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Presse - Informationen: 

Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms e.V.

 Bundesgeschäftsstelle für die Messie-Selbsthilfegruppen und Angehörigen-Selbsthilfegruppen Deutschland

Kontakt:

 

Geschäftsstelle:

FEM e.V.

Tegerstr. 15

32825 Blomberg

Tel.: 05236-888795

Faxabruf: 05236-888796

E-Mail:

Homepage: http://www.femmessies.de  http://www.messie-selbsthilfe.de 

 

I n h a l t s v e r z e i c h n i s :

1.     Krankheit oder Chaos? 

2.     Über eine Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen 

3.     An einer Handlungsblockade leiden 

4.     Gefangen in dem Planen von Handlungen 

5.     Isolation, Uneinsichtigkeit und antisoziales Verhalten 

6.     Primäre Symptome 

7.     Comeback ins normale Leben - ohne Handlungslähmung 

8.     Was kann helfen? 

9.     Können Medikamente helfen? 

10. Welche Therapie wirklich wirkt 

11. Wie das Messie-Syndrom entsteht 

12. Die inoffizielle Diagnosekriterien 

13. Info zum Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms 

14. Ein Angebot für Betroffene... 

15. Kontaktmöglichkeiten 

Krankheit oder Chaos?

Um es gleich deutlich zu sagen, das Messie-Syndrom darf nicht mit dem „Vermüllungssyndrom“ und dem „Verwahrlosungssyndrom“ gleichgesetzt werden. Denn Vermüllung und Verwahrlosung sind ein Symptom, das bei den unterschiedlichsten psychischen Erkrankungen als eine Begleiterstörung auftauchen kann, aber nicht zwangsläufig auftauchen muss. Menschen, die eine Suchtproblematik haben, die psychotisch sind, die depressiv sind, die Messie sind oder auch bei Personen mit eine Demenz, kann es zu solchen Erscheinungsbildern, Vermüllung und Verwahrlosung der Wohnung und der eigenen Person, kommen. Die Zuordnung "Vermüllung gleich Messie" ist also falsch - auch wenn das durch eine so renommierte und psychologisch kompetente Gesellschaft wie die DGZ so dargestellt wird, zeichnen sich die Betroffenen „Messies“ keineswegs durch Sammelzwänge oder Wohnungsverwahrlosung aus.

Jeder Mensch verfügt von Natur aus über eine Fähigkeit zur Selbstorganisation, die dann das charakteristische Organisationstalent in Raum und Zeit dieses Menschen bildet. Doch bis es soweit ist, können Menschen auch sehr chaotische Phasen im Leben erleben, wo alles drunter und drüber geht. Dieses können ganz normale Entwicklungsprozesse sein, die sich oft nicht vermeiden lassen und die auch nicht mit Zwang und Strenge zu lösen sind.

Jedoch wenn die Menschen den Entwicklungsprozess zum Erwachsenwerden abgeschlossen haben, verfügen sie über Autonomie und somit über ein stabiles „Selbst“. Das „Selbst“, das so wichtige Dinge enthält wie: Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl, Selbstakzeptanz, Selbstentscheidungsfähigkeit und den eigenen Willen, ist in der Lage, Handlungen zu initiieren.

Der Wille und das stabile Selbst ermöglichen dem Menschen nicht nur ein gezieltes Handeln sondern auch ein gewohnheitsmäßiges Handeln - auf der automatischen und wenig bewussten Ebene des Handelns - also Routinetätigkeiten auszuführen. Und genau diese Funktion ist bei den Menschen mit dem Messie-Syndrom gestört.

Jeder kann sich vorstellen, wie schwierig es werden kann, wenn man z.B. nicht automatisch die wichtige Post von unwichtigen Postwurfsendungen trennen und entsprechend wegwerfen kann... oder wenn etwas herunterfällt und man sich nicht automatisch bücken und es aufheben kann. Ganz schnell entsteht das Gefühl „dass sich alles gegen einen verschworen hat“ und somit fühlen die Menschen sich überfordert und hilflos. Über kurz oder lang kommt es dabei zu einer chronischen Desorganisation.

Jahrelanges belastendes Erleben des Nichts-Ändern-Könnens und immer wieder erfolglose eigene Bemühungen oder Therapien sind die Zeichen einer chronischen Entwicklung. Viele Messies haben das Gefühl der Aussichtslosigkeit: Es lohnt sich gar nicht erst, hart für eine ordentliche Wohnung zu arbeiten, da sie dieses Ziel sowieso niemals erreichen werden. Die Enttäuschung über sich selbst spielt eine Rolle, aber viel gravierender ist das lähmende Gefühl der Vergeblichkeit.

M. Bönigk-Schulz „Das Messie-Syndrom Plädoyer für eine Blickwendung“ 2002

Über eine Millionen Menschen in Deutschland sind betroffen

In Deutschland leben nach Einschätzung von Betroffenen über eine Millionen Menschen mit massiven Problemen mit der Organisation von Zeit und räumliche Umgebung. Die Häufigkeit dieser Störung ist jedoch von Sandra Felton (Autorin der Ratgeberbücher für Menschen im Chaos) überschätzt worden. Sie nahm an, dass 15 % der Bevölkerung in den USA vom Messie-Syndrom betroffen sind.

Jedoch wird diese Störung von Therapeuten zur Zeit immer noch unterschätzt. Betroffen sind nicht nur Frauen, sondern etwa gleichermaßen auch Männer. Nach Beobachtungen des FEM e.V. haben Frauen häufiger unter Desorganisation zu leiden und das „Hortenmüssen“ kann später als Problematik hinzukommen. Bei den Männern scheint die Problematik mit dem „Sammeln und Hortenmüssen“ zu beginnen und die Desorganisationsprobleme erst zu einem späteren Zeitpunkt ins Bewusstsein zu kommen.

Viele Betroffene berichten, dass sie bereits in ihrer Kindheit Messie waren; doch nach unserer Meinung hat diese Störung erst nach dem 30ten Lebensjahr den Charakter einer Erkrankung, da die Menschen auch nach langjährigem Erleben sich nicht daraus mit eigenem Bewältigungssystem befreien können.

An einer Handlungsblockade leiden

Betroffene sagen:

„Jede Kleinigkeit verlangt von mir eine riesige Anstrengung, obwohl ich mich doch zusammennehmen möchte. Ich schäme mich vor meinem Mann, der doch Verständnis für mich hat. Ich kann es einfach nicht. Ein Geschirrtuch in die Hand nehmen? Schon das geht über meine Kräfte. Ich soll kochen und möchte es auch gern tun. Aber auch das kann ich nicht. 

Hunderte von kleinen Gedanken beschäftigen mich, ohne dass ich sie in Zusammenhang bringen kann. Ich lasse alles laufen, und mir ist dabei todlangweilig ... Irgendwann lasse ich alles fallen und ergreife unter irgendeinem Vorwand die Flucht.“

Die Beziehungen zu anderen Menschen sind verkrampfte, spannungsgeladene und hoch ängstliche Beziehungen. Die Möglichkeit, aus gemachten Erfahrung zu lernen, ist oftmals in Stresssituationen gehemmt und so sind Befindlichkeiten nicht nachhaltig zu verändern, sodass diese Starrheit von der Wirklichkeit weg in eine emotionale Unstabilität und zu einer ganz bestimmten Geisteshaltung und zu verdrehten Wertvorstellungen führt, die dann mit anderen Menschen nichts gemein haben müssen. Die Personen sind sich zeitweilig der Unsinnigkeit ihres Denken und Handeln bewusst.

Dieser Verfall der persönlichen Wertvorstellungen bedeutet, eine Beziehung mit sich selbst zu führen. Und je weiter sich Wahrnehmung und Verhalten von der Realität entfernen, desto stärker werden die Denkprozesse beeinträchtigt. Solche gestörten Denkprozesse basieren auf falschen Vermutungen, Verwirrung, Verzerrung, Rechtfertigung, Illusion - und sie führen noch weiter von der Wahrheit weg.

So werden diese Menschen mit der Zeit zunehmend selbstbezogen, isoliert, ängstlich, verwirrt, gefühllos, dualistisch, kontrollierend, perfektionistisch, unehrlicher zu sich selbst, tadelnd und dysfunktional. Die Folgen sind dann oft ein Verlust des Selbstwertgefühls und Depressionen. Kurz, sie können ihr Leben immer weniger meistern.

Das Gefühl des Versagens, den Verlust nicht zu verarbeiten, wird somit gemindert. Gleichzeitig wird festgestellt, dass die Betroffenen die Fähigkeit verlieren, Brauchbares von Unbrauchbarem zu unterscheiden. Der Prozess verselbständigt sich und es kommt ein jahrelanger Verlauf in Gang.

Renate Pastenaci Dokumentation der 1.Fachtagung des FEM e.V.: „Das Vermüllungssyndrom“, 2000

Messies nehmen das Chaos oft gar nicht mehr wahr. Nur selten suchen sie Hilfe von außen. Sie leben innerhalb ihres Systems, und es gelingt ihnen so gut, sich vor dem Chaos zu verstecken, dass sie es selbst nicht mehr spüren. In solchen Fällen reagiert dann eher die Umwelt. Das Chaos wird offenbar, wenn ein Mitglied der Familie oder des Umfeldes spürt, dass etwas nicht mehr stimmt, und dem Betroffenen eine Therapie oder Änderung des Verhaltens nahe legt.

Gefangen in dem Planen von Handlungen

Die Einstellungen zu den Dingen und die Wertigkeit dieser Glaubenssätze betrachten die Betroffenen oft als eine Art persönlicher Verpflichtung. In dieser Phase empfinden sie ihre Symptome nicht als belastend, sondern im Gegenteil als selbstwertsteigernd: sie empfinden sich dann als kreativ, als Bewahrer von Werten, als etwas Besonderes und herausgehoben vom profanen Denken der Durchschnittsbevölkerung. Doch damit beginnen die Beeinträchtigungen und die Menschen können nicht verstehen, dass aus diesem hehren Ziel sich ein solches Dilemma entwickelt.

Erstaunlicherweise hatte ich die ganze Sache dann trotz des anfänglichen Enthusiasmus für einige Tage vergessen - bis meine Frau das Durcheinander entdeckte. „Hast Du den ganzen Müll hier liegen lassen?“ Jetzt erst erinnerte ich mich. „Ja, aber das ist kein Abfall. Wirf es nicht weg. Ich möchte nachher weitermachen“ berichtet ein Betroffener.

M. Bönigk-Schulz „Das Messie-Syndrom Plädoyer für eine Blickwendung“ 2002

Ein solches Erleben kostet viel Energie und führt allzu häufig zu einer totalen Erschöpfung. Dadurch fühlen sich die Betroffenen immer weniger in der Lage, ihren Alltag bewältigen zu können und sind deswegen oft niedergeschlagen und hoffnungslos. Zudem vermeiden diese Menschen die Auseinandersetzungen in ihrem sozialen Umfeld, damit die selbstwertsteigenden Gedanken und Einstellungen erhalten bleiben und von anderen Menschen nicht hinterfragt werden können. Durch diese soziale Isolierung erhalten die eigenen Wertvorstellungen einen nicht an der Realität messbaren Sinn und erfüllen damit eine Lebenssinn gebende Funktion.

Durch das immer wiederkehrende Nachdenken über das, was man erreichen möchte und über das, was an möglichen Reaktionen auf die Einflüsse der Umgebung gedanklich als Absicherung benötigt wird, vermittelt sich das Gefühl, dass man richtig denkt und alles in Ordnung ist. Doch diese Gefühl „dass alles in Ordnung ist“ stellt sich bei der Auseinandersetzung oder bei einem Gespräch mit anderen Meinungen nicht ein.

Fatalerweise wird deswegen eine Scheinharmonie erwünscht, jedoch wird es dadurch immer schwerer ein Gefühl von Sicherheit und sozialer Kompetenz zu erlangen. Belastend kommt hinzu, dass viele dieser Menschen ohnehin übersensibel gegenüber konfliktbehafteten und ängstigenden Situationen sind.

Isolation, Uneinsichtigkeit und antisoziales Verhalten

Ein Nichts zu sein, das kann kein Mensch ertragen und muss doch damit leben. „Ich weiß nicht mehr, wohin ich gehöre und kann mich nirgends festhalten...” Zu tief sitzt das Misstrauen, verraten, ausgebeutet, erpresst zu werden, zu tief die Angst, sich an Gefühle zu verlieren, wehrlos, in Leid verloren. Diese neue Art von Abwehr-Syndrom zeigt, dass aus Angst vor Bindung sich jeder engeren Beziehung mit anderen Menschen verweigert wird. Im Spannungsfeld zwischen den widersprüchlichen Bedürfnissen nach dauerhafter Bindung und eigener Ungebundenheit sitzt die Angst am Schalthebel der Selbstorganisation und entlädt sich vorzugsweise aggressiv und abweisend.

Insbesondere in einem Punkt leidet die bald vierzigjährige Angelika unter einer extremen Empfindlichkeit: Sie ist unfähig, sich selbst zu verteidigen, und ebenso unfähig, verbal auszudrücken, was sie von anderen erwartet. Hat sie das Gefühl, sie würde geringschätzig behandelt, zieht sie sich in ein mit Dynamit geladenes Schweigen zurück.

Sie ist außerordentlich ängstlich und würde nie wagen, die Szenen, die sich in solchen Augenblicken vor ihrem inneren Auge abspielen, auszuleben. So entsteht ein indifferentes Verhalten zu Menschen, von denen sie sich ungerecht behandelt fühlt; sie sind einfach nicht für sie anwesend. Es fehlen Möglichkeiten, eigene Gefühle auszudrücken.

Anderen erscheint ihre Mimik oft als maskenhaft, starr und bizarr. Sie fühlt sich unfähig, Neues zu erkunden oder zu tun. Stattdessen verharrt sie in Untätigkeit und in Ablehnung der Kontakte zu anderen. Aus dem zwanghaften Schweigen und der Unfähigkeit, sich direkt und offen auseinander zu setzen, entspringt eine feindselige Haltung. Es wächst die Versuchung, den anderen versteckt anzugreifen, unauffällig abzuwerten und zu hintergehen, indirekt zu verdächtigen und mit Hinterlist auszutricksen.

Um die eigene Person aufzuwerten, stiftet Angelika Beunruhigung und Misstrauen zwischen anderen, zwischen Freunden oder Gemeinschaften: sie intrigiert. Solange Angelika sich nicht angemessen verteidigen kann und ihre Gefühle in abruptem Schweigen verschließen muss, ist sie auf solche kompensatorischen Verhaltensweisen angewiesen. Solche Menschen wissen sich nicht anders zu wehren und zu helfen, als ihre Ziele und Zwecke hintenherum erreichen zu wollen - was ihnen tragischerweise den Verlust jeglichen Vertrauens einbringt.

M. Bönigk-Schulz „Das Messie-Syndrom Plädoyer für eine Blickwendung“ 2002

Angelika, die in ihrem alten, nicht mehr angepassten System beharrt, bleibt damit unflexibel und unsensibel anderen Menschen gegenüber. Sie verweigert ihre eigene Anpassung und zwingt auf diese Weise ihre Umgebung zur Anpassung und Bewältigung dieser Situationen. 

So kommt es nicht selten vor, dass wir in einer Familie auf jemanden stoßen, der besonders starr, uneinsichtig und unflexibel ist. In diesem Fall wird das Problem des Auffindens einer neuen Strategie unweigerlich auf ein anderes Familienmitglied übertragen, das dann gegebenenfalls darunter leidet.

Primäre Symptome

Die Desorganisation ist eine sekundäre Auswirkung tiefverankerter Probleme und an zentraler Stelle stehen bei dem Messie-Syndrom folgende Symptome:

*               Die Störung der Aufmerksamkeitsorganisation:

Da, wo eine breite Aufmerksamkeit angebracht ist, wird dieser Mensch eine fokussierte Aufmerksamkeit haben  und umgekehrt. Was zu einer hohen Ablenkbarkeit auch bei Routinetätigkeiten führt kann.

*              Gespräche in einem Raum mit mehren Menschen: 

dabei benötigt der Mensch eine fokussierte Aufmerksamkeit, um die Nebengeräusche auszublenden und nicht störend zu erleben.

*              Die Störung der Gedächtnisorganisation:

    Schwierigkeiten beim Erinnern des Erlernten, des Wissens und Erlebten.

    Abrufschwierigkeiten aus dem Arbeits-, Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis.

*              Die Störung der Selbstorganisation:

    Unzureichendes Zusammenspiel von Bedürfnissen, Planen und Handlungen

    Gestörte Regulierung von Affekten

Gestörte Selbst-Wahrnehmung: „Was ist mein Wille und was ist der Wille des anderen... was möchte ich und was der andere... was tue ich und was der andere... usw.?“

    Gestörte Partnerwahrnehmung der Mimik und Gestik und des Sprechens

*              Die Störung des Bio-Rhythmus

    Tag-Nacht-Rhythmus

    Arbeits-Erholungs-Rhythmus

    Essens-Rhythmus

*           Extrem verlangsamte (oder extrem schnelle) motorische, emotionale und verbale Impulsivität

Hier kann man sagen, dass bei Menschen mit dem Messie-Syndrom die exekutive Funktion beeinträchtigt ist.

Solche Verhaltensauffälligkeiten kommen natürlich auch bei anderen Menschen vor, die sich nicht als „Messies“ bezeichnen würden. Das Spezifische beim Messie-Syndrom ist, dass die primären Symptome zu einem Verhalten führen, das die Betroffenen überhaupt nicht wollen und trotzdem daran festhalten. Die primären Symptome bestimmen, mit unterschiedlich ausgeprägten Anteilen, in ihrer Kombination ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster und führen somit zu Problemen.

Um die Grundstörung, an der Messies leiden, in den Blick zu bekommen, ist eine grundsätzliche Blickwendung, weg von Handlungsabläufen, nötig. In meinen Augen lässt sich die Problematik, die dem Messie-Syndrom zugrunde liegt, im Wesentlichen auf vier Kernpunkte zurückführen:

Messies sind dadurch gekennzeichnet,

dass sie sich über einen langen Zeitraum blockiert und gehemmt fühlen,

dass sie vorgefassten Ideen verhaftet bleiben,

dass sie in einmal gelernten Gedanken und Reaktionen festgefahren sind,

dass sie keinen Anfang und kein Ende kennen.

Dieses Erleben bringt automatisch Handlungsschwierigkeiten mit sich. Man hat das Gefühl, dass die Energie nicht ausreicht, um ganz normale Arbeiten zu verrichten. Situationen, die ein Handeln erfordern, schrecken ab und werden vermieden. Das betrifft Menschen, die sich selbst als „Messies“ bezeichnen, in besonders schwerem Ausmaß und mit oft tragischen Folgen. Sie haben größere Schwierigkeiten als andere mit dem Sortieren und mit der organisatorischen, planerischen und zeitlichen Einschätzung von Handlungen, die eigentlich Routinetätigkeiten sein sollten.

Diese Unzulänglichkeit macht sich vor allem beim Umsetzen von Gedanken in Handlungen bemerkbar. Messies planen, etwas zu tun; der Wunsch oder die Idee kann sehr stark sein. Dann kommt eine andere Idee oder ein anderer Wunsch und noch einer ... - doch die Verwirklichung bleibt aus. „Dieses mache ich später ... Jenes mache ich morgen ...“ Weder später noch morgen werden die Ideen in Handlungen umgesetzt. Stattdessen kommt es immer nur zu begrenzten, zusammenhanglosen Handlungen, die Konzentrationsstörungen und schließlich eine dauernde Handlungsunfähigkeit nach sich ziehen. Im tragischen Endzustand wird jede Tätigkeit unmöglich.

Comeback ins normale Leben - ohne Handlungsstörung

Das Messie-Syndrom hat einen chronischen Verlauf, die Fokussierung auf handlungsrelevante Aspekte trägt ein gerütteltes Maß dazu bei, dass diese Behinderung nicht einfach verschwindet. Von daher ist eine therapeutische Intervention unbedingt erforderlich, wenn... ja wenn Therapeuten mit dieser Störungsart umgehen könnten. Nach unseren Beobachtungen tun sich die Experten des menschlichen Erlebens besonders schwer damit, als Weichensteller zu fungieren, um die Menschen auf bessere und bewältigbare Schienen zu geleiten.

Die Defizite auf den unterschiedlichsten Ebenen scheinen die Therapeuten wirklich zu überfordern. Hier helfen dann am besten die Selbsthilfegruppen der Messies, in denen die Betroffenen erst einmal die Spirale der Einsamkeit unterbrechen und danach, durch soziale Interaktionen in der Gruppe, viel über Kommunikation, Abgrenzung und Verantwortlich-Sein lernen. Mittelfristig können die Menschen ihren Stress zurückschrauben, um ein weniger bedrückendes Erleben zu haben. Die vollständige Fähigkeit, gewohnheitsmäßige Handlungen automatisch auszuführen, erreichen nur wenige dieser Menschen. Doch dass es möglich ist, bestätigen mir hier und da Betroffene aus den Selbsthilfegruppen, die befreit sagen können: „Marianne, es geht wirklich automatisch!“ oder „Es geht jetzt ganz leicht!“

Ein Betroffener hat mir berichtet, dass er sich schon 30 Jahre in therapeutischer Behandlung befindet und das immer noch keine Veränderung für ihn spürbar ist. 

Eine Frau hat erzählt, dass sie schon 5 Jahre bei einem Therapeuten in Behandlung ist und noch kein einziges Mal von ihrer Handlungsblockade und Handlungs-Lähmung dem Therapeut berichtet hat.

Was kann helfen?

Helfen kann: wenn der vom Messie-Syndrom betroffene Mensch alles hinterfragen oder in Frage stellen kann, was ihn steuert: also die Einstellungen, die Denkgewohnheiten, die Reaktionsgewohnheiten, Verhaltensgewohnheiten und die sozialen Interaktionen.

Zur Veränderung ist der Mensch auf andere Menschen angewiesen, die ihm eine offene Rückmeldung geben können, damit er seine Denkmuster auf irreale Inhalte oder Realität überprüfen kann; ganz nach dem Haltungs-Muster: „sichere Mutter-Kind Bindung.“ Damit wird der erste Bewusstmachungsprozess in Gang gesetzt und die Menschen benötigen jetzt die Interaktionen, die in der Pubertät eine vergleichbare Funktion haben und dazu beitragen, dass Scham, Freude, Beschämung, Geltung, Abgrenzung, Verantwortung, Ärger usw. ins rechte Lot gebracht werden. Wieder sind für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit die Mitmenschen notwendig, die interessiert, offen und in Verbundenheit zu den Betroffenen stehen.

Angemerkt sei hier, dass Erziehungsversuche, unter Druck setzen, Disziplinierungsmaßnahmen bei den betroffenen Menschen, die sich als Messie bezeichnen, zu Hilflosigkeit, Feindseligkeit und zur Abwendung/Isolierung führen.

Können Medikamente helfen?

Nein! Wenn wegen dieser Störung eine Therapie begonnen wird, ist es erheblich wirksamer, die psychologische, die biographische und die biologische Seite dieser Störung in ihrem Zusammenwirken zu behandeln, als nur auf Medikamente zu setzen.

Eine medikamentöse Behandlung ist nur in einer akuten und dramatischen Krise vertretbar oder wenn nach erfolglosen Therapieversuchen neue Therapieanläufe keinen Sinn machen. Wenn ein Symptom durch psychische Probleme verursacht wurde, wird ein Medikament es nicht beseitigen.

Welche Therapie wirkt

Jene Therapien, die erzieherisch, verhaltensorientiert, despektierlich, respektlos und professionellorientiert verlaufen, sind contraindiziert und verletzend. Besonders schwierig sind Therapien, die genetische, vererbbare oder anlagebedingte Störung hinter Verhaltensweisen vermuten, die nicht leicht erklärbar oder paradox sind.

Grundvoraussetzung für eine gute Therapie ist eine offene vertrauensvolle Beziehung zwischen dem Betroffenen und der Therapeutin bzw. dem Therapeuten. Eine gute Therapie hält die positiven Kräfte und Fähigkeiten für wichtiger als die Defizite und Schwächen des Menschen. Hier werden die Selbstheilungskräfte, die in jedem Menschen stecken, gefördert und die schwierigen und belastenden Aspekte dieses Erlebens durch eine realistische Beurteilung und Wahrnehmung durch den Therapeuten angesprochen und/oder beantwortet.

Wie das Messie-Syndrom entsteht

Lern- und lebensgeschichtliche Faktoren scheinen bei der Entstehung dieser Störung eine gewichtige Rolle zu spielen. Doch wir müssen vorsichtig damit sein, nur das Erlernte und Erlebte als Ursache zu sehen. Wir dürfen die Präferenzen der Betroffen nicht außer Acht lassen, denn nur das Zusammenwirken und die Verkettung vom Erlebten und dem Gelebten scheint die primäre Ursache für diese Störung zu sein.

Störungen im Erleben hängen im Wesentlichen mit Entwicklungsdefiziten innerhalb der ersten zwei bis drei Lebensjahre zusammen. Werden Kinder verlassen oder erleben sie eine Verlassenheit oder emotionale Ungebundenheit, wenn sie klein sind, dann hat das weitreichende Folgen, denn das unverarbeitete Trennungserlebnis sowie seelisches Verlassenwerden kann für das Kind traumatische Auswirkungen haben.

Fehlt dem Kind die Erfahrung, sich angenommen und geliebt zu fühlen, wird es darauf mit einer Störung des Verbundenheitsgefühls und Selbstwertgefühls reagieren. Diese Erfahrung hinterlässt in dem Menschen, der heranwächst, viele negative Spuren, und was wohl am Bedeutsamsten ist, es ermöglicht nicht, dass ein Urvertrauen in sich selbst aufgebaut wird.

Das bedeutet ein Leben ohne Selbstvertrauen, unter massiven Existenzängsten und sich permanent den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu fühlen. Menschen mit einem mangelnden Selbstvertrauen erleben ihre Umwelt als bedrohlich und andere Menschen eher als Gegner denn als Partner und Freunde. Sie fühlen sich nicht wirklich sicher, da sie als Kind gelernt haben, dass sie sich nicht vollständig auf ihre Umgebung verlassen können.

„Das ist eine schwere Hypothek, und doch glaube ich, dass die unterschiedlichen Ausstattungen, mit denen die Kinder auf die Welt kommen, sie auf irgendeine Art befähigen können, mit diesen Lebensanforderungen umzugehen. Ich meine, dass viele Probleme und Krisen den Sinn haben, sich selbst zu entdecken, sich selbst zu verstehen. Das Ich kann sich aber nicht nur erkennen, es kann sich auch wandeln und entwickeln.“

Die inoffizielle Diagnosekriterien

Oft erleben Betroffene, die den Weg zu Psychologen, Psychotherapeuten, Psychiatern oder Neurologen suchen, bei den Fachleuten mangelhafte Einfühlsamkeit in die spezielle Problematik, fehlendes Verständnis und ein falsches Bewusstsein für den Zusammenhang äußerer Organisationsprobleme mit den dazugehörigen Gefühlen und Empfindungen.

Für die Diagnose Messie-Syndrom müssen die Betroffenen die Phase des Erwachsen-Seins erreicht haben, also ca. 30 Jahre  alt sein und unter Handlungsblockaden leiden, die allerdings anfänglich nur in dem eigenen Bereich (Zimmer, Wohnung) existieren. Die Handlungen sind desorganisiert und nicht zweckgerichtet, unkoordiniert und erreichen oft nicht das gewollte Vorhaben.

Anders als bei den Menschen, die auf Grund einer anderen Grunderkrankung Antriebstörungen oder Handlungsblockaden erleben, können die Menschen mit dem Messie-Syndrom bei anderen Personen jede Tätigkeit ohne erlebbaren Schwierigkeiten (wie oben beschrieben) ausführen.

Die Betroffenen haben eine starke eingeschränkte Wahrnehmung von tatsächlichen Gegebenheiten. Ihr Urteilsvermögen, ihre Entschusskraft und die Entscheidungsfähigkeit ist in Stresssituationen und in den eigenen vier Wänden stark eingeschränkt, ganz im Gegensatz dazu, ist es im außerhäuslichen Bereich, der zumindestens eine geraume Zeit ohne diese Störung bleibt.

Die Menschen reagieren im sozialen Kontakt dann „stereotypisch“, wenn für sie existenzielle oder emotionale Bereiche angesprochen werden.

Die Handlungen und das Verhalten dieser Menschen stehen oft im krassen Gegensatz zu dem Bild, was sie den anderen Menschen vermitteln.

In den eigenen vier Wänden verfügen diese Menschen nicht mehr über die Fähigkeit, sich gegen Eingriffe und Übergriffe von anderen Menschen zu erwehren. Ihnen kommt der eigene Wille abhanden und andere Menschen können sie in dieser Situation leicht manipulieren und dirigieren.

Die Reaktionen auf Gefühlserregungen können in bestimmten Situationen, zum Beispiel bei Stress, der willentlichen Kontrolle entzogen sein. Sie sind oft nicht angemessen (entweder zu intensiv oder unangemessen verhalten) und verursachen Schuldgefühle, Hilflosigkeit und ein „darüber Nachdenken müssen“.

Diese Personengruppe ist extrem beeinflussbar und verliert leicht die Selbstbestimmtheit, auch dann, wenn andere Menschen sie für durchsetzungsfähig und autonom halten und auch so wahrnehmen ganz im Gegensatz zu nahen Personen, wie Kinder oder Partner, die keinerlei Einflussmöglichkeiten haben und eher auf starre Distanziertheit stoßen.

Messie-Sein bedeutet für die handlungsblockierten Menschen, unter massiven Problemen mit der Organisation von Zeit und der räumlichen Umgebung zu leiden. In zahlreichen Fällen kann diese Desorganisation gesteigert sein durch das Horten wertloser Gegenstände mit einer Unfähigkeit, Brauchbares und Unbrauchbares, Wichtiges und Unwichtiges zu unterscheiden.

Der Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms e.V.

Der Verein wurde im Dezember 1998 als gemeinnütziger Verein unter einem anderen Namen gegründet, unter dem Namen „Anonyme Messies Deutschland“. Die Intension dazu, entstand in unserer Messie-Selbsthilfegruppe, als wir in einigen Bereichen bemerkten, dass ein Verlag versuchte, die Selbsthilfegruppen zu beeinflussen und für ihre wirtschaftlichen Interessen zu benutzen. Der Schutz der Messie - Selbsthilfegruppen vor Vermarktung stand also im Vordergrund.

Der Vereinsnamen wurde geändert in „Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms“. Der FEM e. V. ist vom Finanzamt 1999 als mildtätig anerkannt worden.

Mitte 1998 hat die jetzige Vorsitzende des Vereins, Marianne Bönigk-Schulz, den ersten Fragebogen entwickelt. Anlässlich drei überregionaler Veranstaltungen für Messies sollte eine erste Befragung von Messies stattfinden. Das Besondere ist, dass wir somit als Betroffen zu Experten in eigener Sache geworden sind.

Wir wollen mit der Arbeit im Verein in erster Linie deutlich machen, dass es bei Messies nicht nur um Desorganisation und Horten geht, sondern es müssen die Handlungsblockaden mit der dazugehörigen inneren Dynamik beachtet werden. Darüber hinaus ist auch das soziale Verhalten dieser Personen anderen Menschen gegenüber in einem Zusammenhang mit diesem inneren Störungsmuster zu sehen.

Die Hauptaufgabe sieht der FEM e. V. darin, über die Zusammenhänge dieser Störung zu informieren (Betroffenen, Angehörigen, Behörden, Therapeuten usw.) und dass eine sinnvolle und hilfreiche Selbsthilfegruppenarbeit den betroffenen Menschen nahe gebracht und auch Selbsthilfegruppen für Angehörige angeregt werden. Der FEM e.V. ist als Bundesgeschäftsstelle der Messie-Selbsthilfegruppen Deutschland eine hilfreiche Anlaufstelle, bei der Betroffene sich Rat und Unterstützung holen können (z.B.: bei Behördenwillkür, Mietauseinandersetzung u.s.w.) und immer ein qualifizierter Gesprächspartner zu erreichen ist.

Die Geschäftsstelle informiert Betroffene über Selbsthilfegruppen in ihrer Nähe, klärt über geeignete Therapien auf und versucht bei den konfliktreichen Alltagsproblemen zu helfen.

Wir sind dabei, eine Adressdatei für qualifizierte Therapeuten aus dem gesamten Bundesgebiet zu erstellen. Und wir versuchen den Therapeuten die Erkenntnisse aus den neuesten wissenschaftlichen Forschungen Nahezubringen, indem wir jedes Jahr eine Fachtagung für alle Personengruppen, die mit dieser Störungsart zu tun haben, durchführen.

Bei diesen Fachtagungen soll ein möglichst breites Spektrum der offenen Fragen abgedeckt werden, z.B. Fragen von Behörden, von Therapeuten, von Angehörigen und natürlich auch die vielen Fragen von Betroffenen, die oftmals nicht verstehen, was mit ihnen passiert.

Ein Angebot für Betroffene und Selbsthilfegruppen

In den einzelnen Bundesländern werden sogenannte "Arbeitstagungen" initiiert, und zwar ausschließlich für die Betroffenen (Messies), die in Selbsthilfegruppen gehen und auch für solche, die nicht in eine Gruppe gehen können. Ziel dieser Arbeitstagungen ist es, den Gruppen deutlich zu machen, welches Potential in den Selbsthilfegruppen vorhanden ist und dass man in den Selbsthilfegruppen soziale Kompetenz erwerben kann. Ein weiteres Ziel ist, dass die Gruppen autonom sind und mit einem gewissen Selbstverständnis diese gruppeninternen Abläufe der Arbeitstagung für sich nutzen können.

Dieses Jahr (2004)  haben wir das Angebot einer Arbeitstagung auch auf Messie-Angehörige ausgedehnt und werden da sicherlich sinnvolle Konzepte der besonderen Problematik von Angehörigen entwickeln können, die wir dann in schriftlicher Form anderen zugänglich machen können. Jetzt entstehen auch die ersten Selbsthilfegruppen für Angehörige, was wir tatkräftig unterstützen.

Wir unterstützen in folgenden Punkten:

1.      Vermittlung von Selbsthilfegruppen für Betroffene in deren Nähe

2.      Hilfestellung bei Neugründungen von Selbsthilfegruppen

3.      Telefonische Beratung

4.      Fachinformation

5.      Organisation von Tel.-Nr. für Erfahrungsaustausch zwischen Betroffene und zwischen Angehörigen.

6.      Umfangreiches Internetangebot für Betroffene und Angehörige unter: http://www.messie-selbsthilfe.de

      7.   Umfangreiches Internetangebot für Therapeuten, Wissenschaftler und andere: http://www.femmessies.de

      8.   geplant sind die Web-Seiten für die Messie-SHG und Messie-Angehörigen-SHG: http://www.shg-d.de

      9.   Jährliche Fachtagung

    10.   Regelmäßige Arbeitstagungen in der Region für Betroffene und Angehörige

    11.   Öffentlichkeitsarbeit durch gezielte Information der Medien

    12.   Informationsbroschüren und Tagungsdokumentationen der Fachtagungen

    13.   Zeitschrift “Lebenswende“ (3 x jährlich)  

    14.   Messie-Forum: http://www.messie-forum.de

 

Als gemeinnütziger Verein ist der FEM e.V. auf Spenden angewiesen:

Spendenkonto: Sparkasse Detmold - Kontonummer: 470 49 242 BLZ: 47 650 130

Die Bundesgeschäftsstelle der Messie-SHG und der Angehörigen-SHG Deutschland beim FEM e.V.

ist montags, dienstag und donnerstags von 10 -17 Uhr telefonisch unter 05236-888795 erreichbar.

Ansprechpartnerinnen:

Frau Marianne Bönigk-Schulz (Beratungsservice) Tel.: 05236-888 795

Kontakt:

FEM e.V.

Tegerstr. 15, 32825 Blomberg

Telefon: 05236-888 795, Faxabruf: 05236-888 796

E-Mail:

 

Stand: 18. Januar 2012

Förderverein zur Erforschung des Messie - Syndrom 
FEM e.V. - Tegerstraße 15 - 32825 Blomberg - Telefon 05236-888 795, Fax 05236-888 796 e-Mail: infos @ femmesies.de