Über die Bedeutung des Hortens und Sammelns

Besitzen hilft gegen mangelnde soziale Anerkennung und Akzeptanz!

In der Persönlichkeitsentwicklung sind wir zur Befriedigung unseres Bedürfnisses, sich akzeptiert und angenommen fühlen, in den ersten Lebensjahren auf andere Menschen angewiesen. Ohne dieses Angenommensein gibt es weder physisch noch psychisch eine normale Weiterentwicklung. In der Alltagsrealität kommt es darauf an, ein ausreichendes Maß an Annahme zu erfahren, eine erträgliche Mischung von bewusster und unbewusster Annahme und auch Ablehnung. Dabei hängt das Ergebnis nicht nur von den objektiven Gegebenheiten und den Umständen in der Familie ab, sondern auch von den Bedürfnissen und vor allem dem subjektiven Erleben des Kindes.

 Wenn eine Mutter zum Beispiel einem Kind gegenüber ablehnend oder zwiespältig eingestellt ist, erlebt und erfährt es dadurch eine bleibende Prägung seines Lebensgefühls als „karg und dürftig“. Wenn es in dieser Atmosphäre mit seinem „unmittelbaren expansiven Begehren“ auf  Zurückweisung stößt statt Entgegenkommen, - dann entwickelt das Kind Furcht statt Vertrauen, Gehemmtheit statt gesunder Entfaltung. Es entsteht eine Bereitschaft, aufkeimendes, zugreifendes Streben und Entfalten bei dem geringstem Widerstand abzubrechen, Begehrenswertem gegenüber sich sogar stumpf und teilnahmslos zu verhalten.

Durch die Resonanz, auf die das Kind mit seinem Begehren stößt, entsteht die Wahrnehmung der eigenen Grenzen, die Selbstakzeptanz und das Selbstvertrauen. Sie wird zur Basis seiner Art und Weise, mit der das Kind sich der Welt hinfort zuwendet. Zweifellos will der Mensch sich die Welt nicht nur aneignen, er will sie auch festhalten - für länger, für immer - er will halten, be-halten und be-greifen. Wenn es gelänge, das Besitzstreben in einem Kind wirklich völlig zu unterdrücken, dann wäre es nicht mehr existenzfähig. Ohne die Erfahrung dieser Impulse vermag niemand zu leben. Doch gibt es tatsächlich so hohe Grade der Gehemmtheit in diesem Bereich, dass der Mensch aus seelischen Gründen buchstäblich verhungern kann - so wie es bei gewissen Formen der Magersucht tatsächlich geschieht.

Schon der Säugling will nicht, dass die Mutter fortgeht, nein, er will es nicht. Sie gehört ihm, er will sie nicht lassen. Wird ein ergriffener Gegenstand mit Gewalt entzogen, untersteht sich die Mutter, dennoch fortzugehen, wird der Protest mehr oder weniger laut hinausgebrüllt: Was mein ist, soll mein bleiben! So kämpft schon der Säugling in seiner Winzigkeit um das Seine, um die Mutter, den einmal ergriffenen Finger, Klapper, Puppe und vor allem auch um alles, was zum eigenen Körper, zur eigenen Substanz gehört - u.a. auch um den eigenen Kot.  

Das Erleben in diesem Bereich kann früh entscheidend gestört werden. Bestimmend und in starkem Maße prägend für das menschliche Erleben in diesem Antriebsbereich ist das Verhalten der frühkindlichen Bezugspersonen zu eben diesen Antrieben. Das Kind erlebt den Willen und die drängende Erwartung der Mutter als Hemmung seines eigenen Willens. Die Mutter versucht mit Härte, ja Anwendung von Gewalt etwas zu erzwingen, was von seiner Funktion her erst geraume Zeit später ausgereift ist. In jedem Fall erfolgt zum Beispiel die Sauberkeitsgewöhnung nicht in einer dem Kinde angepassten Form, sondern wird - ob sie nun zu früh, zu schnell oder zu hart durchgeführt wird - zu einer das Kind vergewaltigenden Dressur. Dabei wird vornehmlich die Tendenz des Kindes, zu behalten, nein zu sagen, etwas zu verweigern eingeengt und gebrochen. Ein Kleinkind ist angewiesen auf die Liebe seiner Bezugsperson, so das es sich deren Liebesbedingungen immer unter werfen wird, und das auch auf Kosten seiner sonstigen Bedürfnisse. Somit wird das Bedürfnis zum „Nein“ sagen in der frühkindlichen Entwicklung gehemmt, zurückgehalten, verdrängt; es verkümmert. Auf Grund der ihm innewohnenden Dynamik, wird eine Hemmung sich wiederholen, besonders dann, wenn reale Forderungen und Verpflichtungen in den späteren Jahren an dem so Betroffenen herantreten. Diesen Pflichten gegenüber entwickeln solche Menschen dann haltungsmäßig ein erstarrtes aber nicht ausgesprochenes „Nein“. 

Muss das Seelenleben eine erkennende und verstehende Umwelt entbehren, so bleibt in uns alles schwach und gehemmt, abwegig und verschlossen. Der Mensch entwickelt sich zum unsicheren, leeren, launischen, gelangweilten und außerhalb der Gesellschaft stehenden Wesen. Wenn der Betroffene die Möglichkeit für seine Entfaltung und Entwicklung nicht findet, sieht er nur „Sachen“ und will sie besitzen. Nehmen, besitzen: das ist etwas Leichtes, und Einsicht und Liebe werden dabei überflüssig. Es entwickelt sich in dem Menschen die Vorstellung, dass jeder im Leben alleinsteht und ausschließlich auf sich selbst angewiesen ist. Es bedeutet möglicherweise eine Tendenzen zu einer ausgesprochenen Autarkie (Unabhängigkeit), Deprivation (Bedürfnislosigkeit) und „splendid isolation“ (Selbstgenügsamkeit) und ein Verhalten, das diktiert ist von dem Motto: Sehe jeder, wo er bleibe. Fast sämtliche seelischen Abwege sind Folgen dieses ersten schicksalhaften Schrittes, der zwischen Liebe und Besitz entscheidet. Der so entwickelte Eigentumstrieb bewirkt, dass wir uns aufs heftigste zu den Dingen hingezogen fühlen und sie verteidigen, wie wir uns selbst verteidigen würden. Aber in Wirklichkeit steht durchaus etwas sehr Ernstes im Hintergrund: es ist eine Verrückung, eine Verschiebung dessen eingetreten, was eigentlich hätte sein sollen, und zwar darum, weil unsere innere Kraft durch Hilflosigkeit verloren gegangen ist. So sind denn nicht die Dinge, die wir horten, sondern eine innere Hilflosigkeit, sich zu fühlen, sich wahrzunehmen, sich angenommen zu fühlen der eigentliche Motor des Habens, des Besitzenwollens.

Denn die klare Beantwortbarkeit der Frage „Wem gehörst du?“, bedeutet in der frühen Kindheit im Idealfall Sicherheit und Selbstwertgefühl. Diese Entwicklung vom Gehören zum Angehören, die Individuation, das Eigen- und Selbstständig - Werden bzw. Eigenständig - sein - Lassen, wird entscheidend für das Verständnis von Partnerschaft werden. Ob der Partner dann mir gehört oder zu mir gehört, wird einen großen Unterschied machen. Somit kann eine Reihe grundlegender Bedürfnisse und Ursehnsüchte auf die Notwendigkeit zurückgeführt werden, jeweils passiv und aktiv in Beziehungen zu leben, angenommen zu sein und anzunehmen, dabei bejaht zu werden, Zugehörigkeit und Geltung und daraus Selbstwert, Selbstvertrauen und Sicherheit zu erfahren. Ohne diese Voraussetzungen ist die Entwicklung eines ausreichend gefestigten Ichs nicht oder nur bedingt möglich.

Ist es schon zu einem unsicheren Ich gekommen, so ist bereits eine Grenze überschritten, über die hinweg der Mensch sich von der Würde seines inneren Lebens entfernt, und darum wendet sich die Entwicklung des Kindes mit seinen Wünschen nach Akzeptanz, den äußeren Dingen zu, anstatt mitmenschliche Beziehungen einzugehen. Solche Menschen ersetzen ihre Bindung zu anderen Menschen durch eine Bindung an Gegenstände. Die Aufmerksamkeit wird auf Äußeres, Materielles und das vermeintlich Wertvolle gelenkt als Ersatz für das fehlende Selbstwertgefühl. Sie neigen vielmehr dazu Gegenstände  zu sammeln, aufzustapeln und zu horten die keine Funktion haben und an sich keinerlei Reiz ausüben, also ein leeres sinnloses Erraffen von Dingen. Diese Eigenschaft, die den Menschen an die Dinge kettet, selbst wenn sie ihm gar nichts nützen, zeigt einen fundamentalen Mangel an Selbstvertrauen. Wenn ihnen jemand die zusammengetragenen Gegenstände weg nimmt, so ergreifen sie jede nur mögliche Abwehr, um sich die vermeintliche Sicherheit zu erhalten. 

Wenn die Bedürfnisse nach Sicherheit in Dingen verankert werden, die dauerhaft erscheinen und uns zweifellos überleben können, bedeutet das doch nur scheinbar, auf festem Boden zu stehen, auf dem wir Veränderungen und Umbrüchen des Lebens begegnen können - ein Hilfsmittel für jene, die des greifbaren Rückhalts bedürfen. Das Kind trägt nun die dunkle Überzeugung von seiner Ohnmacht, fehlender Sicherheit und Minderwertigkeit in sich. Um aber irgendeine Verantwortung auf sich nehmen zu können, muss man der Überzeugung sein, dass man Herr seiner Handlung ist, und man muss Selbstvertrauen haben.

So kommt es, dass schon der Versuch, eine Anstrengung zu unternehmen, erlischt, bevor überhaupt von ihr Gebrauch gemacht ist, und zurück bleibt ein Gefühl völliger Ohnmacht, eine tiefe Entmutigung, die die Überzeugung in uns nährt, dass wir „nicht können“. Diese Hemmung wie auch das Gefühl, untauglich und den anderen unterlegen zu sein, kann dauernd bestehen bleiben. So kommt es zur Verzagtheit, zum Mangel an Selbstwahrnehmung; Schüchternheit stellt sich ein, Furcht und eine Art Apathie, und diese drei werden schließlich Bestandteile der inneren Konstitution und bilden jene Hemmung, die wir den Minderwertigkeitskomplex nennen. Das macht es unmöglich, dass man sozialen Anforderungen gerecht wird, wie sie das Leben auf Schritt und Tritt verlangt. Zu diesem Komplex gehören Unentschlossenheit oder plötzlicher Rückzug, wenn Hindernisse auftreten oder Kritik geübt wird.

 

 Wenn wir erkennen, wie wir uns Verhalten, kann diese Erkenntnis uns dazu verhelfen, die Abhängigkeit der eigenen Gefühle und Affekte von der individuellen Entwicklung zu verstehen. Unter dieser Voraussetzung wird man eher geneigt sein, dieses Verhalten als entwicklungsbedingt anzuerkennen und zu akzeptieren, was eine Grundvoraussetzung für spätere Änderung der Verhaltensweisen bedeuten kann. Die konkreten Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens bestehen in einer Störung, die eigentlich aus einem Konflikt des Besitz- und des Geltungserlebens hervorgeht und nicht umgekehrt. Es geht also um Geltung, um eine Fortsetzung oder Ausformung der ersten Erfahrung bejaht, anerkannt, bewundert worden zu sein, die das Gefühl vermitteln, etwas wert zu sein. Was zuerst rein passiv - abhängig erlebt wird, bekommt bald aktive Impulse von Seiten des Kindes. Gehalten werden und selbst festhalten, von sich aus Kontakt suchen, bewundern und bewundert werden wollen, anschauen und herzeigen bedingen sich gegenseitig.  

Bedeutung und Stellenwert unserer Grundbedürfnisse kann jedermann leicht bei sich selbst feststellen, wenn wir uns fragen, was für uns in unserer Lebenssituation besonders notwendig, besonders wünschenswert ist oder wäre, was dem Leben Sinn und Fülle gibt. Um es noch einmal deutlich zu machen:

Der Versuch, sich über seine Grundbedürfnisse, ihre Art und Rangordnung klar zu werden und ihre Herkunftsgeschichte zu erforschen, und um dann mit seinem Partner darüber sprechen zu können, wäre auch ein Weg sich selbst und einander in der Beziehung näher zukommen, und böte dazu eine Möglichkeit, unbefriedigende Zustände zum Besseren zu verändern.

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