes belegt augenscheinlich, dass das Messie-Syndrom auf unterschiedliche Weise hervorgerufen sein kann, und doch scheinen nur wenige Symptome genau zu dieser Störungsausprägung zu führen. Ich will mich bemühen, diese deutlicher hervorzuheben, jedoch scheue ich mich immer noch davor, diese in einzelnen Punkten aufzuführen, weil sie eigentlich keine unrettbaren Defekte oder Absonderlichkeiten sind. Aber dadurch, dass sie miteinander aktiv verflochten sind, also interagieren, wird erst durch diese Verflechtung ihre gravierende und chronische Wirkung auf das Verhalten gezeigt, deswegen werde ich auf diese simple Darstellung verzichten müssen.

Um diese befremdenden Verhaltensweisen, dieses beklemmende Erleben und die verwirrende Organisation des Selbst darzustellen, muss das Ganze zunächst einmal entwirrt werden. Anhaltspunkte ergeben sich für mich durch eigenes Erleben und durch Aufzeichnungen und Beschreibungen anderer betroffener Menschen. Diese Lebensgeschichten gewähren Einblick in unbewusste Reaktionsmuster, in außergewöhnliche Entwicklungsstrukturen und in immer wiederkehrende Verhaltensmuster und zeigen Wege auf, die ein neues Verständnis bilden für diese chronische Störung der unbewussten Handlungssteuerung. Fest sitzende Verhaltensabläufe bestimmen die tägliche Arbeit.

In der vorliegenden Broschüre wird eine Vielzahl unterschiedlicher Störungen beschrieben, derer auch Betroffene in der Selbstbeschreibung gewahr werden, wenn sie nicht nur das oberflächliche Handeln hernehmen. Auf Grund langjähriger Erfahrung werde ich mögliche Wege und Vorgehensweisen zur Veränderung systematisch unter dem Punkt Selbsthilfe darzustellen versuchen, auch damit Selbsthilfe für alle besser nutzbar wird. Jedoch hängt es immer davon ab, welche Ziele angestrebt werden; das Ziel kann sein, die Normen anderer Menschen zu erreichen oder das Ziel kann darin bestehen, unterhalb dieser Normen zu bleiben. Manchmal mag man auch bestrebt sein, etwas zu erreichen, was die Norm erheblich übersteigt. Erst, wenn wir unverkennbar spüren, was wir für das wirklich Wichtige halten, können wir Ziele formulieren und eine übergeordnete Selbstmotivation aufbauen.

Genau so wichtig ist auch, zu erkennen, womit wir uns nicht beschäftigen sollten, denn allzu oft wird die Aufmerksamkeit genau auf das gelenkt, was den Zugang zu sich selbst und seinen eigenen Gefühlen versperrt. Anders jedoch sieht es mit dem In-Frage-Stellen der gewohnten Abläufe aus, hier kann eine Veränderung bewirkt werden. Die Entstehung von Handlungsblockaden durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Mankos ist jedoch weitaus komplexer, als dass sie durch das ausschließliche Beobachten der Verhaltensmuster zu erfassen wäre, und allein nur die Absicht zur Verhaltensänderung reicht nicht aus, um eine wirkliche Veränderung zu bewirken. An den Schilderungen lässt sich vielerlei ablesen:

·        die unheimliche Macht unbewusst erinnerter Gefühlsmuster, die so die Motivation eines ganz bestimmten Verhaltens bewirkt;

·        die lähmenden Auswirkungen von Erziehungsideologien oder engstirnigen Moralvorstellungen;

·        ebenso die Dynamik distanzierter und destruktiver Familienbeziehungen.

Diese Berichte sollen ein Licht auf die Einflüsse der Vererbung und / oder der Umgebung geben sowie auf das Ausheilen dieser psychischen Störung. Der vielleicht wichtigste Effekt jedoch dürfte im Bewusstmachungsprozess liegen, die der Leser erfährt und somit (vielleicht zum ersten Mal) eine innere Auseinandersetzung mit sich selbst erleben kann.

Grundlegendes

 

Zu den Ursachen dieses Phänomens gibt es vier Lösungsversuche, bei denen es darum geht, Parallelen und Wechselbeziehungen zu anderen Phänomenen oder Konzepten herzustellen:

1.      Stress

2.      soziale Ängste

3.      Störung exekutiver Funktionen

4.      Affektive Störung

Diese Konzepte werden als Ausgangspunkte zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Messie-Syndroms gesetzt, um damit zu versuchen, das Phänomen überschaubarer zu gestalten:

Das sind funktionale Erklärungsansätze, die für sich betrachtet nicht unbedingt eine wie immer geartete Störung im Erleben und im Verhalten hervorrufen muss, sondern als Konzeptionen so zu interpretieren sind, das sich Äquivalenzen zu dem Syndrom „Messie“ ergeben.

Ich gehe davon aus, dass kognitive Theorien von heute kognitive Vorgänge als Informationsverarbeitung von Menschen beschreiben, und damit die funktionalen Organisationen und verarbeitenden Systeme von Personen angeben.

Damit werden Bewusstseinszustände bestimmten funktionalen Systemen zugeschrieben. Es geht darum, Zuordnungen zu Arbeitsspeicherkomponente, zu kapazitätsbegrenzten Aufmerksamkeits-Mechanismen, zum Prozesswissen, zu Sprachsystemen, zu zentralen Verarbeitungseinheiten u.v.m. zu finden, und sie resultieren aus Integrations- und Konstruktionsprozessen. Diese funktionalen Organisationen und Subsysteme sind verknüpft und verbunden oder verflochten, damit sie kommunikatibel werden. Die Trennlinie bewusster und unbewusster Vorgänge scheint in dieser Kommunikation zu liegen.

In der Vergangenheit ist auf unbewusste Prozesse immer dann geschlossen worden, wenn auf einen Reiz andere unerwartete Verhaltensindikatoren eintreten. Unbewusste Prozesse scheinen „automatisch“ abzufließen oder sich aufzuzwingen, ohne Anstrengung, jedoch, einmal in Gang gesetzt, nicht mehr unterbrochen werden zu können, es sind schnelle Prozesse, die auch parallel zu bewussten Prozessen daherkommen können und damit andere Subsysteme in Gang setzen können.

Beispiel: Auf einem Richtungswegweiser auf der Autobahn liest man einen unbekannten Ortsnamen und ist sich bewusst, diesen Ortsnamen schon bei der Erkundung der Wegbeschreibung gelesen zu haben, so wird das Wiedererkennen dazu führen, zu wissen, man hat die richtige Strecke gewählt. Ist man sich hingegen nicht bewusst, den Ort schon einmal gelesen zu haben, wird der Vertrautheitseindruck, der sich beim erneuten Lesen einstellt, dazu beitragen, diesem Ortsnamen fälschliche Attribute zuzuschreiben, von berühmt oder bekannt usw.

Generell gilt für solche Strategien, dass sie darauf ausgerichtet sind, qualitative Differenzen zwischen bewusst und unbewusst aufzudecken.

Man muss im Stande sein, in dem Erlebten die Spur dessen zu erkennen, was sich dahinter als Grundlage befindet.

Es gilt für die Gedächtnisforschung, dass sie wenige systematische Versuche darstellt, die unbewussten Vorgänge, wie das unbewusste Erinnern, erklärbar oder erfassbar zu machen. Dabei zeigt sich, dass unbewusste Gedächtnisphänomene und Bewusstseinsebenen einfach bei der Forschung im Zusammenhang mit dem Messie-Syndrom ausgeklammert werden. Studien zu unterschwelliger Wahrnehmung, Informationsabruf ohne Erinnerungserlebnisse oder auch Bewusstseinsabspaltung scheinen meines Erachtens notwendig zu werden, denn wenn nicht experimentelle Beobachtungen mit in die theoretische Analyse einbezogen werden, können wir uns diese unbewussten Vorgänge über die Abspaltung des Erlebens, der Gefühle und des Gedächtnisses vom Verhalten nicht zugänglich machen.

Warum ist es so schwer, die Sachen in Ordnung zu halten? Warum schaffen andere mühelos Arbeit, Beziehung, Sozialleben UND eine aufgeräumte Wohnung?

Was genau ist das Problem, verdammt noch mal? Warum kann ich nicht einfach anfangen bzw. noch wichtiger - auch weitermachen? Warum immer wieder vor dem Computer versacken, vor dem Fernseher, doch noch einen Anruf machen, doch noch dies, doch noch das. Ich habe alle 'typischen' Sachen eines Messies... die Wohnung ein Chaos, fühle mich nicht im geringsten in der Lage, auch nur ein Zimmer in Ordnung zu halten. Ich finde es so maßlos anstrengend. Im Berufsleben ein Arbeitstier und Hyper-Perfektionistin. Was ist das bloß?

Aus dem Messie - Forum

 

Wie kann man sich erklären, dass der eine Spaß an Haushaltsaufgaben hat, der andere sich nur mit großem Energieaufwand zu dieser Tätigkeit aufraffen kann?

 Die eigentlichen Gründe dafür können unterschiedlich sein; Freud hat schon darauf hingewiesen, dass Beweggründe häufig nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Also kann der Antrieb zum Handeln, z.B. bei den nie endenwollenden Aufgaben zu Hause, darin begründet liegen, dass man sich anderen Menschen überlegen fühlen möchte und somit das Überlegenheits- und Machtgefühl zum Triebfeder wird. Oder der Wunsch nach Selbstbestätigung sowie das Erreichen eines befriedigenden Gefühls, das sich nach Erledigung der Aufgaben in der Wohnung einstellt. Dieses Gefühl kann auch unabhängig von der Anerkennung durch andere ihre Bedeutung haben. Diese Personen empfinden Befriedigung über erfolgreiche Handlungen und sie sind in der Lage, sich positive Bilder von zukünftigen Ausgaben zu schaffen. Somit schöpfen sie bei Routineaufgaben ihr volles Potential aus, weil sie über eine gelingende Selbstorganisation verfügen.   

Dazu die tieferliegende Erklärung:

Die Organisation des Arbeitsgedächtnisses, Kurzzeitgedächtnisses und des Langzeitgedächtnisses ist eine der Grundvoraussetzungen für den flexiblen Gebrauch und ist kongruent mit der Unterscheidung zwischen automatischen (unbewussten) Prozessen und bewusst kontrollierenden Prozessen. Die eigentlichen Automatismen sind schnell, parallel und ohne Anforderung an Kurzzeitgedächtniskapazität ablaufende automatisierte Prozesse, es handelt sich um immer wieder repetierte, also überlernte Abläufe, die wir uns aber ins Bewusstsein holen können, etwa dann, wenn der Vater seinem Sohn den Krawattenknoten erklären will.

Nach meiner Therapie habe ich dann alles das gekonnt, was den meisten Menschen als Automatismus und als das unbewusste Erinnern zur Verfügung steht. Diese beiden nichtbewussten Hilfsfunktionen des Gehirns tragen dazu bei, dass immer wiederkehrende Handlungen ohne große Anstrengung zu bewältigen sind.  

Beispiel: „Vielleicht sollte ich einmal erklären - Automatismus und unbewusstes Erinnern, was ist das? Der Automatismus - den kann man sich folgendermaßen bewusst machen. Sie haben gefrühstückt und räumen sofort oder etwas später den Tisch ab, ohne dass Sie dazu eine bewusste Entscheidung treffen müssen. Bei einem Menschen mit dem Messie-Syndrom verhält sich das nicht so. Dieser Mensch bringt sich immer in eine Situation, wo er eine Entscheidung treffen muss, und er weicht ihr aus, z. B. dadurch, das er die Arbeit auf später verschiebt. 

Wenn Sie sich einmal vorstellen wollen, wie das ist und wie es sich anfühlt, wenn wir uns quasi zu jeder Handlung motivieren müssen, dann stellen Sie sich vor, dass Sie beim Autofahren jede einzelne Handlung erst durch Ihre Überlegung, was Sie jetzt machen müssen, umsetzen können: erst die Kupplung treten, dann den Gang einlegen und dann die Kupplung kommen lassen... Also Sie stellen sich vor, dass Sie so Auto fahren wie am ersten TagIhrer Fahrstunde, und das über einen Zeitraum von ca. einer Woche... Sie kämen von der Stelle, zwar langsam..., aber im Laufe der Zeit würde sich bei Ihnen eine bestimmte Angst einstellen, die Angst, Sie könnten nicht schnell genug reagieren, wenn ein anderer Verkehrsteilnehmer einen Fehler macht ... höchstwahrscheinlich wären sie auch gar nicht dazu in der Lage, eine ganze Woche so Auto zu fahren.

Jetzt möchte ich Ihnen das unbewusste Erinnern erklären. Es ist eine Entscheidungshilfe bei den dann folgenden Handlungen, und zwar in einer zeitlichen oder/und situationsbedingten Richtung. Sie stellen sich also vor:  Sie bekommen einen Brief, zum Beispiel eine kleine Anfrage eines Freundes, den Sie sofort beantworten wollen. Sie haben gerade ca. 5 Min. Zeit und Sie wissen relativ sicher, dass Sie den Brief in diesem Zeitraum beantworten können.

          Aber woher wissen Sie denn, dass Sie nicht eine Stunde dafür benötigen?

Unbewusst erkennen und ordnen Sie diesen Brief ein und vergleichen auch unbewusst diese mit den schon von Ihnen erlebten ähnlichen Aufgaben oder Situationen. Darauf folgt auch eine unbewusste Einschätzung, die Sie dann sofort oder auch in späteren Handlungen umsetzen können.

Hier ein anderes Beispiel: Eine Nachbarin, nennen sie wir einfach Frau Müller; jeder im Haus weiß, wenn man mit Frau Müller über Krankheiten spricht, dauern die Gespräche manchmal 2 Std. Die Menschen haben also eine Situation in ihrem Gedächtnis gespeichert, die sie so nicht wollen. Also sie wollen mit Frau Müller nicht 2 Std. über Krankheiten reden müssen. So fällt es ihnen nicht schwer, wenn sie Frau Müller sehen, dieses Thema zu vermeiden, weil sie sich sofort an eine Situation erinnern, die ihnen als unangenehmes Gefühl im Gedächtnis haften geblieben ist, und das läuft unbewusst ab.

Ein Messie, der über dieses Erinnern nicht oder nur eingeschränkt verfügt, wird eine Situation immer wieder durchlaufen und am Ende feststellen, dass er mal wieder etwas Wichtiges in einer bestimmten Situation vergessen hat.“

Auszug aus den Vortrag anlässlich der Gesundheitstage Norderstedt und Bielefeld vom 27.1.2001 und 28.1.2001 von Marianne Bönigk-Schulz

Bei Verlust der automatischen Arbeitsabläufe wird dieses durch kontrollierte Arbeitsabläufe ersetzt. Gerade der gefühlsmäßige Faktor sollte dabei nicht unterschätzt werden. Jemand, der permanent Misserfolge hat, wird automatisch seine Motivation verlieren und wird nicht mehr in der Lage sein, seine Energien zu mobilisieren.

Aus einem Messie-Forum:

inzwischen hab ich mein Hauptproblem "isoliert". Ich bin nämlich draufgekommen, dass ich an meinem Arbeitsplatz ohne weiteres Ordnung halten kann. Warum? Weil da jedes Ding einen bestimmten Platz hat, an den es hingehört (auch wenn ich diesen Platz definiere). Und bei mir zu Hause sind viele viele Dinge, die keinen Platz haben.

1.      Bücher, die ich noch nicht gelesen habe. Wenn ich die ins Bücherregal räume, vergesse ich sie.

2.      Dinge die für andere Leute bestimmt sind (Kleidung, die ich nicht mehr anziehe und meiner Mutter bringe, damit sie sie in der Familie verteilen kann, Bücher, die ich schon gelesen habe und weitergebe - die zirkulieren in meiner Familie, bis sie wieder zu mir zurückkommen...)

3.      Dinge die ich irgendwohin bringen muss (Erlagscheine zum Einzahlen, Bücher, die zurückgegeben werden müssen, Medikamente, die ich regelmäßig einnehmen muss (und schön vergesse, wenn sie nicht vor meiner Nase liegen)

4.      Dinge die ich dauernd brauche (Süßigkeiten, die ich sehr liebe und die meistens griffbereit neben dem Bett liegen; Fernbedienungen, Bücher die ich grade lese, Zeitschriften, die ich noch nicht gelesen habe oder in denen etwas steht, was ich mir unbedingt herausschreiben muss; ein Gartenstuhl samt Polster, auf dem ich es mir immer, wenn’s warm ist, am Balkon gemütlich mache - ich hab aber im Kasten keinen Platz, wo der hineinkönnte)

5.      Dinge die noch zu erledigen sind (Internetadressen, die ich gesammelt habe, weil dort etwas Interessantes zu finden sein könnte; Lieder, von denen ich die Texte haben will, aber noch nicht dazu gekommen bin, sie im Internet zu suchen.

Mein Problem ist, dass ich recht vergesslich bin. Alles, was nicht direkt vor meiner Nase liegt, wird vergessen. Egal ob das Rechnungen sind, die eingezahlt werden müssen oder ein ganzer Sack mit Dingen, die ich zu meiner Mutter, Oma, wem auch immer bringen möchte, weil die noch was damit anfangen könnten; Bücher, die ich ausgeliehen habe und zurückgeben muss...einfach alles. Wenn ich etwas mitnehmen muss, dann stelle ich es so vor die Eingangstür, dass ich gar nicht hinaus kann, ohne das wegzustellen. So nehme ich es meistens auch mit, das funktioniert wunderbar. Aber alle Dinge sind nicht zum Wegbringen gedacht, an manche muss ich nur erinnert werden, dass ich sie MACHE und nicht vergesse. Ich bringe es fertig und mache mir eine Fertigpizza, obwohl ich Vorgekochtes im Kühlschrank habe. Ich vergesse Rechnungen, bzw. verschmeiße den Erlagschein so dermaßen, dass ich anrufen muss und um einen neuen bitten. Ich vergesse Dinge, die ich wochenlang verspreche, jemandem mitzubringen, ich vergesse einfach alles. Eine Zeitlang hab ich es mit Zettel an meiner Wohnwand versucht. Irgendwann war ich es gewohnt, dass da ein Zettel hängt und hab nicht mehr draufgeschaut.

Außerdem waren irgendwann an die 20 Zettel da. Es geht teilweise auch um solche Sachen wie z.B. den Teppich schamponieren, CDs aussortieren, eine neue Telefonliste schreiben. Ich merk es mir einfach nicht. Ich stelle den Teppichschaum mitten auf den Esstisch, damit ich dran denke, lege die alte Telefonliste hin. Aber es nutzt nichts, irgendwann ist der Tisch voll Wie kann man so vergesslich sein?   

Dieses Gedächtnis umfasst die Art und Weise, wie perzeptuelle, kognitive und motorische Fertigkeiten ohne Wissensbegleitung aufgebaut, gespeichert und wieder benutzt werden.

Dem gegenüber stehen dann bewusst kontrollierte Prozesse, die langsam, seriell und mit hoher Kapazitätsbelastung des Kurzzeitgedächtnisses ablaufen und bei den Menschen mit viel Energieverbrauch eingesetzt werden müssen, die nicht über automatische Prozesse verfügen können.   

Jeder kennt Arbeitsphasen, in denen man ein gutes Gefühl und Lebendigkeit verspürt, und die Arbeit wie von selbst von der Hand geht. Daneben gibt es auch Zeiten der Unlust und Ratlosigkeit, wir fühlen uns nicht gut und mit der Arbeit kommen wir dann nur langsam voran. Das gehört zum ganz normalen Leben dazu und das ist auch nicht weiter tragisch, wenn einige Menschen, „Messies“, nicht in dieser Ratlosigkeit und Unlust versinken würden. Hier können wir einmal schauen, was die Menschen im Allgemeinen sich ganz unbewusst zu eigen machen, um aus dieser, nennen wir es erst einmal „Unlustphase“ herauszukommen.

Eine der wichtigsten Methoden besteht darin, dass sie sich positive Wirkungen deutlich vor Augen halten. Sie stellen sich vor, wie das erfolgreiche Arbeitsergebnis aussehen könnte, wie sie sich fühlen, wenn die Arbeit abgeschlossen ist und was die anderen positiv darüber sagen würden. Diese Vorstellung, die bildhaft und mit gefühlsmäßiger Beteiligung erfolgt, beinhaltet die Fähigkeit, seine Gefühle heraufzuregulieren. Das ist eine sehr früh gelernte Fähigkeit, die Mut zum Ausprobieren eigener Möglichkeiten und die Fähigkeit, ausdauernd arbeiten zu können, vermittelt. Diese Fähigkeit wird in das Selbstkonzept übernommen und wirkt so auf einer höheren Ebene.

Viele Betroffene mit einem Messie-Syndrom werden jetzt denken: „Komisch, das kann ich mir gar nicht vorstellen und wenn ich es nur versuche, ziehen mich die ganzen unerledigten Aufgaben so weit herunter, dass es mir nur noch schlechter geht.“

Als Gisela Steins zu mir sagte: „Wenn es mal in der Partnerschaft nicht gut läuft, erinnert man sich an schöne Zeiten und gelangt damit aus der Verstimmung und Traurigkeit heraus“, da dachte ich nur, dass so etwas für mich schlichtweg unmöglich ist und die Erinnerung an gute Zeiten überhaupt nicht zur Verfügung steht.

Solche erlernten Fähigkeiten dienen zur Selbstregulation, eine der Grundvoraussetzungen zum Handeln.

Das Erlernen dieser Fähigkeiten ist jederzeit erreichbar, deswegen komme ich darauf später zurück, wenn es um die Selbsthilfemöglichkeiten geht.   

Wir haben gelernt, dass die Regulation von Gefühlen eine große Rolle für das Handeln spielen kann (nachzulesen bei Charlotte Koch: „Zur Störung der Willentlichen Handlungssteuerung als Ursache des Messie-Syndroms“, überarb. Fassung 2004) und dass die Vorstellung von Misserfolgen lähmend und behindernd für das eigene Handeln und die Initiative sein kann. Auch eigene Pläne, die ständig umgeworfen werden, bewirken, dass sich Lustlosigkeit und Desinteresse einstellt.   

Ein Grundprinzip zur Selbstregulierung besteht darin, dass ich mir positive Erlebnisse verschaffe. Das kann darin bestehen, dass ich ein oder zwei angenehme Gespräche führe oder dass ich möglichst positive Gesprächsinhalte anzusteuern versuche.

Hier höre ich schon wieder den Aufschrei der Menschen, die sich selbst als Messies bezeichnen: „Marianne, erkläre mir bitte einmal, wie das gehen soll, und was ist ein positiver Gesprächsinhalt?“ Ja, genau diese Sichtweise hat sich bei mir verändert: Gesprächsinhalte, die oberflächlich waren, z.B. über Wetter oder Krankheit, habe ich gehasst und gemieden. Heute merke ich, dass nicht nur der Inhalt eines Gespräches wichtig ist, sondern die Haltung des Gesprächspartners, der durchweg die Anerkennung meiner Person ausdrückt, und genau das ist wichtig zum Erhalten des Selbstwertgefühls. Auch das hat Gisela Steins mir vermitteln können, sodass ich meine Überheblichkeit an diesem Punkt über Bord werfen konnte. Das persönliche Gespräch kann kein noch so hilfreiches Buch ersetzen, weil wir gerade im Gespräch feine Nuancen eines Sachverhaltes erkennen können. Außerdem vermittelt uns auch die Körpersprache ganz erhebliche Hinweise, die das Gefühl anspricht. Und viele spüren das auch, dass gerade diese Dynamik, die sich aus dem Dialog entwickelt, uns sehr beflügeln kann.

Wir sollten uns jedoch nicht scheuen, Gespräche zu beenden oder zu verkürzen, wenn wir den Eindruck haben, dass das Gespräch nur der Selbstdarstellung unseres Gegenübers dient. Denn immer dann, wenn unser Gesprächspartner uns beweisen will: “Ich bin besser als Du“, entwickeln wir in uns ein ungutes Gefühl, das es zu erkennen gilt. 

Zum Selbstkonzept gehört auch, das wir uns bewusst mit unseren negativen Assoziationen und Vorstellungen auseinandersetzen, die sich vor oder während einer Arbeit einstellen können. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von negativer Selbstverbalisierung. Beispiel hierfür wären diese inneren Sätze:

            „ Das schaffe ich doch nicht“                         „ Du schaffst das doch nicht!“

            „Das wird nicht gut genug sein.“                    „ Du wirst das mal wieder nicht gut genug machen!“

            „ Damit mache ich mich nur lächerlich.“        „ Damit machst Du Dich doch zum Gespött der Leute!"

            „Dazu habe ich eigentlich keine Lust."            „Du wirst sicher wieder nur etwas anfangen und nicht                                                                                                                                     zu Ende machen!“

 

            „Der Mensch wird, wie er gesehen wird.“

                                                                     Goethe

 Daneben beeinflussen uns auch in erheblichem Maße negative Vorstellungsbilder, das heißt, wir malen uns aus, wie sich andere über uns lustig machen, wir stellen uns vor, wie jemand geringschätzig die Nase rümpft. Gerade das Bildhafte dieser Vorstellung übt einen sehr starken Einfluss auf unsere unterbewusste Motivationsebene aus und hier liegt eine große Gefahrenquelle, nämlich, dass wir uns selbst dazu programmieren, damit wir überwiegend negative Vorstellungen hervorrufen. Natürlich spielen die frühen Erfahrungen eine große Rolle, denn jemand, der viele Vorstellungsbilder und Sätze (siehe oben) verinnerlicht hat, wird in entsprechenden Situationen diese bewusst oder unbewusst aktivieren. Der wird es erheblich schwerer haben, die Bilder, die wie ein Brandzeichen in uns eingebrannt sind, zu revidieren.

Wer allerdings diese Automatik in diesen Abläufen durchschaut, kann darauf Einfluss nehmen:

Ich teile die Auffassung von Rainer Rehberger, dass explizites Wissen und bewusstes Wahrnehmen und Erkennen nur einen Teil des Geschehens ausmacht, welches unserem Entscheiden, Planen und Verhalten zugrunde liegt. Man sieht auch an der Erfahrung, die er mit seiner Patientin Hanna gemacht hat, dass diesem bewussten Erkennen Prozesse vorangehen oder nachkommen, die durch das innere Spektrum nicht fassbar sind. Seine Beobachtungen machen es mir leichter, deren Bedeutung und Wirklichkeit zu begreifen und meine Überlegungen für das Messie-Syndrom auch damit zu stützen.

Sein Versuch, unbewusste Formen der Verhaltenssteuerung und Selbstorganisation an dieser Stelle exemplarisch mit einer Art der Erinnerungsprozesse auseinander zusetzen, hat dazu geführt, das er das Phänomen der nicht willentlichen Handlungssteuerung oder -reaktionen einer Einordnung zuführen konnte. Er beschreibt bei seiner Patientin Hanna sogenannte implizitere Gedächtniseffekte und deren entschwundene Situationen. Diese geben auch dann noch Beweise ihrer andauernden Wirkung, wenn sie selbst gar nicht, oder gerade jetzt nicht, ins Bewusstsein zurückkehren. Also auch unbewusst Reaktionen hervorrufen können.

Es entsteht eine Erleichterung durch solche Reaktionen, denn Eingang und Ablauf ähnlicher Begebenheiten mit gleichen Gefühls- und Handlungsmustern schaffen eine Vertrautheit und die Wirkung ist keineswegs daran gebunden, dass die Erfahrung ins Bewusstsein zurückkehrt. Der größte Teil des Erfahrenen bleibt dem Bewusstsein verborgen und entfaltet jedoch immerfort seine Wirkung. (Nachzulesen: Dokumentation der 2.+3. Messie-Fachtagung, Vortrag: Dr. Rainer Rehberger)

Die unbewussten Vorgänge:

Dissoziationen zwischen Erleben und Verhalten

Konzepte, die das Unbewusste als eine Art der Speicherung (Gedächtnis, Verdrängung, usw.) ausweisen, beschreibt Rainer Rehberger in seinem Prozessansatz, wie unter gewissen Bedingungen (Stress usw.) integrative Kräfte (Wille) zerfallen, was eine Abkopplung von Vorhaben (jetzt wegzugehen) oder Ideen (ich will mir eine Bluse kaufen) vom Hauptstrom des Bewusstseins trennt. Was zur Folge hat, dass Vorhaben und Ideen nicht Gegenstand unseres Gewahrwerdens oder unseres Bewusstseins sind, sondern die Verknüpfung einer anderen Situationserfahrung (Zwang). Diese frühe Situationserfahrung wird als jetzt erlebte Erfahrung ins Bewusstsein kommen und das Handeln oder die Reaktion wird dem entsprechen.

Er verweist an Beispielen, dass es Vorgänge gibt, die im Zusammenhang mit dem sogenannten Prozesswissen und der aktuellen Situation einen Dissoziationseffekt hervorrufen können, sodass wir die Art und Weise, wie wir mit der Umwelt interagieren, bezeichnen können als einen automatischen und ohne bewusste Wahrnehmung adaptiven Prozess. (Darauf komme ich noch einmal später zurück)

So unterscheiden wir drei Arten von Erinnerungsprozesse:

An erster Stelle stehen die zweckdienlichen Prozesse des willkürlichen Reproduzierens.  Zweitens, die Art von Prozessen in denen frühere Erinnerungserfahrungen ohne Bewusstseinsbeteiligung verfügbar werden und damit beim wiederholt zeitfernen Auftreten ähnlicher Situationen, eine Handlung erleichtert.

Eine dritte Art der Erinnerungsprozesse sind die, die von einer einmal bewusst gewesenen Situation... immer wieder auch nach Jahren ohne jede Willensentscheidung wie von selbst ins Bewusstsein zurückkehren, sie werden unwillkürlich nachgeahmt. Jedoch entsteht das nicht zufällig, sondern wird veranlasst durch andere, gerade jetzt gegenwärtige psychische Objekte oder Situationen.

In der Psychotherapie geht es darum, wie das Bewusstsein vom Wert des eigenen Selbst, von Handlungsfähigkeit und Kontrolle wiedergewonnen werden kann. Wie lässt sich Selbst- und Weltvertrauen wieder aufbauen, wie kann trotz der Erfahrung der "Antischöpfung", wie Primo Levi Auschwitz nannte, der conditio inhumana (Améry) aus den Fragmenten des Terrors ein Mensch und eine Welt wieder neu zusammengefügt werden?

So sehr traumatisierte Menschen versuchen, die Erinnerungen zu vermeiden

und zu verdrängen, so unausweichlich werden sie immer wieder von diesen Erinnerungen heimgesucht, ausgelöst durch die verschiedensten Stimuli, z. B. Personen, Stimmen, Gerüche, Jahrestage, Orte. Für unser therapeutisches Verständnis ist es wichtig, dass die unterschiedlichsten Trigger, wie diese Auslöser genannt werden, die traumatische Situation so wiederbeleben können, als ereignete sie sich in diesem Augenblick, mit allen physiologischen und psychischen Symptomen von Übererregung oder totaler Lähmung.

Wir wissen aus der Forschung, dass Erinnerungen im Zusammenhang mit einer bestimmten Gefühls- oder Stimmungslage assoziiert und gespeichert werden und später diese Stimmung die Erinnerung wieder evozieren kann. Sehr häufig brechen die Erinnerungen oder auch nur die Erinnerungsfetzen gewaltsam in den Alltag ein, als bedrohliche Rückblenden, als "flashbacks". Sie sind intrusiv, sie überwältigen, bewirken Alpträume, verursachen Panik, einen Erregungssturm und Alarmbereitschaft oder seelische Erstarrung, emotionale Anästhesie und einen dissoziierten Bewusstseinszustand. Die Gedächtnisforschung hat uns auch gelehrt, dass Erinnerungen sprachlich oder bildlich kodiert und gespeichert werden können, dass es auch eine Art Körpergedächtnis gibt und dass ein Erinnern eines kleinen unverständlichen Fragmentes plötzlich eine ganze Kette von zusammenhängenden, bedeutungsvollen Erinnerungen nach sich zu ziehen vermag. Darum ist die sorgfältige detaillierte Bearbeitung bereits vorhandener Erinnerungsfragmente der sicherste Weg zum Aufdecken neuer, fehlender Erinnerungsbruchstücke.

Wir müssen posttraumatische Amnesien als Versuch der Bewältigung verstehen, ähnlich wie die dissoziativen Mechanismen Abwehrmechanismen darstellen, mit denen versucht wird, sich vor der drohenden Desintegration zu bewahren.

Aus: Traumatische Erfahrungen - Erinnern und Integrieren Seite 140

von Ursula Wirtz

Bei Gisela Steins spürt man ein Zögern, mit diesem „Unbewussten“ umzugehen. Die verfügbaren Daten zum Messie-Syndrom als Aussagen in einem ganz bestimmten Bewusstseinsfeld zu interpretieren, scheint für Verhaltens- oder Sozialpsychologen schwer formuliert werden zu können. Sicherlich scheint das Fehlen eines integrativen psychologischen Modells ursächlich für die Verbannung der Forschungsbemühungen zu sein, sodass darüber kein Wissen gesammelt werden konnte. Grundsätzlich scheint hier das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit und das Erinnern nur für bewusste Prozesse interessant zu sein.

Wenn das Selbstsystem und seine Beeinträchtigung (Alienation) die in den vorigen Abschnitten besprochene Bedeutung für die Regulation psychischer und somatischer Prozesse hat, dann sollten therapeutische Fortschritte in der Entwicklung zentraler Selbstfunktionen wie Selbstmotivierung und Selbstberuhigung besonders wichtig für die Stabilität der Symptombeseitigung sein. Diese Prognose weicht von der These klassischer verhaltenstherapeutischer Ansätze ab, die in Abgrenzung von der zeitaufwändigen und angeblich auch ineffizienten psychoanalytischen Therapie die Symptombeseitigung auf der Verhaltensebene als ausreichend und durch verhaltenstherapeutische Methoden rascher zu erreichendes Therapieziel formulierte. Inzwischen hat auch die Verhaltenstherapie längst die symptomverursachende Bedeutung von kognitiven, affektiven und selbstregulatorischen Vermittlungsprozessen erkannt. Ein Beispiel ist die schon in den siebziger Jahren begonnene Entwicklung einer verhaltenstherapeutischen Förderung selbstregulatorischer Kompetenzen in dem Selbstmanagement-Ansatz von Frederic Kanfer (Kanfer, Reinecker & Schmelzer, 1996).

Auszug aus : Julius Kuhl, Universität Osnabrück

Kurztitel: Entfremdung als Krankheitsursache

Was hab ich mir alles vorgenommen heute und was passierte, ich hab mich total verzettelt.grmpf-blau

Die Küche sieht (mit Ausnahme des Tisches) noch genau so aus wie heute früh beim Aufstehen. Sogar die Kaffeemaschine war nicht ausgeschaltet. Das hat sie mir jetzt übel genommen und ist in Streik getreten. Also was macht eine Kaffeetante ohne Kaffeemaschine? Entweder selbst aufbrühen (zu mühsam) oder bei diesem Schmuddelwetter ab in die Stadt eine Neue besorgen.

Nach einem Stau auf der Autobahn, der Suche im Parkhaus nach dem Auto (Frau sollte sich halt merken in welcher Ebene sie es abstellt) hab ich nun überhaupt keine Lust mehr heute noch was zu tun. Jetzt müssen noch die Betten bezogen werden und dann ist’s genug für heute.

Liebe Grüße
eine mit sich selbst grummelnde ´xxxx

Antwort auf eine Aufmunterung:

Hallo Lady jjjj,

vielen lieben Dank für die Aufmunterung. Ich glaube gestern war nicht so mein Tag. Bin eine geschlagene Stunde im Parkhaus herumgeirrt und als ich zum Parkhauswächter ging um ihn um Hilfe zu bitten musste ich mir auch noch "Typisch Frauen, finden noch nicht mal mehr ihr Auto. Ein Wunder das Sie das Parkhaus gefunden haben... grummeln, grummeln..." anhören. Das war vielleicht peinlich!! Ich glaube dort war ich das letzte Mal. Muss mir ein anderes Parkhaus suchen.

Aber heute kann ich über mich selbst lachen. Muss ein toller Anblick gewesen sein, ich mit 4 Tüten, klatschnass und fluchend suchend. Aber so ist sie halt die (Name)xxxx.

Wünsche Dir noch einen schönen Tag
eine schusselige xxxxsmile

Auch die Wissenschaft kann eine Reihe von Fehlurteilen hervorbringen. Gerade die Berufung auf wissenschaftliche Untersuchungen verleitet uns dazu, einen Sachverhalt als objektiv gegeben anzunehmen. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür ist die hartnäckige Verteidigung der Newtonschen Mechanik, die sich im Nachhinein als falsch erwiesen hat. Hier sehen wir, dass das Wissen und die Verfügbarkeit über Erklärungsursachen auch zu fehlgeleiteten Schlussfolgerungen führen kann. Wir neigen nur allzu oft dazu, Vorhandenes und Bekanntes als Ursache anzunehmen. Die wirklichen Ursachen bleiben dann verborgen, weil hier eine Scheu besteht, erst einmal nicht fundiertes Wissen oder andere Methoden sich zu erschließen. Ein weiterer Fehler besteht in der Unwissenheit über die Vermischung der verschiedenen Ebenen bei den Menschen mit einem Messie-Syndrom, z. B. über das, was diese Menschen als eigenen Willen ansehen; oder als eigene Meinung; oder als eigenes Gefühl usw.

Wer nicht weiß was er will, braucht sich nicht zu wundern, wenn er nicht anfangen kann, zu handeln.

 Schwieriger wird es jedoch, wenn jemand meint, er weiß, was er will, hier allerdings eine Selbsttäuschung besteht und dadurch unterbewusst die Umsetzung dieses Willens verhindert wird, weil ... - und das ist doch sicherlich allen klar, weil jeder Mensch sich automatisch gegen einen Fremdwillen verweigert. Das Wichtigste von allem ist jedoch, dass die Spontaneität der Gefühle, Wünsche, Gedanken und Meinungen beeinträchtigt wird, das heißt die Fähigkeit, eigene Gefühle zu haben und auszudrücken. Betroffene können bestenfalls „spontan zwanghaft“ sein und „frei“ ausdrücken, was sie fühlen, wünschen, denken oder meinen sollten. Es entsteht eine Abspaltung zwischen dem, was sie fühlen sollten und dem, was sie tatsächlich fühlen. Das Blockiert-Sein entspringt also einem ganz normalen selbstbehauptenden Mechanismus. Denn das ist gewiss - diese Menschen haben schließlich ihr Möglichstes getan, um die eigenen Wünsche und Bedürfnisse einzufrieren und daher wissen sie einfach nicht mehr, was sie wollen.

„Ja, so ist es immer. Zuerst weiß ich ganz genau, was ich eigentlich will. Das eine spricht dafür, das andere dagegen. Ich tue das, was die anderen von mir wollen. Dann wachsen die Widerstände. Ich habe immer weniger Energie und Lust, die Sache zu beenden und versuche vergeblich, den Karren wieder in Fahrt zu setzen. Dann wachsen meine Schuldgefühle. Ich resigniere und tue das, was die anderen erwarten, oder das, was meine Schuldgefühle sagen. Doch mache ich ständig Fehler. Jetzt gelingt mir nichts mehr. Alles, was mir wichtig und wert wäre, ist verschwunden. Ich verpasse das Allerwichtigste.” 

Diese Frau erzählt aus ihrem alltäglichen Erleben und sie merkt nicht, dass sie unbewusst einen sehr wichtigen und aufschlussreichen Satz sagt. Ich tue das, was die anderen von mir wollen. Eigentlich wollte sie sagen: Ich tue das, was ich will/möchte. Wenn sich dieses Erlebensmuster immer wiederholt, ist es kein Wunder, dass Menschen das Gefühl haben, ihr Wille kommt ihnen abhanden. Deswegen werden manche Blockaden erst dann wirksam, wenn die Menschen etwas für sich tun oder für sich selbst unternehmen wollen.

Gefühle sind der lebendigste Teil von uns; wenn wir sie einer Diktatur unterwerfen, entsteht eine abgrundtiefe Unsicherheit in unserem essentiellen Sein, die unsere Beziehung zu allem innerhalb und außerhalb von uns nachteilig beeinflussen muss. All dies bedeutet aber nicht, dass solche Menschen nicht die schlummernde Fähigkeit zu starken und lebendigen Gefühlen haben. Was sich jedoch auf der Bewusstseinsebene zeigt, ist oft nur ein massiver Schein, der sehr wenig Echtes in sich birgt. Auf die Dauer erwecken diese Menschen den Eindruck von etwas Unwirklichem, schwer Fassbarem. Plötzlich ausbrechender Ärger ist häufig das einzige Gefühl, das bei ihnen wirklich echt ist.

Der Wille

 Schnell werden wir uns darüber klar, was der Wille ist, erhalte ich eine Einladung, frage ich mich: „Gehe ich oder gehe ich nicht?“ Ich überlege: will ich oder will ich nicht - die Entscheidung ist ein Akt des Willens. Jedoch ganz so einfach ist das mit den Willen nicht, wie das Beispiel zeigt: 

Mein Mann hatte des öfteren das Gefühl, fremdbestimmt zu sein und er äußerte dieses auch sehr unwirsch. Ich habe ihn dann etwas an die Hand gegeben, was in unserer Selbsthilfegruppe eingeübt wird: „Jedes Mal, wenn ich etwas mache, dann frage ich mich, will ich das?“

Nach einiger Zeit erzählte er mir ein Ereignis, bei dem deutlich wurde, dass der eigene Wille manchmal manipuliert wird oder erst beim zweiten Hinsehen deutlich wird:

„Ich war im Garten zugange und unsere drei Enkelkinder kamen an und fragten: „Opa, kannst du uns auf die Räder Luft aufpusten?“ Hier habe ich überlegt, will ich das, und die Antwort wäre ein klares nein, - doch dann habe ich mir überlegt, wenn ich jetzt nein sage, dann werden unsere Enkelkinder wieder so biestig, dass sie die Tulpen am Wegesrand abknicken (so etwas ist schon des öfteren vorgekommen) und das will ich nicht! Also habe ich die Reifen an den Fahrrädern aufgepumpt.“

Das gleiche trifft auch dann zu, wenn wir uns fragen: Will ich zum Zahnarzt gehen? Nein! Ich will aber keine Zahnschmerzen mehr haben, dann gehe ich. Somit sehen wir bereits, dass der Wille von unseren Neigungen, Stimmungen, Begeisterungen u.v.m. abhängig ist. Ferner gibt es für viele willentliche Handlungen eine ganze Reihe Gründe, die man nie zugeben würde: Wettbewerbsgeist, Geltungsbedürfnis, Rechthaberei, Selbstbestätigung und und und.

Der Wille ist eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften und er beeinflusst neben den motorischen Funktionen eine Vielzahl weiterer Funktionen, wie z.B. das Denken, die Vorstellungskraft, Wahrnehmung oder Konzentration.

Gibt es also einen echten und einen falschen Willen? - Jawohl. Das werden wir gleich sehen.

           

Der Wille wird auch oft durch eine ganze Reihe verschiedener Sprüche, die endgültig und zweifelsfrei sein sollen, ausgedrückt, zum Beispiel:

-                     Wollen, das heißt auf jeden Fall, nein sagen können!

-                     Was ich will, das will ich.

-                     Was man will, das kann man (das ist der Hauptspruch, der den psychisch Kranken (Depressiven, Ängstlichen, Handlungsgestörten usw.) oft eingeredet wird und schon vielen so geschadet hat).

-                     Wenn ich entschlossen bin, bin ich entschlossen, und nichts kann mich davon abbringen.

-                     Man muss einfach wollen.

-                     Einen starken Willen haben heißt, Hindernisse überwinden.

-                     Usw., usw.

Alle diese Verhaltensweisen sind nur untergeordnete Willenserscheinungen. Sie haben mit dem echten Willen etwa so viel Ähnlichkeit wie eine Zinkplatte mit einem Goldbarren...

Aus einem Messie-Forum:

Es fällt mir so unendlich schwer, ganz einfach Dinge zu tun, die jeder "normale" Mensch völlig automatisch erledigt... und ich weiß einfach nicht, wie ich jemals normal leben soll.  traurigIch bin schon am Weinen deswegen, jetzt da ich diese Zeilen schreibe. 

Es ist so schlimm für mich ... Ich habe sogar schon nächtliche Alpträume, dass meine Haustür nicht richtig verschlossen sein könnte, und jemand hereinkommt und meine Wohnung sieht ... Wenn ich nicht zu Hause bin. dann bekomme ich oftmals Angst, dass ich morgens die Tür nicht richtig verschlossen habe ... 

Hat jemand vielleicht ein ähnliches Problem oder hat irgendwie aus diesem Chaos herausgefunden?

Wer „ich will“ sagt, sollte zumindest wissen, weshalb, und zwar den Grund kennen, aus welchem er dieses oder jenes wählt oder entscheidet, und er muss die verschiedenen Gründe bewusst aufzählen können. Doch wie sieht es in Wirklichkeit aus?

-                     Ich will es!

-                     Warum?

-                     Weil ich es will, fertig, Schluss.

Solche Menschen behaupten, freiwillig zu handeln, dabei handeln sie bloß aus einem unbewussten Automatismus - einer inneren Einstellung heraus. Handelt ein Mensch, der instinktiv durch Herrschsucht oder Rechthaberei zu einem Entschluss kommt, freiwillig? Keineswegs: Es handelt unbewusst, genauso, wie ein Wutanfall oder Lampenfieber freiwillig ist...

So sagen zahllose Menschen >ich will<, während ihr Handeln unfreiwillig ist, wenn sie auch das Gegenteil glauben! Ganz einfach, weil ihr Unbewusstes in diesem Bereich stärker ist als ihr Bewusstes. Die Menschen wollen eigentlich überhaupt nichts, sie werden nur von ihrem Unbewussten getrieben. Ein Mann berichtet: „Aber an mangelnder Zeit liegt es nie. Keine Zeit: die dümmste aller Ausreden. Sie könnte auch sagen, ich solle mich am Riemen reißen und endlich etwas zum Abschluss bringen, andere schafften das auch. Ich weiß immer weniger, wie man Denken und Handeln zusammenbringt. Ich bin ratlos.“

            Ein Beispiel: Ich will Arzt werden.

Dirk ist ein hervorragender Schüler. Seine Eltern sind sehr stolz auf ihn und es wird erwartet, dass er die Arztlaufbahn einschlagen wird, um in der gut gehenden Praxis seines Vaters mitzuarbeiten. Bislang hat Dirk immer gute Noten erzielt, aber jetzt im zweiten Semester haben seine Leistungen stark nachgelassen. Obgleich Dirk gut abschneiden und seine Eltern zufrieden stellen will, ist er wie gelähmt und leidet unter Prüfungsangst. Nach einem Semester voller Schuldgefühle und Plackerei schwänzt er zwei Kurse und fühlt sich zunehmend überfordert. Was geht in Dirk vor? Angenommen, sein Verhalten ist von einer verborgenen Rebellion gegen den starken Einfluss der Eltern motiviert. Ihm ist bewusst, wie wichtig es seinen Eltern ist, dass er Arzt wird, und er weiß auch, dass sie nur sein Bestes wollen. Seine rebellischen Empfindungen bleiben ihm verborgen, da er die Eltern nicht enttäuschen möchte. Außerdem scheinen sie über seine Zukunft klarere Vorstellung zu haben als er selbst. Also kommt sein Wunsch nach Unabhängigkeit und eigenem Wollendürfen verschleiert zum Ausdruck, in Form mangelnder Motivation und einer Vernachlässigung des Studiums. Dirk scheint ein gehorsamer Sohn zu sein, dessen Absicht, Medizin zu studieren, von einer verwirrenden Motivationsblockade verhindert wird. Diese Vermeidungshaltung beweist, dass nur er - nicht seine Eltern - seine Zukunft bestimmen will.

Nicht er hat beschlossen, Arzt zu werden, sondern seine Eltern, und er hat sich dieser Meinung nur angeschlossen, und zwar unbewusst. Er ist überzeugt, tausend freiwillige Handlungen ausgeführt zu haben, während er sich nur von internen Kräften (Konfliktvermeidung) treiben ließ. Die meisten von uns passen sich anderen Menschen an, ohne dass sie es überhaupt wissen. Die merken nicht, dass sie es zulassen, dass das Verhalten, der Anspruch und die Haltung eines anderen Menschen unser eigenes diktieren kann oder aber, dass wir dieser Person die Macht geben, uns zu kontrollieren. Wir denken vielleicht, dass wir einen aufrichtigen Handel machen, indem wir etwas bekommen, was uns wichtiger erscheint. Tatsächlich geben viele Menschen so schnell und instinktiv nach, dass sie erst geraume Zeit später merken, was sie getan haben. Oft werden Forderungen akzeptiert, die schlichtweg selbstschädigend und nachteilig sind, weil sie mehr darauf bedacht sind, nicht kritisiert zu werden und keinem Konflikt ausgesetzt zu sein, statt das zu machen, was in ihrem eigenen Interesse liegt. Doch hier wissen wir nicht oder sind so durcheinander, dass uns andere Möglichkeiten gar nicht in den Kopf kommen. Sondern wir reagieren in einer Art und Weise, die vertraut und bequem ist, und wir greifen auf Verhaltensweisen zurück, die in der Vergangenheit zu unserem Vorteil funktioniert haben und sich auch noch so anfühlen, als seien sie richtig. Der Versuch, andere Menschen glücklich zu machen, und der Versuch, Konflikte zu vermeiden, sind die zwei Reaktionen, die, wenn sie übertrieben werden, uns zum bevorzugten Ziel für jene machen, die einen starken Drang haben, andere Leute herumzustoßen. Deswegen sage ich Ihnen: „Was Sie tun, führt nicht zu dem, das Sie sich erhofft haben, und es macht die Angelegenheiten häufig noch schlimmer, aber es scheint auch so zu sein, als ob Sie nicht damit aufhören könnten.“

Anpassungsverhalten sind automatisch, und im allgemeinen wiederholen sich dieselben Muster immer wieder. Häufig sind wir davon überzeugt, dass die Methode funktioniert, wenn wir uns nur mehr Mühe geben, damit sie funktionieren. Und so geben sich Menschen immer mehr Mühe, wobei sie sich trotz kläglicher Ergebnisse und unguter Konsequenzen wiederholt auf dieselbe Art und Weise verhalten. Am Ende können diese Menschen von ihren unwirksamen Reaktionsmustern abhängig werden und somit eine Gewohnheit der Anpassung entwickeln, über die die Menschen wenig oder gar keine Kontrolle haben. Denn den meisten Handlungen geht eine ureigenste Willensentscheidung voraus und diese Willensentscheidung ist kognitiver und emotionaler Natur. 

Jede freiwillige Handlung besteht aus einer Mischung von Bewusstem und                     Unbewussten:

1.      Der Wille nimmt zu, wenn die bewussten Gründe zunehmen, das heißt, der Mensch weiß, was er will und weshalb er will. (Tiefe Selbsterkenntnis ist also unerlässlich).        

2.      Der Wille nimmt ab, wenn die unbewussten Gründe zunehmen. (Viele Menschen können auf diese Weise äußere Anzeichen eines starken Willens aufweisen, obwohl sie diesen nicht besitzen).  

„Das Gesetz des Handelns: einen Entschluss fassen, zur Tat schreiten, dann verharren, kurz, den Blick in die Ferne, um wiederum etwas Neues in Angriff zu nehmen, ganz gleich was, entscheidend sind die Vorwärtsbewegung und dass es Folgen hat. Jede veränderte Lage schreit nach weiteren Taten, es geht unaufhaltsam voran.“ Es ist eine menschliche Eigenschaft, die Folgen bestimmter Handlungen voraussehen zu können und die Bilanz daraus ziehen und diese zu analysieren. Eine freiwillige Handlung unterteilt sich in vier Abschnitte:

1.      Wahrnehmung: Die auszuführende Handlung entsteht im Gedanken, z.B. soll ich den Besuch zur Wochenendreise machen?

2.      Überlegung: Während dieser Periode wird das Dafür und Dagegen ausgewogen und was muss ich mitnehmen und was muss ich noch vorher erledigen (soll ich aus diesem Grunde den Besuch machen oder aus jenem nicht).

3.      Entscheidung: Das Verdikt als Resultat der Überlegung. Man verreist oder verreist nicht.

4.      Ausführung, die der Entscheidung folgt.

Von diesen vier Teilabschnitten wäre der dritte (Entscheidung) ein Akt des Willens.

In der Theorie sieht das sehr schön aus. In der Wirklichkeit des Alltags erfolgt manche Überlegung in einem inneren Durcheinander unbewusster Motive, durch Instinkte, Launen, Ängste, Zwangsvorstellungen, Aufgeregtheit usw. Die Schlussentscheidung hängt vor allem vom inneren Empfang des Gedankens ab. Erhält ein sehr gehemmter Mensch eine Einladung, so ist seine Reaktion ein Schrecken. Wie soll er dann freiwillig entscheiden? Gleichgültig, ob er ja oder nein sagt, er lässt sich von seiner Befangenheit dazu treiben.

Ich bin schon wieder verzweifelt über mich selber. ich möchte heute Nachmittag übers Wochenende wegfahren, einen Besuch machen, will gegen 15 Uhr losfahren und weiß nicht, wie ich diese Stunden bis dahin überstehen soll. Fühle mich so überfordert. Das ist jedes Mal so und diesmal ist es noch schlimmer. 

Warum kann ich mir nicht einfach eine Liste machen und sie abarbeiten? 

Warum muss ich zwanghaft denken, dass ich Wichtiges vergessen werde, dass ich das Falsche zum Anziehen mitnehme, dass ich zuwenig oder zuviel einpacke, dass die anderen meine Nervosität merken könnten, dass ich hier eigentlich noch dieses und jenes erledigen sollte usw. usw. 

Kleinste Entscheidungen sind ein Problem, dabei ist "objektiv" gar nichts da, was nicht leicht zu schaffen wäre bzw. was nicht auch bis nächste Woche warten könnte! 

Ich finde das wirklich krank! Und ich weiß auch gar nicht, was genau in mir vorgeht, hab in solchen Zeiten gar keinen Kontakt zu meinen Gefühlen, außer diffuser Angst, die sich in Durchfällen und hektischem Atmen zeigt. 

Ich könnte auch zu Hause bleiben und den Besuch verschieben, aber das nützt nichts, denn ich möchte ja fahren im Grunde, nur kann ich mich wie immer wieder nicht von der Wohnung lösen, hab Zwangsvorstellungen, was alles passieren könnte, oder dass unterwegs was passiert. 

Ich weiß aus Erfahrung, dass alles das von mir abfällt, wenn ich erst mal hier raus bin. 

Warum mache ich jetzt keine Liste und arbeite die ab?? 

Auszug aus dem Messie Forum

Ferner endet die willentliche Handlung erst bei Punkt 4 (Ausführung).  

Beschlossen ist noch nicht ausgeführt! Zwischen der Entscheidung und der Ausführung kommen Zweifel, Zögern usw., die wiederum neue Überlegungen und neue Entscheidungen auslösen. Viele Entschlüsse werden gefasst, ohne dass es je zur Handlung kommt. Dies ist bei vielen Menschen der Fall, die >entschlossen< sind, ihr Verhalten zu ändern (aufzuräumen, wegzuwerfen oder pünktlicher zu sein), sowie bei zahlreichen Messies, die sehr viel tun >wollen< und beschließen, >morgen< dieses oder jenes zu tun. Die freiwillige Handlung bleibt irgendwo unterwegs hängen, das heißt, sie wird nicht ausgeführt.

Welches unfreiwillige innere Spiel löst die Handlung, die ich als freiwillig betrachte, aus?

            Damit wären wir wieder einmal beim >Kenne dich selbst< angelangt...

Eine normale Vitalität ist die Grundbedingung echten Willens und die Willenskraft ist keine besondere Fähigkeit. Sie hängt von vielen physischen und psychischen Faktoren ab und kommt von einer ganzen Reihe verschiedener Gehirnzentren. Sie erscheint, verschwindet oder ändert sich gemäss den Schwankungen in unserer Persönlichkeit. Echter Wille lässt sich erst erreichen, wenn alles, was den falschen Willen hervorruft, eliminiert wurde. Die erreichte Kongruenz des innerlich Geteilten ist unerlässlich, damit der Wille wieder zu einem natürlichen Akt wird, damit man so leicht will, wie ein Glas Wasser trinken. Erst dann kann man wollen und verwirklichen, wie ein Förster mit starken Muskeln und guter Axt, der einen Baum fällt...

Der berühmte Doktor Gilbert Robin sagte: „Es gibt keine faulen, nur kranke Menschen. Faul sind nur die Eltern, Erzieher, Therapeuten und Ärzte, die die Gründe der Störung, die sie beklagen, nicht suchen.“ Verständlich - man versucht, die Störung des Willens (Faulheit, Impulse, Zögern usw.) auszumerzen, ohne deren Ursache gesucht zu haben.

            Was nicht stimmt:                                                      Was stimmt:

            Wenn man will, so kann man!                      Wenn man kann, so will man!

Zum Beispiel verhindert eine Verdrängung oder ein Komplex den echten Willensakt. Auch das bewusste Hervorrufen von Vorstellungsbildern (z.B.: niemals alles fertig oder erledigt zu bekommen) kann unser Unterbewusstsein erheblich beeinflussen. Die meisten Entschei-dungen werden wegen dieser unbewussten Kristallisierung getroffen. Der Mensch weiß nichts von deren Vorhandensein und stellt nur fest, dass ihm einfach nichts gelingen will und dass die einfachsten alltäglichen Situationen von ihm eine übermenschliche Anstrengung verlangen. Bilder und Vorstellungen können Handlungen und/oder Gefühle wecken. Aber auch bestimmte Handlungen können wiederum bestimmte Bilder und Erinnerungen oder Ideen hervorrufen. So kann eine gespielte Rolle dazu führen, dass wir tatsächlich die damit verbundenen Gefühle wachrufen.

            Hierzu zwei kleine Beispiele:

Diese Jahr wollte ich unbedingt meine Balkonblumen erstens vor dem Erfrieren retten und zweitens über den Winter bringen, damit sie im nächsten Sommer so herrlich blühen, wie ich es bei Ulla so gesehen habe. Ich habe also alle in einen Blumentopf umgepflanzt und danach den Balkon gefegt und gewischt. Jedoch war ich nicht ganz mit den Resultat zufrieden und ich dachte, dass ich in den nächsten Tagen noch einmal wischen muss. Nun, am anderen Morgen, es war Sonntag, habe ich die Gardinen der Balkontür aufgezogen und dachte da: „Wie schön sauber mein Balkon doch aussieht.“ Viele werden jetzt fragen: Waren da über Nacht Heinzelmännchen am Werk? Nein! Ich habe so etwas in den letzten Jahren immer wieder erlebt und ich nenne es hier eine Gefühlserinnerung, die so stark ist, dass sie die objektive Wahrnehmung irritiert und verwischt und durch ein anderes Gefühls- und Gedankenmuster „Das ist wieder mal nicht richtig gemacht“ ausgetauscht wird. Häufig passiert das, wenn ich aus irgendeinem Grund während der Arbeit verunsichert oder in Stress geraten bin, dann greifen alte Gefühlserinnerungsmuster ein und beeinträchtigen mein Erleben. Ich war während des Umtopfens deswegen verunsichert, weil ich nicht wusste, ob ich die Pflanzen zurückschneiden muss und ich habe es dann sein gelassen, weil sie noch so schön blühten. Diese Verunsicherung hat dazu geführt, dass eine alte Einstellung und ein altes Gefühl eigentlich ohne Grund wieder da war: „Sicherlich ist wieder alles falsch.“ Am anderen Morgen war das Gefühl nicht vorhanden und so konnte ich meine Arbeit realistisch bewerten.

Da ich viele dieser Messie-Mechanismen über Selbstversuche, durch intensives Bewusstmachen der Gedanken und Gefühle, herausbekommen habe, möchte ich über den heutigen Versuch berichten:

Seit geraumer Zeit schiebe ich das Fensterputzen auf. Eigentlich wollte ich es vor der Berlinfahrt erledigt haben. Allerdings musste ich gerade in diesen Tagen noch in brandeiligen Fällen tätig werden und zusätzlich noch neue Dokumentationen kopieren und heften, dass ich es einfach nicht mehr vorher geschafft hatte. Nun ist das Aufschieben, wegen Prioritätsveränderung, nicht mehr so schwierig für mich, wie es z.B. noch vor ein paar Jahren war und ich deswegen in einen Abwärtsstrudel negativer Überlegungen geraten konnte. 

Heute wollte ich die Fenster putzen und das Wetter war das reinste Fensterputzwetter.

Dann aber überlegte ich, ganz plötzlich, ob ich nicht besser die Arbeit auf nächste Woche verschieben sollte, ein Gefühl wie aus heiterem Himmel hat mich also wieder überfallen. Ich nenne es das neutrale Gefühl. Neutrale Gefühle erlebe ich immer dann, wenn es brenzlig wird, wenn unbewusst eine Situationserinnerung zu einer Bedrohung führt. Natürlich ist das nicht bewusst, sondern immer unbewusst. Nur kenne ich mittlerweile diese Merkmale, z.B. indem ich auszuweichen versuche und die bedrohliche Situation auf später verschieben will. Was aber ist bedrohlich? Meine Arbeit kann von außen gesehen und bewertet werden, u.a. ein Bedrohungsgefühl im Kontext mit der Handlung.

Nun lasse ich mich aber nicht so schnell unterkriegen und schon gar nicht von diesem blöden „Nicht-Fühlen“. Ich habe also in meiner Werkstatt angefangen (die hatte es auch dringendst nötig), und während des Putzens habe ich ständig denken müssen, dass das alles ja ziemlich lange dauern würde und dass ich bestimmt nicht mehr einkaufen konnte, weil dann vielleicht die Geschäfte schon geschlossen wären usw.

Sie merken hier, dass ich zu meiner Anfangsbedrohung selber eine zusätzliche Bedrohung durch meine Gedanken aufgebaut habe. Früher, wenn es mir dann dadurch so richtig schlecht ging, habe ich alles stehen und liegen gelassen und bin ausgewichen und geflohen. Heute weiß ich um diesen Mechanismus und weiß auch, dass es mit anderen Ereignissen, z.B. in der Familie, im Zusammenhang steht. Und weil ich diese Zusammenhänge herstellen kann, verschwinden automatisch diese bedrohlichen Gefühle, zumindest erst einmal in der Verknüpfung mit dem Fensterputzen.

Diese innere Spannung wird als Aggression entweder nach außen gerichtet oder es entsteht zur Leidvermeidung eine Hemmung der Eigenwahrnehmung; es ist so, als ob Sie ihr Gefühl neutralisieren - es ist so, als ob Sie innen die Luft anhalten. Fehlende Selbstwahrnehmung bedeutet aber auch eine Steigerung der Illusionen; illusionäre Ansprüche und Erwartungen an sich und andere. Illusionen entstehen aus dem verzweifelten Bedürfnis des Menschen, seine realen Gegebenheiten zu verändern und sie erträglicher, befriedigender zu gestalten. Der Mensch macht sich Illusionen, um in Notsituationen mit akuten oder tiefsitzenden Ängsten fertig zu werden. 

Manchmal verschwinden Illusionen mit der Krise von selbst. Bei den betroffenen Messies halten sich Illusionen über lange Zeit, da sie funktionell sind: 

Sie sollen Vergangenheit und Zukunft harmonisieren oder den Zusammenstoß mit zu erwartenden Folgen früherer Handlungen hinausschieben. Meist geschieht das dadurch, dass man die weniger angenehmen Seiten der Wirklichkeit geflissentlich übersieht. (Als Beispiel: Die Illusion, der „Starke“ in der Familie leide unter ungeheuren Ängsten, gibt den „Schwachen“ den benötigten Schonraum und genügend Zeit, sich mit eigenen Ängsten auseinanderzusetzen). 

Ich erlebe oft, dass bei Messies manche Illusionen aus Gründen, die nicht mehr zu eruieren sind, zu selbständigen Zwangsvorstellungen werden, die sich selbst instandhalten. Andere bilden sich je nach Bedarf aus dem Strom der Wirklichkeit und lösen sich wieder in ihm auf. Sie verschwinden sofort, sobald der Betroffene sein Leben besser organisiert. Wie das Versagen, so erfüllen also auch Illusionen eine Funktion und sind Mittel zu einem Zweck. Aufgabe des Therapeuten ist es, das Ziel einer Illusion zu entdecken und bewusst zu machen. Falls ihm das nicht gelingt, sollte er sie wenigstens ernstnehmen.

Starke Aufmerksamkeit und ständiges Wiederholen von Handlungsmustern können Vorstellungen und Gefühle erheblich verstärken. Das wiederholte Wachrufen dieser Vorstellungen und Gefühle kann unser Verhalten stark beeinflussen und hier sollten die negativen Gedanken/Gefühle immer hinterfragt werden, sie sollten nicht stehen gelassen werden. Genauso gut kann man sich aber auch selbst durch bewusste Vorstellungssteuerung lenken, die positiv gefärbt ist. Und diese Wiederholung schafft außerdem Gewohnheiten, die die weitere Durchführung des Handelns erleichtern. Wiederholte positivere Vorstellungen und Gefühle werden dann viel leichter ins Unterbewusste übernommen und negative ablösen, und somit können Handlungen anschließend mit einem viel geringeren Energieaufwand ablaufen. Mit dieser Technik sind wir in der Lage, Gefühlszustände zu verändern, und das habe ich in der Selbsthilfegruppe gut einüben und annehmbar gestalten können. Doch darauf komme ich noch einmal später zurück.

Wir müssen gleichzeitig davon ausgehen, dass es während der Individualentwicklung bei limbischen Lern- und Gedächtnisbildungsprozessen "sensible" Phasen gibt, wie sie aus der Verhaltensbiologie bei Prägungsprozessen bekannt sind. Hierbei werden Netzwerkstrukturen und -funktionen so verändert, dass sie gegen spätere Veränderungen relativ resistent sind. Solche "sensiblen" Phasen scheinen während der Gehirnentwicklung im Mutterleib, kurz nach der Geburt und in den ersten Lebensjahren stattzufinden. Dies würde bedeuten, dass Veränderungen außerhalb dieser sensiblen Phasen mit zunehmendem Alter immer schwerer vonstatten gehen. Dies würde insbesondere für limbische Netzwerke gelten, die aufgrund traumatischer Ereignisse, d.h. aufgrund starker affektiver und emotionaler Belastungen in ihren Strukturen festgelegt wurden. Entsprechend hoch müsste die emotionale Aktivierung (z.B. Lebenskrisen oder eine fordernde neue Partnerschaft) sein, um diese Prägungen wieder aufzuheben, damit sich an unserer Persönlichkeit überhaupt noch etwas ändert.

Entsprechend bleiben bloße Appelle an die Einsicht wirkungslos, denn sie aktivieren allein die Netzwerke des bewusstseinsfähigen cortico-hippocampalen Systems; dieses hat aber auf die verhaltensrelevanten limbischen Netzwerke keinen wesentlichen oder einen nur indirekten Einfluss. Eine Veränderung des cortico-hippocampalen Systems verändert unser deklaratives Gedächtnis, nicht aber unser Verhalten. Dies bedeutet generell, dass Einsicht allein nicht zu einer Verhaltenänderung führt, und dass man sich über Einsicht nicht selbst therapieren kann.

Der Psychotherapeut hingegen kann mit geeigneten therapeutischen Mitteln, insbesondere mithilfe der Erzeugung eines "emotionalen Aufruhrs", auf das Unbewusste des Patienten einwirken und damit Veränderungen subcorticaler limbischer Zentren bewirken. Diese therapeutischen Einwirkungen lösen die gesteigerte Ausschüttung bestimmter Neuromodulatoren und Neuropeptide aus. Wie dies in einer erfolgreichen Psychotherapie im Einzelnen geschieht, ist allerdings noch unbekannt.

...

Im Laufe dieser Forschung haben sich Resultate und Einsichten ergeben, die – wie ich in diesem Aufsatz umrisshaft darzustellen versuchte – die Lehre Freuds in einigen wichtigen Punkten zu bestätigen scheinen. Diese lauten: 

1.      Das Unbewusste bestimmt weitgehend das Bewusstsein; 

2.      das Unbewusste entsteht ontogenetisch vor dem Bewusstsein; es legt sehr früh die Grundstrukturen der Weise fest, wie wir mit uns und unserer Umwelt umgehen; 

3.      das bewusste Ich hat keine oder eine nur geringe Einsicht in die unbewussten Determinanten des Erlebens und Handelns; 

4.       das emotionalen Erfahrungsgedächtnis hat das erste und das letzte Wort, nämlich beim Entstehen unserer Wünsche und Handlungsabsichten und bei der Letztentscheidung über die Realisierung dieser Wünsche und Absichten.

Aus: Wie das Gehirn die Seele macht

Prof.Dr.Dr. Gerhard Roth

 

Denk- und Wahrnehmungsfehler   

Unser Erleben wird ständig vielschichtiger und undurchschaubarer. Die menschlichen Fähigkeiten, Komplexitäten zu erfassen, scheinen oft eingeschränkt zu sein. Der menschliche Geist ist fortwährend darum bemüht, Komplexität zu vereinfachen und in undurchsichtigen Strukturen eine Systematik zu erkennen.

In jeder komplexen Situation werden auch starke Emotionen ausgelöst. In unüberschaubaren Situationen trifft häufig eine sogenannte Externalisierung auf, das heißt, die Wahrnehmung für Umweltreize wird genauer und intensiver. Man spricht auch von einem Sicherungs-verhalten, durch das die Umwelt ständig beobachtet wird. Die Gefahr besteht allerdings darin, dass ein hohes Maß an Externalisierung gleichzeitig die flexiblere Denktätigkeit einschränkt. Intensives Nachdenken setzt immer eine bestimmte Art einer nach innen gelenkten Aufmerksamkeit voraus. So werden Signale der Außenwelt mit Ängsten und Befürchtungen der Innenwelt verknüpft und verstärkt. Die Interpretation der Außensignale können durch die Hilflosigkeitserfahrungen früherer Jahre verstärkt auftreten und in eine nicht reale und nicht überprüfbare Richtung gelenkt werden. Hierdurch entstehen dann Meinungen und Gedanken, die andere Menschen nicht mehr nachvollziehen können, die für den Betroffenen aber als eine ganz logische Gedankenentwicklung wahrgenommen wird. Das Festhalten an solchen Gedanken erleben dann die Angehörigen als starr und stures Verhalten, hier ist dann eine Flexibilität abhanden gekommen, die das Menschsein eigentlich prägt. Jeder geistige Eingriff setzt ein gewisses Entkoppeln von der Umgebung voraus. Menschen mit guten Problemlösefähigkeiten sind somit in der Lage, sich von der momentanen Umgebung kurzfristig zu lösen, um so Denkoperationen in Gang zu setzen, die abstraktes Vorgehen erfordern.

Kannst Du mir bitte verraten, wie Du Dich vom Urteil anderer unabhängig gemacht hast?

Wenn ich nämlich nachdenke, ist das eigentlich mein Hauptproblem. Dreck im Eingangsbereich stört mich persönlich nicht unbedingt, weil ich weiß, dass ich "demnächst" wieder wische. Wenn dann allerdings Besuch kommt, fange ich urplötzlich an, das Haus mit deren Augen zu sehen. Dann fällt mir der Dreck plötzlich unangenehm auf. Wäschestapel im Wohnzimmer sind vorübergehend, also lassen die mich kalt. Anders aber, wenn jemand kommt. Also geht es mir doch eigentlich nicht darum, eine saubere Hütte zu haben, sondern um den Eindruck, den ich bei anderen hinterlasse, oder???

Dabei weiß ich vom logischen Standpunkt aus, dass mir Leute, die mich an der Sauberkeit und Ordnung messen, ohnehin egal sind? Dass ich supersaubere Wohnungen, wo man nach dem Gehen instinktiv die Kissen wieder aufschüttelt, ohnehin ätzend finde? 

Also: Wie löse ich mich davon, mich angepupst zu fühlen, wenn jemand mich schief anguckt? 

Aus dem Messie-Forum

Jede Emotionalisierung einer Situation erhöht die Vigilanz (Wachsamkeit, z.B. in Bezug auf Bedrohung) der äußeren Aufmerksamkeit und reduziert damit gleichzeitig das abstrakte Denkvermögen. Die Konzentration auf die aktuelle Situation wird erschwert, ebenso das Erfassen von Neben- und Fernwirkungen. Deswegen ist es für gute Problemlösungen sehr wichtig, sich kurzfristig aus dem Problembezug zurückzuziehen, die Realitätsebene zu wechseln. Man kann drei Hauptformen in komplexen und bedrohlichen Situationen als Reaktion unterscheiden 1. Angriff, 2. Vermeidung oder 3. Kapitulieren. Alle Reaktionsformen sind mit starken Gefühlen verbunden, die das Denken erheblich beeinträchtigen können.

Heute war die erste Stunde in der Hundeschule und man musste Impfpass und Versicherungsnachweis mitbringen. Kein Problem, dachte ich, der Impfpass liegt schon seit einer Woche auf dem Garderobenschränkchen bereit (er hat noch keinen festen Platz) und die Versicherungspolice, die kam doch vor 2 Wochen per Post und die hab ich gleich ins Ablagekörbchen gelegt - DENKSTE! Im Ablagekörbchen lagen zwar fein säuberlich die Versicherungsbedingungen, aber von der Police keine Spur :-(((

Na gut, hab' ich bestimmt irgendwo hingelegt, wo ich sie gleich finde, ich wusste ja, dass ich die heute brauche. Und dann ging die Sucherei los. Überall - nichts gefunden. Noch mal gesucht, alles auf den Kopf gestellt - nichts. Da kam dann schon langsam die Panik hoch. Irgendwann hab ich es dann aufgegeben und die Versicherungsagentur angerufen, dort war natürlich nur der AB dran, also draufgesprochen und um Fax der Police gebeten. Zwischendurch mit Conni telefoniert *winkeundhoffdasswirunsmorgensehen*, einkaufen gegangen, Hausaufgaben kontrolliert und die Zeit lief und lief und kein Fax :-(

Doch dann, etwa eine halbe Stunde, bevor wir los mussten, kam dann doch noch das Fax *Jubel*

Aber schon ärgerlich, beinahe hätten wir jetzt nicht an dem Kurs teilnehmen können, nur weil ich mal wieder nicht in der Lage war, die Police gleich an einen festgelegten Platz zu deponieren. *grmpf*

Ansonsten gibt es hier nichts neues, es herrscht immer noch Schweigen im Walde mit seit gestern gaaanz leichten Annäherungen seinerseits. Ich bin nach wie vor gut gelaunt und sch.....freundlich, das scheint Wirkung zu zeigen.

Jetzt ist er noch arbeiten, wird wohl spät heute. Bin mal gespannt, wie das morgen mit dem Pur-Konzert wird - ob er wohl mitgeht???
Ehrlich gesagt, wenn er weiter schweigt, kann er meinetwegen lieber zu Hause bleiben, da mach ich mir mit meiner Tochter alleine einen schönen Abend, haben wir mehr von.

Meine Gelassenheit habe ich mir bewahrt, obwohl es heute hart an der Grenze war, die Sucherei hat mich ganz schön Nerven gekostet.
Außerdem verfällt meine Küche, die ich sooo schön cleanie-mäßig hatte, wieder in ein unglaubliches Chaos und ich krieg den Dreh nicht, etwas daran zu ändern :-(((

So, jetzt dreh ich gleich noch 'ne Hunderunde und fall dann todmüde ins Bettchen.

Aus dem Messie - Forum August

Es kann auch passieren, dass in  unüberschaubaren Situationen der Handelnde eine starke Entschlussfähigkeit vorspielt, um sich selbst Mut zu machen und sich seine Kompetenz selbst einzureden. Weiterhin kann es so auftreten, dass sich der Mensch in solch einer komplizierten Situation auf Bereiche zurückzieht, in denen er sich gut auskennt. Dieses kann aber die Gefahr in sich bergen, dass die wesentlichen Elemente dieser speziellen Situation nicht erkannt werden. Alles, was zeitlich weiter entfernt liegt, nehmen wir noch etwas unklar wahr. Da wir die Zeit für weit in der Zukunft liegende Projekte nicht im einzelnen abschätzen können, reduzieren wir die Einschätzung auf einfache Denkschemata. „Dafür habe ich später ja immer noch Zeit.“ „Das werde ich später in Ruhe machen.“ Das Zurückziehen auf ein bekanntes Gebiet ist nämlich eine Schutzreaktion. Und auch hier suggeriert man sich und anderen Kompetenz, die aber nur scheinbar da ist. Die tatsächliche Situation wird nicht erkannt. 

Hallo Ihr, 

So. Habe die Situation par Excellenze. Ich bekomme in 3 Tagen Gäste. 

Wenn ich heute anfange, aufzuräumen, schaffe ich alles einigermaßen in Ruhe. 

Wenn ich morgen anfange, wird’s schon hektischer. 

Wenn ich übermorgen anfange, wird’s Megastress und ich werde mich ärgern, nicht früher angefangen zu haben. 

Ich sitze hier und kämpfe und kämpfe mit mir. Ich kämpfe wirklich. WARUM fange ich jetzt nicht an, wenn ich es so genau weiß? 

Der Wunsch, mich ins Bett zu legen. Oder weiter im Internet zu surfen. Nur nicht anzufangen. 

Ich WEISS, in spätestens zwei Tagen MUSS ich anfangen. Und dann mit enormem Druck. 

Jetzt habe ich Zeit. 

WARUM FANGE ICH NICHT AN? Ich fühle mich total gelähmt. 

UND es ist mir bewusst! 

Oh Mann, ist das frustrierend. 

Aus dem Messie-Forum

Gut zu wissen ist, dass alle Reaktionen zur Gewohnheit werden können. Menschen bevorzugen eine bestimmte Reaktionsform, um mit Situationen umzugehen. Bei der Form des Aufgebens oder Kapitulierens hat insbesondere Seligmann (1975) die gelernte Hilflosigkeit beschrieben. Menschen reagieren resignativ auch in Situationen, die sie eigentlich leicht bewältigen könnten. Die frühen negativen Erfahrungen führen dazu, dass sie sich nicht mehr trauen, erfolgreiche Handlungsmuster zu entwickeln. Dieses für Menschen mit einem Messie-Syndrom zu verändern, bedeutet erst einmal, alte Reaktionsmuster zu erkennen und ins Bewusstsein zu rufen. Auch wenn wir oft denken, dass irgendwelche unbekannte Mächte uns lenken, so werden wir letzten Endes feststellen, dass die Selbstorganisationsstrategien einem eigenen Muster nachfolgen. So sind Gefühle ursprüngliche Reaktionsformen auf unange-nehme oder angenehme Situationen. Sie dienen der Situationsbewältigung und geben dem Individuum Rückmeldung für die Interpretation der Situation. Auch Denkprozesse dienen der Situationsbewältigung, allerdings auf einer rationalen und abstrakten Ebene.

Denkprozesse:

Das Denken hilft uns, Sachverhalte zu verstehen. Sobald der Mensch sich aber mit einer speziellen Eigentümlichkeit zu stark identifiziert und sich einer bestimmten Vollkommenheit zu sehr nähert, entsteht gleichzeitig eine gewisse Gefahr daraus. Automatisch entwickeln wir dann damit auch eine selektive Wahrnehmung und bestätigen und unterstützen diese mit irrealen Ideen und Begründungen, die dann im Endeffekt die Theorien ihres Handelns beweisen sollen. Wenn wir die Umwelt in kleine Einheiten zerlegen (selektiv wahrnehmen), erleben wir sie getrennt und ohne Zusammenhang, also in kleinste Einheiten zerlegt, ohne dass komplizierte Beziehungsgeflechte zwischen den einzelnen Teilen des einheitlichen Ganzen berücksichtigt werden können. Die universelle Verbundenheit und Ganzheit der Umwelt und Raum-Zeit-Kontinuum schaffen eine Verknüpfung zur Wirklichkeit, und die Einschränkung dieser Wahrnehmung befördert unwirkliche Vorstellungen. Zum Beispiel eine „Entweder-oder“-Denkstrategie:

Wir müssen einen Bericht schreiben und überlegen uns, ob wir dies jetzt machen sollen oder an einem späteren Tag. Wir glauben, eine Entscheidung fällen zu müssen, die sich in eine „Entweder-oder“-Struktur eingruppieren lässt. Wir fühlen uns zu träge, den Bericht heute zu beginnen und verschieben ihn deshalb auf einen späteren Tag.

Jedoch bleiben solche nicht abgeschlossenen Aufgaben viel stärker im Gedächtnis haften. Die unerledigten Handlungen können wir besser behalten als erledigte und als Ursache hierfür werden bedürfnisartige Spannungen angenommen, die die nachfolgende Erledigung der Aufgabe bewirken soll.

Ich krieg grad den Koller, genauer gesagt die Kleiderschrank-Paranoia... 

..zuviel...kann mich nicht entscheiden, was weg kann...zu gut zum Wegtun.... 

...ja ja, ich kenne alle "Methoden" und "Tricks", die wir hier im Messieforum schon zum Thema diskutiert hatten... ABER - ich verlier mich im Denken anstatt was und warum ich wirklich noch brauche, anstatt wirklich was zu tun...

...okay, soweit die Ausgangssituation von eben. Aber eines der Dinge, die ich gelernt habe auf meinem Entmess-ungs-weg bis hierher, ist, dass ich liebe Freunde habe und auch mal Hilfe von außen annehmen kann. 

Also: DAS ist der "Plan" bzw. DAS hab ich gerade gemacht (ich muss verrückt sein!!!!) 

In anderthalb Stunden kommt ne Freundin vorbei. Bis dahin hab ich den Kleiderschrank dahingehend durch bzw. soll ihn durchhaben, was ich denn wirklich behalten will und was nicht. Also hab ich jetzt keine Zeit, bei jedem Teil lange zu überlegen - und allein die Tatsache, DASS ich bei einem Teil überlege, ob es wegkann, sagt ja schon aus, dass es eigentlich nicht mehr sooo wichtig oder so schön sein kann. Also nix mit "Modenschau", sondern "angucken + Entscheidung fällen" ist angesagt. Bzw. nur KURZ überlegen und spontan entscheiden, was weg kann. 

*uff* 

*japs* 

*wahnsinn* 

Na gut...*tief - durchatmen*...ich hab noch ne zweite Stufe eingebaut: 

(ich muss wirklich verrückt sein - oder macht es das XXXXXX, was da den Durchblick bringt?) 

...die Freundin geht nicht nur die Sachen durch, die ich zum Weglegen rauslege (für den Fall, dass sie was haben möchte), nein, sie geht auch noch mal die Sachen durch, von denen ich meine, ich wollte/könnte/müsste sie noch behalten. Und sie hat mir ein kritisches Auge angedroht. Muss dazusagen, ist meine beste Freundin, wir sehen uns sehr oft und sie weiß sehr genau, was ich wann anziehe und was nicht bzw. was ich nicht anhatte. 

*boah* - kann ich fies zu mir selbst sein!!!! 

Bin gespannt, wie's ausgeht... 

und nu los!!!! 

Hiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiilllllllllllllllllllfeeeeeeeeeeeee!!!! 

Aber entschieden ist entschieden - HEUT, nein, JETZT gehe ich das an - anders ging es ja bisher offensichtlich nicht! 

Also - drückt mir die Daumen, dass sie mir noch was zum Anziehen übrig lässt *kichern* 

Und hopp! 

  winkeund über-mich-selbst-erschreckte-grüsse,

Aus: Messie-Forum 

Unser Denken wird geprägt durch sich wiederholende Abläufe und Gewohnheiten. Diese Erfahrung und Gewohnheit gibt uns Sicherheit in unserem Erleben, führt allerdings auch dazu, dass wir dienliche Denkmuster (selbstwerterhaltend) ständig wiederholen, ohne darüber nachzudenken, ob es nicht noch bessere Erklärungen gibt. Vor allem spielt in diesem Zusammenhang auch ein mangelndes Selbstvertrauen eine große Rolle. Wir trauen uns einfach nicht zu, einmal eingeschlagene Wege zu verlassen und einen anderen auszuprobieren. Eigene Ängste behindern uns daran, optimale Denkstrategien einzusetzen.

Als Antwort auf: blockieren wir uns selbst ??? geschrieben von xxxx 

Liebe xxxx, 

bin mir unsicher, ob man pauschal sagen kann, wir blockieren uns selbst. Kommt auf den Zusammenhang an. 

Was das Messie-Sein betrifft, glaub ich aber schon, dass man sich ganz oft selbst im Wege steht. 

Ich stellte bei mir früher fest, dass ich ne Lösung darin suchte, Gründe zu finden, warum ich Schwierigkeiten mit der Ordnung hab. (Ich hab zu wenig/unpassende Möbel, in die ich nicht genug verstauen kann. Das Zimmer/die Wohnung ist zu klein. Meine Charaktereigenschaften bestimmen meinen chaotischen Lebensstil. Ich leide unter Konzentrationsmangel u. schaff nun mal nicht, bei der Sache zu bleiben.) 

Das kann leicht zu Entschuldigungen werden, wie man auch viele andere Entschuldigungen schnell bei der Hand hat, warum man so ist/lebt u. nicht anders, obwohl man dabei sein Zufriedenheitspotential nicht ausschöpft. 

Schlimmer noch, man wird krank u. kraftlos o. mutet sich massive Einbußen in vielerlei Hinsicht zu. Am Ende ist man vielleicht sogar von seiner Rolle überzeugt. Fragt sich aber manchmal doch, kann ich mich meines Lebens erfreuen? 

Und damit wären wir bei den Grenzen unseres Denkens:
"Die Grenzen unseres Denkens sind die Grenzen unseres Erfolges" 

Wenn ich nicht über den Tellerrand schaue, sondern mir Bescheidenheit einrede, ich kann mich mit dem Status quo begnügen o. muss damit leben u. sei es, weil ich meine, ich kann das so schnell sowieso nicht ändern, wie soll sich dann Erfolg einstellen? 

Das Wort Erfolg wirkt abschreckend.
Hab ich den überhaupt verdient?
Hängt Erfolg nicht furchtbar hoch? 

Was ist Erfolg für mich persönlich?
Kann ich das herausfinden, wenn ich schon im Vorhinein mir kaum was zugestehe? 

Will jetzt nicht in die Fußstapfen dieser Erfolgsgurus treten.
Ganz sicher kann man nicht alles im Leben erreichen, wenn man nur will, aber man kann für sich vielfach mehr rausholen. 

Aus dem Messie-Forum

Wir müssen uns nur dazu entscheiden, unsere Denkgewohnheiten in Frage zu stellen und offen für das neue, das andere zu sein, und manchmal kann ein spontanes Probieren zu einer besseren Lösung führen. Hierbei handelt es sich fast immer um ein emotionales Problem, das durch Erfahrungen und Erlebnisse geprägt wurde.

Watzlawick (1977) hat einmal gesagt:

„Das wahre Problem ist die bisher versuchte Lösung des Problems.“

Damit ist gemeint, dass die starke Konzentration auf den einen Lösungsweg (nur die Ordnung der Wohnung zu sehen, oder nur das Aufschreiben (Listen machen) der zu erledigenden Aufgaben - oder ständig an das Einhalten von Terminen zu denken usw. usf.) das Finden von Alternativen verhindert. In unseren Selbsthilfegruppen richtet sich die Einmischung der Teilnehmer häufig gegen einen bisher lange praktizierten Lösungsweg. So wird regelrecht dazu aufgefordert, z.B. bei der Hausarbeit zu pfuschen und ruhig zur Gruppe viel zu später zu erscheinen, oder eine Arbeit aufzuschieben.

Bezogen auf das Messie-Syndrom heißt dies, dass wir uns auch hier überlegen müssen, ob die Strategien der Messie-Ratgeberbücher nicht auch selbst das Problem sein können. Die dort beschriebenen Ordnungssysteme werden nicht aus dem Chaos entwickelt, sondern sind als Gegenmaßnahme zum Chaos erschaffen. Daher ist diese Ordnung nicht lebensfähig und seelisches Wachstum und die Weiterentwicklung der Persönlichkeit werden unmöglich, solange an dieser statischen Ordnung festgehalten wird. Diese Lösungsstrategien, die dort beschrieben stehen, sind für Nicht-Messies, also normal Handelnde oft als effektives Organisations- oder tolles Tippbuch zu gebrauchen. Doch erfasst so ein Buch in keiner Weise die vielen kognitiven Störungen, und damit bleiben neue Lösungsmöglichkeiten unversucht und werden noch nicht einmal angedacht und in Betracht gezogen. Hier halte ich es für besonders wichtig, noch einmal auf das zurückzukommen, was Dr. Rainer Rehberger als Strategien zur Veränderung aufgelistet hat:

·        Dass es um die Förderung der Selbstständigkeit (Autonomie) geht.

·        Dass es um das Erschließen von Gedankenspielen geht, wie man etwas lösen oder bewältigen könnte.

·        Dass bei den Gedankenspielen der spielerische oder getestete Umgang mit Angst, mit Ärger und Schmerz eine ganz große Rolle spielt.

·        Dass dadurch ein Übungsraum oder eine Situation zu gewinnen ist, den/die wir unbedingt brauchen.

Also dass Menschen, die wie in den „Handlungen, Verhalten und Gefühlen“ eingesperrt sind, neue und andere Optionen und Strategien auf allen Ebenen ausprobieren und somit neue erschlossen werden. Damit der geringe Spielraum für die Phantasie erweitert wird und diese Fähigkeit letztendlich in eigene Regie übernommen werden kann, somit den Menschen Flexibilität bei Entscheidungen u.v.m. geben.

Beispiel aus dem Buch von Eva S. Roth: „Einmal Messie, immer Messie?“

Die Autorin schildert hier, wie sie Strategien entwickelt, um sich gegen einen Hausmeister zu wehren, der sie ständig verfolgt, mobbt, sie unter Druck setzt und ihr das Leben schwer macht, um sie und ihre Kinder aus der Wohnung zu vertreiben:

Ein paar Wochen später nahm ich an einem Selbstverteidigungskurs für Frauen teil.

Dort lernte ich, zusammen mit einer Gruppe anderer Frauen, nicht nur ein paar wirkungsvolle Handgriffe zur Abwehr eines Angriffes, sondern wir wurden auch psychologisch geschult. 

Ich erfuhr, dass die Opferhaltung schon beim Denken anfängt, und natürlich beim mangelnden Selbstbewusstsein.

Ich brachte mein Hausmeisterproblem zur Sprache und die Leiterin sagte, dass der Merian das nur mit mir machen könne, solange ich Angst vor ihm hätte und mich von ihm einschüchtern lassen würde.

Und dann setzte, im Zusammenhang mit diesem Kurs, eine unerwartete Wandlung in mir ein.

Wenn ich nun in den Waschkeller ging, überlegte ich mir vorher, wie ich Herrn Merian einen spontanen Kinnhaken verpassen würde, wenn er mich noch einmal von hinten erschrecken würde. 

Ich würde, vor meiner Waschmaschine kniend, wie ein geölter Blitz aufstehen, mich dabei zu ihm herumdrehen und peng – meine  Faust  mitten  in  seinem  Gesicht  platzieren.

Gebrochenes Nasenbein ... na und? – Selber schuld! – Wenn sich einer im Waschkeller derart von hinten heranschleicht, um mich dann zu erschrecken, da darf ich mich schon mal bedroht fühlen.

Komischerweise aber kam er mir jetzt gar nicht mehr hinterher, weder in den Waschkeller noch überhaupt.

Ich machte täglich meine Übungen und visualisierte, wie ich den Herrn Merian fertig machen würde, ihm blitzschnell den Arm verdrehen, ihn zu Boden werfen oder ihm einfach mal unerwartet zackig zwischen die Beine treten.

Vor allem, wenn er mir noch mal im Fahrradkeller intime Fragen stellen sollte und mir dann noch den Weg versperren.

Er ließ mich aber zu meinem großen Erstaunen in Ruhe.

Und dann reizte es mich, übermütig geworden durch den Selbstverteidigungskurs, noch eins drauf zu setzen.

Merian stand jeden Abend im Garten und goss stundenlang mit einem Schlauch die Beete und den Rasen.

Eines Abends stellte ich mich, breitbeinig und mit verschränkten Armen, in ungefähr vier Meter Entfernung vor ihm auf und schaute ihm zu, wie er den Rasen sprengte. Genauer gesagt, ich glotzte ihn unentwegt an, ohne den Blick auch nur kurz abzuwenden. 

Dabei hatte ich immer die Abwehrgriffe im Kopf und war innerlich bereit, sie sofort anzuwenden.

Wenige Minuten später brach er die Gießerei ab und verließ den Garten. Ich konnte es kaum glauben: Die Beete waren noch nicht versorgt und der Rasen nur zur Hälfte. 

Ich wartete. 

Aber er kam nicht zurück.

Diese Erfahrung war eine der wichtigsten meines Lebens.

Ein anderes Mal saß ich auf der Brüstung meines Balkons, eine mafiose Spiegelglas-Sonnenbrille auf der Nase, ließ die Beine lässig baumeln und schaute Herrn Merian interessiert zu, wie er sein Beet beackerte. Und genoss es, dass er sich sichtlich unwohl fühlte unter meiner penetranten Observierung. 

Auch dieses Mal hielt er es nicht allzu lange aus.

Ich hatte einfach den Spieß umgedreht.

Drei Monate später.

Mein Sohn Kevin kam gerade aus der Schule und vermeldete aufgeregt: 

„Beim Merian seiner Klingel is kein Name mehr dran!“

„Na, vielleicht ist ja das Klingelschild abgefallen“, sagte ich, eher desinteressiert.

„Nein, das Schild is noch dran“, sagte Kevin, „Aber der Name is weg!“

Ich wurde hellhörig.

Schnappte den Hausschlüssel, raste raus zu den Klingeln – tatsächlich: Merians Namensschild fehlte, aber der Schutzdeckel aus Plastik war noch da.

Ich rannte die Treppe runter in den Waschraum:

Merians Waschmaschine fehlte ebenfalls.

Dann stürmte ich, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe rauf in den ersten Stock: Die Fußmatte vor Merians Tür war auch verschwunden!

Erst nach einer ganzen Weile begriff ich es:  

Merians waren ausgezogen!  

Klammheimlich hatten sie sich davongeschlichen. Noch nicht mal einen Möbelwagen hatte ich gesehen.

(Aus: „Eva S. Roth: Einmal Messie, immer Messie? – Momentaufnahmen aus einem chaotischen Leben“. Verlag Klotz 2005).

Denken beinhaltet die Fähigkeit, Bedeutungen, Beziehungen und Sinnzusammenhänge zu erfassen und herzustellen und Aufgaben zu lösen. Das eingeschränkte Denken bedeutet, dass dieser Mensch etwas auf eine ganz bestimmte Art und Weise macht und schwer etwas revidieren kann, so dass damit eine Weiterentwicklung oder Veränderung nicht möglich wird.

Das Theoriegebäude zum Messie-Syndrom ist äußert komplex, und ich kann Ihnen hier nur einige Hauptfelder skizzieren. Doch schon die kurzen Beschreibungen der Störung belegen mein theoretisches Konzept oder zumindest deren größere Nähe dazu, wobei es bei mir in einigen Passagen noch eine Formulierungsratlosigkeit gibt.

Alles was ich bis jetzt beschrieben habe, stellt keine Pathologie an sich dar und man kann es getrost als ein ganz normales Erleben beschreiben. Ich habe sogar das Gefühl, dass auch Angehörige diese oder ähnliche störende Erlebensweisen aufweisen, ähnliche Entscheidungsschwierigkeiten haben, ähnliche Schuldgefühle, Selbstwertminderung, Rollentausch oder Grenzüberschreitungen erleben. Was nun den einen Menschen zum Messie macht und den anderen zum Angehörigen, scheint auf den ersten, zweiten und dritten Blick nicht greifbar oder zugänglich zu sein.

Doch scheint bei den Angehörigen die Fähigkeit, Hilfe von außen zu suchen, und andere mit in das, was passiert, einbeziehen zu können, das auffälligste Merkmal zu sein. Denn hierdurch werden entlastende Momente geschaffen. Die entlastenden Mechanismen bei den sogenannten Messies sehen aber ganz anders aus. Sie äußern sich durch Isolierung, Abspaltung, Negieren u.v.m., und dieses schafft erst die Grundlage für das Erleben und die Art und Weise der ganz bestimmten Abwehrsysteme und Schutzmechanismen.

Verschüttete Gefühle:

Unterdrückt oder abgespalten, aber nicht zum Schweigen gebracht

„Was ist falsch gelaufen? So habe ich mir das nicht vorgestellt. Was habe ich mir bloß dabei gedacht?“ Solche Gedanken verfolgen uns, wenn unsere Beziehungen und Unternehmungen sich in verpatzte Gelegenheiten, Missgeschicke und gekränkte Gefühle verwandelt haben.

„Was wollte ich damit beweisen? Warum habe ich es nicht besser gewusst?“ Die Antworten liegen tief verborgen in unserer Persönlichkeit.

In jedem von uns gibt es einen psychischen Motor, der zum Teil von starken Gefühlen der Wut, Schuld oder Kränkung angetrieben wird. Wir verbergen diese schmerzlichen Gefühle vor der Welt, weil wir es für zu gefährlich halten, sie herauszulassen. Oft verbergen wir sie auch vor uns selbst.

Wir alle empfinden oft Scham oder Angst, wenn wir starke Emotionen haben. Sie bereiten uns Unbehagen, ebenso wie die Erinnerung an den Anlass und an die ausgelösten Impulse. Das führt dazu, dass wir negative Gefühle, Erinnerungen und Impulse aus unserem Bewusstsein verbannen. Wir vergraben sie ganz tief und hoffen, dass sie dann verschwinden. Wir geben uns der Illusion hin, dass etwas, vor dem wir die Augen verschließen, nicht mehr da ist.

In unseren alltäglichen Sprech- und Verhaltensweisen verwenden wir Abwehrmechanismen, die unsere negativen Emotionen tarnen sollen. Trotzdem machen diese Emotionen sich bemerkbar, weil sie versteckte Botschaften aussenden. Unsere gesprochenen Worte mögen eine klare Aussage enthalten, aber die Botschaft, die wir übermitteln, kann völlig anders lauten. Wir selbst können diese unterschwelligen Selbstaussagen häufig nicht hören, aber die anderen hören sie sehr wohl.

Manchmal sind unsere verborgenen negativen Gefühle berechtigt und begründet in einer historischen oder emotionalen Realität, manchmal nicht. Unabhängig von ihrer konkreten Ausprägung und Entstehungsgeschichte entscheiden diese Emotionen mehr als alle anderen Lebensaspekte über unseren Erfolg oder Misserfolg. Diese geheimen, subjektiven Gefühle gegenüber uns selbst und anderen beeinflusst die Qualität unserer Beziehungen zu Familienangehörigen, Freunden und Partnern. Sie bestimmen über unseren beruflichen Erfolg und über unsere Reaktion auf einen Verlust. Wenn wir ein unlösbar scheinendes Problem verdrängen, werden wir durch die Angst vor den negativen Emotionen und Impulsen zu Sprech- und Verhaltensweisen veranlasst, die das Problem verstärken.

Solche Gefühle sind keine fremden Mächte, die in unsere Seele eindringen und sie überwältigen. Sie werden ausgelöst und aufrechterhalten durch frühere Erfahrungen und durch unsere Erinnerung an diese Erlebnisse. Diese Gefühle steuern unsere Einstellungen und Verhaltensweisen so automatisch und selbstverständlich, dass wir es gar nicht mehr wahrnehmen.

Die Probleme und Konflikte, Verluste und Veränderungen, die das Leben mit sich bringt, lösen unweigerlich starke Gefühle aus. Zorn, Schmerz und Schuld sind normale, spontane Reaktionen auf Belastungssituationen, aber das ist keine Entschuldigung, um sie endlos zu wiederholen und sein Leben zu zerstören.

Wenn Sie Ihre verdrängten Gefühle und Impulse verstehen, werden Sie immer seltener vor der Frage stehen, was Sie falsch gemacht haben. Wenn Sie sich Ihren stärksten Emotionen stellen, werden Sie mit solchen Problemen wie Selbstsabotage, Einsamkeit und Beziehungskonflikten besser umgehen können. Sie werden erkennen, wie Sie sich selbst im Weg gestanden haben und warum Sie Schwierigkeiten mit bestimmten Menschen und Situationen hatten.

Um Ihr Leben zu ändern, müssen Sie keine neue Weltanschauung entwickeln - Sie müssen nur den Teil von sich selbst anschauen, vor dem sie bislang die Augen verschlossen haben. Sobald Sie Ihren verdrängten Gefühlen offen ins Gesicht sehen, werden diese Gefühle aufhören, Sie unbemerkt zu lenken, und Ihnen nicht länger unsichtbare Steine in den Weg legen. Sie werden in der Lage sein, ein Leben zu führen, das in erster Linie von Ihrem freien Willen und nicht länger von verdrängten Gefühlen gesteuert wird.

Aus: Wenn die Seele schlapp macht

Von Christ Zois und Patricia Fogarty

Dieses Buch ist im Buchhandel nicht mehr erhältlich,

wir benutzen Passagen aus diesem Buch für die Selbsthilfearbeit

quasi als Gerüst, um uns die Auswirkungen von Abwehmechanismen

an Hand von Rollen lesen in der Gruppen deutlicher zu machen und

um an verschüttete Erlebnisse und Gefühle zu kommen und 

um die Chance der Bewältigung dieser verdrängten und 

abgespalteten Konstellationen zu haben.

 

Wie können wir uns die Kindheitsgeschichte dieser Menschen „Messies“ vorstellen?

Die biographische Lebensgeschichte der Menschen, die Probleme damit haben, räumlich und zeitlich organisiert zu sein, sieht typischerweise folgendermaßen aus:

Sie erleben als Kind, dass Verstöße gegen das Sauberkeits-, Ordnungs- und Zeitprinzip heftig geahndet werden und die Eltern/Erzieher darauf mit moralisierenden Vorwürfen reagieren. Häufig auch so extrem, etwas so: „Du bist ja ein unmögliches Geschöpf.“ Oder: „Wenn du so unordentlich bist, kann das nicht mein Kind sein und das will ich überhaupt nicht mehr sehen.“ Ein Kind erfährt durch solche Sätze, dass es sich mit dem kindlichen Verhalten die Liebe der Eltern/Erziehungsperson verwirkt. Dass es erst mit anstrengenden Bemühungen, artig und ergeben zu sein, diese Liebe wieder erringen muss. „Ich laufe hinter der Liebe meiner Mutter hinterher“, erinnert sich eine Frau, die ein ganz trauriges Kinderschicksal hatte und die je nach Bedarf, schon als ganz kleines Kind, von einem zum anderen gereicht wurde. „Ich habe keine Existenzberechtigung“, sagt eine betroffene Frau, die in früher Kindheit diese Berechtigung verloren zu haben glaubte. Ein Mitglied unserer Messie-SHG sagte: „Ich dachte, dass ich nicht das leibliche Kind meiner Eltern bin, denn so können doch Eltern nicht mit ihrem eigenen Kind umgehen.“

Wenn die Kinder von den Eltern/Erziehungspersonen so heruntergemacht werden, nur weil es mit der Ordnung hapert, tauchen natürlich Wut und Hass gegen die Eltern in den Kindern auf, weil sie sich als ganze Person abgelehnt und abgewertet fühlen. Kurz gesagt: Es ist eine Umwelt, die an das Kind ausgesprochen und unausgesprochen die Forderung stellt, es soll sich auf irgendeine Weise einfügen, ohne Rücksicht auf seine Individualität, von einer Ermutigung für sein persönliches inneres Wachstum ganz zu schweigen. Aggressionen tauchen auf und müssen - das ist in so einer Atmosphäre nicht anders möglich - sofort wieder unterdrückt und aus dem Erleben ausgeschaltet werden. Diesen frühen inneren Konflikt löst das Kind dadurch, dass es sich von den anderen zurückzieht. Es schafft schon sehr früh einen emotionalen Abstand zwischen sich und den anderen und legt damit seinen Konflikt still. Hass und Feindseligkeit ist speziell eine Reaktion darauf, dass man sich als Mitmensch nicht angenommen fühlt. Das Kind übt sich (automatisch) darin, Leid nicht nur zu verbergen, sondern es auch nicht zu fühlen. Übrigens gehören Schuldgefühle und Aggressionen in der geschilderten Art immer zusammen. Sympathie und Hilfe will es nicht, weil es einerseits Grund hat, ihre Echtheit zu bezweifeln, und weil sie für das Kind andererseits - auch wenn Hilfe nur vorübergehend gewährt wird - Alarmzeichen für drohende Fesseln sind.

Voller Schuldgefühle und Selbstvorwürfe reagieren diese Menschen im späteren Leben mit Vorwürfen an die eigene Adresse, weil sie es sich selbst ebenfalls nicht verzeihen können, etwas nicht in Ordnung gebracht zu haben. Wie die Eltern früher mit ihnen als Kind verfahren sind, so gehen sie jetzt als Erwachsene mit sich selber um. Sie haben sich sozusagen die elterlichen Gebote und Verbote und diese Einstellungen und Strafvollzüge einverleibt; sie sind ihnen in Fleisch und Blut übergegangen. Diese Menschen finden sich jetzt selbst ganz und gar unmöglich, schlampig und unzuverlässig, und sie finden sich im Grunde strafwürdig und nicht akzeptabel.

Während längerer oder kürzerer Zeitspannen erleben viele Menschen den Selbsthass oder die Selbstverachtung als solche. Manchmal haben sie blitzartige Gefühle wie >Ich hasse mich< oder >Ich verachte mich<, oder sie können wütend auf sich selbst sein. Ein derart bewusstes Erleben von Selbsthass kommt aber nur in Perioden der Verzweiflung vor und wird vergessen, sobald die Verzweiflung nachlässt.

Karen Horney „Neurosen und menschliches Wachstum“ Seite128

Christian Morgenstern hat in seinem Gedicht „Entwicklungsschmerzen“ das Wesen des Selbsthasses prägnant beschrieben:

„Ich werde an mir selbst zugrunde gehen.

Ich, das sind zwei, ein Möchte sein und Bin -

             Und jedes wird zum Schlusse dies erwürgen.

             Das Möchte sein ist wie ein rasend Ross,

             an dessen Schweif das Bin gefesselt ward,

             ist wie ein Rad, darauf das Bin geflochten,

             wie eine Furie, deren Finger sich in ihres Opfers

             Haar verstricken, wie ein Vampir, der am Herzen sitzt

             und saugt und saugt ...“

Karen Horney beschreibt in dem oben genannten Buch, würde das gehasste Selbst vernichtet, so müsste das perfektionistische Selbst gleichzeitig verloren sein. Diese Abhängigkeit verhindert die Änderung dieses Prozesses; und sie schreibt weiter: „Wir können diese Funktion des Selbsthasses in der Analyse beobachten und wir erwarten naiverweise vielleicht, dass der Patient eifrig darauf bedacht ist, davon befreit zu werden.“

Der dritte Faktor, der den Selbsthass so grausam und erbarmungslos macht, ist die Selbstentfremdung. Einfacher ausgedrückt >Dieser Mensch hat kein Mitgefühl für sich<.

So bewegen sich diese Menschen zu Hause, voller unbehaglicher Spannung und der Vorwürfe anderer gewärtig - der Eltern, Kinder, Partner oder Nachbarn, und sie fürchten diese Vorhaltungen im gleichen Maße wie sie deren Urheber fürchten und hassen. Wo Schuldgefühle und Angst bestehen, bestraft zu werden, da wächst in unaufhebbarer Symbiose auch Wut und Hass auf die Erzeuger dieser Gefühle. Hier möchte man annehmen, wenn es nicht zu diesen Vorhaltungen oder Vorwürfen kommt, reagieren diese Menschen mit aufatmender Erleichterung. Doch das ist nicht der Fall. Wenn Vorhaltungen wegen dieser „Defizite“ von Partnern oder Kindern ausbleiben, können die Menschen diese nun „berechtigterweise“ gegen die anderen wenden, man dreht den Spieß um.

„Das ist der Umschlag (das Umschlagen auf eine andere Kommunikationsebene mit einer Anspruchshaltung an andere, mit verdeckter Aggression und Feindseligkeit (die auch in SHG so erlebt werden)) während einer Interaktion mit anderen Menschen. Jeder, der so eine rigorose Strenge erlebt hat, der das verinnerlicht hat als Vorbild, bei dem wird das so im Dialog vorkommen.“

Vortrag: Dr. Rehberger Dokumentation Nr. 3, Seite 54

 

Doch hier geht es erst einmal nicht darum, Eltern für das zu beschuldigen, was sie im guten Glauben an fortschrittliche Erziehungspädagogik vermittelt bekommen und übernommen haben, sondern es geht einzig und allein darum, einen Zugang zu finden für so frühe Übergriffe und Zwangserfahrungen. Auch ich habe einiges bei meinen Kindern falsch gemacht, weil ich natürlich die Kompetenz in dem Bereich der Säuglingspflege bei Erfahrenen und „Experten“ (nämlich einer Säuglingsschwester) gesehen habe und nicht in mir.     

„Die Lektüre, von den Techniken früher Konditionierung, kann den Menschen das Gefühl geben, hinter ein Geheimnis gekommen zu sein, hinter etwas Neues, aber auch Altbekanntes, das bisher sein Leben verschleiert und gleichzeitig bestimmt.“

Alice Miller „Am Anfang war Erziehung“, Seite 25

 

Aus J. Sulzer, „Versuche von der Erziehung und Unterweisung der Kinder“, 1748:

Was nun den Eigensinn betrifft, so äußert sich derselbe als ein natürliches Mittel gleich in der ersten Kindheit, sobald die Kinder ihr Verlangen nach etwas durch Gebärden zu verstehen geben können. Sie sehen etwas, das sie gern haben möchten; sie können es nicht bekommen, sie erbosen sich darüber, schreien und schlagen um sich. Oder man gibt ihnen etwas, das ihnen nicht ansteht (was die Kinder nicht haben wollen); sie schmeißen es weg und fangen an zu schreien. 

Dies sind gefährliche Unarten, welche die ganze Erziehung hindern und nichts Gutes bei den Kindern aufkommen lassen. Wo der Eigensinn und die Bosheit nicht vertrieben werden, da kann man unmöglich einem Kind eine gute Erziehung geben. Sobald sich also diese Fehler bei einem Kind äußern, so ist es hohe Zeit, dem Übel zu wehren, damit es nicht durch die Gewohnheit hartnäckiger und die Kinder ganz verdorben werden.

Ich rate also allen denen, die Kinder zu erziehen haben, dass sie die Vertreibung des Eigensinns und der Bosheit gleich ihre Hauptarbeit sein lassen und so lange daran arbeiten, bis sie zum Ziel gekommen sind. ... 

Sind aber die Eltern so glücklich, dass sie ihnen gleich anfangs durch ernstliches Schelten und durch die Rute den Eigensinn vertreiben, so bekommen sie gehorsame, biegsame und gute Kinder, denen sie hernach eine gute Erziehung geben können. ...

Das erste und allgemeinste, worauf man nun zu sehen hat, ist, dass man den Kindern eine Liebe zur Ordnung einpflanzt: das ist das erste Stück, das wir zur Tugend fordern. Dieses kann aber in den drei ersten Jahren, wie alle anderen Dinge, die man mit den Kindern vornehmen will, nicht anders als auf ganz mechanische Art geschehen. Man muss nämlich alles, was man mit den Kindern vornimmt, nach den Regeln einer guten Ordnung vornehmen. Das Essen und Trinken, die Kleidung, das Schlafen, und überhaupt die ganz kleine Haushaltung der Kinder, muss ordentlich sein und ja niemals nach ihrem Eigensinn oder ihrer Wunderlichkeit im geringsten abgeändert werden, damit sie in ihrer ersten Kindheit lernen, sich den Regeln der Ordnung genau zu unterwerfen. Die Ordnung, die man mit ihnen hält, hat unstreitig einen Einfluss auf das Gemüt und wenn die Kinder ganz jung einer guten Ordnung gewohnt werden, so vermeinen sie hernach, dass dieselbe ganz natürlich sei; weil sie nicht mehr wissen, dass man sie ihnen durch die Kunst beigebracht hat. ...

Das zweite Hauptstück, worauf man sich bei der Erziehung gleich anfangs im zweiten und dritten Jahr befleißigen muss, ist ein genauer Gehorsam gegen Eltern und Vorgesetzte und eine kindliche Zufriedenheit mit allem, was sie tun. ... Ein Kind, das gewohnt ist, seinen Eltern zu gehorchen, wird auch, wenn es frei und sein eigener Herr wird, sich den Gesetzen und Regeln der Vernunft gern unterwerfen, weil es einmal schon gewöhnt ist, nicht nach seinem Willen zu handeln. Dieser Gehorsam ist so wichtig, dass eigentlich die ganze Erziehung nichts anderes ist, als die Erlernung des Gehorsams. ...

Es ist ganz natürlich, dass die Seele ihren Willen haben will, und wenn man nicht in den ersten Jahren die Sache richtig gemacht hat, so kommt man hernach schwerlich zum Ziel. Diese ersten Jahre haben unter anderem auch den Vorteil, dass man da Gewalt und Zwang brauchen kann. Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen in der ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den Willen nehmen, so erinnern sie sich niemals mehr, dass sie einen Willen gehabt haben und die Schärfe, die man wird brauchen müssen, hat auch eben deswegen keine schlimmen Folgen. ...

Das Gegenteil ist der Fall, schreibt Alice Miller. Juristen, Politiker, Psychiater, Ärzte und Gefängniswärter haben beruflich gerade mit diesen schlimmen Folgen ein Leben lang zu tun, meistens ohne es zu wissen. 

Durch die Arbeit von Rainer Rehberger wird deutlich, dass diese frühe Erfahrung noch im Erwachsenenleben wirksam - auf eine zerstörerische Weise wirksam werden. Wenn die Erziehung früh genug einsetzt, wird der Erwachsene später den Willen des anderen, ungeachtet der Intelligenz, als den eigenen erleben. Das ist eine Hypothek die von Generation zu Generation weitergereicht wird, ohne das eine Tilgung einsetzt. Rainer Maria Rilke macht das in diesen Zeilen deutlich:  

                        Wenn die Uhren so nah

                        Wie im eigenen Herzen schlagen,

                        und die Dinge mit zagen

                        Stimmen fragen:

                        Bist du da? -:

                        Dann bin ich nicht der, der am Morgen erwacht,

                        einen Namen schenkt mit die Nacht,

                        den keiner, den ich am Tage sprach,

                        ohne tiefes Fürchten erführe -

                                    Jede Türe

                        in mir gibt nach...

            Und das weiß ich, dass nichts vergeht, keine Geste und kein Gebet

            (dazu sind die Dinge zu schwer) - meine ganze Kindheit steht immer um mich her.

            Niemals bin ich allein. Viele, die vor mir lebten und fort von mir strebten, webten,

            webten

            an meinem Sein.

                        Und setz ich mich zu dir her und sagte dir leis:

                        Ich litt - hörst du?

                                   Wer weiß wer murmelt es mit.

                        Ich weiß es im Traum und der Traum hat recht:

                                   Ich brauche Raum wie ein ganzes Geschlecht.

                        Mich hat nicht Eine Mutter geboren.

                        Tausend Mütter haben an den kränklichen Knaben

                        die tausend Leben verloren, die sie ihm gaben.

Aus: „Mir zur Feier“ Rainer Maria Rilke

Allzu oft werden bei dem Messie-Syndrom angeborene Veranlagungen, genetische Defekte und Fehlfunktionen des Gehirns angegeben und der Einfluss des Elternhauses abgestritten.

Was in unseren Kinderzimmern von Generation zu Generation weitergegeben wird, liegt hinter einer dicke Mauer von Schweigen und Abwehr. Ich selbst bin in sogenannten „geordneten und behüteten Verhältnissen“ aufgewachsen und meine Geschwister haben nach meiner Einschätzung ähnliche Probleme nicht entwickeln müssen. Was für mich aber nicht bedeutet, dass sie in einer anderen Familie groß geworden sind oder einfach anders behandelt wurden, sondern dass meinen Geschwistern eine Bewältigungsstrategie zur Verfügung stand und mir nicht, oder ich diese nicht nutzen konnte. Wenn ich aber versuche, das, was ich als Kind erlebt habe, zu erzählen, entflieht es einfach und ich bin nicht fähig, mich zu erinnern. Heute, im Alter von 54 Jahren, ergreife ich panisch die Flucht, wenn ich meine Mutter von weitem sehe. Wenn wir nicht von den erlittenen Grausamkeiten erzählen können, weil sie so früh erfahren wurden, dass das Gedächtnis nicht hinreicht, dann muss man Grausamkeit demonstrieren, - in der Selbstzerstörung. Das frühe Leben der Menschen, die sich Messies nennen, war nicht schwerer als dasjenige vieler anderer Menschen. An den Frustrationen ihrer Kindheit litten sie aufgrund ihrer Sensibilität intensiver als die anderen Menschen. Doch der Grund der Verzweiflung war nicht das erlebte Leiden, sondern die Unmöglichkeit, dieses Leiden jemandem mitzuteilen und in der Unmöglichkeit berechtigte Bedürfnisse und Empfindungen zum Ausdruck zu bringen. Das, was daraus sich bei diesen Menschen festsetzt, ist eine nicht zu stillende Sehnsucht; die Rainer Maria Rilke so beschreibt:. 

                                   Mein Leben ist wie leise See:

                                   Wohnt in den Uferhäusern das Weh,

                                   wagt sich nicht aus den Höfen.

                                   Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:

                                   Aufgestörte Wünsche ziehn

                                   darüber wie silberne Möven.

                                   

                                   Und dann ist allen wieder still...

                                   Und weißt du was mein Leben will,

                                   hast du es schon verstanden?

                                   Wie eine Welle im Morgenmeer

                                   will es, rauschend und muschelschwer,

                                   an deine Seele landen.

Rainer Maria Rilke „Dir zur Feier“

 

Wie kann der Mensch wissen, dass sein eigener Wille gebrochen wurde, da er ihn ja nie erfahren durfte?

Wir können uns die erzählten Familiengeschichten anschauen oder auf die Bemerkungen und Kommentare unserer Eltern bei der Erziehung unserer eigenen Kinder achten, oder die Kommentare zur Erziehung eines Nachbarkindes bewusster vergegenwärtigen. Immer steckt dahinter eigenes Erlebtes und auch eigenes Erlittenes. Puzzlestücke, Fragmente, aus denen das eigene frühe Leben rekonstruiert werden kann.

            Aus: J.G. Krüger, „Gedanken von der Erziehung der Kinder“ 1752 

Wenn euer Sohn nichts lernen will, weil ihr es haben wollt, wenn er mit Absicht weint, um euch zu trotzen, wenn er Schaden tut, um euch zu kränken, kurz, wenn er seinen Kopf aufsetzt: 

            Dann prügelt ihn, dann lasst ihn schreien:

            Nein, nein, Papa, nein, nein!

Denn ein solcher Ungehorsam ist ebenso gut, als eine Kriegserklärung gegen eure Person. Euer Sohn will die Herrschaft rauben, und ihr seid befugt, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben, um euer Ansehen zu festigen, ohne welches bei ihm keine Erziehung stattfindet. Dieses Schlagen muss kein bloßes Spielwerk sein, sondern ihn überzeugen, dass ihr sein Herr seid. ...

Denn das Kind wird scharfsichtig sein, eure Schwachheit zu erblicken, und die Strafe für eine Wirkung des Zorns ansehen, die es für die Ausübung der Gerechtigkeit halten sollte. Könnt ihr euch also hierin nicht mäßigen, so überlasst lieber die Exekution einem anderen, schärft ihm aber ja ein, nicht eher aufzuhören, bis das Kind den Willen des Vaters erfüllt hat, und kommt, euch um Vergebung zu bitten. Diese Vergebung müsst ihr ihm, wie Locke sehr wohl bemerkt, zwar nicht ganz abschlagen, sie ihm aber doch etwas sauer machen, und eure völlige Zuneigung nicht eher wieder zu erkennen geben, als bis er durch völligen Gehorsam sein vorheriges Verbrechen gebessert und bewiesen hat, dass er entschlossen sei, ein treuer Untertan seiner Eltern zu bleiben.

Hier ist noch alles offen ausgesprochen und Alice Miller weist auf die unheilvolle Verschleierung dieser „Herrschaftsansprüche“ in neueren Erziehungsbüchern hin. „Es gehört“, sagt Theodor W. Adorno, „zum Mechanismus der Herrschaft, die Erkenntnis des Leidens, das sie produziert, zu verbieten.“ Alice Miller weist auch darauf hin, dass es viele Bücher gibt, die über die Schädlichkeit und Grausamkeit der Erziehung berichten, doch warum vermag dieses Wissen so wenig in der Öffentlichkeit zu verändern? Warum schrecken Medien nicht davor zurück, Kindeserziehung schlimmen Ausmaßes live als Erziehungsratgebung im Fernsehen zu zeigen?    

                        DGSF kritisiert "schwarze Gehorsamspädagogik" in der erfolgreichen RTL-Serie

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) warnt vor dem Bild von Erziehung, das die RTL-Serie "Die Super Nanny" vermittelt. Auch in schwierigen Situationen dürfe Erziehung nicht in das ausarten, was die Super Nanny in einer Folge der Mutter einzutrichtern suche: Das ist Krieg - und den musst Du gewinnen! Es handele sich um ein "überholt geglaubtes autoritäres Erziehungskonzept", so die DGSF in einer Stellungnahme zur erfolgreichen Serie, die jetzt mit einer zweiten "Super Nanny" fortgesetzt wird. 

Der Fachverband für Therapie und Beratung hält das pädagogische Vorgehen in der Sendung für unprofessionell und gefährlich: Es werde eine "schwarze Gehorsamspädagogik in die Wohnzimmer von Millionen Zuschauern transportiert". Der pädagogische Ansatz gelinge nur, weil die Kinder noch sehr jung seien. Bei älteren Kindern scheitere dieses Erziehungsmodell. Die Super Nanny behandele schwieriges Verhalten als individuelles Problem. Damit verkenne sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse, dass das Verhalten von Kindern nur "im Kontext des Verhaltens der Familienmitglieder" zu verstehen sei. Darüber hinaus verletze die Sendung grundlegende ethische Maßstäbe, wenn Kinder in der gezeigten Form "vorgeführt" würden.

Die DGSF weist darauf hin, dass es in der Erziehung wesentlich hilfreicher sei, auf die Stärken der Kinder zu schauen statt auf die Mängel. Erzieherisches Handeln müsse in einen Rahmen von Respekt und Wertschätzung gegenüber dem Kind eingebettet sein. Die Chance, über das Fernsehen hilfreiche Erziehungseinstellungen zu vermitteln, werde mit "Super Nanny" vertan. 

Die Stellungnahme der DGSF ist im Internet nachzulesen unter www.dgsf.org (oder direkt unter www.dgsf.org/News_Item.2005-01-06.1859256699)      

  Idw Informationsdienst Wissenschaft

Alice Miller schreibt: Die Eltern fürchten die >Ungezogenheit< so sehr, dass ihnen manchmal jedes Mittel heilig erscheint, diese zu verhindern. Und dazu bietet sich ihnen eine reichliche Palette von Möglichkeiten an, unter denen der Liebensentzug in seinen vielen Nuancen eine hervorragende Rolle spielt, denn kein Kind kann ihn riskieren.

...

Wie man mit Gehorsam an die Pforten der Liebe klopft, lernt das Kind bereits >in den Windeln< und verlernt es leider häufig sein Leben lang nicht.

 

Außerstande, die Identifikation mit ihrer Mutter zu vollziehen, war Sybil mehr und mehr dazu getrieben worden, ihren Vater zur Bezugsperson zu machen. Sie musste jemanden haben und redete sich ein, ihr Vater sei der Mensch, dem sie vertrauen, auf den sie sich verlassen könne, zumal sie nicht den Andersons (Mutterseite) sondern den Dorsetts (Vaterseite) ähnlich sah. ...

...

Und auf Dr. Wilburs direkte Frage: „Liebt Ihr Vater Sie?“ hatte Sybil eine modifizierte Antwort gegeben: „Das nehme ich an.“...

 

Am 4. Mai 1957 um 16 Uhr betrat Willard Dorsett Dr. Wilburs Vorzimmer - ein selbstsicherer, selbstzufriedener, wohlgewappneter Partner, an den nicht heranzukommen war und der seine Verantwortung, seine Verpflichtung leicht nahm.

Nach etwa zehn Minuten begann sein Schutzpanzer abzubröckeln, und er wurde unsicher. Er hatte Fragen erwartet, die sich auf die vierunddreißigjährige Sybil bezogen, eine allein in New York lebende, um ihre Gesundheit ringende Frau. Statt dessen führte ihn die Ärztin zurück nach Willow Corners, zu den Jahren seiner Ehe mit Hettie.

„Weshalb haben Sie Sybils Betreuung und Erziehung immer ganz Ihrer Frau überlassen, Mr. Dorsett?“ fragt Dr. Wilbur.

...

Die Frage erschien ihm offensichtlich irrelevant, und er beantwortete sie lediglich mit einem Achselzucken. Eine Mutter hatte sich schließlich um ihr Kind zu kümmern, das war ihre Aufgabe.

Wusste er von Hattis eigentümlichem Verhalten? Er rutschte unruhig auf den Sessel herum und wurde defensiv. „Die erste Mrs. Dorsett war eine wunderbare Frau, gescheit, begabt“, sagte er und zögerte dann.

„Und?“

Er wurde nervös. „Na ja, wir hatten eine Menge Sorgen. Finanziell und auch sonst. Es war schwer für Hattie. Manchmal war sie schwierig.“

„Nur schwierig?“

„Na ja, sie war nervös.“

„Nur nervös?“

Er trocknete sich die Stirn. „Sie hatte ein paar Anfälle.“

„Stimmt es, dass sie sich auf der Farm, als Sybil sechs war, in sehr schlechter Verfassung befand?“

Er wandte die Augen ab und bejahte es schließlich.

„Stimmt es, dass sie, nachdem sie aus ihrer Depression herauskam, den Hügel auf Sybils Schlitten hinunterraste?“

Er wand sich und druckste herum. „Ja. Sybil muss wohl erzählt haben, dass es sich um einen Berg handelte. Kindliche Phantasie, Sie wissen schon. Aber in Wirklichkeit war es kein besonders steiler Abhang.“

„Aber Ihre Frau sauste diesen Abhang, egal wie steil oder flach, lachend auf einem Kinderschlitten hinunter? Was hielten Sie von einem solchen Benehmen?“ Sie wollte ihn zu einem Eingeständnis bringen. „War es wirklich ungefährlich, Mr. Dorsett, dieser seltsamen, nervösen Frau mit ihren Anfällen, wie Sie es nennen, die alleinige Verantwortung für die Erziehung Ihres Kindes zu überlassen?“

Statt einer direkten Antwort murmelte er: „Hattie war wunderlich.“

„Mehr als das, Mr. Dorsett. Sie war auch mehr als nervös, wenn das stimmt, was mir erzählt wurde.“

„Na ja, Hattie und Sybil kamen nie miteinander aus“, erklärte Willard. „Ich dachte, zwischen Mutter und Tochter müsste eigentlich ein gutes Verhältnis bestehen, und regte mich über ihre Auseinandersetzungen auf. Wenn sie aufeinander losgingen, sagte ich immer: >Hattie, warum ruhst du dich nicht ein Weilchen aus, oder knackst ein paar Nüsse?< Ich hoffte, mit der Zeit würde sich das bei beiden legen.“

„Damals war Sybil ein Teenager. Aber gab es nicht gewisse Vorfälle, die sich im Kleinkind- und sogar im Babyalter abspielten und die sich nicht durch Nüsseknacken erledigen ließen?“

„Sie müssen etwas wissen, von dem ich keine Ahnung habe“, wehrte er ab.

Hatte er Kenntnis davon, dass Sybil als Kind ungewöhnlich zahlreiche Verletzungen erlitt, erkundigte sich die Ärztin. Unwirsch antwortete er rasch: „Natürlich hatte sie Unfälle, wie jedes Kind.“ Erinnerte er sich an einen davon? Nein, das könne er nicht sagen. Wusste er, dass Sybil eine Schulterverrenkung, eine Kehlkopffraktur hatte? „Freilich“, entgegnete er und verzog den schmallippigen Mund.

Wie war das passiert?

Er antwortete nicht, aber die unwillkürlichen Gesichtszuckungen verrieten Unbehagen. Verwirrt erwiderte er schließlich: „Ich habe nie gesehen, dass Hattie Hand an Sybil legte.“

Erinnerte er sich an die Verbrennung an Sybils Händen, an das blaue Auge? „Ja“, bestätigte er langsam, „jetzt, da Sie mich in die Vergangenheit zurückversetzen, fallen mir diese Dinge wieder ein. Aber nie habe ich gesehen, wie das passierte. Das muss alles in meiner Abwesenheit stattgefunden haben.“

Erinnerte er sich an die Perle in Sybils Nase? „Die hat sie sich reingesteckt“, protestierte er. „Sie wissen doch, wie Kinder sind. Mrs. Dorsett musste mit Sybil zu Dr. Quinoness gehen. Er hat sie rausgeholt.“

„Das hat Ihnen Ihre Frau erzählt, nicht wahr?“, fragte die Ärztin scharf.

Willard Dorsett verschränkte die Hände. „Ja, allerdings, das hat mir Hattie erzählt. Ich hatte keinen Grund, an ihren Erzählungen zu zweifeln.“

Dr. Wilbur ließ nicht locker. „Was hat Ihnen Ihre Frau wegen der Kehlkopffraktur und der ausgerenkten Schulter erzählt? Sagte sie, das habe Sybil ebenfalls selber gemacht, wie Kinder eben so sind?“

„Na ja, ich kann mich nicht genau erinnern, was Hattie sagte. Aber sie erzählte mir immer, dass Sybil oft hingefallen ist. Ich habe wohl nie richtig darüber nachgedacht, wie diese Dinge passiert sind, wenn Sie mich jetzt fragen. Dergleichen zu ignorieren gehört zu meinen Schwächen.“

Der Weizenspeicher über der Tischlerei? Er schloss die Augen, als könne er damit die heraufbeschworenen Schreckensbilder bannen. Ja, an diesen Vorfall erinnere er sich sehr wohl. „Wie stellen Sie sich vor, dass Sybil da hingekommen ist und die Falltreppe hinter sich hochgeklappt hat?“ Er wusste, dass so etwas unmöglich war, doch Hatties Äußerungen kamen ihm zu Hilfe. „ Das ist der schlimmste Rowdy in der Stadt gewesen.“

„War er es wirklich?“

„Na ja, der Junge sagte, er wisse gar nichts von der Geschichte“, entgegnete Willard langsam.

„Wer war schuld?“ insistierte die Ärztin.

 Willard Dorsetts Selbstzufriedenheit fiel in sich zusammen. Er ließ sich in den Sessel zurückfallen und murmelte kaum hörbar: „Doch nicht - Hattie?“

Es war ein entscheidender Moment. Nach vielen Jahren, in denen er abseits stand und nichts sehen und nichts wissen wollte, überfiel ihn jetzt blitzartig die Erkenntnis, das Hattie all das Sybil zugefügt hatte. „Doch nicht Hattie?“ Er senkte den Kopf und betete.

„Jawohl, Hattie“, bestätigte Dr. Wilbur. „wenn das, was Sybil mir erzählt hat, wahr ist.“ Wiederum schloss er kurz die Augen und öffnete sie gleich darauf, als die Ärztin fortfuhr: „Mr. Dorsett, es gibt da Dinge, die sich nach Sybils Worten am frühen Morgen ereigneten...“

Sie berichtete von dem gesamten Folterritual, und als sie den Stiefelknöpfer erwähnte, senkte er abermals den Kopf. Es war der Augenblick der Wahrheit.

„Deshalb schrie Sybil am Sonntag so“, murmelte er, „wenn wir versuchten, ihre weißen Glacélederschuhe zuzuknöpfen.“ Dann erklärte er, das Ganze gehe weit über sein Fassungsvermögen hinaus, und er könne sich auch keinerlei Grund dafür vorstellen. „Ich weiß es nicht. Wie konnte ich es denn wissen, wenn mir niemand etwas gesagt hat? Ich glaubte Hattie.“ Das wiederholte er unaufhörlich und fügte dann teils als Selbstverteidigung, teils als Eingeständnis hinzu: „Ich war so überwältigt von Hattie, das ich überhaupt nicht nachgedacht habe.“

„Überlegen Sie genau, Mr. Dorsett. Können Sie mir sagen, ob diese Dinge, von denen Sybil mir berichtet hat, tatsächlich stattgefunden haben? Es gibt Narben, die dafür sprechen.“

„Dr. Wilbur“, sagte er schließlich mit leiser Stimme, „ich bin sicher, dass Sybils Erinnerungen in jeder Beziehung durchaus exakt sind. Ich wusste von alldem nichts, aber wenn ich jetzt zurückblicke, fallen mir die meisten Körperverletzungen wieder ein. Wenn Sybil danach im Bett lag, pflegte ihre Großmutter - meine Mutter - sie. Mit ihrer Großmutter stand Sybil hervorragend, da war sie gut aufgehoben.“ Er hielt inne, als ihm klar wurde, was er eben gesagt hatte. „Ich hatte keine Ahnung von diesen Dingen, aber ich kenne Hattie und weiß, dass sie dazu durchaus fähig war.“ Mit merkwürdiger, emotionsfreier Objektivität fügte er hinzu: „Ich bin nicht nur überzeugt davon, dass sie möglich waren, sondern auch davon, dass sie tatsächlich geschehen sind.“

Dies war ein Wendepunkt. Indem er Sybils Aussage bestätigte, bezichtigte er sich selbst. Was er über Hattie gesagt hatte, war gleichbedeutend mit dem Eingeständnis der Mitschuld, weil er seine Tochter nicht vor einer gefährlichen destruktiven Mutter beschützt hatte. Und das genau hatte Dr. Wilbur vermutet.

Aus: „Sybil“, Persönlichkeitsspaltung einer Frau, von Flora R. Schreiber

 

Die elterliche Übermacht wird mit sanfter oder offener Gewalt gegen die wahren Bedürfnisse des Kindes eingesetzt, um Ziele des Erwachsenen durchzusetzen. Dabei wird das Kind in eine gefühlsmäßige Konfusion gestürzt, indem der Erwachsene immer darauf bestehen wird, dass alles, was er tut, nur zum Wohle des Kindes ist. Unter dem Deckmantel der Selbstlosigkeit verhindert der Erwachsene hierbei die eigene Angst vor Verlust von Beziehung, jedoch hat diese Täuschung die Folge, dass eine tiefe Verunsicherung bei den erwachsen gewordenen Kindern mit der Frage verbunden ist, ob den eigenen Gefühlen, der Wahrnehmung, die anders sind als vom Elternteil suggeriert, zu trauen ist. Insbesondere wird das Vertrauen in die Fähigkeit, selbst wirklich eigenständig zu sein, nicht aufgebaut. Damit die Bindung an den emotional bedürftigen Elternteil auf Dauer stabil bleiben konnte, wurden tiefe innere Programmierungen vorgenommen; sie lauten etwa: „Ohne mich schaffst du es nicht, also brauchst du mich! Alleine kannst du nicht leben.“ „Ohne uns bist du ein Nichts.“ Diese innere Bremse wird automatisch und unbewusst auf aktuelle Beziehungen übernommen und wegen der unbewussten Wirkung können sie nicht einfach ignoriert werden. Ganz deutlich wurden hier die Grenzen des Kindes verletzt und das Fühlen von Wertlosigkeit, Scham, Beschmutzung und eine tiefe Verletzung können nicht in ihr Leben integriert werden, und so kommt es oft zu einer Dissoziation.

 

Dissoziation ist ein Zustand, bei dem Gefühle, die mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden sind, vom Erlebnis selbst isoliert werden. Da schaltet ein Mensch ab und wird empfindungslos und erlebt sich selbst als fremd, oder er gerät in einen Zustand, der die Realität leugnet. Alles Geschehene erscheint unwirklich, wie im Traum. Traumatische Erlebnisse können auf diese Weise verdrängt und in der Erinnerung absolut oder stückweise gelöscht werden. 

Wenn wir solche Phänomene (Abspaltung, Dissoziation) anschauen, dann trifft diese Bezeichnung für einen Prozess zu, in dessen Verlauf zusammengehörige Denk- und Handlungs- oder Verhaltensabläufe in Einzelheiten »zerfallen«, wobei sich das Auftreten der Einzelheiten weitgehend der Kontrolle des Individuums entzieht (z.B. unkoordinierte Bewegungen, Gedächtnisstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Trugbilder). Wenn wir solche Phänomene studieren wollen, ist es sinnvoll und aufschlussreich, nach Dissoziationen zwischen Verhalten einerseits und Erleben andererseits Ausschau zu halten. Ich halte es für denkbar, dass das Gefühl der Bedrohung, Angst und Stress solche Situationen hervorrufen können. Ich hatte die Möglichkeit, Augenzeuge eine solchen Prozesses zu sein, als Gisela Steins Aufzeichnungen eines Besuches mit Aufräum- und Sortiertätigkeiten sowie ein Interview mit der Betroffen und deren Partner gemacht hat. Der immer steigende Grad der Bedrohlichkeit führte dazu, dass die Betroffene zwar antworten konnte, reagieren konnte, jedoch anders als gewöhnlich - unsicherer und auf ein Denkschema fixiert - sie ist sich aber im nachhinein des Inhaltes nicht bewusst geworden und sie konnte dieses Gespräch, auch einen halben Tag später, nicht aus dem Gedächtnis abrufen.

 

Kindliche Entwicklung des sozialen Verhaltens   

 

Eine unerlässliche Voraussetzung für die seelische Gesundheit von Säuglingen und Kleinkindern ist eine herzliche, innige und dauerhaft verlässliche Beziehung zur Mutter (oder einem ständigen Mutterersatz), in der das Kind Glück erfährt und Befriedigung findet. Diese Liebe kann prägend für die Bindungen von einem Einzelwesen zu einem anderen Einzelwesen sein. Ist diese Beziehung nicht vorhanden, bedeutet das für das Kind ein widersprüchliches Verlangen nach unbegrenzter Liebe, eine Liebe, die allumfassend und unteilbar ist. Andererseits kommt es zu einer starken Frustration, wenn das Kind sich nicht ausreichend geliebt fühlt. Der Frust sucht sich dann etwas später einen eigenen Weg und Frustrierte machen immer das, was Frust hervorruft, nämlich andere ärgern!

 Denn zu Anfang wollen wir alle unsere Schätze ganz für uns haben, darunter auch unseren kostbaren Schatz - die Liebe unserer Mutter. Und wir wollen auch nicht, dass die Köstlichkeiten, die uns allein gehören, einem anderen gegeben oder von ihm genommen werden. Nicht viele von uns erinnern sich mit Klarheit an solche frühkindlichen Gefühle, an das Besitzstreben und die Habgier, die unseren Hass angefeuert haben, wenn wir diese Liebe mit rivalisierenden Ansprüchen teilen müssen. Bei der allmählich sich entwickelnden kindlichen Persönlichkeit entsteht dadurch, dass wir das Unmögliche ersehnen und verlangen, nämlich eine Liebe, die uns ganz allein gehört, eine Frustration, der im Laufe der Zeit ein Kontrollverlust der Angst- und Schuldgefühle nachfolgt und die über das normal Übliche hinausgeht und ein Anzeichen von psychischer Störung ist. Der Wunsch, einzig und allein geliebt zu werden, könnte durchaus tief eingefleischt und angeboren sein. Die fehlende befriedigende Beziehung zwischen Mutter und Kind und das Sich-Nicht-Geborgen-Fühlen des Kindes kann unter Umständen dazu führen, dass jegliche Kontaktfähigkeit verkümmert. Wütend und gequält und mehr oder weniger erfolgreich lernen wir es, diesen Wunsch aufzugeben - ihn loslassen.

Wir alle haben nämlich in den ersten Monaten unseres Lebens die Illusion erfahren, unsere Mutter ganz und gar zu besitzen. Diese Symbiose war ein alles andere ausschließendes >Mama-und-ich<. Die Erkenntnis, dass andere gleiche oder sogar vorrangige Ansprüche an ihre Liebe stellen, macht uns mit der Eifersucht bekannt.

Das Unbehagen, das die Eifersucht oder der Hass uns einflößt, kann uns dazu bringen, ihn vor uns selbst und vor anderen zu leugnen. Denn die Gefahr, die Liebe unserer Mutter oder unseres Vaters zu verlieren - und später dann die Liebe unserer Geliebten - versetzt uns in Schrecken und flößt uns Furcht ein. Wenn wir daher den Hass spüren, müssen wir ihn gleichzeitig unterdrücken, damit er nicht zum Verlust der Liebe führen kann. Mit Hilfe eines oder mehrerer - meist unbewusster - Abwehrmechanismen können wir die Angst in Schach halten, indem wir unsere gefährlichen und jetzt unerwünschten Impulse durch Gegenmaßnahmen, Widerstand, Umwandlung oder Verdrängung loswerden.

Diese Schutzmaßnahmen beschränken sich nicht auf frühe Verlustängste, sondern sie dienen uns unser Leben lang und zwar immer dann, wenn ein gefürchteter oder ein tatsächlicher Verlust unsere Angst erwachen lässt. Sie dienen uns in Situationen, die wir unbewusst als emotional gefährlich ansehen und so wird in Laufe der Zeit dieser Mechanismus zu einem entscheidenden Teil unseres Charakters. Die lebensrettende Funktion der Verdrängung in der Kindheit verwandelt sich später beim Erwachsenen in eine lebenszerstörende Macht, die in der Regel das eigene Lebensgefühl vernichtet.

Und hier sind die alltäglichen Abwehrmechanismen und deren Bedeutungen:

Verleugnung der psychischen Realität bedeutet, unerfreuliche Tatsachen zu eliminieren, und gleichzeitig wird der unerwünschte Impuls, der mit diesen Fakten in Zusammenhang steht, getilgt, indem wir die Tatsachen in unseren Vorstellungen, in unseren Worten oder in unserem Verhalten revidieren.

Verdrängung bedeutet, den unerwünschten Impuls (und jede Erinnerung, jede Empfindung und jegliche Gelüste, die mit diesem Impuls in Verbindung stehen) aus dem Bewusstsein zu verbannen.

Reaktionsbildung bedeutet, dass der unerwünschte Impuls durch Betonung des entgegengesetzten Impulses aus dem Bewusstsein ausgeschlossen wird.

Isolation bedeutet, eine Vorstellung von ihrem gefühlsmäßigen Gehalt zu lösen, sodass zwar die Erinnerung an den unerwünschten Impuls zurückbleibt, aber alle Gefühle, die damit in Zusammenhang stehen, aus dem Bewusstsein verstoßen werden. “Ich stelle mir vor, dass ich denjenigen, der mich nicht akzeptiert, die Treppe herunterstoße, aber ich habe nicht die geringsten Hassgefühle ihm gegenüber.”

Projektion bedeutet ein Zurückweisen des unerwünschten Impulses, indem dieser Impuls einem anderen zugeschrieben wird.

Identifikation bedeutet, dass der unerwünschte Impuls durch positivere Gefühle ersetzt wird, indem man zu einem >anderen< wird - zum Beispiel zu unserer Mutter.

Regression bedeutet Flucht vor dem unerwünschten Impuls mit Hilfe einer Rückkehr in ein früheres Entwicklungsstadium.

Sublimierung bedeutet, den unerwünschten Impuls durch gesellschaftlich akzeptable Aktivitäten zu ersetzen. „Ich kann zwar nicht meine Pflichten als Hausfrau und Mutter erfüllen, dafür habe ich viele Hobbys, viele außerhäusliche Aktivitäten oder ich lerne viel.”

Wendung gegen die eigene Person bedeutet, den feindseligen Impuls gegen uns selbst zu kehren, statt gegen den Menschen, dem wir etwas antun wollen, aggressiv zu sein. „Ehe ich meine Mutter hasse, hasse ich lieber mich selbst.” Manchmal identifiziert sich ein Mensch, der sich gegen sich selbst wendet, mit dem Menschen, den er hasst. „Wenn ich mir selbst schade, schade ich in Wirklichkeit meiner Mutter.”

Ungeschehenmachen bedeutet, unseren feindlichen Impuls entweder in der Phantasie oder mittels einer Tat auszudrücken und den Schaden dann mit einem Akt der Gutwilligkeit wieder >zu beheben<.

Über diese Liste formal bestimmter >Abwehrmechanismen< hinaus kann fast alles andere (Emotionen, Gefühle, Verhalten) als Abwehrmechanismus dienen.

Selbst der Besitz, an den ein Messie sich krampfhaft klammert, bedeutet in Laufe der Zeit immer mehr ein Schutz gegen innere und auch gegen gefährliche äußere Mächte und das bedeutet, dass er beide Abwehrfunktionen so in sich vereinigt hat. Am Anfang des Prozesses, der ihr Zustandekommen einleitet, steht zwar auch wie bei der neurotischen Symptombildung eine reale Versagung oder Enttäuschung, nur wird der entstandene Konflikt da noch nicht verinnerlicht, sondern bleibt an der Außenwelt haften.

Die Handlungen >Sammeln/Horten< werden immer wieder als Zwang bezeichnet. Sie haben auch, von außen her gesehen, eine große Ähnlichkeit mit Zwangssymptomen >Sammelzwang<, aber dieses würde auch für den Suchtbereich gelten >Sammelsucht<. Aber sie sind natürlich, wenn man sie näher betrachtet, keine Zwangshandlung im eigentlichen Sinn, denn im Vordergrund einer Störung steht nicht das Sammeln oder Horten, sondern das Nicht-Wegwerfen-Können. Die Angst vor einem Verlust entspricht in ihrer Struktur in keiner Weise dem, was wir als charakteristisch für den Bau der neurotischen Symptome überhaupt erkannt haben. Denn die Abwehrmethode richtet sich erst einmal direkt gegen die versagende Außenwelt. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn das mühsam gehaltene Gleichgewicht zwischen Abgewehrtem und Abwehr gestört wird, denn wenn von außen her eine Unterbrechung solcher Handlungen kommt, geschieht dasselbe wie bei der äußeren Unterbrechung echter Zwänge.

Ja, jetzt steh ich da. Werfe ich Spielzeug weg? (Z.B. Playmo oder Lego? Davon haben wir tonnenweise, aber es wird nur äußerst selten damit gespielt). Bücher? Hab auch viele aus sentimentalen Gründen, möchte aber eigentlich nicht, dass meine Mädels Nesthäkchen lesen, besser die "rote Zora". Zeitschriften? (werd doch nie Zeit haben, etwas davon umzusetzen). Kleidung? (kommt hier säckeweise rein und verlässt das Haus nach mehrmonatiger Zwischenstation). Das, was übrig bleibt? Es fällt mir schwer, den Zusammenhang zu sehen. Ich sehe hier was und da was, fang überall gleichzeitig an. Es gibt keinen Plan, kein Gerüst, an dem ich mich hangeln kann.

Also stellt sich die Frage: Was will ich eigentlich? Wisst Ihr noch, wir hatten mal das Thema "Gemütlichkeit"? Aber ich kann doch nicht schon wieder eine Liste schreiben... Ich versuche alles zu bedenken, aber das geht nicht. Die Bedürfnisse der Kinder an ihre Zimmer und - oder Zimmernachbarn und oder -genossen ändert sich so oft. Ich habe das Gefühl, ständig umräumen zu müssen, damit es passt. Aber das will ich jetzt nicht mehr. Es soll im großen und ganzen so bleiben.

Kennt Ihr die 80%/20%Regel?

Damit möchte ich mich dauerhaft begnügen. Manchmal glaub ich, ich hab so was wie eine Psychose, also den Drang etwas wieder und wieder zu bedenken, um damit von anderen Sachen abzulenken. Ich schein mir immer ein neues Thema (Schule, Wäschezimmer, Finanzierung, Job, Depression, Krankheit des Mannes meiner Freundin, PC abgeben und wieder holen usw., Ihr kennt mich ja schon) zu suchen, um nicht endlich „leben“ zu müssen.

Kennt Ihr das auch?

Aus dem Messie-Forum

Messie-Erleben gleich Stress-Erleben    

 

Als Stressoren gelten alle potentiell schädigenden Umstände wie extreme Hitze, Kälte, Lärm, schwere Körperarbeit, Vergiftungen und Verletzungen, aber auch extreme psychische Belastungen wie schwere Konflikte, Lebensängste, Zukunftssorgen u.ä., die das innere Gleichgewicht stören und Neuanpassung, wirkungsvolle Auseinandersetzung und/oder Abwehr verlangen. Die durch körperliche Belastungen wachgerufenen Tendenzen zur Wiederher-stellung des Gleichgewichts werden auf neurohumorale Vorgänge, die auf subjektiv-emotionale Faktoren zurückgehenden dagegen auf Wechselwirkungen zwischen physiologischen und kognitiven Vorgängen bezogen. Stress ist daher auch die zusammenfassende Bezeichnung für eine strukturierte Serie von adaptiven psychophysiologischen Teilprozessen, die teils homöostatischer, teils kognitiver bzw. persönlichkeitsabhängiger Natur sind und dann auftreten, wenn intensiv wirkende, beanspruchende Ereignisse über längere Zeit und/oder wiederholt das innere Gleichgewicht stören. 

Theorien der Stress-Entstehung und Stress-Wirkung: Stress lösen einen adaptiven Prozess der Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts aus, der durch vermehrte Adrenalin-ausschüttung und deren Folgen charakterisiert ist (Notfall-Reaktion). In Erweiterung dieses Ansatzes beschreibt SELYE einen komplexen, in Phasen ablaufenden Prozess, der auf die Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts gerichtet ist. Das Allgemeine Adaptations-Syndrom repräsentiert nach SELYE die biochemische Universalantwort des Organismus auf jede Art von beanspruchender Belastung. Durch die Vermittlung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenmark- und Nebennierenrinden-Achse kommt es neben einer vermehrten Adrenalinproduktion mit Auswirkungen auf den Fett- und Zuckerhaushalt zur Ausschüttung von Kortikosteroiden (Cortisol) mit Einflüssen auf den Zucker-, Salz- und Wasserhaushalt, von Thyroxin (Schilddrüsenhormon) und damit verbundenen Veränderungen des Stoffwechsels und des Herz-Kreislauf-Systems. 

Psychologische Ansätze: In der Psychologie bezeichnet man mit Stress Organismuszustände, die aus der Interaktion eines Individuums mit seiner Umgebung resultieren, relativ extrem ausfallen, auf erlebte Bedrohung verweisen, die Integrität und das Wohlergehen der eigenen Person berühren und mit den zur Verfügung stehenden Bewältigungsstrategien tatsächlich oder vermeintlich nicht ausgeglichen werden können. Ausgangspunkt ist das Erkennen eines Ungleichgewichts zwischen Anforderungen und Bewältigungskapazität (MCGRATH). COFER und APPLEY beschreiben den Prozess in Phasen, die eine gewisse Analogie zum SELYESCHEN Adaptationssyndrom aufweisen. In der Initialphase, die mit einem deutlichen Erregungsanstieg einhergeht, werden neue Bewältigungsversuche erprobt, da angeborene und erlernte Verhaltensweisen nicht zum Ziel führen. Führen die Versuche tatsächlich oder in der Vorstellung nicht weiter, ist die Frustrationsschwelle erreicht. Mit der aufkommenden Angst wachsen die Tendenzen zur Bewahrung der eigenen Person vor den möglichen oder vorgestellten Folgen eines Versagens. 

1.       Die Stress-Schwelle ist erreicht, wenn Bewältigungsversuche zurücktreten und Selbstbewahrungstendenzen überhand nehmen. 

2.       Die Erschöpfungsschwelle ist erreicht, wenn die erfahrene Erfolglosigkeit zur Abnahme oder Einstellung aller Aktivitäten führt und Erschöpfung, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit hervortreten. 

Für LAZARUS beginnt Stress mit gedanklich vorstellungsmäßigender Vorwegnahme von Gefährdung oder Bedrohung des Selbst angesichts einer ersten Bewertung wahrgenommener Situationen. Ist Bedrohlichkeit gegeben, so vollzieht sich im Rahmen der sog. sekundären Bewertung eine Auswahl möglicher Bewältigungsstrategien. Darauf folgt eine Neubewertung oder Wiederbewertung der Situation im Hinblick auf die Konsequenzen des eigenen Tuns oder Lassens. Nach LAZARUS ergänzen die psychologischen Bewältigungsweisen das Repertoire physiologischer Adaptationsmechanismen, so dass z.B. eine neue Sichtweise das Erregungsniveau nachhaltig positiv oder negativ beeinflussen kann. Im Zentrum der Betrachtungsweise stehen kognitive und emotionale Prozesse im Zusammenhang mit dem Erleben einer Bedrohung. Zahlreiche Experimente belegen die steuernde Funktion kognitiver Faktoren bei der Entstehung und Abwehr emotionaler Stress-Reaktionen. 

Life Stress. In enger Anlehnung an das Konzept der emotionalen und psychosomatischen Erschöpfung eingeführte Bezeichnung für die subjektive Erfahrung negativer und positiver Ereignisse, die wegen ihrer einschneidenden Wirkung auf die Lebensumstände des Betroffenen Entscheidungen und Neuanpassungen erforderlich machen. Dazu gehören Tod und Krankheit in der Familie, Schwangerschaften und Geburten, berufliche Fehlschläge und Erfolge, Schwierigkeiten und Verbesserungen der Arbeitssituation, Scheidungen und Eheschließungen, finanzielle Engpässe oder Gewinne, negative und positive Auswirkungen eines Umzuges u.ä. Die einzelnen Ereignisse werden nach den Graden ihrer positiven oder negativen Wirkung und nach den Ausmaßen der persönlichen Betroffenheit mit Hilfe eines Systems der systematischen Selbsteinschätzung eingestuft.

Negative Ereignisse, die Umorientierung und Neuanpassung verlangen, stehen in einer deutlichen Beziehung zu Herzerkrankungen, psychosomatischen Störungen, reaktiven Depressionen sowie zur negativen Einschätzung der eigenen beruflichen Leistungsfähigkeit, der Arbeitszufriedenheit und zu bestimmten Leistungsdefiziten unter erhöhter Beanspruchung.

 LIT. APPLEY, TRUMBULL (eds.; 1967); BARTENWERFER (1970); BAUM, SINGER (1987); FRÖHLICH (1978); HOLMES, RAHE (1967); LAUX (1983); LAZARUS (1966; 1991); LAZARUS, LAUNIER (1978); MCGRATH (ed.; 1970); SARASON u.a. (1978); SELYE (1976); VOSSEL, FRÖHLICH (1979).

[Wörterbuch: Stress, S. 7. Digitale Bibliothek Band 83: Wörterbuch Psychologie, S. 2575 (vgl. WB Psych., S. 423)]

Hallo, was meinst Du, was ich für einen Messie-Tag hatte. Kann selber über mich lachen. Mehrfach fiel mir unterwegs ein, was ich vergessen hatte, mitzunehmen. 

Kam ich irgendwoher, fiel mir ein, was ich eigentlich dort hatte erledigen wollen. So ging es den ganzen Tag. Ein Glück, dass ich darüber lachen kann :-). Gruß 

Aus dem Messie-Forum

Stress beeinträchtigt in ganz erheblichem Maß das Leben der Menschen mit einem Messie-Syndrom, und das wahrscheinlich schon ab frühester Jugend. Viele der vorgenannten Symptome der gestörten Gedächtnis- und Aufmerksamkeitsorganisation können meiner Meinung nach das Resultat des langandauerndem Stresserlebens sein, und daraus ergibt sich die fehlende Regulationskompetenz des eigenen Selbst. Das ist die Ursache für bestimmte Denkfehler, Kommunikationsschwierigkeiten und das Durcheinander unbewusster Motive. Stresssituationen, die Entscheidungen über unser Handeln unbewusst treffen, blocken die Gefühle ab und erst nachher erleben wir Gefühle, z.B. Angst. Es kann durch den kontinuierlichen Abbau vom Stresserleben in allen möglichen Situationen, (auch der häuslichen Situation) gelingen, dass dadurch eine notwendige Aufmerksamkeitsorganisation sowie die Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses erreicht werden. Deswegen nimmt dieses Thema in dieser Broschüre einen eingehenderen Platz ein.

Leider muss ich gestehen, ich habe gegen die Messie-Regel: "Laß' Dich nicht ablenken" verstoßen. Der Versuch, einfach nur die Arbeitsfläche in der Küche freizumachen und abzuwischen, ist ausgeufert in eine mittelgroße PA. Glücklicherweise ist meine Küche klein, und als nach einer Stunde der Timer klingelte, war ich doch sehr überrascht. Ich könnte schwören, dass ich nicht mehr als eine halbe Stunde zugange war. Tja, ich weiß ja, dass ich auch und vor allem ein Zeitmessie bin....

Abgesehen davon, dass es schön ist, eine freie Arbeitsfläche zu haben, hatte ich noch ein weiteres Erfolgserlebnis: mein erst vor 2,3 Monaten gekaufter relativ teurer Timer (35.-) hat plötzlich eine Macke, die Anzeige funktioniert nicht richtig. Das muss reklamiert werden. Aber wo ist die Quittung? Ich habe voller Misstrauen gegen mich selbst einen "alten" Hotspot-Stapel durchgeschaut, aber der reichte gar nicht so weit zurück. Und eigentlich dachte ich, dass ich sie wahrscheinlich weggeworfen habe. Aber nein: sie war dort, wo sie hingehört, in dem Ordner mit allen 2001er Unterlagen, in der obersten Plastikhülle... Es lebe die Disziplin, sofort alles da hineinzupacken. ;-

Aus: Messie-Forum

 

Stress beeinträchtigt das Funktionieren unseres Gedächtnisses, ein Vorgang, den jeder Mensch aus eigener Erfahrung kennt. Wenn jemand zum Beispiel „viel um die Ohren“ hat, wird es ihm passieren, dass er zwar die Zeitung gelesen hat, sich nachher aber nicht an das Gelesene erinnern kann. Oder es kann einem in der Aufregung über ein Ereignis (Hochzeit) passieren, dass man etwas sehr Wichtiges zu Hause liegengelassen hat (Ehering).

Die Gedächtnisprozesse werden durch Überlastung oder störende Emotionen gehindert, ohne dass eine Erkrankung des Gedächtnisses selbst vorliegen muss, z.B. Alzheimer-Demenz, die zu unwiederbringlichem Verlust an Informationen und Erfahrungen führen würde. Beim Messie-Syndrom machen Menschen die Bekanntschaft mit einer ganzen Reihe von Gedächtnisphänomenen, die alle >normal< sind, jedoch in besonderen Belastungssituationen wesentlich gehäufter auftreten. Wenn der Mensch aber Belastungssituationen als eine Normalsituation erlebt... - wenn der Stress zum Leben dazugehört wie die Luft zum Atmen, dann entstehen Probleme in der Wahrnehmung der eigenen Situation sowohl physisch als auch psychisch. Ein Dauerstress, der dann das Hirn dauerhaft mit Cortisol überflutet und toxisch auf die Zellen wirkt.

Dass es auch in diesem Bereich noch nach Jahrzehnten Veränderungen gibt, habe ich bei mir, dank der Selbsthilfegruppen in Bad Meinberg/Detmold erfahren, und das kann sich jeder ja denken, dass das ein viel längerer Prozess ist als das Ordnungschaffen in Beziehungen oder Wohnung.

Stress oder angstbedingte Gedächtnisfehler

 

Zu starker Stress führt also zur Beeinträchtigung der seelischen Gesundheit. Hauptkriterien für seelische Gesundheit sind nach Freud die Arbeitsfähigkeit und Liebesfähigkeit. Emotioneller Stress gehört neben anderen Zivilisationsstörungen als ein wichtiger Faktor dazu, der bei der Entstehung und Entwicklung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen eine Rolle spielt. Deswegen sollten die Ansprüche an sich selbst von Zeit zu Zeit überprüft werden, wobei wir wissen sollten, dass Überforderung, aber auch Unterforderung gleichermaßen stressauslösend sein kann. 

Im psychologischen Bereich können Gereiztheit, Angst, Aggression, Müdigkeit, Depressionen auftreten. Im kognitiven Bereich wirkt sich Stress in einer verschlechterten Merkfähigkeit und Konzentration, sowie in einer Unentschlossenheit bis hin zu einer Blockierung aus. Im Verhalten kann man Sprachhemmung, Zittern, nervöses Lachen, Unruhe und Affektausbrüche beobachten. Stressreaktionen können auch durch zu starkes Grübeln verstärkt werden. Jemand, der sich ständig Sorgen macht, entwickelt eine viel stärkere Sensibilität und Dünnhäutigkeit gegenüber den Herausforderungen des Alltages. Eine zu starke Stressreaktion führt auch dazu, dass die eigene Einsichts- und Lernfähigkeit gemindert wird.

 

„Früher war ich voller Dynamik und immer auf Trab, aber jetzt habe ich anscheinend keine Energie mehr. Jetzt ist das Aufstehen allein schon eine Sache, die mich für den Rest des Tages fertig macht und ich könnte auf der Stelle wieder ins Bett gehen“. 

„Meine Stimmung schwankt erheblich. Manchmal bin ich fröhlich: über alle Maßen fröhlich, sodass ich grundlos lache - dann wieder sitze ich stundenlang einfach nur still da. Ich sitze verzweifelt vor dem Fernseher und versuche, mich zu konzentrieren. Manchmal versuche ich mich so stark zu konzentrieren, dass ich überhaupt nichts vom Film mitbekomme.“

„Eine unangenehme Folge meiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit ist die Tatsache, dass ich durch alles Mögliche abgelenkt werde. Ich fühle, dass ich sehr leicht meine Beherrschung verliere und darunter leidet meine Familie.“

 

Versprecher und Fehlhandlungen sind die Gedächtnisfehler, die unter Stress passieren. Eine alltägliche Fehlleistung des Gedächtnisses ist der >Blackout<, bei dem plötzlich der Zugriff auf gespeichertes Wissen verloren geht - beim Reden hat man plötzlich vergessen, auf was man hinaus wollte. Eine andere Blockade durch Stress ist die Wortfindungsstörung, bei dem das gesuchte Wort wie „auf der Zunge“ liegt. Häufig passiert es einem, dass der Name einer Person, den man genau kennt, partout nicht einfällt. Oft gelingt der Abruf aus den Gedächtnisspeicher, während jedoch die Übersetzung in ein Artikulationsmuster der Sprachmotorik beeinträchtig ist, es handelt sich dann um eine Sprachunsicherheit. Schließlich gehören zu den Gedächtnisfehlern bei Stress all die Gedankenlosigkeit und Zerstreutheit, die zum Verlegen etwa von Haustürschlüsseln, zum Vergessen, wo man sein Auto geparkt hat, oder zum Nichterkennen von Bekannten auf der Straße führen.

 

Erstaunlicherweise hatte ich die ganze Sache dann trotz des anfänglichen Enthusiasmus für einige Tage vergessen - bis meine Frau das Durcheinander entdeckte. „Hast Du den ganzen Müll hier liegen lassen?“ Jetzt erst erinnerte ich mich. „Ja, aber das ist kein Abfall. Wirf es nicht weg. Ich möchte nachher weitermachen.“

 „Je mehr ich nachdachte, desto schwerer fiel es mir, mich zu konzentrieren. Wenn dann mit mir geredet wurde, konnte ich nicht innehalten, um zu verstehen, was gesagt wurde. Erst wenn ich mich entspannte, konnte ich zuhören und rechnen oder schreiben.“

„Die größten Probleme habe ich allerdings mit meinen Gedächtnis. Ich bin extrem vergesslich geworden, vergesse sogar Dinge, die kurz zuvor passiert sind.“ - „Manchmal betrete ich ein Zimmer aus irgendeinem Grund und stehe dann herum, ohne mich zu erinnern, warum ich es betreten habe.“ „Und in diesen Augenblicken empfinde ich eine große Desorientierung, die mehrere Minuten anhalten kann.“ - „Ein weiteres Problem ist mein Zeitgefühl und mein schlechtes Gedächtnis; sie scheinen zu schwanken, sodass mein Urteils- und Erinnerungsvermögen in ganz bestimmten Situationen beeinträchtigt zu sein scheint.“

Alle diese Erscheinungen sind zunächst gütige alltägliche Verarbeitungsfehler unseres Gedächtnisses, die in einem sogar relativ großen Ausmaß im normalen Alltag auftreten. Leiden wir aber unter Stress, bekommen wir es häufig mit einem deutlichen Anstieg dieser Verarbeitungsfehler zu tun. 

Paradox zu den oben genannten Erscheinungen scheinen folgende Erscheinungen zu stehen: dass unter akutem Stress einem viele Dinge aus dem gespeicherten Wissen geradezu anfliegen können. Eine Teilnehmerin aus unserer Gruppen nannte das >Gedankenrasen<. In einer Art Rausch können Denkprozesse eine Geschwindigkeit erreichen, die wir uns im althergebrachten Alltag kaum vorstellen können. Meinem Therapeuten sagte ich, dass ich zur gleichen Zeit an drei ganz unterschiedlichen Gedankenabläufen denken kann. Doch wer sich diese Möglichkeiten wünscht, sei gewarnt davor, denn ich bin immer dann darüber froh, jetzt ein ganz anderes Denken zu haben, wenn ich dieses Gedankenrasen und deren Auswirkungen auf das menschliche Erleben am Telefon bei Menschen mit einem Messie-Syndrom mitbekomme. 

Als Antwort auf: Was soll ich loswerden? Was ist zuviel? geschrieben von xxxx

Manchmal glaub ich , ich hab so was wie eine Psychose , also den Drang, etwas wieder und wieder zu bedenken , um damit von anderen Sachen abzulenken. Ich schein mir immer ein neues Thema zu suchen um nicht endlich "leben" zu müssen .
Kennt Ihr das auch fragst du , xxxx

Nachdenken ... planen .... um damit dem realem Leben auszuweichen .... 

Da kann ich dir leider sagen: ja, ich kenne das auch 

Ich habe dementsprechend schon den Tipp bekommen: 

du denkst zu viel nach ... geh raus ... und lebe ! 

Nur genau das ... das macht mir Probleme ...
ich weiß doch nicht , wie ich dieses Gedankenkarussell abstellen kann ... 

Mittlerweile weiß ich, dass ich so flüchte ...
indem ich mir Tausend und einen Gedanken ( Plan ) mache 

denn solange ich plane ... kann ich ( mein Tun ) nicht endgültig beurteilt werden
( von mir und besonders nicht von anderen ) 

Jetzt sag ich mir : es muss für mich OK sein ...
und für mich ist jeder Schritt in Richtung Ziel schon ein Gewinn 

 ~~~ (Name)~~~
die heute solange immer wieder in die Tigerarena steigt
bis sie weiß wohin sie gehen möchte 

Aus dem Messie-Forum

 

Die Annäherung an das Leiden

 

Elvira wird von ihrem Arzt als unreif bezeichnet, trotz ihrer beinahe dreißig Jahre.  Sie leidet darunter, nichts fertig zu bekommen, in der Ausbildung sowie auch zu Hause, und sie leidet unter Angstzuständen, Depressionen und hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Ihre Mutter ist sehr früh gestorben und ihre Stiefmutter, die sofort nach dem Tod ihrer Mutter ins Haus zog, hatte das gesellschaftliche Leben der Verantwortung gegenüber dem kleinen Mädchen stets vorgezogen. Nach fast drei Jahren bekam Elvira eine Schwester und sie zeigte da schon neurotische Symptome. Die Haltung der Stiefmutter ihr gegenüber war von Ambivalenz gekennzeichnet: Manchmal wurde sie wie das Lieblingskind behandelt und dann wurde sie mit unverhohlener Erleichterung den Großeltern oder Tanten überlassen. Wenn sie dann auf die Zurückweisung mit Einnässen, nächtlichen Ängsten und Stereotypien reagierte, wurde sie von ihrer Stiefmutter ausgelacht, oder diese reagierte ärgerlich darauf und sagte, dass sie froh wäre, wenn sie nie geboren wäre.

Ihr Vater war Geschäftsmann und sehr freundlich zu anderen Menschen, seinen Töchtern gegenüber aber distanziert, und er versuchte Familienszenen durch Flucht in die Arbeit zu entgehen. Obwohl Elvira bitterlich weinte, konnte der Vater mit seinen Kindern wenig anfangen und er konnte die Unsicherheit seiner Tochter nicht bremsen.

In der Selbsthilfegruppe war es schwierig, mit ihr in Kontakt zu kommen. Trotz alledem entwickelte sich im Laufe der Zeit eine Beziehung zu den anderen Teilnehmern, jedoch neigte Elvira dazu, sich an die andern zu klammern. Während der Treffen geschah es, dass sie sich durch irgendeine Bemerkung zurückgewiesen und abgelehnt fühlte, was sie mit einer unterschwelligen Aggression sofort beanstandete. Die anderen Teilnehmer in der Gruppe empfanden die Beziehung zu ihr zunehmend schwierig und belastend, denn Elvira benahm sich unmöglich und provokant... Es zeigte sich, dass dieses Verhaltensmuster auch im sozialen Umfeld so vorkam, vor allem bei Menschen, die für sie von Bedeutung waren. 

Elvira wechselte ständig zwischen überschwänglichem Lob für einzelne Teilnehmer, Wünschen nach Geborgenheit, Schutz und Zuspruch, und feindlicher Abneigung und streitsüchtigem Verhalten. Diesen Situationen folgten Scham und Niedergeschlagenheit, wobei sie sich wertlos und unwürdig glaubte.

Hinter all diesem Benehmen verbarg sich eine tiefe Sehnsucht nach einem stabilen, vertrauenswürdigen Menschen, den sie schätzen könnte, der freundlich und unterstützend wäre und vor allem immerfort verfügbar sein würde. Sie sehnte sich nach einer entwicklungsfördernden Beziehung, kurz, sie suchte nach dem, was sie in einer wichtigen Phase ihres Lebens nicht bekommen hatte. 

Eine der gravierendsten Störungen in der Beziehung stellt die Unberechenbarkeit der Beziehungsperson dar. Wenn die Reaktionen der Beziehungsperson nicht im voraus kalkulierbar sind, reagiert ein Kind mit Unsicherheit und Angst. Und aus dem Überlebungsdrang heraus entwickelt es eine ängstliche und desorganisierte Bindung, und das Kind weigert sich, loszulassen und gleichzeitig wendet es sich ab. Dieses kann zum Kern des Selbstkonzeptes werden: Wenn ich nicht abwehre, werde ich verlassen und wenn ich nicht festhalte, können meine Eltern sich von mir nicht trennen. Wenn die Beziehungsperson kein Vertrauen und keine Zuversicht ausstrahlt, wird in der Seele des Kindes die Saat des ängstlichen Auf-der-Hut-Seins gesät. Das Kind erhält keine klare Botschaft und ist hin- und hergerissen. Es sieht sich gefangen und will sich aus dieser widersprüchlichen Atmosphäre befreien, aber es kann nicht vor und nicht zurück. Es versucht später nun, auf seine Weise mit diesem Problem fertig zu werden durch Überorganisation. So kann ein zwanghafter Perfektionismus entstehen und die Leistung wird süchtig überbetont.

Häufig sehen wir dabei, dass Vater oder Mutter extrem ängstlich waren und das Kind auf alle Gefahren hingewiesen haben, ohne in ihm das Vertrauen zu wecken, die Gefahr bestehen zu können. Und hier besteht wiederum ein Widerspruch:

Auf der einen Seite ist in diesem Menschen ein starkes Abhängigkeits- und Schutzbedürfnis, auf der anderen Seite Angst vor Nähe, vor allem, wenn die Mutter nicht eine Quelle der Sicherheit und Geborgenheit darstellt, sondern eher eine Quelle der Unsicherheit und Einengung bedeutet. 

Darüber reden

 „Leiden, das nicht spricht, presst das beladene Herz bis es bricht.“

(Macbeth)

Wenn sie also bestimmte Aufregungen oder Erfahrungen nicht zum Ausdruck bringen, so kann es sein, dass sich die belastenden Erinnerungen körperlich oder psychisch auswirken. Nicht ausgesprochene Belastungen können sogar dazu führen, dass das Nervensystem stimuliert wird und sich destruktive Gedanken oder bestimmte fixe Ideen bilden. Bei diesen Menschen scheint die Mimik und Gestik wie „versteinert“ zu sein. Es zeigt sich immer wieder, dass gerade die Gedanken, die man unterdrücken möchte, besonders aktiv werden und sich unbewusst bemerkbar machen.

... Alles war so friedlich bei den Thompsons, doch Sybil war fest davon überzeugt, dass Mrs. Thompson sofort nach ihrem Weggehen ihrer Tochter schreckliche Dinge antun würde, wie alle Mütter.

Die Annahme, dass ihr Leben das durchaus Normale sei, macht nichts besser, noch mindert es die unausgesprochene, ohnmächtige Wut, die seit dem frühen Kindesalter in Sybil schlummerte. Zorn war da gewesen, als der verhasste harte Gummisauger die Brust ersetzt hatte und als das Brüllen der elf Monate alten Gefangenen auf dem harten Kinderstuhl von ihrer Wärterin ignoriert worden war. Am schrecklichsten aber war die Wut, die sich, zwar verdrängt, zugleich mit dem Gefühl steigerte, dass es keinen Ausweg, kein Entrinnen aus der Folterkammer gab. Je stärker der Zorn wurde, desto mehr wurde er auch verdrängt. Und je mehr verdrängt wurde, desto größer war ihr Gefühl der Ohnmacht; je größer das Gefühl der Ohnmacht, desto größer der Zorn. Ein Teufelskreis, ohne jedes Ventil.

Ihre Mutter peinigte sie und versetzte sie in Furcht, und Sybil konnte nichts dagegen tun. Was vielleicht noch schlimmer war - sie wagte auch nicht, jemand anderen einzuschalten.

...

Die Mutter lachte wie eh und je, wenn es keinerlei Grund dafür gab, und erlaubte ihrer Tochter nicht, zu weinen, wenn Anlass zu Tränen bestand. Solange Sybil zurückdenken konnte, hatte dieses misstönende, wilde Lachen eine Sonderbehandlung begleitet, die ihr allmorgendlich von der Mutter zuteil wurde. Sie begann, als Sybil erst sechs Monate zählte, und wurde während des frühen Kindesalters fortgesetzt. ...Das Ritual wurde regelmäßig, abgerundet durch Hatties Warnung: „Untersteh dich, irgend jemand davon zu erzählen. Wenn Du`s doch tust, brauche ich dich nicht zu bestrafen, dann trifft dich Gottes Zorn!“

...

Doch wenn Sybil weinte, schlug Hattie sie. „Ich werde dir helfen“ sagte sie, „jetzt hast du wenigstens einen richtigen Grund zum Heulen.“ 

...

Als Sybil jedoch älter wurde, endete das Zwischenspiel von Großmama ..., und ihre Mutter nahm das Steuer fest in die Hand. Das Stadium der Verdrängung setzte ein, als Sybil unter Strafandrohung befohlen wurde, weder zu sprechen noch zu weinen, und sie alles für sich behielt. Sie lernte, sich nicht mehr zu wehren, weil sie mit jeder Gegenaktion weitere Züchtigung heraufbeschwor.

...

Hattie putzte ihre Tochter gern heraus und führte sie dann Gästen vor. Sybil musste vorlesen und Gedichte aufsagen, um damit ihre Frühreife zu demonstrieren. Wenn sie einen Fehler machte, betrachtete Hattie das als persönlichen Affront.

„Meine liebe Sybil“, schrieb ihre Mutter ihr ins Poesiealbum, „lebe für alle, die Dich lieben, für alle, die Dich wirklich kennen. Für den Himmel, der über dir lächelt, und für das Gute, das Du tun kannst. Deine dich liebende Mutter.“

...

Sybil sagte auch damals kein Wort, als ihr Vater sie, die Zweijährige, fragte: „Woher hast du denn das verschwollene blaue Auge?“ Sie erzählte ihm nicht, dass ihre Mutter den Bauklötzen, mit denen das Kind spielte, eine Fußtritt versetzt und dabei Sybil ins Auge getroffen hatte. Dann hatte sie das Kind auf den Mund geschlagen, an der Stelle, wo gerade ein neuer Zahn herauskam.

Sybil liebte ihre Großmutter, die jedoch nichts unternommen hatte...

Auch ihr Vater war nicht eingeschritten...

Der Zorn auf die Nachbarn, die nie zu Hilfe erschienen, wurde ebenfalls verdrängt...

Dr. Quinoness, der immer wieder neue Verletzungen bei Sybil erlebte, aber kein einziges Mal versuchte, die Ursache zu ergründen. Und später verdrängte Sybil den Zorn auf ihre Lehrer, die sie zwar von Zeit zu Zeit fragten, was eigentlich los sei... Die Reihe setzt sich im College fort, wo selbst Miß Updyke, die offenbar etwas von den Zusammenhängen begriffen hatte, Sybil in die häusliche Folterkammer zurückschickte.

Doch trotz allem sprach Sybil die Urheberin ihrer Qualen von Schuld frei.

... gab merkwürdigerweise nicht dem Folterer, sondern dem Werkzeug die Schuld; ...

Aus: „Sybil“, Persönlichkeitsspaltung einer Frau, von Flora R. Schreiber

 Ich habe die genaue Darstellung der Misshandlungen, die diese Frau als Kind erleiden musste, nicht zitiert. Ich denke, das ist auch gar nicht nötig, denn es gibt eine Gesetzmäßigkeit in diesem kindlichen Erleben, nämlich schweigen zu müssen, die jeder von uns sich in Erinnerung rufen kann.

Wir wehren uns mit Recht gegen Forderungen von anderen, wenn wir zu früh und nicht selten mit Zwang von Ansprüchen anderer überfordert wurden. Nächstenliebe, Selbstverleugnung und Aufopferungsbereitschaft - wie schön klingt der Spruch im Poesiealbum, und wie viel Grausamkeit kann sich in ihm verbergen. Durch so einen Zwang werden die Entwicklungsmöglichkeiten nicht selten im Keim erstickt. So erzogene Kinder merken häufig noch im hohen Alter nicht, wenn sie von einem Menschen missbraucht werden, solange dieser Mensch nur freundlich zu ihnen ist.

Identitätsentwicklung - ein lebenslanger Prozess

Individuation, darunter wird ein Selbstwerdungsprozess verstanden, und die Integration aller Persönlichkeitsanteile setzt ein einigermaßen gesundes Ich voraus, ein Ich, das sich abgrenzen kann, in der Welt verwachsen ist und die Konfrontation mit seelischen Intentionen, die bisweilen der bewussten Absicht entgegenstehen, aushalten und leisten kann. Auch für die gesunde Ich-Bildung eines Menschen ist eine gewisse Abgrenzung Voraussetzung und jede Grenzüberschreitung führt unweigerlich zu Problemen.

Das wird am deutlichsten bei sexuellem Missbrauch, aber auch bei emotionalem Missbrauch. Wie sich zeigt, dienen auch diese Formen von Missbrauch zur Bedürfnisbefriedigung eines oder beider Elternteile, während die eigenen Bedürfnisse des Kindes völlig beziehungsweise weitgehend ignoriert werden. Es entwickelt sich eine Art von Abhängigkeitsbeziehung zwischen Eltern und Kindern. Auffallend ist, dass Menschen, über deren Abgrenzungen man sich hinweggesetzt hat, selbst auch bei anderen keine Grenzen ziehen können. Diese Menschen haben dann häufig die Neigung, andere mit Haut und Haar zu vereinnahmen.

Diese Abhängigkeit führt überwiegend zu einer Opferidentität, und deren Gesetzmäßigkeit umfasst die Unfähigkeit, sich aus falschen Sicherheiten zu lösen. Die Folge sind psychosomatische Krankheiten, Selbsthass und besonders die Unfähigkeit, an entscheidender Stelle den eigenen Wahrnehmungen zu trauen. Die Therapie muss einen Weg finden, die die innere Wut zum Ausdruck bringen kann, damit die Aggressionen, die sonst Betroffene gegen sich selbst richten, unschädlich für sich und andere ausgelebt werden können. Immer gilt es zu erkennen, dass das eigene Leben für sich selbst als höherwertig anzusehen ist als falsche Erwartungen und illusionäre Ansprüche an Eltern (Überwindung der Schuldgefühle) oder andere Menschen. Therapie sollte Trauerarbeit ermöglichen: z.B. wegen verpasster Chancen und Irrungen. Vor allem aber wegen des ertragenen Leids: Es geht um den Aufbau sicherer Grenzen gegen unberechtigte Ansprüche, es geht um die Entwicklung des inneren Herrschaftsgebietes zu einem selbstbestimmten Leben.

Doch betrachten wir nun den Entwicklungsprozess eines Menschen, den der Psychoanalytiker Erikson (1902-1974) eingehend studiert hat. Nach Erikson können acht verschiedene Entwicklungsphasen beobachtet werden, die sich mehr oder weniger über das ganze Leben hinziehen. Nach seiner Theorie beginnt die

1.      Phase der Identitätsbildung mit der Geburt, dauert bis zum 18. Monat und sie ist geprägt von dem Ur-Vertrauen.

Versucht nun die Mutter, in dieser Phase ihr Kind zu stark zu kontrollieren, wehrt sich das Kind. Instinktiv erkennt es, dass jemand in dem intimen Raum einbricht. 

Versucht die Mutter jedoch, das Kind von sich zu stoßen oder sich dem Kind zu entziehen, entsteht in dem Kind ein Misstrauen, zugleich wird es verzweifelt versuchen, die Zuwendung der Mutter auf sich zu lenken. (Das alles spielt sich im Vorfeld des Bewussten ab)

In der

2.      Phase, etwa vom 18. Monat bis zum 3. Jahr, lernt ein Kind Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung durch die Auseinandersetzung mit dem eigenen Willen und der Erwartung der Eltern.

In diese Stufe fällt das Sauberkeitstraining und die Auseinandersetzung entspricht dem Streben eines Kindes nach Unabhängigkeit (loslassen), jedoch zugleich mit dem entgegengesetzten Impuls des Festhaltens. Sodann entsteht jetzt das Mein-Bewusstsein, das mit dem Bewusstwerden des Selbst-Seins einhergeht. Ein Kind möchte stolz sein und es möchte belohnt werden.

Wenn beispielsweise die überstarken Eltern darauf bestehen, den kindlichen Willen zu brechen, kann im Bewusstsein des Kindes ein Gefühl der Ohnmacht und tiefer Beschämung zurückbleiben. Es kann durch wiederholte Demütigungen so tief verletzt werden, dass es kein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt.

In der

3.      Phase, vom 3. bis 6. Lebensjahr, versucht ein Kind sich seiner eigenen Welt zu bemächtigen. Die Befähigungen, sich verständlich zu machen, wachsen und es entfaltet sich die Phantasie des Kindes.

In dieser Stufe lernt ein Kind zu unterscheiden, was gut und nicht gut ist, es bildet das Gewissen aus.

Wird nun die Tatenlust des Kindes gehemmt und gar bestraft, fühlt sich das Kind schuldig.

In der

4.      Phase, 6. bis 12. Lebensjahr, lernt ein Kind, kreativ zu produzieren, so dass sein Tätigkeitsdrang zufriedengestellt wird.

Die

5.      Phase, etwa vom 12. bis 18. Lebensjahr, ist für die Identitätsbildung entscheidend.

6.      Phase, 18. bis 25. Lebensjahr, ist gezeichnet durch Vertrautheit.

7.      Phase, 25. bis 40. Lebensjahre, geprägt durch Beruf und Familiengründung.

8.      Phase, ab 40. Lebensjahr, ist die Stufe der Reifung und Integrität.

Zweifelsohne überlappen sich die einzelnen Stufen und es zieht sich die Frage des Vertrauens durchs ganze Leben. Kommt es im Laufe der Entwicklung irgendwo zu einer Störung, bleibt das Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung stecken und kann später nur schwerlich eine gewisse Reife erreichen. Ist dieser Prozess in irgendeiner Weise gestört, kann ein Kind sich nicht gesund entwickeln und es fehlt ihm das Urvertrauen. Geht die Mutter mit Liebe und Einfühlung auf die kindlichen Bedürfnisse ein, so kommt eine positive Beziehung zustande, die somit das Urvertrauen ermöglicht. Weist dagegen die Mutter ihr Kind zurück oder überträgt sie ihre eigenen Erwartungen zu stark auf das Kind, entsteht eine konfliktreiche Beziehung zwischen den beiden.

Auch das Denken unterliegt einer Entwicklung. Die Anfänge der Identität liegt im Unbewussten, da, wo ein Kind überwiegend emotional lebt; denn alles, was ein Kind zuallererst braucht, ist Nahrung, die Nähe der Eltern und deren Zuwendung. Wenn dann die Umgebung des Kindes nicht in Ordnung ist, kann später - nach Ansicht des Kindes - der Anlass der Störung nur in ihm selbst begründet liegen. Wird dieses Denken später nicht korrigiert, bestimmt es bis ins hohe Alter das Bild von sich selbst. Erst in der Adoleszenz beginnt ein Mensch, sich der eigenen Musterbilder bewusst zu werden und erlebt sich als eigenständige und unabhängige Existenz, und er könnte jetzt vieles davon revidieren, wenn es nicht ins Unterbewusste abgesunken wären.

Damit ist eine weitere Verursachungsebene für das Entstehen von Alienation genannt: Eine Person kann sich in ihrem Verhalten und in ihrer Selbstwahrnehmung zunehmend von ihren eigenen Bedürfnissen (d. h. dem Selbst) entfernen, wenn sie nicht gelernt hat, flexibel zu der jeweils passenden Systemkonfiguration umzuschalten, sobald ein neues Bedürfnis auftaucht. Die Störung der Entwicklung bedürfniskongruenter Systemkonfigurationen kann dadurch verursacht sein, dass mit den sozialen Basisbedürfnissen (Beziehung, Leistung, Autonomie) in der frühen Kindheit „atypische“ Erfahrungen verknüpft sind. Zum Beispiel ist eine typische Situation zur Befriedigung des Beziehungsbedürfnisses (Bindung, Affiliation, Nähe) ganz auf spontanen Gefühlsaustausch ausgelegt. Wenn aber die Erfahrung gemacht wird, dass dieser Austausch nicht spontan zu haben ist, sondern zur Herstellung von Nähe immer wieder zuerst „Schwierigkeiten“ überwunden werden müssen (z. B. Mutter muss erst getröstet oder wieder positiv gestimmt werden), dann wird mit dem Beziehungsbedürfnis allmählich eine Systemkonfiguration verknüpft, die eigentlich für das Leistungsbedürfnis „gemeint“ ist: Beziehungsaufnahme läuft dann immer öfter über Planen, was dann später immer wieder Zurückweisungen zur Folge hat („der ist nur nett, wenn er etwas von mir will“ oder „sie ist nicht aufrichtig: alles wirkt kalkuliert und geplant“). Der extremere Fall der Verschränkung der leistungsthematischen Systemkonfiguration mit dem Beziehungsbedürfnis ist der Versuch, Beziehungsbedürfnisse über Leistung statt über direkte Kontaktaufnahme zu befriedigen („wenn ich gute Leistungen bringe, werde ich geliebt“). Diese Kopplung zwischen dem Beziehungsbedürfnis und der für Leistungshandeln optimierten Systemkonfiguration macht eine Form von „Narzissmus“ verständlich, die durch eine hohe Verletzbarkeit bei Konfrontation mit Fehlern oder Misserfolgen charakterisiert ist: Fehler und geringe Leistungen werden dann als sehr schmerzhaft erlebt, weil sie nicht nur das Leistungsmotiv, sondern das ohnehin schon überaus frustrierte Beziehungsbedürfnis verletzen. In einer Stichprobe arbeitsloser Akademiker fanden wir kürzlich dieses Muster der Motivkonfundierung gehäuft vor (Kuhl & Kazén, in Vorb.).

Auszug aus : Julius Kuhl, Universität Osnabrück

Kurztitel: Entfremdung als Krankheitsursache

Mit Hilfe der Sinne werden unendlich viele Informationen aufgenommen und verknüpft, um den Menschen in die Lage zu versetzen, Dinge und Situationen zu erkennen und einzuordnen. Ähnlich verhält es sich bei dem Selbst und seiner Umwelt. Es werden unentwegt Informationen ausgetauscht durch Worte, Handlungen, Gefühle, ja, selbst Gedanken, die sich im Gesichtsausdruck oder auch in Körperbewegungen zeigen; und diese Informationen werden dann dem eigenen Selbstbild zugeordnet. Je schwächer nun ein Selbst ausgebildet ist, desto mehr ist es von den äußeren Informationen beeinflussbar. Der Mensch passt sich seiner unmittelbaren Umgebung defensiv an und entwickelt somit eine starke Abhängigkeit von dem ungesunden Umfeld. Solch ein früh eingeübtes Verhaltensmuster ist oft unflexibel, und eine spätere Korrektur löst paradoxerweise starke Angst aus, so dass der Mensch sich gegen überlegtes Wissen zwanghaft nach dem alten Muster verhält.

Fassen wir zusammen:

Die Beziehungen zu anderen beeinflussen das eigene Wertgefühl, und das Selbstkonzept eines Menschen kann durch Ermutigungen und Bestärken von außen gestärkt oder durch destruktive Kritik gehindert werden.

·        Wer sich geliebt und angenommen weiß, wird ein anderes Wertbewusstsein entwickeln als einer, der sich nicht geliebt weiß.

·        Wer Anerkennung findet, wird ein größeres Selbstvertrauen zeigen als einer, der ständig kritisiert wird.

So hängt das Selbstwertgefühl weitgehend von der Reaktion der Umwelt ab, die allerdings durch die eigene innere Haltung zu sich und anderen mit beeinflusst wird. Anerkennung, Freundschaft und Vertrauen stärken das Wertgefühl, das Selbstbild wird positiv und zuversichtlich sein. So greift in einer Selbsthilfegruppe das eine in das andere, und die Teilnehmer beeinflussen sich gegenseitig. So kann eine stabile Identität durch positive Erfahrung verändert und gefestigt werden und eine instabile Identität durch entsprechende negative Erfahrungen noch instabiler werden.

Wir wissen ja, wem jegliche Anerkennung verwehrt wird, der beginnt an sich selbst zu zweifeln. Schließlich kann sich ein negatives Selbstbild und Abwehrgefühl festsetzen. Deswegen unterstreiche ich das oben beschriebene noch einmal:

Wenn im Laufe des Lebens (z.B. mit Freunden, im Verein oder in der Selbsthilfegruppe) mehr und mehr positive Erfahrungen und ein Verbundenheitsgefühl gesammelt werden, die dieser instabilen Identität widersprechen, kann im Laufe der Zeit solch ein ablehnendes Selbstbild berichtigt werden.

Selbsthilfe für Menschen mit dem Messie-Syndrom      

 

                        Wenn wir die Gelegenheit haben, Zeuge eines Heilungsprozesses zu sein ...

dann erscheint es ein wenig so, als würden wir bei einer Geburt helfen. Es ist ehrfurchtgebietend, mit dem Wunder des Lebens so nahe in Berührung zu kommen.

                        Trotz - allem. Wege zur Selbstheilung

sexuell missbrauchter Frauen

Ellen Bass und Laura Davis

Da die Diagnostik des Messie-Syndroms sich in aller Regel auf das Verhalten beschränkt, bleiben die Ursachen für diese Handlungen meistens unerkannt, und eine ursachenbezogene Therapie ist somit nicht durchführbar. Jedoch bleibt es dem Geschick und der Einfühlung der TherapeutInnen überlassen, gleichwohl einen erfolgreichen Weg in dem Miteinander zu finden. Unser Ziel in den Selbsthilfegruppen muss es aber sein, die Ursachen der Störung einzugrenzen und damit die Voraussetzungen für eine ursachenbezogene förderliche Entwicklung zu schaffen. Erst dann können gegenseitige Bemühungen versuchen, die Ursachen der Störung zu verändern, abzuschwächen oder wenigstens ihre Folgen gezielter zu umgehen.

Wir müssen bei den Betroffenen damit rechnen,

dass sie aufgrund ihrer bisherigen Lebenserfahrung

sehr misstrauisch, distanziert oder auch gleichgültig

und mehr oder weniger bindungslos zu anderen

Menschen geworden sind.

Deswegen gilt es dann - und dies ist die immerwährende, gar nicht leichte Aufgabe einer Selbsthilfegruppe -, neue Lebenserfahrungen anzubieten, ein Gefühl der Verbundenheit mit gleichzeitiger angemessener Autonomie zu schaffen. Hier lernen wir viel über des Wesen von Geborgenheit, und es wächst das, was heute mit Recht als Urvertrauen bezeichnet wird. Denn allzu oft hat sich in früher Kindheit entschieden, ob der Mensch in sich ein Gefühl des Vertrauens oder des Misstrauens schafft.

Was wir heute von dieser Störungsart wissen, ist, das sich diese Störung chronisch entwickelt, und wenn wir nicht aus dieser Entwicklung aussteigen können, kann sie uns bis an unser Lebensende begleiten. Ich habe im Laufe meiner Tätigkeit in den Selbsthilfegruppen sehr viel Respekt vor den Menschen bekommen, die zur Zeit keinerlei Veränderung erreichen können, weil eine übermächtige Angst und Panik dieses im Augenblick nicht möglich macht. Jedoch wirken auch hier die Gruppen, mit Verständnis, Zuversicht und Stressabbau, was zu einem erträglicheren und akzeptierenden Leben führen kann, was auch die depressive Verstimmung bessert. Eine Veränderung unseres Verhaltens und unseres Erlebens ist jedoch nur möglich im Zusammenwirken mit anderen Menschen, die uns emotional berühren können. Denn bewusstes oder unbewusstes Verbergen von Gefühlsregungen beansprucht Aufmerksamkeit, die dann nicht mehr für andere Dinge zur Verfügung steht. Hier sind Gruppen prädestiniert, hilfreich zu sein, um einen Wandel im Erleben zu vollbringen. Am idealsten sind natürlich Messie-Selbsthilfegruppen. Doch auch Selbstfindungsgruppen können eine Entwicklung in Gang bringen. Eine Beschreibung der zwei zur Zeit existierenden Gruppenformen finden wir unten unter Selbsthilfegruppen für Messies. 

Nur das Verlassen eingefahrener Denkbahnen führt zu anderen Eigenschaften und Bewältigungssystemen und die Teilnehmer sind dabei unterstützend tätig. 

 

·        Es müssen genügend Möglichkeiten zur Verfügung stehen, das innere und äußere Gleichgewicht wiederherzustellen, z.B. durch Zuspruch und Affektregulierungsmöglichkeiten.

·        Die eigene Persönlichkeit muss zur Entfaltung gebracht werden, um eine Befriedigung über die vorhandenen Anlagen zu empfinden.

·        Förderung der Sinnfindung, denn Menschen haben das Bedürfnis, ihr Handeln an irgendeinem Sinn auszurichten.

 

Ganz konkret kann das bedeuten, dass die Gruppe bei ganz normalen Schwierigkeiten Problemlösetechniken unterstützt, und zwar dadurch, dass:

 

1.      Die Einsicht geweckt wird, dass Probleme zum Leben gehören und deswegen eine andere - positivere - Einstellung dem gegenüber entwickelt werden kann.

2.      Dass anstehende Probleme möglichst genau beschrieben und artikuliert werden können.

3.      Durch Teilnehmer der SHG andere Alternativen den eigenen gegenüberzustellen.

4.      Unterstützung durch die anderen bei der Findung der stimmigen Alternative.

5.      Nachträgliche Überprüfung von getroffenen Entscheidungen mit emotionaler Unterstützung durch andere in der Gruppe.

Selbsthilfegruppe für Messies - was ist das?

Selbsthilfegruppen sind Zusammenschlüsse von drei bis sechs, acht oder zehn Personen. Die Mitglieder einer Selbsthilfegruppe stehen in ähnlichen Lebenssituationen oder sind von vergleichbaren Schwierigkeiten betroffen. Das Ziel ihrer gemeinsamen Arbeit ist die Bewältigung sozialer, persönlicher oder krankheitsbedingter Belastungen. Ziele wie Aufräumtechniken gehören nicht dazu. Wer das will, muss sich ein Organisationsbuch kaufen.

Was leisten die Selbsthilfegruppen?

Das Ziel von Selbsthilfegruppen ist es, die persönliche Situation des einzelnen Gruppenmitglieds zu verbessern und seine sozialen Fähigkeiten zu stärken und zu erweitern. Die Möglichkeit des Austauschs und der gegenseitigen Unterstützung in der Gruppe ist ein großer Vorteil, weil dadurch die besonders bei Messies typische Isolation aufgebrochen werden kann. Hier wird die Bildung eines sozialen Netzwerkes bei den Betroffenen als eine der vordringlichen Aufgaben angestrebt.

Unsere Erfahrungen mit der Selbsthilfegruppe für Messies

Menschen, die in einer Selbsthilfegruppe arbeiten, stärken sich durch ihre vertrauensvolle Beziehung zu den anderen Gruppenmitgliedern. Sie festigen ihr Selbstwertgefühl und lernen, ihre sozialen Beziehungen auch außerhalb der Gruppe zu verbessern. Damit die Bildung des Selbstvertrauens beim Messie reibungslos geschieht, ist es nötig, die Gruppe zu schließen. Es handelt sich nicht um eine offene Gruppe, und es ist dann notwendig, dass eine Liste geführt wird (bei der zuständigen SHG-Kontaktstelle), um gegebenenfalls baldmöglichst eine neue geschlossene Gruppe zu starten.

 

Die Mitglieder von Selbsthilfegruppen entwickeln aus ihrer gemeinsamen Betroffenheit Solidarität, Verständnis und gegenseitige Hilfe. Mit der Gruppe schafft sich jeder einzelne einen geschützten Rahmen, in dem er den Anforderungen und Belastungen des Alltags nicht ausgesetzt ist, das dient dem Stressabbau. Dieser Rahmen ermöglicht ihm aber auch, miteinander und voneinander zu lernen:

Sie tauschen ihre Erfahrungen aus, entlasten und ermutigen sich gegenseitig und eignen sich gemeinsam Fähigkeiten an, mit denen sie ihren Alltag besser bewältigen können.

Um in dieser Form miteinander reden und arbeiten zu können, brauchen Selbsthilfegruppen Leitlinien, an denen sie sich orientieren:

In einer Selbsthilfegruppe für Messies treffen sich Menschen, die unter dem massiven Problem mit der Organisation von Zeit und Raum leiden. Es kann jeder selbst etwas für sich tun, über persönliche Stärken und auch Schwächen, Schwierigkeiten und Sehnsüchte zu Menschen sprechen, die ähnliches erlebt haben und ähnlich empfinden.

In einer solchen Gruppe kann sich jeder offen zeigen und entfalten, kann über das sprechen, was ihn ängstigt, bedrückt oder freut. So löst er sich aus seiner persönlichen Einsamkeit. Das Zusammensein mit den anderen Gruppenmitgliedern gibt Kraft für den Alltag. Die Erfahrung, dass andere unter vergleichbaren Schwierigkeiten leiden, macht Mut, diese auch zu bewältigen. So kann jeder lernen, sein Leben besser zu gestalten und auch mit Konflikten anders umzugehen.

Ein Messie ist ein Mensch, dessen Ordnung in seiner Wohnung nicht den eigenen Ansprüchen entspricht. Er hat auch das Empfinden, dass er nicht den Ansprüchen unserer Gesellschaft entspricht. Der Unterschied zwischen einem "Messie-Chaos" und einem "Otto-Normalverbraucher-Chaos" liegt in dem immensen Druck, den es auf den Messie ausübt. Das Leiden wird von der Umwelt meist nicht bemerkt. Vielmehr lautet ein häufiger Ratschlag, dass "nur einmal gründlich aufgeräumt werden muss".

Diese äußere Unordnung spiegelt jedoch bloß die innere Desorganisation, und das äußere Chaos kann allein durch die Strukturierung und Klärung des inneren Organisationsmusters bewältigt werden. Der Messie verhält sich so, dass seine Wohnung diesen unangenehmen Zustand annimmt, und er weiß nicht, wie er das verhindern kann. Wir wollen die tieferliegenden Ursachen für unsere Unordentlichkeit herausfinden und gemeinsam daran arbeiten, hier durchgreifende positive Einstellungsänderungen bei uns zu bewirken.

 

Selbsthilfegruppen für Messies

 Wir unterscheiden bei den Messie-Selbsthilfegruppen: Gesprächsgruppen und Anonyme Gruppen, die nach einem speziellen Programm arbeiten. 

 

Die Anonymen Messies

 In mehr als 50 Ländern treffen sich AA-Mitglieder regelmäßig in Selbsthilfegruppen. Dabei nutzen die Teilnehmer die AA-Prinzipien („zwölf Schritte“) und ihre persönlichen „Erfahrungen, Kraft und Hoffnung“ zur Förderung ihrer Abstinenz.

Diese Prinzipien hat Sandra Felton für die Messies übernommen und in den USA die ersten Anonymen Messies gegründet. Sandra Felton hat eine ganze Reihe Ratgeberbücher zum Messie-Phänomen geschrieben. Diese Bücher wurden dann auch ins Deutsche übersetzt und hier vom Brendow Verlag vertrieben. Gleichzeitig stellte der Verlag eine Selbsthilfekoordinatorin für die Unterstützung zur Selbsthilfegruppengründung ein. Das Hauptinteresse war jedoch, eine möglichst umfangreiche Adressdatei zu bekommen, um Direktwerbung ohne große Streuverluste zu machen. Angesprochen durch die Selbsthilfekoordinatorin, unterstützten Teilnehmer der Selbsthilfegruppen in den Medien die Gratiswerbung für diese Bücher. Koordiniert wird das vom mittlerweile eingetragenen Verein, mit Warenzeichen, und immer noch wird die PR dieser Bücher gemacht, und unter der Homepage dieser angeblichen Selbsthilfeorganisation kann man sie im Onlinebuchshop direkt ordern. Diese wirtschaftliche Verbindung der Anonymen Messies ist allerdings ganz und gar gegen das Prinzip der Anonymen Gruppen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass anders Denkende und Kritiker dieser Werbestrategie verunglimpft und mit gerichtlichen Mitteln mundtot gemacht werden sollen. Hier schrecken der AM e.V. nicht vor einer Strafanzeige gegen dem FEM e.V. zurück. 

Wer sind die Anonymen Messie (AM)?

Die Anonymen Messies sind eine Gemeinschaft von Menschen, die mit Unordnung, Desorganisation und der Anhäufung von nutzlosem Krempel kämpfen. Unser Ziel ist es, zu lernen, mit Würde und Selbstachtung zu leben und unsere Lebensaufgabe zu erfüllen.

Das Wort „Messie“ ist von dem englischen Bergriff „mess“ für „Unordnung, Durcheinander, Chaos“ abgeleitet und ist eine Wortschöpfung der Amerikanerin Sandra Felton, die 1981 die Bewegung der Anonymen Messies ins Leben rief. Auf der Suche nach einer Lösung für ihre eigenen Schwierigkeiten mit der Haushaltsführung und der Organisation ihres Alltags stieß sie nicht nur auf Organisationsmethoden, mit denen sie nach 23 Jahren erfolglosem Kampf gegen das Chaos ihre Lebenssituation verbessern konnte, sondern sie entdeckte auch Verhalten, Verhaltensmuster und Denkgewohnheiten, die sie mit anderen chronisch unordentlichen Menschen gemeinsam hatte. Der „Messie“ war geboren.

Messies sind meist fröhliche, vielseitige, kreative, sozial engagierte Menschen. Viele Messies sind beruflich sehr erfolgreich. Sie haben vor allem in drei Bereichen Schwierigkeiten: sie räumen die Dinge, die sie benutzen, nicht wieder weg, bewahren zu viele Dinge auf und haben ein schlechtes Zeitgefühl. Hinter diesen Schwierigkeiten stehen Eigenschaften wie: Ablenkbarkeit, Vergesslichkeit, Perfektionismus, eingeschränkte visuelle Orientierung über den Gesamtzustand des Haushaltes, mangelnde Berücksichtigung der eigenen Bedürfnisse, Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen, Wegwerfschwierigkeiten.

Menschen, die sich als Messies bezeichnen, kommen aus allen Gesellschaftsschichten, Männer und Frauen jeden Alters sind vertreten. Das Ausmaß der Unordnung, unter der sie leiden, ist sehr unterschiedlich. Bei einigen verselbständigt sich, was einmal als unkonventioneller, kreativer Lebensstil begann. Bei anderen sind es erhöhte Organisations-Anforderungen (z.B. nach der Geburt von Kindern), die den Mangel an entsprechenden Fähigkeiten schmerzlich deutlich machen, oder Lebenskrisen (Scheidung, Tod des Partners, Krankheit, Unfall), die zu einem Zusammenbruch der Alltagsstrukturen führen. Manche sind erschöpft, weil Ordnung zwar immer wieder hergestellt werden kann, der Preis an Energie und Zeit, den sie dafür zahlen müssen, aber auf Dauer zu hoch ist. Bei vielen Messies sind Sammelleidenschaft und Wegwerfschwierigkeiten ein zentrales Thema.

Ob der Haushalt wirklich chaotisch ist oder nur unordentlicher als man es gern hätte, ist für die Definition des Begriffs „Messie“ unwesentlich. Entscheidend ist das Gefühl der Überforderung und die Tatsache, dass der Haushalt zumindest in Teilen trotz angestrengten Bemühens außer Kontrolle geraten ist. Die Folge des Messie-Daseins sind Stress, Unterhöhlung des Selbstwertgefühls, oft Partnerschaftsprobleme, Depression, berufliche Probleme oder soziale Isolierung. 

Die Ursachen für chronische Unordnung sind bislang wissenschaftlich nur unzureichend untersucht und in Fachliteratur kaum diskutiert. Es muss auch betont werden, dass ungewöhnliche Unordnung in den meisten Fällen nicht mit einer „Krankheit“ im engeren Sinne des Wortes gleichzusetzen ist, genauso wenig, wie gelegentliche Niedergeschlagenheit mit einer Depression gleichgesetzt werden kann. Andererseits gibt es unter den Messies viele, die so massiv und dauerhaft in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt sind, dass fachliche Diagnose und Therapie unbedingt von Nöten wären. In vielen Fällen ist davon auszugehen, dass hier ADS eine Rolle spielt. Dem ADS liegt eine Hirnstoffwechselstörung zugrunde. Es äußert sich unter anderem in Ablenkbarkeit, Sprunghaftigkeit, Vergesslichkeit und einem schlechten Zeitgefühl. Eines der immer wieder beschriebenen Hauptsymptome betroffener Erwachsener sind Unordnung und Organisationsschwierigkeiten. „Sammeln und Horten“ ist ein weiterer relativ klar umrissener Problembereich, der den Charakter einer Zwangserkrankung annehmen kann. Desweiteren kann ungewöhnliche Unordnung ein Ausdruck ungelöster psychischer Konflikte oder ein Symptom einer eigenständigen psychischen Erkrankung sein (z.B. bei einer Depression).

Die Anonymen Messies sind eine Selbsthilfebewegung. Über unser eigentliches Angebot hinaus versuchen wir, Betroffenen Informationen über die möglichen Hintergründe chronischer Unordnung und über Therapieansätze zugänglich zu machen und zur weiteren Klärung der Zusammenhänge mit Fachleuten zusammenzuarbeiten. Dabei wollen wir jedoch in der Tradition anderer anonymer Gruppen zu wissenschaftlichen Streitfragen keine Stellung beziehen oder Empfehlungen aussprechen.

Das Programm, das die Anonymen Messies anbieten, beinhaltet auf der handlungsorientierten, pragmatischen Seite Strategien zur Haushaltsorganisation und zum Einüben neuer Verhaltensweisen. Andererseits geht es darum, sich über die Wurzeln der chaotischen Aspekte des eigenen Lebensstils klar zu werden und dann zu einer Grundhaltung zu gelangen, die uns hilft, Unordentlichkeit und Desorganisation hinter sich zu lassen. Erst wenn wie uns verändern, wird sich der Zustand unseres Haushaltes dauerhaft ändern.

Als Weg zu einer neuen Grundhaltung besonders bei hartnäckigen Problemen haben die Anonymen Messies im Laufe ihrer inzwischen 19-jährigen Geschichte die 12 Schritte der Anonymen Alkoholiker für sich entdeckt. Hinzugekommen sind 1996 die 12 Konzepte der AM, die viele der Grundgedanken der 12 Schritte aufgreifen und auf die Messie-Problematik anwenden.

Die Selbsthilfegruppen der Anonymen Messies arbeiten selbstständig und eigenverantwortlich. Ob sie von den 12 Schritten und 12 Konzepten der AM und der Arbeitsweise der anonymen Gruppen Gebrauch machen oder nicht, ist ihre freie Entscheidung. Jede Selbsthilfegruppe für desorganisierte Menschen darf den Namen „Anonyme Messies“ verwenden, solange sie, abgesehen von einer Beteiligung an Selbstkosten, keine Mitglieds- oder Teilnahmebeiträge erheben, als Gruppe keiner anderen Organisation angehören und in Angelegenheiten, die über die unmittelbaren Belange der Gruppe hinausgehen, der Gesamtheit der Anonymen Messies keinen Schaden zufügen.

Der Bewegung der Anonymen Messies zugehörig fühlen kann sich jeder, der unter seiner Unordnung leidet und etwas verändern möchte. Es gibt keine Mitgliedschaft oder feste Beträge.

Die Arbeit der Anonymen Messies wird vom Büro der Anonymen Messies Deutschland in Göttingen koordiniert, das bislang über eine Anschubfinanzierung des Brendow Verlags, Anteile von Sandra Feltons deutschen Tantiemen sowie freiwillige Beiträge einzelner Messies finanziert wurde. Um die Arbeit der Anonymen Messie auch künftig sichern zu können, wird derzeit ein Förderverein gegründet.

© Anonyme Messies  2/1999, In der Roten Erde 24, 37075 Göttingen

Obwohl die Anonymen Messies für viele Menschen, die sich von ihren Problemen befreien wollen, die (durch AA) bekanntesten Selbsthilfegruppen sind, bieten sie natürlich nicht die einzige Möglichkeit, um die Handlungsprobleme zu bewältigen. Bei vielen können diese Gruppenprinzipien sogar zum Hindernis für eine erfolgreiche Veränderung und Heilung werden. Beobachtungen zeigen, dass von den Personen, die sich zu einem ersten Besuch in der Gruppe entschließen, jede zweite zu den folgenden Treffen nicht mehr erscheint.

Warum sagen die Gruppentreffen bei den AM einigen zu und anderen nicht?

Zwar sind die AM wie auch die AA nur als „spirituelle Gemeinschaft“ beschrieben und identifizieren sich nicht mit einer spezifischen religiösen Gruppe. Doch viele Neulinge werden durch die Forderung abgeschreckt, anzuerkennen, das man machtlos sei und eine Befreiung nur möglich sei, wenn man die persönliche Kontrolle einer „höheren Macht“ anvertraut. Andere werden durch die AM-Doktrin entmutigt, dass durch lebenslanges kontrolliertes Handeln das Chaos im Zaum gehalten werden kann. Durch die gleichzeitige Verbindung und das Festhalten an genetischen Krankheitsmodellen (ADD/ADS) und das Festhalten an deren Ideologien wird die Möglichkeit einer normalen Handlungsfähigkeit ausgeschlossen. Einmal Messie - immer Messie! Des Weiteren ist noch kritisch zu hinterfragen:

1.      ob die 12 Schritte nicht dazu angetan sind, dass eine weitere Selbstentfremdung stattfindet, also keinen Zugang zum eigenen Willen zu haben.

2.      ob die Kommunikationstechniken der AM die normale Interaktion nicht unnötig erschweren.

3.      ob das fokussierte Betrachten nur auf der Ebene des Verhaltens die Störung verfestigt.

4.      ob der spirituelle Rahmen in den A-Gruppen ein Geborgenheitsgefühl ermöglicht, das jedoch nicht auf das soziale Umfeld übertragbar ist. Das würde auch erklären, warum soziale Kontakte überwiegend nur in den Gruppen existieren.

5.      ob die Konfliktvermeidungsstrategien nicht andere, z.B. antisoziale Strategien, und affektive Reaktionen, die es ansatzweise bei den Betroffenen gibt, verstärken können.

 Messie-Selbsthilfegruppen   

Diese Messie-Selbsthilfegruppen sind zweckfrei und somit unabhängig von wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und anderen Verbänden. Die Ziele von Messie-Selbsthilfegruppen richten sich vor allem auf die Teilnehmer.

Die Beschreibung einer typischen Selbsthilfegruppe ist so einfach, dass sie für viele Menschen fast unglaubwürdig klingen mag. 

Sie lautet nämlich so: 

Regelmäßig an einem Abend in der Woche sprechen bestenfalls sechs Personen ohne Mitwirkung eines therapeutischen Experten über ihre persönlichen Probleme. Eine Gruppensitzung dauert etwa zwei bis höchstens drei Stunden. Als äußere Ausstattung benötigt die Gruppe nicht mehr als einen neutralen Raum an einem Abend in der Woche.

1. Blitzlicht:

Jeder spricht kurz (ca.2 Min., Zeitnehmen evtl. mit Eieruhr) über sein augenblickliches gefühlsmäßiges Befinden.

2. Nachfragen:

10 Min. Nachfragen für Dinge, die im Blitzlicht von anderen nicht verstanden wurden.

3. Thema des Treffens:

60 Min. entweder ein Thema von der gemeinsam erarbeiteten Themenliste oder ein aktueller Konflikt wird besprochen. (Beispielliste kann angefordert werden.)

4. Abschlussblitzlicht:

Jeder spricht ca. 2 Min. über sein derzeitiges gefühlsmäßiges Befinden.

Die Gruppe sollte sich regelmäßig, gegebenenfalls einmal wöchentlich oder zweiwöchentlich, treffen. Wichtig ist vor allem die regelmäßige Teilnahme über einen längeren Zeitraum. Es erfordert Zeit, Vertrauen zu entwickeln und Probleme zu bewältigen. Die meisten Gruppen treffen sich mindestens ein Jahr lang einmal pro Woche für 2-3 Stunden. Es gibt keine Belohnung, doch für einige vielleicht einen Gewinn. Es empfiehlt sich, die Anfangs- und Endzeiten möglichst genau festzulegen und einzuhalten. Man muss sich aufeinander verlassen können und deswegen gibt es einige wenige Regeln, die eingehalten werden müssen, damit die Gruppe verlässlich bleibt. Die nachfolgenden Regeln dienen dazu:

            „Blitzlicht” zu Beginn der Gruppe: Um einen Gruppenprozess in Gang zu bringen, ist es nötig, dass alle in der Gruppe emotional „ankommen“. Dazu dient ein „Blitzlicht”, das darin besteht, dass jedes Gruppenmitglied eine kurze Aussage über sein Befinden macht, ausgehend etwa von folgenden Fragen: „Wie geht es mir im Moment?”, „Was bringe ich an Gefühlen mit in die Gruppe?” und gegebenenfalls: „Wie kann ich störende Gefühle und Gedanken loswerden?”

Es mag zeitaufwändig erscheinen, wenn jedes Gruppenmitglied zu Beginn einer Sitzung alle diese Fragen beantwortet. Zeitaufwand allerdings ist der Preis jeder Gruppenarbeit. Letzten Endes hilft dieses Vorgehen, Zeit zu sparen, denn der Gruppenprozess bleibt transparenter und Konflikte können reduziert werden. Das Blitzlicht hilft, die emotionale Bereitschaft für die nachfolgenden Aktivitäten zu sichern.

Wichtig: das Blitzlicht darf nicht durch Fragen unterbrochen werden!

            Positives Gruppenklima: Wesentlich für eine Messie-Selbsthilfegruppe ist ein Klima, in dem man sich gegenseitig Rückmeldung geben kann. Dabei soll Gesagtes nicht bewertet werden, sondern lediglich rückgemeldet werden, wie man das Gesagte empfunden hat. Den größten Erfolg haben erfahrungsgemäß Gruppen, die im freien Gespräch so offen wie möglich ihre Probleme austauschen und zu bewältigen versuchen. Sowie man beginnt, mit „gut“ und „schlecht“ oder „richtig“ und „falsch“ zu operieren, erdrückt man die Bereitschaft zu Offenheit. Um eine Kultur der Rückmeldung aufzubauen, verwenden Sie grundsätzlich eine subjektive Sprache: „Ich empfinde, dass”, „Ich habe das Gefühl, dass” usw., anstatt Urteile abzugeben.

            Störungen müssen vorrangig behandelt werden: Man kann sich nicht konzentrieren oder zuhören, wenn man sich über die Gruppe oder ein einzelnes Mitglied ärgert. Auch wenn man irritiert ist oder sich verletzt fühlt, muss man zunächst darüber sprechen, ehe man fortfahren kann. Die Gruppe kann Konflikte, die aus individuellen Problemen stammen, nicht lösen. Doch vermag sich oft eine eigene Lösung einzustellen, wenn man seine Probleme verbal ausdrücken kann. Die anderen Gruppenmitglieder können jedoch versuchen, ähnliche auslösende Momente in ihrem Erleben zu erinnern und anzusprechen. Alle Gruppenmitglieder sollten sich selbst dafür verantwortlich fühlen, Irritationen mit dem Gruppenverlauf sofort anzusprechen, auch wenn ein anderer Prozess dadurch unterbrochen wird. Das fördert eine offene und vertrauensvolle Atmosphäre.

            Wechselnde Leiter: Ab vier Personen sollte eine Gruppe einen Leiter oder eine Leiterin haben. Am besten lässt man diese Funktion rotieren, wenn die Gruppe sich nicht auf Dauer für eine Leitungsperson entscheidet. Aufgaben der Leitung:

1.      Auf die Zeit achten. Das ist bei Messies besonders wichtig, da sie im Prinzip jedes Gespräch unendlich lange ausdehnen können.

2.      Alle zu Wort kommen lassen. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass die Gruppe nicht von Einzelnen dominiert wird, während andere nicht zum Zuge kommen.

3.      Konflikte ansprechen und Raum zu ihrer Bearbeitung schaffen.

4.      Die jeweiligen Texte (z. B. Meditationen) auswählen und kopieren.

            “Blitzlicht” zum Ende der Gruppe: Um einen Gruppenprozess abzuschließen, ist es nötig, dass alle in der Gruppe emotional „Abschied nehmen“. Dazu dient ein „Blitzlicht”, das darin besteht, dass jedes Gruppenmitglied eine kurze Aussage über sein jetziges Befinden macht: „Wie geht es mir im Moment?”, „Was nehme ich an Gefühlen mit nach Hause?”

Wichtig: das Blitzlicht darf nicht durch Fragen unterbrochen werden!

Die Messie-SHG und ihre Arbeitsweise

Bloße Worte oder das Lesen von Texten wirkt allerdings überhaupt nicht verhaltens-verändernd. Bloßer Appell an die Einsicht hat auch noch niemanden verändern können, genauso wenig ein Willensentschluss oder das bewusste Durchleiden einer Situation ohne emotionelle Beteiligung. Ich selbst kann mich nicht in der Einsamkeit wiederherstellen, ich kann keine Einsicht über die Grundlagen meiner Einstellungen, meines Denkens und meines Handelns gewinnen, sodass ich diese berichtigen oder umgestalten könnte.

Es gibt ein Programm, das nicht an Regeln ausgerichtet ist, sondern vertrauensbildende, bewusstmachende und persönlichkeitsfördernde Strategien verfolgt. Man kann diese Gruppe eine psychologisch-therapeutische Selbsthilfegruppe nennen, weil sie Selbstheilungskräfte aktivieren kann und gezielter damit arbeiten kann, obwohl keine Therapeuten die Gruppen begleiten. Die Strategien sind die, die Kinder bei einer gelingenden Persönlichkeitsentwicklung nutzen. Wenn Gruppen gegründet werden, haben sie meistens mehr Teilnehmer als z.B. nach einem Jahr. Die Gruppen treffen sich einmal wöchentlich, zwei bis drei Stunden, in einem offiziellen Raum. Sie sind halb offen, das heißt, sie nehmen dann neue Teilnehmer auf, wenn durch Ausscheiden die Gruppe das Gefühl hat, zu klein zu sein. 

Diese Selbsthilfegruppen ermöglichen eher Flexibilität und Experimentierfreudigkeit als starre vorgegebene Programme und Schritte, man will eher neue Formen des Miteinander-Umgehens und Miteinander-Arbeitens in Messie-Selbsthilfegruppen ohne Leiter erproben. Wir stellen den Selbsthilfegruppen Materialien zur Verfügung, die gerade am Anfang diesen Prozess mit einleiten helfen. Das Material besteht aus einer Kassette und für 20 Treffen schriftliches Material, damit die Gruppenteilnehmer nichts überstürzen. In vielen Gruppen ist es immer wieder vorgekommen, dass zu schnell und zu viel auf einmal passiert, was dann die Nachhaltigkeit der Veränderungen beeinträchtigen kann. Das ist nicht im Interesse der Bewältigung dieser Störung, sondern es soll eine solide emotionale Basis entstehen, aus der heraus man mehr machen kann.

Zwischenmenschliche Beziehungen sind von Natur aus eines der zentralen Themen der Gruppenarbeit und sie eröffnen neue Möglichkeiten, gemeinsam traumatische Erfahrungen zu verarbeiten und Autoritätskonflikte zu lösen. Die Gruppenbedingungen können genutzt werden, um Beziehungen zu erleben und zu entwickeln. In Gruppen drücken sich häufig „Spannungen des Verstehens“ aus. Während einige emotionale Betroffenheit erleben, sind andere nur zur intellektuellen Betrachtung in der Lage, was zu ernsthaften Kommunikationsproblemen führen kann. Das sind aber keine Probleme, die nur in Gruppen entstehen, sondern uns im Alltag immer wieder so begegnen. Die Lösung dieses Dilemmas ist nicht dadurch erreicht, dass die Verstehensmöglichkeiten normativ eingeschränkt werden oder dass man sich abwendet von anderen Menschen. Ein befriedigender Ausweg aus dem Verständigungsdilemma scheint eher möglich, wenn wir eine Befähigung dafür entwickeln, wie wir andere Menschen verstehen.

Eine drei Monate alte Gruppe hat verständlicherweise noch kein differenziertes Gruppenklima. Ein Gruppengefühl der Geborgenheit deutet sich in den meisten Gruppen an. Dies ist besonders bei den neuen Gruppen in der Entstehungsphase für die Ausbildung des gegenseitigen Vertauens wichtig.

So entsteht im Laufe der Zeit nach ca. 3-9 Monaten eine Basis und verlässliche Grundlage, die soziale Konfliktsituationen entstehen lassen. Die Auseinandersetzungen sind kein Selbstzweck, sondern trainieren unsere Kompetenzen und die Frustrationstoleranz. In den Selbsthilfegruppen ist offenbar ein emotionales Klima vorhanden, das als Voraussetzung für seelische Konfliktarbeit angesehen werden kann und damit ein therapeutisches Miteinander-Umgehen möglich macht. Wer seine Gefühle verstecken will, wird somit weiterhin seinen Gedächtniszugang und die Kommunikation einschränken. Diese „Gefühlsunterdrücker“ sind sehr stark damit beschäftigt, über ihr eigenes Verhalten und dessen Kontrolle z. B. beim Gespräch, nachzudenken, sodass die Kommunikationskapazität eingeschränkt wird. Der Gruppenverlauf kann folgendermaßen aussehen:

Unsere Gruppe beginnt unpünktlich; die Teilnehmer warten, bis alle Personen anwesend sind, die teilnehmen wollen. Diese Zeit bis zum offiziellen Beginn wird mit Gesprächen untereinander überbrückt, die im Sinne einer Warming-up-Phase sehr wichtig und notwendig sind. Oft trifft dann eine bestimmte Gesprächspause ein, z.B. wenn alle anwesend sind oder nach einer gewissen Zeit (das kann ganz unterschiedlich sein). Ohne dass es jemand besonders ansprechen muss, wird die Gruppensitzung mit einem Blitzlicht begonnen.

Die anderen hören aktiv zu und eventuelle Fragen werden nach der Blitzlichtrunde gestellt. Hieraus kann schon ein Gesprächsabend entstehen, indem einer von seinen momentanen Problemen erzählt und andere beginnen mitzureden. Sie erzählen teilweise auch von sich, wenn es vergleichbare Situationen betrifft oder erinnerte Situationen. Oft bleibt eine Person der Mittelpunkt des Gespräches.

Die Gruppe hat keine festen Gesprächsregeln und keine festgelegten Therapiekonzepte. Die jeweilige Situation bewirkt immer ein spezifisches Verhalten und damit spezifische Selbsthilfeverläufe. Manchmal beginnt jemand, wie dargestellt, zu erzählen, es kommt aber auch vor, dass das Treffen zwei Stunden einem Kaffeeklatsch ähnelt, jedoch ist jeder dann bemüht, von sich aus Themen vorzuschlagen oder ein uns bekanntes Buch (Anleitung zum Sozialen Lernen) einzubeziehen, um dem entgegenzusteuern. Hieran sehen wir, dass jeder sich für den Gruppenverlauf verantwortlich fühlt, und jeder ist für sich selbst verantwortlich und entscheidet, was er erzählen möchte. Denn der eine will lieber gefragt werden, der andere will lieber von sich aus reden. Somit ist das scheinbare „Nicht-Konzept“ der Gruppe im Grunde doch eine Konzept, das durch ein freies Gespräch die jeweiligen Gruppenbedürfnisse reguliert.

Michael Lukas Moeller nannte das die unbewusste Selbstregulation einer minimal strukturierten Kleingruppe und er sprach davon, dass in Selbsthilfegruppen das Konzept nicht ist, sondern wird. Das heißt, dass es sich aus sich heraus entwickelt. Auch die Gesprächsthemen in der Gruppe sind nicht vorgegeben, sondern sie entstehen spontan durch die Bedürfnisse der Teilnehmer. Denn in den Konfliktthemen eines betroffenen Messies kann sich jeder wiederfinden, was bedeutet, dass es neben der Personeigenschaft eines Themas immer auch symptomübergreifende Aspekte, z.B. Angst, Entschlussunfähigkeit, Ambivalenz, Stress usw. gibt.  

Dann sind wir fähig, den auslösenden Gefühlen aus unserem Erfahrungsgedächtnis nachzugehen, und es können andere Menschen damit einbezogen werden. Hierbei werden bei allen Teilnehmern in der Gruppe Erinnerungen wachgerufen, dadurch wird unterbewusstes Material angestoßen, und damit ist ein Zugriff darauf möglich. Es darf aber nicht erzwungen werden, z.B. dass ein Teilnehmer gezwungenermaßen Erlebtes erzählen soll. Wenn wir hören, sehen und fühlen, lernen und verlernen wir ganz schnell destruktive Einstellungen und Gedanken, erst recht, wenn massive emotionale Zustände mit den Worten verbunden sind. Denn Menschen verändern sich nur, wenn sie sich emotional erschüttern lassen, wenn sie in einen emotionalen Aufruhr versetzt sind. Durch das Erleben von Leere, was an sich schon Angst auslöst, können häufig sehr konstruktive und lebendige Gefühle wachgerufen werden. „Ist dies wirklich die Wahrnehmung der Bedeutungslosigkeit des eigenen Leben oder ist es das Gefühl von Leere?“ Solche Erfahrungen vermitteln den Menschen ein starkes Gefühl von >Ich<. Es bringt zum Ausdruck, dass man sich selbst so akzeptiert, wie man ist, und zwar nicht nur mit dem Verstand, sondern indem man empfindet „Das bin ich!“ - Es ist die Erfahrung von Akzeptanz.

Die vorliegende Schilderung zeigt eine deutliche Orientierung an einer konfliktorientierten und problembezogenen Gruppenarbeit, und bei genauer Betrachtung sieht man, dass das therapeutische Miteinander-Umgehen eine ermutigende, Sicherheit, Entlastung und Solidarität vermittelnde Atmosphäre schafft. Gefühle werden ausgesprochen, Erklärungen für Erleben und Verhalten gesucht, wobei in der Problemschilderung eines Teilnehmers sich andere mit ihren Problemen wiederfinden und so miterlebend den Gruppenprozess beeinflussen. Übende und vorschreibende Techniken sind selten, was aber nicht heißt, dass keine Ermunterungen gegeben werden sollen, wie mit einem Problem besser umzugehen ist.

Wenn uns bewusst wird, wie wir verstehen, und wir dabei entdecken, dass verschiedene Menschen über ganz unterschiedliche Verstehenszugänge verfügen, wird es möglich, die Relativität des eigenen Standortes anzuerkennen und die Position anderer gelten zu lassen. Durch dieses Verstehen auf einer anderen Ebene vermehrt sich unser Zugang zu anderen Menschen, da wir neben unserer ureigenen Verstehmöglichkeit auch die unserer Mitmenschen gelten lassen und von ihren Einsichten profitieren. Diese andere Ebene sensibilisiert auch für das nicht aufhebbare Spannungsverhältnis zwischen Verständnis und Nicht-Verständnis und kann umgedeutet werden als Herausforderung eines neuen, positiven Sinns. Denn die krampfhafte Suche nach Kommunikationsregeln macht blind für die psychische Not des Menschen, und das ausschließlich emotionale Einfühlungsvermögen kann in den ausweglosen Sumpf einer Selbstbemitleidung führen. Dem Nicht-Verstehen kommt die wichtigste Aufgabe zu, sich der eigenen Begrenztheit zu stellen.

Unsere Messie-Selbsthilfegruppen arbeiten einerseits alltagsnah und andererseits ebenenübergreifend, wenn Gefühls- und Gedankenebenen aufgegriffen werden. Die Gruppe ist an folgendem orientiert:

·        Unbewusstes bewusst zu machen

·        Widerstände zu erkennen

·        Die in der Gruppe auftretenden Probleme und Konflikte werden als die Konflikte verstanden, die jeder Teilnehmer aus seiner Lebensgeschichte mitbringt.

Die Aktivitäten in unseren Gruppen sind: Gegenseitige Wertschätzung, Erklärungen, Mitteilungen von Gefühlen, Zusicherungen von Entwicklungen, Selbstöffnung, Belohnung, persönliche Zielfindung. Diese Gruppenaktivitäten können als unterstützend, unaufdringlich, nicht drohend und gemeinsamkeitsbildend beschrieben werden.

Ja, was können wir dann tun? 

Noch einmal, worum geht es genau:

Es geht darum, dass „Messies" große Schwierigkeiten mit der organisatorischen, planerischen und zeitlichen Einschätzung von Handlungen haben, die eigentlich Routinetätigkeiten sind, und dass sie Probleme haben bei der Umsetzung der Wünsche und Planungen in Handeln. Zu häufig erfahren diese Menschen, dass sie von Gefühlen überfallen werden und dass sie dann Dinge tun, die so nicht gewollt sind.

Bei unserer Betrachtung spielen Folgestörungen des Messie- Syndroms, wie Gedächtnisprobleme und anderes, erst einmal keine so große Rolle, da ihre Entstehung sich nur aus dem Zusammenwirken der Symptome erklären lässt.

Durch die Untersuchungen von Gisela Steins und Anja Raskob wissen wir, dass unser Bindungsstil einige der Schwierigkeiten mit verursacht (Vertrauensdefizit, fehlender Beistand), und durch die Arbeit von Charlotte Koch kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu (Affektregulierungsdefizit, unbewusste Fremdbestimmung). Durch die Arbeit von Rainer Rehberger wissen wir um die Auslöser dieser Störung und um interaktive Begleiterscheinungen, die tragend für eine Hemmung der Persönlichkeitsentwicklung sind.

Wenn wir beobachten, dass diese Menschen ihre Ideen und Planungen in einem emotionalen Zusammenhang benutzen und das Handeln-wollen sie quasi ganz und gar unbewusst in einen anderen emotionalen Zustand zurückversetzt, einen Zustand, der sogar mehrere Jahrzehnte zurückliegt, fragen wir uns, was genau wir denn verändern können, und wir fragen uns, wie wir es verändern können. Wichtig für eine Veränderung scheinen mir die entwicklungsspezifischen Grundlagen für Phantasie, Wirklichkeit und Selbstwertgefühl von Kindern zu sein, nämlich: emotionales Denken.

Mit dem emotionalen Denken greifen Kinder über die Ausarbeitung von Ideen in die verschiedenen emotionalen Bereiche hinein. Ein Kind beginnt seine Ideen zu ursächlichen Beziehungen zu organisieren und zu verknüpfen, was ihm dann ermöglicht, die eigenen Gefühle und die Umwelt zu verstehen sowie gleichermaßen die Wirklichkeit zu berücksichtigen. Zum Beispiel kann ein fiktives Spiel äußerst phantastische Strukturen annehmen, etwa wenn schreckliche Geister oder Kobolde umherfliegen oder wenn das Kind sich eng an wirkliche Situationen anlehnt, wenn es eine >Steinsuppe< kocht. Dank der Fähigkeit, viele Ideen und Gefühle miteinander zu verknüpfen, vermag es sich selbst neue Erfahrungen zu verschaffen und dabei plant das Kind seine Handlungen nicht nur, sondern zieht auch Alternativen in Betracht. Es wendet jetzt auf der Ebene der emotionalen Ideen jene Logik von Ursache und Wirkung an, die es zuvor auf der Ebene des Verhaltens entwickelt hat. Auf dieser Ebene entsteht auch die Grundlage der Gefühle über >schlechte< Wünsche und >schlechte< Verhaltensweisen und darüber können sich neue Gefühle der Scham und letztendlich auch der Schuld einstellen. Die Fähigkeit zu emotionalem Denken entfaltet sich im Laufe der Zeit durch das Spielen und den spielerischen Umgang mit der Wirklichkeit, was nicht unbedingt den Grundsätzen der Logik und Wirklichkeit verpflichtet sein muss. Damit beginnt das Kind verschiedene Muster zu bilden, die das wiedergeben, was Ich und was Nicht-Ich ist, was Impulse sind und welche Folgen sie haben oder was liebevolle Gefühle sind und was ärgerliche oder wütende. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem moralischen Bewusstsein - der Erkenntnis, dass Handlungen (und Gefühle) emotionale Folgen für andere haben können. Wir beginnen zu verstehen, dass je nach der Situation der Mensch mit einem bestimmten Gefühl reagieren kann.

Wie müssen wir uns jetzt diesen Prozess vorstellen? Wenn dem Menschen der spielerische Umgang mit den alltäglichen Schwierigkeiten möglich wird, wird er seine Gefühlswelt in verschiedenen Situationen erleben und er wird allmählich fähig sein, gleiche und verschiedene Bedingungen emotionaler Erfahrungen zu erkennen. Haben wir hinreichende Gelegenheit zur Interaktion, so wird allmählich begriffen, dass jedes Gefühl, das erlebt oder zum Ausdruck kommt, eine emotionale Reaktion oder Wirkung zur Folge hat. Ein wichtiger emotionaler Entwicklungsschritt ist also die Fähigkeit, emotionale Ideen auf einer höheren Organisationsebene zu gruppieren, was gleichzeitig das Zeitempfinden mit einschließt.

Wir lernen durch den spielerischen Umgang eine klarere Vorstellung von dem, was wirklich ist und welche Gefühle und Wünsche Teile unseres Selbst und welche Teile anderer Menschen sind, und vor allem erkennen wir, welche Wirkung und Folgen unsere Wünsche und Gefühle haben. Wir sind fähiger, die Realität zu prüfen, unsere Impulse zu beherrschen, unsere Stimmungen zu stabilisieren, unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen miteinander zu verknüpfen, vorauszudenken und uns zu konzentrieren. Diese Persönlichkeitsfunktionen sind notwendig, um Ausbildung und Beruf zu folgen, Freundschaften zu entwickeln, eine Familie zu gründen und sich sozial behaupten zu können. Betrachten wir die Punkte nacheinander.

Realitätsprüfung. Sie ermöglicht uns die Trennung von Wirklichkeit und Fiktion und ist notwendig, um Aufgaben des Lebens zu bewältigen. Dank der Realitätsprüfung kann zwischen eigenen Gefühlen und denen anderer unterschieden werden, zwischen subjektiven Gedanken und objektiven Tatsachen, zwischen dem, was innerhalb und was außerhalb von uns selbst ist. Wenn, wie bei einem "Messie", diese Unterscheidung nicht gelingt, dann können Alltagserlebnisse zu unberechenbarem Verhalten und >unlogischen< Gedanken und Gefühlen führen. So kann ein Betroffener meinen, dass andere Menschen ihn ablehnen und meiden, während er in Wirklichkeit ablehnend und vermeidend gegenüber Anderen ist.

Steuerung und Kontrolle von Impulsen. Dies ist eine andere wichtige Funktion der Persönlichkeit, indem wir nämlich die Beziehung von Ursache und Wirkung verstehen. Wenn Betroffene nicht verstehen, dass bestimmte Verhaltensweisen Andere dazu bringen, ärgerlich und wütend zu werden, so gibt nur die Einsicht, dass wir die Reaktionen der anderen Mitverursachen, den Ansatzpunkt zur Impulskontrolle.

Stimmungsstabilität. Die Fähigkeit, eine gleichbleibende Stimmung zu bewahren, kann zum Teil aus dem Vermögen erklärt werden, verschiedene emotionale Erlebnisse und Gefühle voneinander abzugrenzen und einzuordnen. Dank der Möglichkeit, Gefühle, Wünsche und Ideen zu kategorisieren, kann der Mensch viele flüchtige Gefühle zur Struktur einer allgemeinen "Stimmung" zusammenzufassen, sodass eine flüchtige Befürchtung nicht allzu sehr die Stimmung drückt, wenn der Mensch zufrieden oder glücklich ist.

Sinnvolle Verbindung von Denken und Fühlen. Auch das ist eine grundlegende Funktion, die den Menschen befähigt, Gefühle besser mitteilen zu können und im zwischenmenschlichen Bereich zu komplexeren Interaktionen fähig zu sein. Es ist bei einem Kleinkind nicht ungewöhnlich, bei einem traurigen Ereignis zu kichern oder strahlend zu erklären: "Ich hasse dich!" Mit zunehmendem Alter wird das Kind sehr viel mehr an Zusammenhängen erkennen lassen zwischen dem, was es sagt, und dem, was es an Gefühlen offenbart.

Wir müssen allerdings davon ausgehen, dass auch dann die notwendige Integrationsfähigkeit zusammenbricht, wenn emotionaler Stress besteht.

Gezielte Konzentration und Zukunftsplanung. Hier handelt es sich um eine Fähigkeit/Fertigkeit, die für das Lernen wesentliche Bedeutung hat. Wenn man die Folgen seiner Handlung kennt, kann man >A< tun, um >B< zu erreichen. Der Mensch wird allmählich fähig sein, Frustration zu tolerieren, - bei einer Aufgabe auszuharren und den Erfolg zu antizipieren. Wenn jedoch jede Erfahrung eine isolierte ist, wird es keine Möglichkeit geben, ein gegenwärtiges Erlebnis mit den künftigen Konsequenzen zu verknüpfen.

So wird es keine Möglichkeit geben, sich auf größere Aufgaben zu konzentrieren, die unter dem Gesichtswinkel des endgültigen Erfolges geplant werden müssen. Es ist sehr schwierig mit diesem Defizit, die unmittelbare Befriedigung hinauszuschieben, z. B. nur einen Korb mit Wäsche zu bügeln, ohne eine Vorstellung von dem Erfolg zu haben, der am Ende wartet. Hierbei müssen wir uns vorstellen, dass der Mensch keine nachhaltige Erkenntnis darüber hat, was die eigene Wirksamkeit und die der anderen betrifft, keine Einsicht in die Beziehungen zwischen Ideen, Planungen, Handlungen und ihren Konsequenzen. Wenn der Mensch nichts von den Konsequenzen seiner Gedanken und Verhaltensweisen weiß, so hat es keinen Sinn zu planen. Warum soll es "gut" sein, den Korb Wäsche zu bügeln, wenn er die Gefühle und Verhaltensweisen des "Gutsein" nicht mit der Handlung zu verbinden vermag?

Hierbei spielt das emotionale Gedächtnis und die Verdrängung die entscheidende Rolle. Vielleicht haben Sie sich schon gefragt, welche Rolle das Gedächtnis bei der Organisation emotionaler Ideen spielt. Zur primären Verdrängung kommt es im Kleinkindalter und zu einer sekundären Verdrängung, wenn der Mensch Erlebnisse ins Unterbewusste verbannt, die unangenehme Gefühle wachrufen. Dass die Erinnerung aber weiterexistiert, machte uns Rainer Rehberger deutlich. Jedoch bleibt noch viel in Erfahrung zu bringen über die Rolle des emotionalen Gedächtnisses für die Fähigkeit des Menschen, sich organisieren zu können.

Sie sehen, wir können sehr viel tun. Dieses jedoch für alle als allgemeingültig zu erklären, wäre hier sicherlich unangemessen, denn es gibt immer noch Phänomene dieser Störung, deren Erschließung für mich noch nicht möglich war. Diese kann ich deswegen nur kurz anreißen, und das ist das Phänomen der Abspaltung von aktuellen Gefühlsinhalten. Wenn also diese Menschen ihren Zugang zu Gefühlen verloren haben. Z.B. berichten Betroffene: „Ich möchte weinen können, Weinen wäre eine angemessene Reaktion, weiß aber nicht, wie. Ziehe statt dessen die Beine an den Bauch, die Decke über den Kopf, darunter ist es schwarz und warm, hier würde ich bleiben. Für immer.“ „Ich lebe wie unter einer Käseglocke, eingeschlossen, stumpf, und die Stimmen der anderen wohl noch hörend, wie aus weiter Ferne. Aber ich kann nicht antworten, der Mund versiegelt und hoffen, hoffen, dass es aufhört. Es soll aufhören - lieber gar nicht fühlen, die Empfindungsfähigkeit herausreißen, restlos, mit Stumpf und Stil, für immer... was mir ja fast gelungen ist.“ 

Als Antwort auf: Kann man einfach beschließen, kein Messie mehr zu sein? geschrieben von xxxxxx 

Hallo xxxxxx, 

interessante Fragen, die Du da aufwirfst. 

Ebenso wie Du bin ich nicht der Meinung, dass man Messie-Sein durch "Kopf-Klick" abstellen kann. 

Ich denke, bei jeder großen Räumaktion nimmt sich jeder Messie vor, es niieeee wieder so weit kommen zu lassen, und nicht zuletzt durch dieses Forum hat man unsagbar viele Tipps und Kniffe zur Hand, des Chaos´ Herr zu werden. Und dennoch verfliegt die Euphorie fast so schnell, wie sie kam. 

Ich selber sehe mich nicht als grundgestörte Dauer-Messie, sondern als faule, unkonzentrierte (ADS-habende???) unorganisierte Möchte-gern-Cleanie. Ich hege immer noch die Hoffnung, dass ich durch gezieltes Entrümpeln und Entleeren unseres Hauses mittelfristig nur noch Dinge um mich haben werde, die wir entweder brauchen, aber dann bitte griffbereit und übersichtlich, oder die wir lieben, die gute Gefühle vermitteln. 

Leider mangelt es an einer gewissen Konzentrationsfähigkeit, manchmal ist es so, als wäre das Gehirn nicht durchblutet oder vor dem Gehirn eine Sperre, die momentanen Zugriff verweigert. Wenig später, manchmal auch viel später, ist das Blackout vorbei. 

Mit solch einem Matsch-Hirn helfen einem gefasste Entschlüsse gar nix, weil man sich gar nicht mehr an sie erinnern kann. Und wenn man sich erinnern kann, dann fehlt die Fähigkeit, diese Ziele umzusetzen. Und wenn man dann endlich Elan hat, und der Kopf frei ist für Aktionen, dann schafft man das Pensum nicht. 

Unorganisierte Cleanies können sich vielleicht mit dem Willen aus dem Unordnungs-Sumpf ziehen, aber Messies? (Der Übergang ist fließend, schon klar...). Ein richtiger Messie mitsamt seiner sonstigen „Defekte“ wie Depression, Panikattacken, Psychosen, Minderwertigkeitsgefühle, Ängste etc? 

Nein, Messies nicht. Nicht von heute auf morgen, durch „Klick“. Nur durch konsequentes Umerziehen und Reduzieren. 

Meine Meinung. 

Liebe Grüße

Aus dem Messie-Forum

Das Abspalten von Gefühlen ist auch hier wieder ein häufiger Schutz- und Abwehrmechanismus. Die Menschen spüren in Laufe der Zeit Leidgefühle nicht mehr, die Gefühle sind wie abgestellt und nicht selten entsteht hieraus auch eine Provokation: „Verletzt mich ruhig, es macht mir nichts.“ Die grausamen Folgen dieses Abwehrmechanismus für die Menschen werden dann deutlich, wenn sämtliche Gefühle nicht mehr wahrgenommen werden, wie z.B. auch Freude und Überraschung usw. Dass dieses auch auf die Hirnfunktionen Auswirkung hat, beschreibt Antonio Damasio in einem Spiegel-Artikel (Nr. 49/2003) „Blind für Wut und Freude“ und „Auch Schnecken haben Emotionen“.

Noch einmal: Worum geht es genau?

Zu häufig erfahren diese Menschen, dass sie von Gefühle überfallen werden und dass sie dann Dinge tun, die so nicht gewollt sind.

Bei unserer Betrachtung spielen Folgestörungen des Messie-Syndrom, wie Gedächtnisprobleme und anderes, erst einmal keine so große Rolle, da ihre Entstehung sich nur aus dem Zusammenwirken der Symptome erklären lassen.

Durch die Untersuchungen von Gisela Steins und Anja Raskob wissen wir, dass unser Bindungsstil einige der Schwierigkeiten mit verursacht (Vertrauensdefizit, fehlender Beistand), und durch die Arbeit von Charlotte Koch kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu (Affektregulierungsdefizit, unbewusste Fremdbestimmung). Durch die Arbeit von Rainer Rehberger wissen wir um die Auslöser dieser Störung und um interaktive Begleiterscheinungen, die tragend für eine Hemmung der Persönlichkeitsentwicklung sind.

Das können wir tun!

Wie geschieht es, dass aus dem Wirrwarr Klarheit wird, aus der Ratlosigkeit Wissen, aus dem Erstarrten Gefühle, aus Selbstboykott Selbstschutz und aus der Selbstentfremdung ein Zuhause? Das geschieht nicht mit Willensanstrengung, nicht durch das Moralisieren, nicht mit zur Hilfenahmen von Theorien (siehe Sandra Felton) und am wenigsten helfen Medikamente, die als Droge dazu beitagen das die Ursachen unseres Blockiert-Sein für immer unerkannt bleiben. 

Wir müssen also unsere wirklichen Gefühle und Bedürfnisse wahrnehmen lernen, weil nur bewusste Gefühle in den Prozess der Handlungsplanung eingreifen können, quasi als Beratungsprozess. Gefühle machen wir uns über den Weg von Bedürfnissen bewusst, wir stellen uns in jeder beliebigen Situation die Frage: „Welches Bedürfnis habe ich jetzt?“ Hierbei können Leiderfahrungen wachgerufen werden und eine hilfreiche Strategie kann es dann unter Umständen sein, die Bedürfnisse auszusprechen, anzusprechen. Gleichzeitig können wir jetzt schon starke Emotionen in solchen Situationen erleben, sodass wir andere Menschen benötigen, die uns Zuspruch geben und uns wieder beruhigen/regulieren können. Das ist eine wichtige Strategie, die später von uns in eigene Regie übernommen wird.

Für mich war es auch nicht so einfach. Dank der Menschen die mich auf dem Weg zu meinen Selbst geleitet haben und dank der Situationen die ich auf diesen Weg zum x-ten mal wiederholt habe und dank der Fähigkeit für mich selbst die Verantwortung zu übernehmen, fand ich meinen Weg, und ich will auf keinen Fall mehr zurück. Doch das was mir damit klar wurde, ist, dass die Wiedergewinnung von Gefühlen und der Trauer mich lebendig gemacht haben und zur Aufgabe der Symptome geführt hat.

In den Messie-Selbsthilfegruppen und bei den Arbeitstagungen für Messies sehe ich die gleiche Gesetzmäßigkeit der Ursache dieser Handlungsblockade. Hilfe da heraus kann es nur ohne erzieherische Anschauungen und Strategien geben, denn diese irritieren nur und führen die Betroffenen in eine tiefe Verzweiflung und Ratlosigkeit. Die Handlungskonzepte von Frau Felton kombiniert mit religiösen Inhalten wecken Kontroll- und Machtgefühle und sie bewirken eine zusätzliche Denkblockade und Entfremdung, die sehr oft endgültig ist.

Die in den 12 Schritte Gruppen Teilnehmenden haben es natürlich eilig, selbst so schnell wie möglich diese Machtgefühle zu haben, die Kontrolle zu haben um andere Menschen steuern zu können. Bewirkt wird, das sie so vor dem nicht aufgelösten Gefühlschaos abgeschottet bleiben. Einmal mit den Gefühl der Macht über andere konfrontiert, entsteht eine Suchttendenz der Kontrolle über andere. Hierbei  liegt es natürlich im wirtschaftlichen Interesse, diese Abhängigkeit nicht aufzulösen (was man an den regelmäßig erscheinenden Büchern von Sandra Felton und in der AM-Bewegung zu sehen ist). Um diese Macht über Betroffene und Medien nicht preiszugeben und um sich durch Beeinflussung anderer, die Gunst und viel Geld zu verschaffen, scheint jedes Mittel recht zu sein. Meine Beobachtungen dazu, weckte in mir mit der Zeit ein Misstrauen in die so lauteren Motive des Verlages. Obwohl Frau Felton klare und auch einleuchtende Konzepte hatte zeigten mir die Erfahrungen damit, dass die Betroffenen nur noch weiter in einer Sackgasse stecken bleiben.

Eine wirkliche Hilfe bedeutet die zunehmende Kompetenz bei der Regulierung der eigenen Affekten und die zunehmenden Kompetenz im sozialen Umgang mit anderen Menschen und die damit verbundene Chance, zu einem autonomen Verhalten und Erleben. Menschen die gelernt haben sich zu spüren und die ihre Lebensgeschichte verstehen, werden diese Wahrheit über sich selbst auf Dauer integrieren. Die Menschen die gelernt haben dieses alles angemessen zu schützen, werden nie zum Werkzeug fremder Interessen werden können. Vielleicht müssen deswegen einige Betroffene in eine kontrollierende Gemeinschaft flüchten, weil sie die Konfrontation mit sich nicht aushalten können.

Damit bei diesen Menschen der Schmerz und die Gefühlsüberschwemmung ausgehalten wird, und sie nicht in Schuldgefühle versinken, brauchen sie eine Umgebung die ohne jede Einschränkung auf ihrer Seite ist. Und diese Umgebung fand ich nur in einer Gruppe mit  Mitbetroffenen, also in einer Messie-Selbsthilfegruppe. In so einer offenen und freien Atmosphäre können erlebte Situationen und Empfindungen artikulieren werden. Die erlebten und dazu gehörenden Gefühle äußern zu dürfen und Reaktionen (eigene und auch der anderen) in Frage stellen zu können und sich der eigenen Bedürfnisse klar werden zu können, bedeutet in dieser Reihenfolge eine gesunde Abgrenzung und Wahrung der Eigeninteressen. Und solange der Mensch sich nicht fühlt, bleiben die selbstschädigenden Blockierungen bestehen und das auch, solange die Schuldgefühle aus der Kindheit in uns verankert sind. Hätte ich keine positiven Erfahrungen mit anderen Menschen (SHG, Therapeut) gemacht, da bin ich mir sicher, wäre ich heute noch nicht von dieser Blockierung frei.

Der Unterschied zwischen selbstäußerungskontingenter Ermutigung und einem allgemein positiven Interaktionsklima ist subtil, aber folgenschwer: Wenn die Interaktionspartner sehr häufig positive Stimmung verbreiten, lernt das Kind zwar, leicht in eine positive Stimmung zu kommen, aber es lernt damit nicht automatisch, aus einer positiven Stimmung herauszukommen (Frustrationstoleranz bei auftretenden Schwierigkeiten), und es lernt auch nicht, automatisch eine positive Stimmung aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen, sobald Frustrationen oder Schwierigkeiten auftauchen. Ob eine extravertierte, tatkräftige und fröhliche Person, die leicht in positive, handlungsbahnende Gefühle hineinkommt (Gray, 1987), auch leicht aus der Hemmung positiven Affekts herauskommt und damit Schwierigkeiten und Frustrationen aushalten und sich selbst aus entmutigenden Zuständen durch Selbstmotivierung wieder herausregulieren kann, hängt nicht davon ab, wie häufig ihre früheren Interaktionspartner positiven Affekt ausgelöst haben, sondern ob sie hinreichend responsiv waren, d. h. gerade dann positive Gefühle weckten und Mut machten, wenn das Kind (oder in der Therapie: der Patient) seine Entmutigung ausdrückte. Patienten, deren Selbstwahrnehmung oder Selbstäußerung stark eingeschränkt ist, müssen sogar diese Voraussetzungen erst lernen, bevor sie überhaupt die Erfahrung von selbstäußerungskontingenten Ermutigungen durch den Therapeuten zur Förderung der Selbstmotivierungskompetenz machen können.

Auszug aus : Julius Kuhl, Universität Osnabrück

Kurztitel: Entfremdung als Krankheitsursache

Siehe folgendes aus dem Messie-Forum:

Als Antwort auf: Totales Verzettelungschaos geschrieben

Liebe xxxx,

wenn man’s so untereinander schreibt, finde ich, sieht’s aus wie eine Todo-Liste eines Menschen, der sich für den Vormittag ganz schön was vorgenommen hat:

Urlaubsbilder von 1997 beschriftet,
Album besorgt.
Bilder eingeklebt, und
dabei festgestellt, dass die Spülmaschine arbeitslos ist, also wieder
von Zimmer zu Zimmer gesaust
Spülmaschine eingeschaltet,
Wäsche von gestern aufgehangen

Also lass Dir gratulieren zu Deinem ausgefüllten Vormittag, sei stolz auf Dich und genieß die Aus-Zeit.

Dieser Zuspruch hat Auswirkungen auf das Selbstbild und dessen Wahrnehmung, ist stressreduzierend und dient der Auseinandersetzung mit den Gefühlsinhalten... Messie-Selbsthilfegruppen könnten das immer so anwenden. Das Messie-Forum hat großen Anteil daran, dass Betroffene aus depressiven Verstimmungen, Selbstzweifeln, Schuldgefühlen und Ratlosigkeit durch die Rückmeldungen anderer Teilnehmer herauskommen können. Diese Regulation kann, wenn alles gut geht, später von dem Betroffenen in eigene Regie übernommen werden. Hierbei kann gleichzeitig ein Gefühl von Verbundenheit entstehen. Das ist etwas, was in den Gruppen angestrebt wird, die emotionale Verbundenheit zu Menschen. Dieser Prozess ist das Schwierigste überhaupt, weil die Grunderfahrungen sicherlich bei den meisten eine andere ist.

Das bedeutet, dass die Entwicklung von selbstregulatorischen Kompetenzen, insbesondere natürlich die Fähigkeit zur Herabregulierung von negativem Affekt (Selbstberuhigung) in der frühen Kindheit und in der Partnerbeziehung bzw. in der Therapie sozusagen aus der „Not eine Tugend“ machen kann: Hohe Sensibilität wird von der Krankheitsursache zum Motor einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung, wenn Selbstberuhigung gelernt wird.

Kurztitel: Entfremdung als Krankheitsursache

Auszug aus : Julius Kuhl, Universität Osnabrück

Mit anderen Menschen können Betroffene nur umgehen, wenn sie sich auf sicherer emotionaler Distanz halten. Denn diese frühe Entwicklung hat die Menschen nicht nur innerlich gespalten, sondern sie auch sich selbst entfremdet; es mangelt ihnen an Selbstvertrauen, und sie fühlen sich für das wirkliche Leben schlecht gerüstet. Geraten diese Menschen in engeren Kontakt mit ihren Mitmenschen, so sind sie nicht nur benachteiligt, weil sie vor jedem Konflikt und vor jeder Herausforderung zurückweichen, sondern darüber hinaus fühlen sie sich gehemmt. Deshalb sind sie auch dazu getrieben, eine Befriedigung aller Bedürfnisse in der Selbstidealisierung zu finden. Das idealisierte Vorstellungsbild betrifft hauptsächlich eine Glorifizierung der Bedürfnisse, die sich in Laufe der Zeit entwickelt haben.

Die Flucht vor der Nähe

Anne Wilson Schaef

             Eine wesentliche Grundvoraussetzung für Nähe und Intimität lautet:

            Wir müssen uns selbst nahe sein. Solange wir Nähe von außen erwarten,

            werden wir sie niemals richtig erleben und auch nicht fähig sein,

            sie mit anderen zu teilen. Wollen wir einem anderen Menschen nahe sein,

            müssen wir zunächst einmal wissen, wer wir sind, was wir fühlen, was wir denken,

            wo unsere Stärken liegen, was uns wichtig ist und was wir wollen.

            Wenn wir all das für uns selbst nicht wissen,

            wie sollen wir denn einen anderen Menschen daran teilhaben lassen?

 

Wie könnte ich mein Leben sinnvoller, zielgerichtet, befriedigender gestalten?

 

„Es gibt zwei Tragödien im Leben eines Menschen.

Die eine besteht darin, dass er ein wichtiges Ziel noch nicht erreicht hat,

die andere Tragödie besteht darin, dass es dieses Ziel erreicht hat.“

George Bernard Show

Was hindert uns nun daran, die richtig erkannten Einsichten umzusetzen?

Wir sind stark von Gewohnheiten geprägt. Diese Gewohnheiten geben uns Sicherheit; das Fatale besteht lediglich darin, dass wir auch Gewohnheiten angenommen haben, die uns die besagte Sicherheit geben, auf der anderen Seite uns aber erheblich schaden können.

Verbunden mit den Gewohnheiten ist auch ein starkes Sicherheitsdenken. Dieses Sicherheitsdenken ist dafür verantwortlich, dass wir allem Neuen (neues Denken, neues Fühlen usw.) gegenüber skeptisch sind. Hier muss ein neuer Denkschritt und ein neuer Impuls erfolgen, der die als richtig erkannte Einsicht im Verhalten widerspiegelt. Im Verhalten müssen die Menschen einen höheren Grad der Identifikation aufbringen als bei einer Einsicht. Auch neigen wir dazu, gewonnene Einsichten schlicht und einfach zu vergessen. Zudem ist der Energieaufwand bei einer neuen Verhaltenweise viel größer als bei einer Einsicht. „Diese Idee oder Erkenntnis ist so hervorragend, dass sie auf keinen Fall vergessen werden darf.“ Unser Bewusstsein ist einer so starken Fluktuation ausgesetzt, dass manchmal hervorragende Ideen sehr schnell wieder verschwinden können, wenn sie nicht schriftlich fixiert werden, und hier unterliegen wir einer Vorstellung, dass wir uns jederzeit wichtige Ideen vergegenwärtigen müssen. Doch sind diese gedanklichen Situationen manchmal einmalig, so dass die Ideen keine Allgemeingültigkeit haben.

Guten Morgen liebe MMs, 

vielleicht habt ihr ja den richtigen Tipp für mich. 

Oft huschen so Gedankenblitze an mir vorbei, (Ideen für Weihnachten, Zimmergestaltung, Rechnungen bezahlen, bestimmte Briefe oder Emails beantworten), also nicht immer unangenehm, 

also diese Gedanken wiegen mich dann in Sicherheit (ich habe ja daran gedacht bzw. es ist mir eingefallen, was ich tun kann oder muss), der Tagesablauf läuft weiter, Tag für Tag, 

und auf einmal... 

alles zu spät, Brief nie geschrieben (ich sage nur Weihnachten), Zurückschickpakettermin verschusselt, keine meiner tollen Ideen kam jemals über den Gedankenblitz hinüber. 

Früher habe ich solche Gedanken auf einen klitzekleinen Notizblock geschrieben, das war nicht schlecht, führte aber zu einem noch größeren Berg an todos. 

Diese trügerische Sicherheit (habe gedanklich ja alles im Griff) und das kümmerliche Resultat passen nicht zusammen. 

Kennt ihr das auch? Wisst ihr Abhilfe? 

Wir haben z.B. noch KEINERLEI Bastelei gemacht für Weihnachten, ich schiebe es von Adventssonntag zu Adventssonntag, da ist echt zuuuuu blöd. 

Leicht von sich selbst genervte Grüße, euch aber frohes Schaffen wünsche xxxx

Aus den Messie-Forum

Das, was Betroffene immer wieder machen, ist:

Doch immer wieder hakt es bei der praktischen Umsetzung.

Wie gesagt, es geht immer noch um die Arbeiten, die normalerweise in die Gewohnheit übergehen, also wie nebenbei erledigt werden können. Keiner, der „normal“ handeln kann, macht solche Arbeitsvorbereitungen, außer man hat sich mehr als gewöhnlich vorgenommen (z.B. das Renovieren eines Zimmers). Jemand, der voll und ganz mit alltäglichen Routine-tätigkeiten beschäftig ist, wird kaum Zeit haben, grundsätzliche Überlegungen anzustellen. Eine zu starke Planung kann das Handeln behindern. Jede zu bewusste Steuerung kann diesen Prozess stören und damit unbewusste Fähigkeiten lähmen. Was nun im einzelnen wesentlich ist, hängt natürlich von unserem Lebensinhalt ab, denn Entscheidungen beziehen sich im wesentlichen auf tiefliegende Bedürfnisse, und wenn diese nicht erfüllt werden, wird es für die Person unbefriedigend sein.

Als Antwort auf: Kann man einfach beschließen, kein Messie mehr zu sein? geschrieben von xxxxxxx

Beschließen kann man viel - es umzusetzen ist die Kunst. 

Ich habe mir dieses Buch auch gekauft und festgestellt, dass es oft nur auf dem Satz beruht: "Wenn man will, kann man auch" 

Natürlich ist der Wille ein wichtiger Antrieb - aber alleine nützt er oftmals nichts. Was mich an diesem Buch störte, war die Behauptung, dass man Dinge, die man gerne tun würde, ja auch macht, und wenn man gerne ein Stück Torte essen will, klappt es ja auch. Jeder, der mal mit Menschen mit Essstörungen gearbeitet hat, wird spätestens hier vehement widersprechen. 

Oftmals weiß man genau, was vom Kopf her für einen gut ist und dennoch kommt es zu Blockaden. Das kann zum Teil auch daran liegen, dass wir immer genau wissen, was wir NICHT wollen, aber nur selten oder vage sagen können, was wir wollen. Jedoch trifft das nicht auf jeden zu, auch hier sind die Ursachen oft sehr individuell. 

Da das Leben jedoch bunt und vielfältig ist - so wie wir Menschen auch, wird das Buch für einige Veränderungen bringen und für andere nicht. Und auch das ist ganz normal, da jeder seine eigene Art und Weise hat, durch die er Veränderungen zulässt und das ist auch gut so. 

Viel Spaß noch bei allem was ihr heute tut  zwinker

Aus dem Messie-Forum

Was dann Priorität hat, wird vor dem Hintergrund der eigenen Endlichkeit gesehen, das Bewusstsein dafür kollidiert vielleicht mit dem eigenen Allmachtanspruch bestimmter Menschen, die dies Phänomen deswegen aus ihrem Bewusstsein völlig verbannen. „Wenn ich mit den Dingen, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben, noch etwas machen will, muss ich dreihundert Jahre alt werden!“ Diese Erkenntnis und Überlegung zeigte mir, dass die Prioritätsfrage immer eingebettet sein muss in den unfassenden Bezug, der unser menschliches Dasein betrifft, das heißt: mein Leben.

Wir verlieren unser Gefühl für Priorität, wenn wir immer nur das Dringlichste erledigen, denn so kommt das Wichtige zu kurz. Es ist also immens wichtig, unterscheiden zu können, was wichtig ist. Hierbei sind Lebensinhalte und -ziele bedeutsam für das Erkennen-Können, was einem wichtig ist. Ein kurzfristiges, klar erkennbares Ziel hat eine stärkere Zugkraft als ein weiter in der Zukunft liegendes Ziel. Wenn unser Bewusstsein primär auf entfernt liegende Ziele gerichtet ist, sollten wir versuchen, uns auf das Naheliegende zu konzentrieren, um somit die Motivation stärker anzusprechen und uns auch kurzfristige Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Wenn wir uns nicht bewusste Ziele setzen, besteht die Gefahr darin, dass wir zu sehr von augenblicklichen Reizen beeinflusst werden. Ich plane und beginne jetzt meine Arbeit immer zeitnah, d.h. „Eins nach dem anderen. Wenn das eine fertig ist, beginne ich mit dem anderen.“ Dieser Spruch, den ich auch oft ausspreche, gibt mir zusätzlich sehr viel Ruhe und Gelassenheit, jedoch ist so etwas nur möglich, weil sich jetzt meine Gedanken verändert haben.

Bei vielen Dingen können wir auch beobachten, dass sich eine Reihe dieser Aufgaben von selbst erledigt, und das ist kein Aufschieben, sondern es ist tatsächlich so, dass sich die Bedeutung bestimmter Aufgaben verändern kann. Und wenn ich etwas nicht geschafft habe, sage ich mir: „Mal sehen, wozu es gut ist.“ Dieses Phänomen kann man gerade bei den unwichtigen Aufgaben sehr gut beobachten. Also in hektischen Phasen der Beschäftigung sollten wir genügend Zeit finden, um abzuschalten und zu uns selbst zu finden. Die eigene Unsicherheit spielt wieder ein erhebliche Rolle bei dem Unvermögen, Tätigkeiten zu delegieren beziehungsweise „nein“ zu sagen. Erst, wenn wir in der Lage sind, Arbeiten nicht zu erledigen, können wir uns konsequent auf die selbstformulierten Prioritäten konzentrieren.

Die eigene Unsicherheit und Ängstlichkeit spielt eine große Rolle beim persönlichen Arbeitsrhythmus, deswegen ist es unerlässlich, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten. Bereits Kant hat beschrieben, dass die Zeit keinen objektiven Sachverhalt darstellt, sondern eine Wahrnehmungsform unseres Bewusstseins widerspiegelt. Diese Wahrnehmungsform ist an unser eigenes Denken, das natürlich bestimmten Gesetzmäßigkeiten entspricht, gebunden. Da wir uns selber in einem zeitlichen Kontinuum befinden, das durch ständige Veränderungsprozesse bestimmt ist, nehmen wir sämtliche Vorgänge um uns herum in diesem zeitlichen Kontinuum wahr. Diese zeitliche Kontinuum prägt unsere Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung unserer Umwelt.

Jede Ordnung muss es auch erlauben, Abwege einzuschlagen. Erst, wenn wir bereit sind, ein Risiko einzugehen und somit die Möglichkeit in Kauf nehmen, etwas falsch zu machen, können sich Neuentwicklungen ergeben.

Kaufsucht:

So kann es sein, dass Betroffene bei einem Kaufwunsch später ernüchternd feststellen, dass damit nicht die Befriedigung verbunden ist, die man erhofft hatte. Doch setzt bei dieser Ernüchterung kein hilfreiches Sich-bewusst-Machen ein, indem Betroffene sich ausgiebig mit dem sich dahinter verbergenden Bedürfnis befassen, sondern es entsteht schnellstmöglich ein neuer Wunsch - denn was man noch nicht erreicht hat, erscheint einem attraktiver und begehrenswerter... - jedoch hier schließt sich der Kreis, wie sich dann hinterher herausstellt.

Mach mal Pause und denk nach!

Dieser Satz läuft als Bildschirmschoner über meinem Monitor. Denn gerade für Betroffene spielt das Abschalten eine wichtige Rolle. Im Laufe eines Tages sollten wir in der Lage sein, uns mit unseren Gedanken von der Arbeit zurückzuziehen. Zugang zu unserem Unterbewusstsein haben wir nämlich nur dann, wenn wir uns entspannen, und so kann man sich auch überraschende Einfälle erklären, die ganz erheblich zu einer Problemlösung beitragen können. So kann eine schöpferische Pause dazu führen, dass wir völlig neue Ideen entwickeln.

Einflussnahmen anderer Menschen

Wenn wir einmal in der Situation sind, dass uns andere Menschen negativ beeinflusst haben, so müssen wir nach Möglichkeiten suchen, diese Einflüsse wieder abzubauen. Da Gefühle stark nachwirken können und etwas Beharrendes haben, wird es eine gewisse Zeit dauern, bis wir die negativen Einflüsse wieder abgebaut haben. Insbesondere unsensible Menschen können uns negativ beeinflussen, häufig handelt es sich um narzisstische Persönlichkeiten, denen ihre Selbstdarstellung wichtig ist.

Als erstes sollten wir damit beginnen, uns nur mit den Menschen zu umgeben, bei denen wir erkennen, dass sie einen positiven Einfluss ausüben, beziehungsweise Menschen, die nicht zu stark in Selbstbezogenheit befangen sind. Kommunikation im Alltag ist sehr häufig mit gleichzeitiger Abwertung anderer Menschen verbunden, weil diese eine scheinbare Überlegenheit herstellt. Häufig ist es natürlich so, dass Menschen, die uns umgeben, gleichzeitig positive und negative Einflüsse ausüben können. Dabei müssen wir Mechanismen entwickeln, die es ermöglichen, die negativen Seiten anderer Menschen zu akzeptieren und sie als Bestandteil ihrer Persönlichkeit anzusehen.

Bewertungen anderer Menschen

Wie kann man es schaffen, sich Bewertungen zu entziehen?

Wir reagieren wahrscheinlich auch deswegen so allergisch auf Bewertungen, weil wir uns unbewusst an unsere Kindheit erinnert fühlt. Unsere Eltern haben uns in unserer Kindheit laufend beeinflusst und unser Verhalten stark bewertet. Dieses führt häufig zu Unlustgefühlen und das eigene Verhalten, die eigene Spontaneität wird dabei in Frage gestellt. Da für das Kind die Eltern in der Regel als weit überlegen empfunden werden, fühlen wir uns, wenn wir als Erwachsene stark bewertet werden, an diese ungleiche Rollenbeziehung zurückerinnert. Ein gewisses Maß an Bewertungen sollten wir auf jeden Fall aus unserer Umwelt annehmen, denn diese dienen uns als Rückmeldung.

Warum schieben wir Arbeiten vor uns her?

Der Erwachsene reagiert vor seinem gesamten Erfahrungshintergrund, und natürlich sind davon eine Menge vorhanden. Nur die Konzentration auf diese negativen Erfahrungen führt zu einer Lähmung und zu einem Angstverhalten, das die Initiative hemmt. Immer, wenn wir Tätigkeiten aufschieben, sind damit gleichzeitig Misserfolge verbunden, und das Aufschieben wird bewusst oder unbewusst als Niederlage empfunden. Die Menschen fühlen sich als Versager, weil sie mit etwas, das sie für veränderungsbedürftig halten, nicht beginnen können. Scheinbar logische Begründungen für das Aufschieben sind Rationalisierungen, und das ständige Aufschieben zehrt somit an unseren Kräften und entmutigt die Menschen. Auch extreme Perfektionisten werden sich scheuen, etwas Neues zu beginnen.

Nur das Verlassen eingefahrener Denkbahnen führt zu Eigenschaften, die diese Abwehr der Angst nicht mehr benötigt. Einfach einmal absichtlich einen Theaterbesuch, den man selber wünscht, bewusst aufzuschieben, dann bewusst zu fühlen und den aufkeimenden Gedanken nachgehen, bedeutet oftmals, den wirklichen Hintergrund fürs Aufschieben zu entdecken.

Zum einen spielen in diese Problematik Persönlichkeitsfaktoren hinein, zum anderen auch innere Einstellungen, die erworben wurden. Man kann grundsätzlich zwischen handlungs-orientierten und lageorientierten Menschen unterscheiden. Der handlungsorientierte Mensch trifft Entscheidungen in möglichst kurzer Zeit und versucht, sie anschließend sofort in Handlungen umzusetzen. Der lageorientierte Mensch stellt umfangreiche Analysen an, ohne zu endgültigen Entscheidungen zu gelangen. Innovative Ansätze werden dadurch erstickt, dass sich diese Menschen einer zu starken inneren Kritik aussetzen. Viele Arbeitsgänge lassen sich nicht sofort zu einem Abschluss bringen, und diese unabgeschlossenen Sachverhalte lösen in dem Menschen eine gewisse Spannung aus. Ergebnis dieser unerledigten Arbeiten ist eine psychische Spannung, die uns immer weiter beschäftigt, und da wir das nicht vermeiden können, müssen wir lernen, mit diesen Spannungen umzugehen. Aus der Stressforschung wissen wir, dass gerade die Gleichzeitigkeit verschiedener Vorgänge, die zu einem Zeitpunkt auf uns einströmen, Stress auslösen.

Als Antwort auf: Kann man einfach beschließen, kein Messie mehr zu sein? geschrieben von xxxxxxx

können kann man schon... nur ob das auch Auswirkungen auf das Messie-Sein hat?


liebe xxxxxxx,

danke für diesen thread. 

>was sind das für Faktoren, die zum ziel führten? 

am ziel bin ich noch nicht. 

1) ich habe für mich die passenden Werkzeuge gefunden
2)    ich habe zu mir / meine innere Mitte / meine Bewusstheit gefunden 

zu 1) ausschlaggebend zwei Aktionen: HL von celestine und "weg damit" von xxxxx herzdanke euch vielmals ihr lieben dafür! 

HL (heiliges land) besagt: jedes ding hat seinen platz und ist mit nicht mehr als zwei Handgriffen zu erreichen. über den friedlichen zustand freue man sich jeden Abend ein loch in den bauch  elefant

-> daraus leitet sich ab, dass eben nur soviel behalten werden >kann, dass dieser Grundsatz befolgt werden kann ("weg damit" >ist für mich DIE Motivation zum wegschmeißen gewesen, >100000x besser als das buch, worauf die Aktion beruht  winke.
-> das loch-in-den-bauch-freuen ist eine Bestätigung der eignen >Handlung. solch positives unterbricht im Unterbewusstsein die >versagensspirale und hebt die Motivation für neue taten 

zu 2) Esoterik war nie mein ding. durch Leute hier und durch viele gute Bücher hab ich gemerkt, dass ich gewaltige vorurteile und ein noch gewaltigeres Brett vor dem kopf hatte. inzwischen habe ich zu mir gefunden und das hilft mir, mich von der Meinung, der "Güte", der "liebe" anderer total unabhängig zu machen. jaMein Selbstbewusstsein, was jahrzehntelang keines war, ist wieder da. Ich kann wieder wahrnehmen, was ich fühle, ich nehme mir zeit für mich und ich verteidige meine Grenzen (OK, da bin ich noch am lernen  zwinker) dadurch ließ der innere Stress nach ...... ahhhhhhh ....... was für ein Gefühl, mal nicht unter einem Berg aus Selbstvorwürfen, schlechtem gewissen, sozialer Angst und sorgen wegen anderen begraben zu sein. 

ich denke 1) und 2) zusammen (außen und innen) haben bewirkt, dass ich innerlich gefestigt bin, was mein Chaos angeht. sprich, ich habe einen teil Chaos dauerhaft beseitigt und wohltuend desillusioniert (so vom wegen bis weihnachten hab ich alles HL) gehe ich neugierig und voll Kreativität Schrittchen für Schrittchen an das restliche Chaos bzw. die enormen ALA 


>muss man nur richtig wollen? 

ich habe 30 Jahre lang "richtig gewollt" - bis vor 2 Jahren aber ohne erfolg


>war die zeit "reif"? 

nun, ich denke es gibt keinen Zufall. es war eine glückliche Fügung ("achte auf die Zeichen" ... p. coelho "der alchimist"  winkePU), dass ich hier hergefunden habe und dass ich mit den hier angebotenen Werkzeugen gut zurecht komme. die Sensibilität, mit der ich die empfohlenen Bücher las... . Nun vielleicht war da die zeit reif... es konnte nicht so weitergehen mit mir.


>haben sich die umstände geändert, sind Belastungen >weggefallen? 

im Gegenteil, zu beginn meiner Chaos -beseitigungsphase waren das Unverständnis meiner Mitmenschen um mich besonders groß 


>haben Medikamente oder Therapien gewirkt? 

hab zwei Therapien gemacht. der Therapeut hatte mit mess allerdings nix am Hut - keine Ahnung quasi. Aber bei meinen Problemen im sozialen Umfeld hat er mir gut geholfen. Verstandesmäßig wurde mir durch das ständige reden darüber einiges klar und gute entspannungsverfahren hab ich auch gelernt. Ich bin dankbar dafür - man kann nicht alles haben  zwinker


>ich bezweifle die rolle des willens bei diesen Prozessen.
>dazu gibt es ein sehr interessantes philosophisches buch von >peter bieri: das Handwerk der Freiheit demnach gibt es den >freien willen nicht, sondern nur den bedingten. 

da sind die forscher dran momentan *lächel* ich denke so wie in der Schulmedizin noch nicht alles erklärt werden kann (wie z.b. Akupunktur funzt), so können auch andre Wissenschaftszweige gut forschen und neue Theorien aufstellen... aber ob das schon "Wahrheit" ist im sinne von ultimativer, unabhängiger Wahrheit...ich persönlich habe meine eigne Wahrheit und immer gibt es keine absolute Wahrheit *denk*


>was mich auch immer wieder interessiert, ist die frage, wie ihr >euch seht: als vorübergehend in den mess abgerutschte oder >als psychisch kranke, zumindest behinderte? 

ohje xxxxx.... das setzt voraus, dass man erst mal "normal" definiert. 

als "normal" gilt wohl allgemein das, was die Mehrzahl der Bevölkerung als Merkmal aufweist. 

insofern bin ich nicht normal. ich bin psychisch krank, weil meine Seele anders ist, als die der meisten Menschen (kontaktieren die eigentlich ihre Seele oder sind die nur zugedröhnt?) und ich mich dadurch auch in meinem verhalten von anderen unterscheide. auch bin ich behindert. behindert durch eine noch nicht genau erkannte innere sperre, die mich hindert, mich so zu verhalten wie "normale" Menschen. 

diese Definition von "normal" teile ich aber nicht! 

ein Autist ist immer für sich normal, ein blinder ist auch für sich normal. usw. und nur weil man nicht zur Mehrzahl gehört, ist die eigne Normalität keine Normalität? 

Nee nee.... 

ich bin weder behindert noch psychisch krank. abgerutscht - als in der tiefe beliebig definierbares wort- schon eher. aber nicht von der "Normalität lt. Definition", sondern von meinem eigenen berg meiner Lebensvorstellung. und ich sehe nach meinem rutsch, dass es der falsche berg war, auf den ich kraxeln wollte!


>hat mir sehr zu denken gegeben und ich habe ihn mehrmals >gelesen. Die dinge, die dort über Messies stehen, sind schwer >zu verdauen und für sich selbst zu akzeptieren. 

etliches bei femmessies ist hart. sehr hart. ich bin noch nicht weiter als über den Beitrag zur lage- bzw. handlungsorientierung (koch) gekommen. da knaubel ich momentan dran.


>ja, ich halte messies für krank, gestört. und in diesen texten wie >dem obigen ist erklärt, warum. 

ich finde es gefährlich, solche kämme zu benutzen. s.o. darin liegt eine Arroganz ohne gleichen.


>ich finde das nicht schön und brauchte den Titel "Messie" nicht >als identitätsstiftendes Element. 

für mich ist die Erkenntnis, dass ich zur Gruppe der Messie gehöre eine ungeheure Erleichterung. nur wenn ich weiß, was mit mir ist, kann ich was ändern. die Wertung des Wortes "Messie" nimmt man ja selbst in sich vor.


>klar sind positive dinge vorhanden, das würde ich aber nicht als >Merkmal von messies betrachten, sondern als zum gesunden >Rest gehörend! 

ich denke momentan, dass messies tief in sich alle irgendwie das gleiche erlebt/erlitten haben. und das führt zur Ausprägung von Verhaltensweisen, die mit Unordnung und Desorganisation zu tun haben. aber es führt auch zu besonderer Kreativität. ich denke, messies sind ausgesprochen kreative Menschen.


>man kann auch viele Sachen aufheben, schön geordnet, und >sie nutzen und genießen, man kann kreativ und voller Ideen >sein, man kann sich für vieles interessieren und dies auch in >sein leben integrieren....ohne Messie zu sein. 

stimmt. aber für messies ist die Kreativität und auch die Perfektion der Strohhalm *denk*, die Schwimmweste, der Anker.. deshalb entwickelt sich es besonders stark


>ich würde sagen, dass messies weder ihr potenzial noch ihre >Sachen nutzen können, sondern dass sie durch ihre "krankheit" >einfach behindert sind, ein erfülltes leben zu führen. 

was ist erfüllt? 

für mich sind Messies Menschen, die schwere Verletzungen mit sich tragen und sich dadurch im sozialen Umfeld nicht genügend innerlich abgrenzen können. Sie tun das dann äußerlich mehr oder weniger (un)bewusst.
Durch die Heilung des Äußeren kann auch ganz sanft (niemals mit Hauruckaktionen) das innere beeinflusst, es hervorgespült, geheilt werden. Nur die richtigen Werkzeuge UND das richtige Tempo - die muss jeder für sich selbst finden. 

boa, war das lang. 

Es grüßt herzlich Messie auf dem Weg

Aus dem Messie-Forum

Einige Worte zum Schluss

Diese Erklärungsversuche sind das vorläufige Ergebnis meiner eigenen Suche nach Sinndeutungen dafür, dass ich fast drei Jahrzehnte unter diesem Syndrom gelitten habe - an dem Erleben gelitten habe. Meine Neigung, alles ganz genau wissen zu wollen, hat diese tief gehende Suche initiiert, doch je mehr ich wusste, um so deutlicher sah ich auch, dass es für mich nicht um alle Ausprägungen dieses Symptoms gehen kann, sondern erst einmal nur um den Kern der Störung. Denn allzu oft habe ich erlebt, dass die Veränderung der Randstörungen sehr schnell zu ganz anderen Problemen führen kann, deswegen sind meine Überlegungen ausschließlich auf die Kernproblematik gerichtet und auf die, meiner Meinung nach, vier Kernbereiche:

1.      Reaktion der Verweigerung auf wachgerufene Gefühlserinnerung

2.      desorganisierter / unsicher-vermeidender Bindungsstil

3.      Störung der willentlichen Handlungssteuerung

4.      Selbstentfremdung

Das ist also die Summe meiner Erfahrungen mit dem Messie-Syndrom. Die Art und Weise meiner Dokumentation soll andere Betroffene vor Augen halten, dass die Methode der „Suche nach dem Selbst“ entscheidend dafür sein kann, dass diese Probleme einer Heilung zugeführt werden können. Zum Beispiel, indem man sich andere Gedanken erschließt, z. B., dass man sich im Messie-Forum mit anderen Betroffenen austauschen kann oder dass Bücher eine innere Auseinandersetzung begleiten können. Wer allerdings denkt, hier gibt es Anleitungen, nach denen sich jeder eins zu eins richten muss, wird höchstwahrscheinlich immer noch nach Problemlösemöglichkeiten suchen müssen, und weiter mit sich „uneins“ sein.

Ich hoffe, dass einige Gedankenanstöße Ihnen helfen, Zusammenhänge zu erkennen, damit Sie stärker, selbstsicherer und glücklicher werden.

                        Wer zeigt ein Kind, so wie es steht?

                        Wer stellt es ins Gestirn und gibt das Maß

                        des Abstands ihm in die Hand?

                                                                       Rainer Maria Rilke „Duineser Elegien“, S. 25.  

Anhang:

Handlungs- und Lageorientierung: 

Wie lernt man, seine Gefühle zu steuern?

 

Entfremdung als Krankheitsursache:
Von der Funktionsanalyse zum Langzeiterfolg prozessdiagnostisch unterstützter Intervention 

 

Tagungsdokumentationen der Messie-Fachtagung  (ISSN 1860-8302)

 Nr. 1              Betroffene im Gespräch mit Fachleuten ( I )

                        Tagungsdokumentationen der 1. Messie-Fachtagung in Berlin, 27. Mai 2000

 Nr. 2              Betroffene im Gespräch mit Fachleuten ( II ) Tagungsdokumentationen                           der 2. Messie-Fachtagung in Göppingen, 15. Juni 2002

Nr. 3               Betroffene im Gespräch mit Fachleuten ( III ) Tagungsdokumentationen der 3. Messie-Fachtagung in Hamburg, 7. Februar 2004

Schriftenreihe des Fördervereins zur Erforschung des Messie-Syndroms  (ISSN 1860-8302)

Nr. 1               Warum fühlen wir uns wie gelähmt und blockiert?

Nr. 2               Das Messie-Syndrom - Plädoyer für eine Blickwendung.

Nr. 3               Das Messie-Syndrom Primäre Symptome - Was kann helfen?                                Ein Versuch der Bewältigung ...

Nr. 4               Rat und Hilfe für Angehörige und Freunde der Menschen mit einem Messie-Syndrom.

Zeitschrift: LEBENSWENDE  (ISSN 1860-8299)

Nr.1                Jahrgang 1 - Ausgabe 0

Nr.2                Jahrgang 1 - Ausgabe 1

Nr.3                Jahrgang 2 - Ausgabe 2

 Zurück                                                         Zurück zur Startseite