WAS SIND MESSIES?

Messie - Sein bedeutet, unter dem massiven Problemen mit der Organisation der räumlichen Umgebung und Zeit zu leiden. Messie - ist ein Mensch, dessen Alltag von Unordnung, Durcheinander und Desorganisation bestimmt wird.

Das Chaos ist das Prägnanteste: Das innere Chaos, das sich nach außen zeigt. Es ist, als ob man blockiert und gelähmt auf einem Stuhl inmitten des Chaos sitzt und einfach nichts tun kann. Die Betroffenen leiden darunter, dass ihre Gedanken immer wieder um die Bewältigung der einfachsten täglich anfallenden Arbeiten kreisen und sie erleben oft eine Hoffnungslosigkeit, dieses Problem jemals in den Griff zu bekommen. Der Messie empfindet sein Leben als zerrissen, chaotisch, widersprüchlich und in hohem Maß frustrierend. Die große Scham verhindert notwendige soziale Kontakte und die Messies leiden unter der damit verbundenen Ausweglosigkeit.

Jeder Mensch verfügt von Natur aus über ein ausgeprägtes Organisationstalent, das aber aus verschiedenen Gründen im Laufe des Messie - Lebens verschüttet wurde. Diese Gründe liegen vor allem im psychologischen Bereich und haben ihre Wurzeln in der Kindheit.

Ich habe zwei Jahre mein eigenes Verhalten beobachtet und mir bewusst gemacht. Nachdem ich bei mir herausfand, was mich blockierte und lahm legte, begann ich Anfang 1997 eine kognitive Verhaltenstherapie und beendete diese im Juli des gleichen Jahres. Seit dieser Zeit bin ich kein aktiver Messie mehr. Ich empfinde mein Leben seit Juli 97 so total anders, so befreiend - ganz ohne den inneren Druck. Viele Menschen erkennen mich nicht wieder, so sehr verändert habe ich mich.

Zum ersten Mal erlebe ich, wie die Organisation des Haushalts normal, wie automatisch, abläuft. Früher habe ich dieses nur als Gewaltaktionen erlebt.

Zwei Jahre arbeite ich nun schon mit Messies, spreche mit ihnen und beobachte ihre Verhaltensweisen. Zu dem, was ich über mein eigenes Verhalten weiß und dem anderer Messies, muss ich sagen, dass die Verlaufsmuster bei allen gleich sind.

Damit meine ich, bestimmte innere Einstellungen führen bei Messies zu Desorganisation und Chaos.

Diese Annahme von mir mag im ersten Moment nicht plausibel sein, vor allen Dingen, wenn man bedenkt, wie vielschichtig die Probleme eines Messies sind, aber ich hoffe, dass man bei meinem Bericht erkennen kann, wie massiv bestimmte Dinge aufeinandergeschichtet werden. Zuerst möchte ich einige innere Probleme von Messies aufzählen, dann einige Denkhaltungen und danach einige Gedankenfehler:

INNERE PROBLEME

Messies fühlen sich zunehmend überfordert, oft reizbar, und sie haben Schwierigkeiten, sich zu entspannen. Sie leiden unter Konzentrationsstörungen, haben Denkblockaden und Depressionen, sie fühlen sich psychisch erschöpft, sie grübeln viel, haben Selbstzweifel und sie sind unsicher. Oft haben sie Angst vor Sozialkontakten, und mit dem Rückzug aus dem Bekanntenkreis beginnt die Isolation. Sie erleben ihr Selbstwertgefühl als geteilt: Im Beruf haben sie ein gutes Selbstwertgefühl, privat haben sie ein Minderwertigkeitsgefühl. Messies versuchen, sich überanzupassen oder sind überaktiv, sind energie- und hoffnungslos und ihnen macht ihre Lustlosigkeit und Arbeitsunlust stark zu schaffen.

Ich denke, das sind eine ganze Menge Schwierigkeiten und Probleme, aber das ist noch nicht alles: Messies können unter Umständen genau das Gegenteil davon empfinden, ausschlaggebend ist ihr derzeitiges Erleben und Wahrnehmen.

DENKHALTUNGEN

- Ich kann die Gefühle anderer (Mann, Kinder) durch mein Verhalten steuern.

- Ich bin sensibel und übernehme darum die Verantwortung für Probleme anderer.

- Ich muss perfekt sein.

- Ich kann mich nicht durchsetzen.

- Ich bin nicht in Ordnung, kann nichts , bin nichts wert.

- Ich kann mich gegen Konflikte nicht wehren.

- Es ist schrecklich, wenn andere erkennen, wie ich wirklich bin.

DENKFEHLER

- Wir verurteilen nicht nur unser Verhalten, sondern verurteilen uns als Mensch.

- Wir verlangen von uns hinterher, dass wir vorher hätten sehen müssen, was wir mit unserem           Verhalten anrichten.

- Wir machen uns für etwas verantwortlich, worüber wir nur wenig Kontrolle haben.

Beim Wiedererkennen der eigenen Verhaltensweisen bei anderen oder in Büchern empfindet man dieses als erleichternd, weil es ein Stück Selbstwertverlust verhindert und dem ununterbrochenen Selbstzweifeln Einhalt gebietet. Leider ist dieser Effekt nicht von Dauer, und so entsteht die Suche nach neuen Büchern und Erklärungen.

Messies versuchen oft, die täglichen Abläufe und Gegebenheiten ihren Bedürfnissen und Wünschen anzupassen. Wenn sich allerdings durch andere etwas verschiebt oder verändert, geraten sie schnell außer Kontrolle. Sie empfinden das als Ursache für das Nicht - Bewältigen - Können ihrer Aufgaben.

Messies sind den Veränderungen anscheinend hilflos ausgeliefert, ihnen fehlt die Sicherheit und das Vertrauen, sich auf äußere, nicht von ihnen beeinflussbare Ereignisse einstellen zu können. Es fehlt das Vertrauen, sich eigene Bedürfnisse bewusst machen zu können und die Sicherheit, sich diese zu erfüllen, und die Akzeptanz, wenn sie nicht erfüllt werden können.

Ihnen fehlt das Urvertauen zur Welt und zu sich selbst und den eigenen Fähigkeiten. Das Erleben von Unlust und Unsicherheit, nicht Warten können, schnell zu verzagen, scheinen tiefliegende Ängste vor Verlust von Zuneigung zu sein. Das Zweifeln am eigen Können und Wollen sowie die Scham über das vermeintliche und wirkliche Versagen bei ganz simplen Tätigkeiten im Haushalt kann zum Entstehen eines starken Leistungsdrucks führen.

Immer dann, wenn der Messie verzweifelt versucht, über sein äußeres Chaos die Kontrolle zu gewinnen, können unter anderem psychosomatischen Beschwerden (z.B. Gleichgewichtsstörungen, Hörsturz) oder auch Zwänge (Waschzwänge) entstehen.

Nur weil wir keine Aufmerksamkeit, Interesse und Akzeptanz erfahren haben, geben wir unseren eigenen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit? Ich denke, so einfach ist das nicht.

Eine große Rolle spielen eigene oder sich zu eigen gemachte Werte und innere Einstellungen. Man kann nicht einfach diese oder jene Einstellung verändern, weil hinter jeder Einstellung ganze Gedankenketten und Glaubenssätze stehen.

Erst eine veränderte Sichtweise dieser Gedanken und Glaubenssätze ermöglicht eine Änderung innerer Einstellungen.

Meiner Meinung nach kann dieses nur durch Offenheit gegenüber anderen und durch deren Reflektion von Verständnis und Akzeptanz aufgebrochen werden.

Unser Ziel ist es, Möglichkeiten für wissenschaftliche Forschung und Untersuchungen zu schaffen, und die gewonnenen Ergebnisse der Fachwelt zur Verfügung zu stellen. Seit kurzem gibt es zum Glück eine Wissenschaftlerin, Frau Dr. Gisela Steins von der Universität Bielefeld, die erste Forschungen zu diesem Phänomen leitet, deren Ergebnisse in der Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, Heft 3, 2000, veröffentlicht werden.

Da viele Betroffene sich unverstanden fühlen, habe ich mich entschlossen, meine eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse mitzuteilen. Immer wieder rufen mich "Messies" an, die mit Therapeuten schlechte Erfahrungen gemacht haben. Es handelt sich nicht um gravierende Fehler, sondern nur um einfaches Nicht-Verstehen der besonderen Problematik eines Messies. So ist sogar schon vorgekommen, dass eine Betroffene aus-gelacht wurde, als sie ihrem Therapeuten sagte, sie sei Messie. Wegen der besonderen Schwierigkeit, mit notwendigen Arbeiten nicht anfangen zu können, kommt es oft vor, dass Therapeuten den gutgemeinten Rat geben, "nur" eine Stunde am Tag etwas zu machen. Sie müssen sich vorstellen, da kommt ein Patient zum Therapeuten und der Patient klagt darüber, dass er sich wie blockiert oder wie gelähmt fühle, wenn er mit Arbeiten beginnen will. Wenn der Patient nun die Aufforderung bekommt, wenigstens drei Dinge zu erledigen, wird der Patient es so verstehen, dass seine Blockaden oder Lähmungen eingebildete sind und nicht existieren. Damit fehlen zwei wichtige Voraussetzungen für eine Therapie: Die Akzeptanz für und das Interesse an dem Messie und seinem alltäglichen Erleben. Offensichtlich sind diese beiden Faktoren das Wichtigste überhaupt für einen Messie und auch die Grundlage für Veränderungen in seinem Erleben. Dadurch wird auch der therapeutische Weg sehr deutlich: Der Messie braucht den Therapeuten "nur" als einen akzeptierenden und interessierten Begleiter.

©Marianne Bönigk-Schulz vom Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms (FEM) e.V.

 

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