PLANLOSIGKEIT

Messies fragen sich oft, warum ihr Verhalten sich so planlos entwickelt und warum sie den Beginn einer Tätigkeit auf die buchstäblich letzte Minute verschieben. Ich will einmal versuchen, diese Abläufe als Messie - Erleben sowie auch als Erleben des Messie - Angehörigen bewusst zu machen.

Dafür ein Beispiel:

Er und sie sind nach langer Zeit in der Lage, eine Urlaubsreise zu machen. Es ist der Abreisetag 12.00 Uhr. Um 13.30 Uhr geht der Zug.

Er kommt gerade von seiner Dienststelle nach Hause, wo er noch zu arbeiten hatte.

Sämtliche Türen der Wohnung stehen offen, und es herrscht ein unbeschreibliches Wirrwarr. Aufgerissene Schubfächer und Schränke, halb gefüllte Koffer, dazwischen verstreute Kleidungsstücke, Schuhe, Bücher, Federballschläger u. a. m. Im Bad rauscht Wasser in die Wanne. Sie rennt im Büstenhalter und Höschen anscheinend ziellos umher. Er steht einen Augenblick versteinert angesichts des Tohuwabohus. Dann:

Er erlebt: Sie erlebt:

Er:

Ach du lieber Gott, und in 1 1/2 Stunden geht unser Zug! Was hast du eigentlich den ganzen Morgen gemacht?

Enttäuschung:

Sie hat es wieder nicht geschafft, alles pünktlich fertig zu haben.

Enttäuschung (sieht er denn nicht was schon alles fertig ist) und Hoffnung (gleich habe ich es geschafft und die Reise kann losgehen)

Sie:

(kriegerisch) Du hast wirklich eine liebe Art, das muss ich schon sagen. Ich schufte und schufte seit heute früh, und du stellst blöde Fragen. Ich will jetzt baden und mich anziehen.

Hilflos angesichts ihrer falschen Zeiteinteilung

Hoffnungsvoll, jetzt zu zweit ist die ganze noch zu leistende Arbeit ein Klacks.

Er:

Aber wie willst du denn mit all dem hier fertig werden? Wir müssen spätestens um ein Uhr aus dem Haus.

Er sieht den Zug schon ohne sie losfahren.

Trotzig: dieser ewige Pessimist.

Sie:

Statt zu reden, solltest du mir lieber helfen. Leg schnell noch deinen hellgrauen Anzug auf deinen Koffer und mach das Ding dann zu. Du liebe Güte, das Badewasser...(saust ins Badezimmer und dreht den Hahn ab. Ruft von dort:) Übrigens steht eine Pfanne mit Bratkartoffeln in der Küche. Die kannst du zwischendurch essen.

Sinnlos, das schaffen wir nicht. Sie scheint auch noch stolz auf dieses Verhalten zu sein, ja sie will es gar nicht ändern!

Er soll den Koffer zu machen, dann können wir fahren.

Was erlebt die Ehefrau dieser Szene? Es wird ihr kaum zum ersten Mal passiert sein, dass sie sich durch ihre Planlosigkeit etwas verdirbt. Warum kann sie ihr doch offenkundig unzweckmäßiges Verhalten nicht korrigieren?

Er:

(aus den Wohnzimmer) Sag mal, was soll denn mit all den Topfpflanzen werden während der drei Wochen.

Wie sollen diese ganzen Aufgaben in so kurzer Zeit zu schaffen sein?

Gleich sind wir fertig!

Sie:

O je, das hätte ich beinah vergessen. Die müssen in der Küche in eine Wanne mit Wasser. Mach das bitte, Liebling, während ich mich anziehe. Die Wanne steht unten in der Waschküche. (Man hört das Badewasser plätschern. Jetzt sie dringend:) Du musst auch noch den Käfig mit Hänschen zu Frau Meyer ’rüberbringen. Sie will das Hänschen inzwischen pflegen. (Badewasser rauscht ab. Sie kommt im Evakostüm aus dem Bad und stürzt ins Schlafzimmer.) Jetzt habe ich doch alle Wäschegarnituren eingepackt, und ich brauch noch eine frische. (Kniet vor einem Lederkoffer) Herrgott, und ausgerechnet dieser Koffer ist schon zugeschlossen. Wo sind denn nur die Schlüssel?!

Auch das noch, in den Keller laufen.

Was ziehe ich bloß an?

Er:

(erscheit in der Tür, beide Arme voller Blumentöpfe) Zieh doch an, was du vorher anhattest.

Fühlt sich gestresst.

Fühlt sich nicht mit den eigenen Bedürfnissen verstanden.

Sie:

Aber Schatz, ich kann doch nicht in getragener Wäsche auf die Reise gehen. (Kramt aufgeregt zwischen den Utensilien auf ihrer Frisierkommode) Wo sind denn nur die verflixten Schlüssel? Ah, hier! Hast du schon ein Taxi bestellt, Liebling? Auf den Weg zur Bahn müssen wir bei Nieberleins vorfahren und die Brötchen abbestellen. (Während sie sich die Stümpfe anzieht:) Ja, und wenn du der Frau Meyer das Hänschen bringst, dann sag ihr doch, sie möchte dem Milchmann sagen, wir brauchen keine Milch für die nächsten drei Wochen.

Konnte sie das nicht gestern erledigen, immer das gleiche!

Kein Verlass auf sie!

Woran muss ich denn noch alles denken, wieso kann er nicht mitdenken?

Dieses vorangegangene Gespräch zwischen den Eheleuten resultiert daraus, dass einer der beiden Partner in ausgeprägterer Form in der menschlichen Elementarfähigkeit gestört ist, etwas in Angriff zu nehmen, d. h. Initiative zu entwickeln, Ziele ins Auge zu fassen, handlungsbereit und in planvoller Weise handlungsfähig zu sein. Das heißt, die Ehefrau ist nicht in der Lage, zu erkennen und zu erleben, was Priorität hat und in welcher zeitlichen Abfolge bestimmte Arbeiten in Angriff zu nehmen sind und fertiggestellt sein müssen. Was da gestört ist und was jeder Nicht - Messie zur Verfügung hat, werde ich zum Schluss darlegen.

Er:

(Aus der Küche) du kannst doch die Meyer nicht einfach so mit Aufträgen belasten.

Gleich werde ich wütend!

Was braucht er so lange?

Sie:

Warum denn nicht? Ich habe mich wirklich genug geplagt. Ich habe auch nur zwei Hände und zwei Füße. (Unterbricht sich einen Augenblick beim Nachziehen ihrer Lippen) Steck doch eben `mal das Bügeleisen ein. Ich muss noch schnell über meinen Kostümrock fahren.

Sie tut so als ob wir noch jede Menge Zeit haben, in welcher Realität lebt die eigentlich?

Ich komme immer zu kurz, wie ich aussehe scheint ihm egal zu sein, alter Chauvi!

Er:

(Energisch) Das wirst du nicht tun. Du wirst den Rock anziehen, wie er ist. Wir haben nur noch zwanzig Minuten Zeit.

Gleich reißt mir der Geduldsfaden!

Er denkt nur an sich!

Sie:

(Zieht einen Flunsch und steigt in den Rock.) Dann Knöpf mir `mal eben meine Bluse im Rücken zu, Liebling.

Ich habe gedacht, dass sie fertig ist wenn ich komme. Typisch!

Hauptsache, er hat ein gebügeltes Hemd an!

Wie erlebt der Ehemann den Fortgang dieser Szene? Hetze und Überstürzung zerstören die Urlaubsstimmung. Die Vorbereitung zum Urlaub, ganz gleich welcher Art, gehören zur Gesamtsituation dazu. Man sollte sich deshalb für die Vorbereitungen einen zeitlichen Spielraum einräumen. Der Mann stellt sich folgende Frage: Warum kann sie ihr doch offenkundig unzweckmäßiges Verhalten nicht korrigieren? Darauf folgt seine Einschätzung: Sie will dieses Verhalten gar nicht abstellen oder ändern. Sie ist vielmehr geradezu stolz darauf. Und ihr Stolz spricht nicht von Planlosigkeit und Schusseligkeit, sondern vom Improvisieren-Können, vom Erfassen des Augenblicks, von genialer Ader. Die anderen werden als kleinlich und pedantisch, als ungenial erlebt. Wozu planen? Ich lasse mich von der Situation inspirieren." - "Das belebende Spiel mit den Möglichkeiten möchte ich niemals aufgeben." - "Das muss man doch aus dem Augenblick heraus gestalten."

So wird aus voller Überzeugung argumentiert, wenn man den Versuch unternimmt, Messies zur Besinnung über ihre improvisierten Pannen und zu einem planvollen Verhalten zu bewegen.

Um das Abhetzen zu vermeiden, sollte man sich für die Vorbereitungen einen zeitlichen Spielraum einräumen. Z. B. braucht man erfahrungsgemäß eine Viertelstunde zum Baden und eine Viertelstunde zum Anziehen. So wäre es stressfreier, sich mindestens drei Viertelstunden vor Fahrtbeginn ins Badezimmer zu bequemen. So lässt man auch all den kleinen Zufälligkeiten Raum, den unvorhersehbaren, also das Bügeln des Rockes, das Zuköpfen der Bluse oder auch ein nicht anspringender Motor und nimmt ihnen ihre manchmal zur Verzweiflung treibende Tücke.

Aber hat die Ehefrau überhaupt die Möglichkeit, durch ein unbewusstes Erinnern, planvoll ihre Urlaubsvorbereitungen zu erfüllen?

Es ist häufig zu beobachten, dass Messies zwar voller Handlungsimpulse stecken, aber durch die Unfähigkeit zu gerichtet planvollem Vorgehen zum Scheitern bei der Erreichung ihrer Ziele verurteilt sind.

Er:

(An den Knöpfen nestelnd) Ausgerechnet eine Bluse mit wenigstens 40 Knöpfen im Rücken. Ich glaube, bei dir piept`s. Ich mach nur jeden fünften Knopf zu. Die Zeit reicht sowieso nicht. Nur noch fünfzehn Minuten, bis das Taxi kommt. Ich bin schon jetzt in Schweiß gebadet.

Es ist hoffnungslos und ich hatte mich so auf den Urlaub gefreut.

Warum beeilt er sich nicht, wenn wir keine Zeit mehr haben.

Sie:

(Schlägt sich auf den Mund.) Gebadet - o je, unser Badezeug. Das hängt noch vom letzten Sonntag her auf dem Speicher. Bitte geh und hol es schnell runter, ja?

Jetzt reicht es!!!

Ach, unser Badezeug, ich wusste, da war noch etwas, woran ich denken musste.

Er:

(Hält sich mit beiden Händen den Kopf und sieht aus, als ob er im nächsten Augenblick losjaulen möchte. Dann mit merkwürdig ruhiger Stimme) Ich nehme nicht an, dass es das letzte ist, was noch besorgt werden muss. (Guckt auf die Uhr) Es ist zehn vor eins. D i e s e r Zug fährt ohne uns. (Sinkt in einen Sessel) Vielleicht schaffen wir es bis morgen um diese Zeit.

Ich hätte große Lust, das nächste Mal alleine in Urlaub zu fahren, ohne Chaos!

Er hätte es eben besser planen sollen und nicht einfach mir die ganze Arbeit überlassen.

Die Ehefrau dieser Szene ist also ein Messie, wenn wir annehmen wollen, dass sie nicht nur dieses Mal, sondern überhaupt oft zu spät kommt oder gerade noch in letzter Minute Dinge erledigt. Ein Messie, ein Mensch, der nur unter äußerem Druck aktiv wird, der nur dann Initiative entfaltet, wenn die Umstände oder wenn andere ihn dazu drängen. Ein Mensch, der nicht automatisch - aus eigenem Antrieb - aktiv ist, sondern nur re-aktiv, auf fremden Antrieb hin. Ein Mensch, der nicht über die unbewusst ablaufende Hilfe des Erinnerns verfügt.

Ein Getriebener also und kein Handelnder.

Ein Messie, die gerne etwas aufschiebt, etwas Lästiges, das zur Erledigung drängt, aus dem Blickfeld und aus dem Gedächtnis schiebt. Wer das aber gewohnheitsmäßig tut und sogar schädliche Folgen in Kauf nimmt, für den lohnt sich vielleicht die Überlegung, wie es zu dieser Aufschub-"taktik" kommt.

 

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