1. Messie - Fachtagung in Berlin

Dokumentation der Fachtagung
am 27.Mai 2000 in Berlin

 

Herausgeber:
Marianne Bönigk-Schulz
FÖRDERVEREIN ZUR ERFORSCHUNG
DES MESSIE - SYNDROMS
(FEM) e.V.
Tegerstr. 15, 32825 Blomberg
Tel. 05236-888795
Fax. 05236-888796

 

Copyright
© Alle Rechte bei den Autoren
Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers.

Inhaltsverzeichnis
 
Begrüßung und Eröffnung

Grußwort der Senatorin für Arbeit, Soziales und Frauen, Gabriele Schöttler, Berlin

Experten treffen Betroffene:
 
Das Vermüllungssyndrom

Dr. med. Renate Pastenaci

Klinische Erfahrung mit dem Vermüllungssyndrom

Dr. med. Peter Dettmering

Psychologische Einflussfaktoren für die Entstehung des Messie-Erlebens

Marianne Bönigk-Schulz

Arbeitsergebnisse aus den Workshops:

Workshop - LOSLASSEN -
Workshop - ANGEHÖRIGE -
Workshop - MESSIES UND IHRE ERFAHRUNGEN MIT DER PSYCHIATRIE -
Workshop - ERFAHRUNGEN MIT SELBSTHILFEGRUPPEN -
Workshop - ERFAHRUNG MIT 12-SCHRITTE-GRUPPEN -

Ausblick auf die weitere Tätigkeit des FEM e.V.

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Das Grußwort der Senatorin für Arbeit, Soziales und Frauen.
Gabriele Schöttler
Berlin

In Deutschland leben nach Einschätzung von Betroffenen über eine Million Menschen mit massiven Problemen mit der Organisation von Zeit und ihrer räumlichen Umgebung. Die Betroffenen leiden darunter, dass ihre Gedanken immer wieder um die Bewältigung der einfachsten täglich anfallenden Arbeiten kreisen und sie erleben oft eine Hoffnungslosigkeit, dieses Problem jemals in den Griff zu bekommen.
 
Die große Scham verhindert sehr häufig notwendige soziale Kontakte und die "Messies" leiden unter der damit verbundenen Ausweglosigkeit. Sie sind dann auf Hilfen angewiesen, die sie in einer Selbsthilfegruppe erfahren oder von Psychologen erhalten. Im Vergleich zu anderen Selbsthilfegruppen sind die Gruppen der "Messies" noch jung, obwohl es sich anscheinend um ein altes Problem handelt. In ihrer knapp dreijährigen Geschichte haben die Selbsthilfegruppen der "Messies" die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das bisher eher wenig wahrgenommene Erscheinungsbild lenken können. Sie leisten damit eine große Hilfe für die Betroffenen, denen dank dieser Arbeit neue Chancen eröffnet werden und die dann aus ihrer symptombedingten Einsamkeit herausfinden können. Die Regionaltage bieten gute Gelegenheiten, das Messie - Syndrom einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen und die Möglichkeit der Diagnose und Therapie im Kreise von Fachleuten und vor allem mit Betroffenen selbst zu diskutieren.
 
Ich wünsche der Veranstaltung einen auch in diesem Sinne erfolgreichen Verlauf, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gute Gespräche und hoffe, dass viele neue Impulse zur besseren Versorgung der betroffenen Menschen gegeben werden können.
 
Gabriele Schöttler

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Vortrag
von Dr. med. Renate Pastenaci
"DAS VERMÜLLUNGSSYNDROM"

Der Vortrag bezieht sich auf einige Ergebnisse meiner Dissertation zu diesem Thema, die ich 1993 an der FU Berlin abgeschlossen habe. Ich werde keine Fälle aus der Arbeit vorstellen und nur zu allgemeinen Ergebnissen etwas sagen. Ich möchte kurz schildern, wie ich persönlich zu diesem Thema gekommen bin und welche Schwierigkeiten ich hatte, mich dem Thema zu nähern. Als Studentin bemühte ich mich 1986 um ein Thema für eine Arbeit im Fach Psychiatrie. Prof. Greve aus der Schloßparkklinik in Berlin machte mich auf eine Veröffentlichung von 1985 aus der Fachzeitschrift „Öffentliches Gesundheitswesen“ aufmerksam. Herr Dr. Dettmering aus Hamburg schrieb aus seiner langjährigen sozialpsychiatrischen Erfahrung einen Aufsatz mit dem Thema:
"Das Vermüllungssyndrom - ein bisher unbekanntes Krankheitsbild", den er 1984 als Vortrag in der psychiatrischen Klinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf in Hamburg hielt. Ich erhielt von Herrn Prof. Greve dann die Aufgabe, im Rahmen einer Dissertation mich mit dem Thema auseinander zusetzen.
 
Da es tatsächlich in der Fachliteratur nicht bekannt war, stieß ich bei meinen Recherchen in den Bibliotheken zunächst auf eine deutliche Leere. Beiträge zu den Beschreibungen von Zwangserkrankungen und auch Verwahrlosungserscheinungen trafen nicht auf die Beschreibung des Aufsatzes von Herrn Dettmering zu.
Ich versuchte also, mein Vorhaben erst einmal von der praktischen Seite zu beginnen. Auch wurde ich hellhöriger Medienberichten gegenüber. Z. B. las ich am 15.10.86 eine kleine Meldung auf der letzten Seite im Berliner Tagesspiegel mit dem Wortlaut: Ich zitiere:
"Madrid (dpa). Eine 70-jährige Frau musste sich jetzt von 12.000 Kilogramm Müll trennen, den sie in den letzten vier Jahren in ihrer 4-Zimmer-wohung in Granada angesammelt hatte. Die Feuerwehr räumte auf richterliche Anordnung Unmengen von Altpapier und Abfällen aus ihrer Wohnung. Die Frau hatte den Müll bis zur Decke gestapelt und nur schmale Gänge in den Zimmern freigelassen. Die Justiz griff jetzt erst ein, als am Wochenende ein kleiner Brand in der Behausung ausbrach und die Feuerwehr kaum Platz zum Löschen fand. Zusammen mit dem Müll entfernten die Feuerwehrleute auch zahlreiche Ratten und Mäuse aus der Wohnung.“
 
Derartige Ereignisse passieren auch in Deutschland und anderen Ländern. Was einem wunderlich in einem anderen Land erscheint und offenbar für einen Zeitungsartikel gut genug ist als Sensation darzustellen, könnte vielleicht uns selbst oder den Nachbarn treffen. Insgesamt wurde ich sensibler in meiner Wahrnehmung für das Thema.
 
In dem Roman "Unheilige Liebe" der amerikanischen Schriftstellerin Joys Carol Oates von 1988 las ich in einer kurzen Episode die Beschreibung einer Vermüllung. Es geht um eine Begegnung der Hauptfigur mit einer Bekannten, einer mitvierzigjährigen Frau, die ein sehr einsames Leben führte, aber auch erfolgreich im Beruf war. Die Protagonistin beschreibt das Durcheinander in der Wohnung und vermutet, dass ihre Bekannte sich in einem nicht ganz normalen Geisteszustand befände. U. a. stapelten sich in der nie benutzten Badewanne mehrere eineinhalb Meter hohe Stapel von Joghurtbechern. Als sie ihrer Bekannten anbietet, ihr beim Saubermachen behilflich zu sein, reagiert diese äußerst gekränkt mit vehementen Beschimpfungen. Der Kontakt bricht daraufhin ab. Dieser Fall aus der Literatur beschreibt typische Eigenschaften von Patienten, die eine Vermüllungssymptomatik zeigen, wie ich dann im Laufe meiner Recherchen bei den Untersuchungen bei Betroffenen feststellte.
 
Ich bekam Zugang zu Patienten, die bei Sozial-psychiatrischen Diensten bekannt waren oder die ich im Rahmen meiner eigenen Tätigkeit als Assistenzärztin in einer Landesnervenklinik durch anamnestische Erhebungen speziell über das Wohnumfeld erkundete. Insgesamt erfasste ich für meine Arbeit 30 Patientenverläufe bezüglich Wohnumfeld und Verlaufsentwicklung. Ich kam dann zu folgenden Thesen:
 
Die erste und wichtigste These lautet:
Die Vermüllung als Syndrom stellt eine Reaktion auf ein Trauma dar.
Das Syndrom besteht in einer Veräußerlichung dieses inneren Zustandes nach der Traumatisierung. Aus diesem Grunde ist die Vermüllung nicht lediglich eine Form der Verwahrlosung, sondern sie stellt ein psychiatrisch relevantes Krankheitsbild dar (Syndrom). Diese These wurde in einer jüngeren Untersuchung in diesem Jahr von Frau Dr. Alice Jürgens in einem Beitrag zur Kasuistik des Vermüllungssyndromes in der Zeitschrift Psychiatrische Praxis, Heft 27, bestätigt. Sie schreibt, dass die Vermüllung im Kontext verschiedener Störungen auftreten kann. Dieser Beobachtung schließe ich mich an. Aus meiner Erhebung geht hervor, dass bei 19 von 30 Patienten traumatische Ereignisse zu den Auslösemomenten gehören, die eine Vermüllung in Gang setzen.
 
Dazu gehören Todesfälle naher Bezugspersonen, Scheidung, Krankheit. plötzliche Arbeitslosigkeit, Verrentung und andere einschneidende biographische Ereignisse. In meiner These stelle ich die Behauptung auf, dass der gehortete Müll einen symbolischen Ersatz für einen im Leben erfahrenen Verlust darstellt. Das Anhäufen von Müll ist dann als Kompensationsversuch zu sehen, um einen Verlust, der nicht verkraftet werden kann, auszugleichen. Der Müll stellt eine veräußerlichte Manifestation des inneren Erlebens dar. Das Gefühl des Versagens, den Verlust nicht zu verarbeiten, wird somit gemindert.
 
Gleichzeitig wird festgestellt, dass die Betroffenen die Fähigkeit verlieren, Brauchbares von Unbrauchbarem zu unterscheiden. Der Prozess verselbständigt sich und es kommt ein jahrelanger Verlauf in Gang. Die Vermüllung wird zur Falle und dient dann immer weniger der inneren Entlastung. Eine soziale Isolierung entwickelt sich. Der Betroffene zieht sich in seine Wohnung zurück. Er schafft es nicht mehr, den Zugang zu den Anfängen zu finden, lehnt jegliche Hilfe von außen ab, weil das Unverständnis der anderen als Kränkung erlebt wird. Der eigene Leidensdruck wird abgewehrt.
 
Es hat sich eine Störung in der Realitätsfindung entwickelt. Ein verhängnisvoller Kreislauf, der bis zur Fremd- und Eigengefährdung führen kann, kann sich entwickeln, wenn die Wohnung bis zur Unbewohnbarkeit vermüllt wird. Die Vermüllung ist lebenseinschränkend und lebensgefährdend, wenn Herd, Bett, Waschgelegenheiten und die Toilette durch Anhäufung des Mülls nicht mehr benutzbar sind. Diese Störung ist alloplastisch, weil die häusliche Umwelt verändert wird. Für den Betroffenen ist diese Störung irreversibel und kann nicht durch autoplastische Bezüge ersetzt werden, d. h. es findet keine Veränderung der seelischen Struktur bei der Auseinandersetzung mit der Außenwelt mehr statt. Der Betroffene ist unfähig, die Ordnung seiner Wohnung wiederherzustellen. Ein innerer Konflikt wird nicht erlebt. Die Vermüllung stellt eine konkrete materielle Widerspiegelung des inneren Zustandes dar. Dieser innere Zustand, z. B. Angst oder innere Unruhe, wird durch dessen gegenständliche Entsprechung, also durch die Vermüllung, teilweise kompensiert.
 
Meistens besteht keine Krankheitseinsicht und eben kein Wunsch nach einer Behandlung. Erst bei zusätzlichen gesundheitlichen Problemen, wenn z. B. ein Hausbesuch eines Arztes oder einer Ärztin unumgänglich ist, erfährt er oder sie rein zufällig von den Lebensumständen und steht dann vor einem Rätsel. Es gibt natürlich auch andere Umstände, dass der Zustand der Vermüllung an die Öffentlichkeit gerät. Z. B., wenn Hausbewohner sich wegen Geruchsbelästigung und Ungezieferbefall an den Hauswirt wenden, der sich dann, nach erfolglosem Bemühen um Kontakt mit dem Betroffenen, wiederum an die Gesundheitsbehörde wendet. Wenn es soweit gekommen ist, steht der Betroffene ganz außerhalb der sozialen Einbindung und ist fast seinem Schicksal ausgeliefert. Hilfsangebote werden jetzt nur noch als Bedrohung erlebt und es bedarf der Intervention geübter Mitarbeiter der sozialpsychiatrischen Dienste, um das Schlimmste zu verhindern.
 
Eine behördlich angeordnete Entmüllung, z. B. wegen Seuchengefahr, führt dann nicht selten zu Panikreaktionen und Selbstgefährdung mit notwendiger stationärer psychiatrischer Behandlung. Bis es dazu kommt, sind häufig viele Jahre vergangen, die zu einem chronischen Zustand geführt haben. Es sind dann Berge von Müll, die über ein Meter hoch sind, entstanden. Vielleicht gibt es noch kleine schmale Gänge, die noch auf einen letzten Rest von Ordnung hinweisen können. In meiner Arbeit gibt es auch Verläufe, wo die Betroffenen nach der Klinikentlassung in einer leeren Wohnung dann wieder von vorne anfangen, den Müll zu sammeln. Das eigentliche Problem besteht dann weiter. Noch einmal zusammengefasst zeigt die Erkrankung folgende charakteristische Merkmale: 

  1. soziale Isolierung
  2. Müll als Entlastung von seelischer Problematik und
  3. Panikreaktionen bei Entmüllung.

Die 2. These meiner Arbeit lautet:

Bei dem Vermüllungssyndrom kann man zwischen verschiedenen Vermüllungstypen unterscheiden:

  1. intensive Sammeltätigkeit mit eigener Systematik; dazu gehören Zeitungen, das Aufbewahren sämtlicher Gegenstände, die das Leben begleiten und nicht mehr dem Gebrauch dienen. Weitere Beispiele können sein: Joghurtbecher, Marmeladengläser, Eierschachteln etc.; Ordnung ist noch erkennbar.
  2. Vermüllung ohne erkennbare Systematik. Es liegen z. B. alte Kleidungsstücke, Schuhe, Gegenstände des Alltags wie Nahrungsmittel, die nicht mehr genießbar sind, Büchsen ungeordnet in der Wohnung. Die Toilettenanlagen und Waschgelegenheiten sind noch zugänglich.
  3. Vermüllung der Wohnung bis zur Unbewohnbarkeit. Diese Patienten können alle Stufen der Vermüllung zeigen, angefangen mit einer intensiven Sammelleidenschaft mit Systematik bis zur vollständigen Vermüllung. Es sind Müllberge zu sehen. Der Müll wird gehortet. Es besteht kein System. Der Müll ist zur Burg geworden. Die sanitären Anlagen sind nicht mehr zugänglich. Ratten und Ungeziefer mehren sich. Es kann eine behördliche Maßnahme - Räumung - drohen.

Im Rahmen der Arbeit habe ich dann doch noch Literatur zu diesem Thema aus dem englischsprachigem Raum gefunden und möchte Ihnen darüber etwas berichten. Es gibt zwei wichtige Aufsätze, die sich mit dem Thema befassten. Ich gehe kurz hierauf ein.
 
Macmillan und Patricia Shawl veröffentlichten 1966 im British Medical Journal eine Arbeit über "Senile Breakdown in Standards of Personal and Environmental Cleanliness" (Altersbedingter Zusammenbruch des persönlichen Lebensstandards und der Haltung zur Sauberkeit). Es wurde festgestellt, dass lebensgeschichtliche Ereignisse wie plötzliche Todesfälle oder plötzliche körperliche Erkrankungen zu den Auslösefaktoren gehören und zu einem derartigen Bruch des Lebensstiles bei bestimmten Menschen führen kann. Auch wird beschrieben, dass unbrauchbare Gegenstände nicht mehr weggeworfen werden können.

Es fiel auf, dass angebotene Hilfen nicht akzeptiert wurden. Diese Untersuchung bezog sich nur auf ältere Menschen. Die Autoren plädierten für ein eigenständiges Krankheitsbild und sprechen von Senile Squalor Syndrom. Eine weitere Arbeit von Clark, Manikar und Gray beschäftigt sich 1975 mit dem gleichen Thema ebenfalls bei älteren Menschen. Es fiel bei dieser Studie auf, dass die Patienten im früheren Leben einen höheren sozialen Lebensstandard hatten, den sie nun weitgehend eingebüßt hatten. Es wird genau beschrieben, wie und was in den Wohnungen gehortet wird. Die Patienten erleben eine erzwungene Isolation, die durch den Verlust von Angehörigen oder durch die Berentung bedingt ist. Vermüllung wird als eine Reaktion bei bestimmten Menschen beschrieben. Die Autoren sprechen vom Diogenes Syndrom als eigenständigem Krankheitsbild, weil sie die Krankheit bei Patienten, die bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aufweisen, beobachtet haben. Es wird die These vertreten, dass die Hortung wertloser Gegenstände dem Betroffenen ein Gefühl von Sicherheit geben könnte.
 
Im deutschsprachigen Raum setzten sich 1985 Klosterkötter und Peters mit der Arbeit von Clark auseinander und verwerfen den Terminus "Diogenes Syndrom", weil er zu Missverständnissen führen kann. Es handele sich nicht um einen freiwillig gewählten Lebensstil. Klosterkötter überprüft das Krankheitsbild und diskutiert, ob eine abnorme Trauerreaktion und auch eine Erschütterung des bisher geführten Lebensstiles den Kernbereich der Persönlichkeit trifft. Klosterkötter fasst die Merkmale folgendermaßen zusammen:

  1. Vernachlässigung des persönlichen Lebensraumes und Auftreten eines Sammeltriebes.
  2. "Schamlose" Vernachlässigung des Körpers.
  3. Sozialer Rückzug und Abwehr hilfreich gemeinter Interventionen.
  4. Häufung beim weiblichen Geschlecht.
  5. Überwiegende Manifestation jenseits des 60. Lebensjahres.
  6. Vorhandensein primärer persönlicher Selbstisolationstendenzen.

Dettmering sieht das Manifestationsalter zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr und jenseits des 50. Lebensjahres. Ich selbst fand bei meinen Untersuchungen heraus, dass das Syndrom gleichermaßen bei allen Altersgruppen zu finden ist. In meiner Untersuchung waren von 30 Patienten 18 Frauen und 12 Männer. Unter 60 Jahre alt waren 21 Patienten und 9 über 60 Jahre alt. Eine Häufung war zwischen dem 30. bis 50. Lebensjahr mit insgesamt 17 Patienten. Ich möchte noch Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen zu dem Krankheitsbild des Zwangssyndroms, zur Symptomatik des Sammeltriebs, der Sammelsucht und zu der Verwahrlosung darstellen.

  1. Zwangssyndrom
    Innerhalb des Zwangssyndroms möchte ich nur auf die Zwangshandlungen eingehen. Sie sollen im allgemeinen eine Verminderung von Beschmutzung und Unordnung herbeiführen. Der Patient macht die Erfahrung, dass bestimmte wiederkehrende, von ihm ausgeführte Handlungen Angst vermindern können. Diese Zwangshandlungen erlebt der Patient oft als unsinnig oder nicht verstehbar, sie sind für ihn ich-fremd, aber er kann auf sie nicht verzichten. Der Zwang dient der Angstabwehr und soll vor Schlimmerem bewahren. Die Symptome stellen Kompromisse von konflikthaften Triebwünschen dar. Die Vermüllung stellt auch einen Abwehrvorgang dar, der Angst abwehren soll. Am deutlichsten wird diese Abwehr in der aufkommenden Panik bei einer Entmüllung. Die Problematik liegt weniger in der Tätigkeit des Sammelns als in der Unfähigkeit, wegwerfen und weggeben zu können. Das ästhetische Gefühl ist verloren gegangen. Nicht ein zwanghaftes Handeln bietet den psychischen Schutz, sondern der äußere Zustand der unmittelbaren Umgebung, der dem allmählichen Verfall ausgesetzt ist, insbesondere, wenn es sich um Nahrungsabfälle handelt. Die intrapsychische Problematik liegt auf einer anderen Ebene als bei einem Zwangskranken.
     
    Der "vermüllte" Patient glaubt, alle in seinem Leben anfallenden Abfälle aufbewahren zu müssen bis zu dem Tag, an dem er wieder die Fähigkeit erlangt, selbst das Brauchbare vom Nichtbrauchbaren trennen zu können. Die Vorwegnahme dieses Zeitpunktes durch eine behördliche Entmüllung raubt ihm wahrscheinlich die Hoffnung, seinen intrapsychischen Zustand selbst wieder ordnen zu können. Hinter der Angst, den Müll zu verlieren, vermute ich einen eventuell durch die Trennung hervorgerufenen Identitätsverlust, den der Müll ausgleichen soll. Freud beschreibt die Depression (bzw. Melancholie), welche sich nach dem Verlust naher Angehöriger einstellt, als fehlgeleitete Trauerarbeit. Dem Depressiven gelingt es nicht, die im Ich gestaute Libido bzw. die Objektrepräsentanz des verlorenen Angehörigen aus dem Ich abzuziehen. Der Patient muss befürchten, bei dem Versuch der Trennung von dem Verstorbenen auch sich selbst zu verlieren. Die fehlgeleitete Trauerarbeit ist Ausdruck der Nichtanerkennung des Todesfalles, sie kommt dessen vollständiger Verdrängung gleich. Diese intrapsychischen Vorgänge finden bei den vermüllten Patienten in veräußerlichter symbolischer Form statt, sie sind sozusagen materialisiert worden. Der Müll, welcher als eine nicht trenn- und unterscheidbare Anhäufung von Wertvollem und Unbrauchbarem erlebt wird, ist die äußere Repräsentanz der im Ich gestauten Libido..
  1. Sammeltrieb und Sammelsucht
    Der Sammeltrieb gilt als krankhafte Neigung, bei der Gegenstände ohne Rücksicht auf ihre Brauchbarkeit eingesammelt und in Taschen oder an besonderen Orten aufbewahrt werden. Zu unterscheiden ist der Sammeltrieb von der Sammelsucht, bei der eine leidenschaftliche Neigung besteht, Gegenstände einer bestimmten ästhetischen oder wissenschaftlichen Arbeit zu sammeln. Diese Sammelsucht kann den Menschen so beherrschen, dass Bindungen zu nahestehenden Menschen aufgegeben werden. Es besteht ein Wunsch nach systematischer Ordnung des Besitzes. Die Auswahl des Sammelgutes bezieht sich meist auf gesellschaftlich anerkannte Wertobjekte. Für den "vermüllten" Patienten stellt seine Sammlung einen rein persönlichen Wert da. Manchmal besteht auch der Glaube, dass sich unter dem Müll ein zunächst nicht sichtbarer Schatz befindet.
  1. Verwahrlosung
    Verwahrlosung wird als ein generalisiertes und persistentes Sozialversagen definiert. Die Wohnungen und Unterkunftsmöglichkeiten werden häufig gewechselt. Es fällt eher eine Leere im verschmutzten Zustand auf, als dass es ein Zuviel gäbe.

Ich habe einige Aspekte aus meiner Dissertation dagestellt. Die Arbeit wurde mit dem Anliegen geschrieben, dass es sich bei dieser Erscheinungsform um ein eigenständiges Krankheitsbild handelt. Das Wort "Vermüllungsyndrom" mag für die Betroffenen wertend klingen und sollte nicht als eine Diskriminierung verstanden werden, sondern als Verständnis der diagnostischen Zuordnung für den Behandler dienen. Dass es vielleicht mit Unverständnis bei den Betroffenen ankommt, hängt mit Sicherheit mit der eigenen Scham zusammen, die dadurch berührt wird.
 
Ich hoffe, der Vortrag hat inhaltlich etwas zum Verständnis der Erkrankung beigetragen.

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Vortrag
von Dr. med. Peter Dettmering
"KLINISCHE ERFAHRUNG MIT DEM VERMÜLLUNGSSYNDROM"
Ein bisher unbekanntes Krankheitsbild

Das „Vermüllungssyndrom" - wie ich im folgenden mangels eines anderen Terminus sagen werde - ist dem klinischen Psychiater so gut wie unbekannt und wird in den führenden Lehrbüchern nirgends beschrieben. Es handelt sich um die gemeinsame Endstrecke verschiedener biographischer Entgleisungen und wird sowohl bei älteren wie bei jungen Menschen angetroffen, immer jedoch bei alleinstehenden Personen, die wenig Kontakte mit der Außenwelt haben. So wie es Wohnungen von psychisch Gestörten gibt, die den Besucher durch ihre pathologische Leere erschrecken, sind dies umgekehrt Wohnungen mit einem pathologischen Zuviel, wodurch sie unbewohnbar zu werden drohen oder es bereits geworden sind. Man stößt auf sie als Mitarbeiter eines extramuralen Dienstes, wenn der Zustand der Wohnung behördliche Interventionen erfordert und im Fall einer Eskalation der Psychiater hinzugezogen wird:
manchmal wird man ihrer auch unerwartet ansichtig.
 
Charakteristisch für die Wohnungsinhaber ist, dass sie außerhalb ihrer vier Wände in der Regel unauffällig wirken, allenfalls (bei älteren Patienten) eine diskrete hirnorganische Symptomatik oder (bei jüngeren) einen diskret alternativen Einschlag erkennen lassen. Die (Zwangs-) Einweisung solcher Patienten wird daher in der Regel vom Klinikkollegen als empörend, als „schreiendes Unrecht“ erlebt: wirft er dann jedoch selbst einen Blick auf die vermüllte Wohnung - ein solcher Fall hat sich hier bei uns in Hamburg ereignet -, ist er erschüttert und neigt jetzt dazu, dem Patienten "mindestens eine Schizophrenie“ zu bescheinigen (wörtliches Zitat).
 
Die folgenden Formen von Vermüllung lassen sich unterscheiden:

  1. Wohnungen, deren Eigentümer wertlose Gegen-stände sammelt und nach einem stereotypen Ordnungsschema über die gesamte Wohnung (eventuell auch über zwei Wohnungen oder über ein ganzes Grundstück) verteilt. Häufig gibt es in diesen „Wohnhöhlen“ einen Gang oder ein Gangsystem, das (wie eine Mitarbeiterin es kürzlich formulierte) an den Bau eines Hamsters oder anderen Erdbewohners denken lässt. F. Labhardt hat von Wohnungen dieser Art als von einem System "geordneter Unordnung" gesprochen und die zugrundeliegende Störung in die Nähe der Zwangsneurose gerückt, woran ich jedoch aus noch zu erläuternden Gründen zweifeln möchte. Illustrativ ist ein in seine Arbeit eingefügtes Foto, das zeigt, wie die zusammengetragenen Gegenstände - Zeitungen, Kartons, oft auch Pappbecher, Plastiktüten und anderer Wohlstandsmüll - die ursprüngliche Wohnungseinrichtung überlagern und zuletzt zudecken. Manchmal erinnert einen die "Sammelwut" solcher Bewohner an die Bereitschaft von Kindern, wertlosen oder doch wertneutralen Gegenständen, wie z. B. im Kies gefundenen Flaschenscherben, fantastische, an das Märchen erinnernde Bedeutung zuzuschreiben.
  1. Wohnungen, die gar keine Ordnung mehr erkennen lassen und wahrscheinlich nie eine besaßen. Sie gleichen Müllhalden und vermitteln nicht selten den Eindruck, der Inhaber sei selbst an einen bestimmten Punkt der Vermüllung geflüchtet, durch den von ihm selbst aufgehäuften Müll in Panik versetzt worden. „Hinter Bergen von Müll, die alles verdecken, vermutet man das Bett der Patientin; solange man nicht dahinter gesehen hat. könnte sie tot dort liegen“, heißt es in einer 15 Jahre alten eigenen Arbeit, und: „Die alte Frau steht in ihrer Küche neben einem riesigen Berg von Papiermüll, der sie fast erdrückt; eine schwache Geste deutet an, dass sie ihn noch zu verarbeiten hofft“.
     
    Anlass der psychiatrischen Intervention ist in diesen Fällen nicht selten, dass der Wohnungsinhaber im Freien oder im Treppenhaus nächtigt und dort z. B. auch seine Notdurft verrichtet. Verschafft man sich Zugang zur Wohnung, so sperrt die Haustür meist und der Müll fällt einem entgegen; der Inhaber scheint die Wohnung fluchtartig und gleichsam im letzten Augenblick verlassen zu haben, in dem Flucht noch möglich war. Bei näherer Inspektion erkennt man, dass die Grundausstattung der Wohnung, also Tisch und Bett, Herd und Waschgelegenheit, Badewanne und WC unter Müll verschwunden und schon seit längerer Zeit nicht mehr benutzt worden sind.
  1. Wohnungen, die unbewohnbar geworden sind, weil ihre hygienischen Einrichtungen nicht mehr funktionieren. Umherliegende Exkremente, in Behältern gesammelter Urin, verdorbene Speisereste sind keine Seltenheit, und so kann man diese Wohnungen oft nur betreten, indem man als erstes auf ein Fenster zugeht und es öffnet (um so dem sich einstellenden Würgreiz entgegenzuwirken). Man hat den Eindruck, dass diesen Wohnungsinhabern die Fähigkeit abhanden gekommen ist, die Qualität des Ekelerregenden überhaupt noch zu empfinden und danach zu handeln.

Eine Steigerung dieses Fehlverhaltens beobachtete ich in drei Fällen, in denen der Leichnam eines nahestehenden Menschen über Tage und Wochen liegengelassen worden war, um so entweder den Verlust als solchen vor sich zu verleugnen oder (da die betreffenden Patienten kaum über Außenkontakte verfügten) sich die mit einem Sterbefall verbundenen Anstrengungen zu ersparen. Von diesen drei Patienten war nur einer im klinischen Sinne schizophren und konnte dementsprechend einer Behandlung zugeführt werden. Die Patientin hatte eine Wolldecke über den Leichnam gedeckt (es handelte sich um ihren plötzlich verstorbenen Ehemann) und einfach so weitergelebt, bis die Umwelt auf die Geruchsbelästigung aufmerksam wurde und das Gesundheitsamt einschaltete. In den beiden anderen Fällen handelte es sich um früh gestörte, autistisch anmutende Menschen, die in ähnlicher Weise mit dem Leichnam ihrer Mutter verfahren waren.
 
E. Fromm hat in "Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (1974) das Phänomen der Nekrophilie beschrieben und darunter die Vorliebe mancher Menschen für Totes, Abstoßendes, Ekelerregendes verstanden - was auch auf die zuletzt beschriebenen Fälle zuzutreffen scheint. Fromm hat das Phänomen als Ausdruck einer grundsätzlichen Objektfeindschaft gedeutet, obwohl die von mir erwähnten Erfahrungen eher den Eindruck einer Objektflucht nahe legen. Das wird meines Erachtens besonders deutlich an der Unfähigkeit der drei mit dem Tod des Partners konfrontierten Patienten, mit diesem Ereignis in adäquater Weise umzugehen: statt (wie es sonst in der Trauerarbeit der Fall ist) die seelische Repräsentanz des Verstorbenen zu verinnerlichen und dem leblosen Körper die "letzten Ehren“ zu erweisen, decken sie Lumpen darüber und entziehen ihn so dem Blick. Sie verhalten sich mit anderen Worten, als wäre der einschneidende Verlust nie eingetreten, was eine so starke Einschränkung der Realitätswahrnehmung beinhaltet, dass man diese Patienten vielleicht doch als Sondergruppe von den anderen Vermüllungspatienten abgrenzen muss; immerhin aber drängt sich die Vorstellung eines gleitenden Spektrums auf, an dessen Ende der defiziente Umgang mit dem Tod des Partners steht.
 
Gelegentlich stößt man auf fehlgelaufene Trauerarbeit übrigens auch in weniger massiver Form: Ich denke hier an einen alten Witwer, der den Schmuck der verstorbenen Ehefrau - inmitten einer vermüllten Wohnung - so in seine Rauchutensilien verschlungen hatte, dass sich der Eindruck eines Festhaltens an der verlorengegangenen Beziehung (einer sogenannten „symbiotischen“ Beziehung) geradezu aufdrängte. Erklärungsmodelle für derartige Entwicklungen stellt am ehesten die Psychoanalyse bereit. Offenkundig leiden die vom Vermüllungssyndrom befallenen Patienten ja an einer Unfähigkeit, wertvoll und wertlos, brauchbar und unbrauchbar zu trennen (in diesem Punkt unterscheiden sie sich prinzipiell vom Zwangsneurotiker, der diese Fähigkeit erworben hat, aber nun in einem vergeblichen Kampf gegen seine aggressiven Impulse steht, vor denen das "gute“ innere Objekt geschützt werden muss). Wenn nach M. Klein die endgültige stabile Objektbeziehung eines Menschen in der Weise entsteht, dass das Kind gute und schlechte Gefühle auseinanderhalten und (in einem weiteren Schritt) zu synthetisieren lernt, so ist bei den Vermüllungspatienten dieses Stadium der Synthese offensichtlich verfehlt worden.
 
Für mich kristallisierten sich aus vielen derartigen Erfahrungen zwei Patientengruppen heraus, die sich hinsichtlich des Manifestationsalters unterscheiden:
ältere Patienten jenseits der Fünfzig, die mit einem Partnerverlust nicht fertig werden, weil möglicherweise dieser Partner für sie die "Außenvertretung", also den Bezug zur Realität aufrechterhalten hatte - und junge Patienten zwischen Zwanzig und Dreißig, die sich zu früh verselbständigt haben, etwa aus Protest gegen ihr Elternhaus, und offensichtlich mit der Instandhaltung einer Wohnung überfordert sind. Man kann in beiden Fällen den sich in der Wohnung ausbreitenden Müll als gegenständliche Entsprechung zu der Trauer- oder Trennungsarbeit auffassen, die eigentlich geleistet werden müsste und die der Patient im Grunde auch von sich erwartet; nimmt man ihm nämlich die Arbeit des Aufräumens ab (etwa bei einer zwangsweisen Entrümpelung), gerät der Patient regelmäßig in Angst und Panik und reagiert, als sei unter dem Müll etwas Wertvolles und Kostbares verborgen, das ihm gewaltsam fortgenommen werden soll. Tatsächlich gibt es Fälle, in denen sich - vor allem bei alten Menschen - Wertvolles unter dem Müll verbirgt; in der weitaus größten Mehrzahl der Fälle ist es aber so, dass sich die Panik auf die nun gewaltsam zunichte gemachte Hoffnung bezieht, Gutes und Schlechtes - also letztlich auch die mit der Trauer- und Trennungsarbeit verbundenen guten und schlechten Gefühle - irgendwann noch „sortieren" zu können und so zumindest potentiell zu einer inneren Ordnung zu gelangen.
 
Aus solchen Überlegungen heraus habe ich zeitweise - während der Arbeit an einem Sozialpsychiatrischen Dienst Westberlins - die zwangsweise Entrümpelung einer vermüllten Wohnung in der Form zu beeinflussen versucht, dass der vom Gericht eingesetzte Pfleger (Wirkungskreis: "Entrümpelung") für das Wegschaffen des Mülls, ein dem Patienten zugeordneter Sozialarbeiter hingegen für die Interessenvertretung des Patienten zuständig war. Die Erfahrung zeigte im übrigen, dass die Pflegschaft nach erfolgter Entrümpelung zweckmäßigerweise noch bestehen bleiben musste, da der Patient die Tendenz hatte., die Wohnung innerhalb eines gewissen Zeitraums - etwa einem halben Jahr - wieder "voll laufen" zu lassen. Regelmäßige Besuche im Obdachheim des Bezirks brachten zutage, dass viele Obdachinsassen (und zweifellos auch viele sogenannte Stadtstreicher) früher einmal Wohnungsinhaber gewesen waren, die man wegen Vermüllung exmittiert hatte.
 
Nach meiner Erfahrung ist die Vermüllung einer Wohnung der klassische Fall einer partiellen Geschäftsunfähigkeit (ich sagte ja bereits, dass die Betroffenen in aller Regel klinisch so gut wie unauffällig wirken), was impliziert, dass die Einrichtung einer Pflegschaft mit dem Wirkungskreis "Entmüllung" häufig daran scheitert, dass sich der zuständige Richter an der (abstrakt aufgefassten) Unauffälligkeit und also Geschäftsfähigkeit des Patienten orientiert. Was diese Frage angeht, so hat ein nachträglich berühmt gewordener Jurist - D. P. Schreber - Grundsätzliches dazu gesagt: in seinem scharfsinnigen Antrag auf Wiederbemündigung, den man heute im Anhang zu seinen „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ nachlesen kann, führt er ans, dass die krankhaften Vorstellungen eines Menschen meist eine "Sonderexistenz" bilden, während „andere Lebensgebiete davon verhältnismäßig unberührt bleiben und ein seelisches Gestörtsein in keiner Weise erkennen lassen“. Das trifft auf die Patienten mit Vermüllungssyndrom in exemplarischer Weise zu.
 
Insgesamt muss wohl auch gesagt werden, dass diese Patienten heute in Gefahr sind, zwischen den feindlichen Lagern von Psychiatrie und Antipsychiatrie insofern zerrieben zu werden, als (wie schon eingangs erwähnt) der Klinikpsychiater ihre Gefährdung nicht erkennt und sehr rasch bereit ist, ihnen ihre Freiheit und Autonomie zu bescheinigen (womit er sie unter Umständen einer Obdachlosen- oder Stadtstreicherlaufbahn preisgibt, denn Kündigung und Zwangsräumung lassen meist nicht lange auf sich warten). Die heutige Psychiatrie ist hier in Gefahr, sich selbst - aus vermeintlicher Humanität - einen Streich zu spielen wie in dem von mir erlebten Fall eines in einer vermüllten Bodenkammer lebenden jungen Psychotikers, den der Klinikkollege gleich wieder beurlaubte. um „ihn nicht der Gefahr der Hospitalisierung auszusetzen". Unter Umständen ist ein solches Spiel mit vieldeutigen Begriffen - in diesem Fall die Bedeutungsspanne zwischen "Hospitalisierung“ und „Hospitalismus“ - für den Patienten gefährlich, vielleicht sogar tödlich: In diesem Fall tauchte der beurlaubte Patient unter und muss bis heute als verschollen gelten.
 
War die ältere Psychiatrie in starkem Maße auf Verwahrung der ihr anvertrauten Patienten eingestellt und insofern mit einem modernen Schlagwert „überprotektiv", so ist demgegenüber die neuere Psychiatrie selbst dort noch auf die Freiheit des Patienten bedacht, wo er von ihr nur einen gefährlichen oder gar keinen Gebrauch machen kann. Auf die Patienten mit Vermüllungssyndrom bezogen: Mit der Zuerkennung von Selbstverantwortlichkeit und Autonomie enthalten wir ihnen paradoxerweise ein lebenswürdiges Leben vor, stoßen sie früher oder später in einen asozialen Raum hinaus, in dem sie weder leben noch sterben können. nach oben

Vortrag
von Marianne Bönigk-Schulz
"Psychologische Einflussfaktoren für die Entstehung des Messie-Erlebens"

Die Selbsthilfegruppen verfügen über ein erhebliches therapeutisches Potential. Diese Gruppen haben sowohl präventiven Charakter zur Verhinderung seelischer Krisen oder sie entwickeln eine Stabilisierung nach Bewältigung einer Lebenskrise. Eine bundesweite Langzeitstudie konnte zeigen, dass nur 20 Prozent der psychisch Kranken von Fachärzten richtig behandelt werden und somit wird klar, dass die Selbsthilfebewegung auf dieses Ergebnis reagieren muss.(vgl. Wittchen, H.-U.; Zeressen, D.v.,1988 und Schmid, R.1988) Vor allen Dingen dann, wenn deutlich gemacht wird, dass der Einsatz von Laienhelfern ca. 50% der Leistung von professionellen Therapeuten erbringen kann.
 
Diese Situation zeigt, dass die Selbsthilfebewegung auch bei Ich - nahen Störungen ihre Funktion hat. Das verhaltenstherapeutische Selbsthilfekonzept der Messie-Selbsthilfegruppen (SHG) arbeitet in vier kognitiven Schritten:

  1. Bewusst machen meiner Probleme
  2. Was will ich verändern?
  3. Kann ich es verändern oder brauche ich mein Problem noch?
  4. Und Intervention, dieses setzt aber ein voll funktionsfähiges Ich voraus.

Da bei starken emotionellen Belastungen das Ich teilweise außer Kraft gesetzt wird: Zwangshandlungen, Ängste, Fluchten, wird eine vertiefte Gefühlsarbeit unumgänglich sein. Hier ist das Erinnern, das Akzeptieren der Wiederholungen und das Durcharbeiten gefordert. Tiefe Wunden sind unbewusst - Wiederholungszwang ist unbewusst und es besteht die Gefahr einer erneuten Verlassenheits- und Verlassenwerden - Situation. Allerdings sind Angebote, die das Unbewusste bearbeiten, bei den SHG selten. Da offensichtlich für die Therapie-Profi-Szene die Messie - Problematik kein Thema ist und weil Therapieangebote fehlen, ist die Förderung von Autonomie und Expertenunabhängigkeit für die Messie - SHG der einzige Weg zur positiven Veränderung. Ausbildung und Hilfsangebote von Laienhelfern für Selbsthilfegruppen scheinen mir sehr wichtig zu sein.

Psychologische Einflussfaktoren für die Entstehung des Messie - Erlebens

In der Kindheit werden die Grundlagen des Ichs gelegt, in der Jugend muss die Identitäts-Suche durchgestanden werden, im Erwachsenenalter wird die Ich - Entwicklung durch Zyklen umgeformt (Ich - Entwicklung durch Familien- und Berufszyklen). Das Ich entsteht im Prozess der Abgrenzung und Auseinandersetzung mit dem anderen, dem Nicht-Ich. Störungen im Erleben hängen im wesentlichen mit Entwicklungsdefiziten innerhalb der ersten zwei bis drei Lebensjahre zusammen. Werden Kinder verlassen oder erleben sie eine emotionale Verlassenheit, wenn sie klein sind, dann hat das weitreichende Folgen, denn das unverarbeitete Trennungserlebnis sowie seelisches Verlassenwerden kann für das Kind traumatische Auswirkungen haben.
Fehlt ihm die Erfahrung, sich angenommen und geliebt zu fühlen, wird es darauf mit einer Störung des Selbstwertgefühls reagieren. Diese Erfahrung hinterlässt in dem Menschen, der heranwächst, viele negative Spuren, und was wohl am bedeutsamsten ist, es ermöglicht nicht, dass ein Urvertrauen aufgebaut wird.
 
Das bedeutet ein Leben ohne Selbstvertrauen unter massiven Existenzängsten und sich permanent den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu fühlen. Menschen mit einem mangelnden Selbstvertrauen erleben ihre Umwelt als bedrohlich und andere Menschen eher als Gegner denn als Partner. Sie fühlen sich nicht wirklich sicher, da sie als Kind gelernt haben, dass sie sich nicht vollständig auf ihre Umgebung verlassen können. Das ist eine schwere Hypothek, und doch glaube ich, dass die unterschiedlichen Ausstattungen, mit denen die Kinder auf die Welt kommen, sie auf irgendeine Art befähigen können, mit diesen Lebensanforderungen umzugehen. Ich meine, dass viele Probleme und Krisen den Sinn haben, zu sich selbst zu finden, sich selbst zu erkennen. Das Ich kann sich aber nicht nur erkennen, es kann sich auch verändern. Das Ich kann sich selbst erziehen. Dieses vollzieht sich in einem dreistufigen Prozess:

  1. Das Ich beobachtet seine Gefühle, Gedanken, Handlungen.
  2. Es entdeckt die Widersprüche zwischen dem, was ist, und dem, was es im Leben will.
  3. Es aktiviert seinen inneren Dialog und verwandelt seine Selbsterkenntnis in Selbsterziehung.

Was die Wissenschaft über das Ich herausgefunden hat, läuft auf die Erkenntnis hinaus, dass das Spiegel-Ich Selbsterkenntnis nicht nur ermöglicht, sondern auch benötigt, um in seiner Einsamkeit seine sozialen Beziehungen zu überprüfen und zu korrigieren. Für Menschen mit situativ bedingten Störungen kann die Aufdeckung eines unbewussten Konflikts durch die Selbsthilfegruppen zum Wendepunkt zu einer freieren Entwicklung werden. Die Arbeit in den Gruppen deckt die unbewussten Ursprünge des eigenen Charakters auf, die Ursachen quälender Ängste, neurotischer Hemmungen, bedrohlicher Aggressionen, störender Missstimmungen, unverständlicher Affektausbrüche usw. und trägt damit zur Erhaltung oder Wiederherstellung der seelischen Gesundheit und Arbeitsfähigkeit bei. Für den Messie erscheinen alle Leiden von außen kommend und werden dann in ihren Ursachen nach außen projiziert.
 
In den Selbsthilfegruppen entsteht die Möglichkeit der Selbstanalyse, und es entwickelt sich ein Prozess der Selbstbeobachtung, Selbstwahrnehmung (auch der negativen Seiten), Selbsterforschung (freie Assoziation, Focusing, Traumdeutung) und Selbsterkenntnis (Integration des Fremden in ein neues Selbstverständnis). Dies kann in Gruppen durch Übertragung und Gegenübertragung stimuliert werden.
 
Der Zusammenhang von kindlicher Vergangenheit und erwachsener Gegenwart ist hierbei von zentraler Bedeutung. Die Neurose wird als Auswirkung der unbewältigten kindlichen Gefühle auf die Gegenwart des Erwachsenen begriffen, über Verdrängung, Wiederkehr des Verdrängten und dann die Symptombildung. Neurosen sind eine Form der Selbstzerstörung und Selbstentfremdung und sie sind auch ein reaktiver Prozess. Sie basieren auf der erlebten Ohnmacht und Hilflosigkeit des Neugeborenen, das nach Wärme und Zustimmung sucht. Unter dem Druck einer feindlichen Umwelt und Gesellschaft verkehrt sich die Selbstentwicklung in die Selbstvernichtung, und die Selbstvernichtung entwickelt sich in einem Teufelskreis. Dann erleben Messies, mit ihrem starken Bedürfnis nach Zustimmung und Wärme, dass eine Beziehung vorübergehend und kurzlebig sein kann.
 
Und je mehr wir unsere Bindungsbedürfnisse in Dingen verankern können, die dauerhaft oder sogar zeitlos sind, desto fester scheint der Boden zu sein, auf dem wir Veränderungen und Umbrüche des Lebens begegnen können. Ich denke, hier erleben Messies eine Pseudoselbstsicherheit!
Die verzweifelte Sehnsucht, an jemanden gebunden zu sein, kann uns viele Abläufe bewusst machen, so lernen wir viel über unsere Unsicherheit. Man kann erkennen, wie unsere Bindungsbedürfnisse stärker und zäher geworden sind, weil wir zu häufig und zu früh frustriert worden waren. Die Folge bedeutsamer biographischer Ereignisse ist die Unfähigkeit, Selbstvertrauen in sich zu entwickeln, und das führt zur Bildung einer Grundangst. Die Grundangst kompensiert sich in einem selbstidealisierenden Ich und alle Abwehrmechanismen sind gleichzeitig Schutzmechanismen der Grundangst. Bewusste Schlüsselerinnerungen vertiefen die Erkenntnis, dass hinter der schlechten Behandlung durch die anderen Verlustangst um die Mutter sich verstecken. Je älter das leise oder laute Trauma, um so größer sein Einfluss auf die Verhaltensmuster im späteren Lebenslauf und seine Wiederholungszwänge.
 
Die Verbindung zwischen der frühen immer wiederkehrenden Erfahrung des Verlassenwerdens und dem späteren Gefühl, gelähmt zu sein durch das Wiedererleben alter Kindheitserfahrungen von Verlust und Angst zeigt uns im Erwachsenenalter, wie stark diese Verletzungen nachwirken. Die Arbeit mit Deckerinnerungen und Deckaffekten, die verdrängtes Material schützen, wird von Widerständen, Umbrüchen und Unterbrechungen begleitet, die in der SHG unbedingt so akzeptiert werden müssen, weil sie wichtige Schutzmechanismen sind. Zur Änderung des Lebensziels ist Mut nötig, Ausdauer, weil das lange Einüben selbstbehindernder Verhaltensweisen nicht durch bloße Einsicht ausgelöscht werden kann. Die Entstehung neuer Einsichten wird durch die Wiederbelebung der frühkindlichen Erfahrungen unterstützt, in denen sich die Fehlabwehr der Grundangst herausgebildet hat. Der Stoff zur Selbsterkenntnis sind die faktischen Erinnerungen und die Rekonstruktion der Lebensentwicklung. Das Erschließen von Korrekturmöglichkeiten und das Überwinden der Minderwertigkeitsängste, schrittweise Einübung eines Mutes zur Gesellschaft als zukünftiger Gemeinschaft und tägliche Übung von Selbstkritik bedeutet Veränderung durch Selbsterziehung. Allein das nüchterne Aufdecken der Interessenkonflikte bewirkt, dass seelische Kräfte freigelegt werden, die eine Lösung der Konflikte möglich machen.
 
Von der Setzung klarer Ziele und Prioritäten und ihrer Verwirklichung hängt ein Großteil seelischer Gesundheit ab. Diese analytische Heilung kann von niemanden anderen, sondern nur vom Betroffenen selbst geleistet werden. Oft stehen private Beziehungsprobleme im Zentrum unseres Erlebens. Wir führen in unseren Selbstanalysen den Kampf mit unserem Kleinheitsselbst: mit Abhängigkeiten, Schuldgefühle, Angst vor dem Verlassenwerden und Problemen mit dem Selbsthass. Dann erleben wir das Pendeln zum Größenselbst: Ideale, Stolz und Perfektionismus, und in der Gruppe wird das eigene Fassaden-Ich deutlich, das Fehlen eigener Bedürfnisse und Interessen.
 
Anhand des folgenden Modells möchte ich das System beschreiben, nach dem sich ein Messie erlebt. Ich nenne es das Pendelmodell des Messie-Erlebens.
 
Wenn ich versuche, mit Hilfe eines Modells unser Erleben zu erläutern, ist mir bewusst, dass es quasi hier um eine Momentaufnahme des Erlebens gehen kann. Ich nenne dieses Modell auch deswegen Pendelmodell, weil durch das Pendeln vom Kleinheitsselbst zum Größenselbst es nicht möglich wird, mit unseren Gefühlen ins Gleichgewicht zu kommen.
 
Es ist mir natürlich bewusst, dass seelische Vorgänge keine festen schematischen Strukturen haben, sondern bewegliche Abläufe sind. Ich glaube aber, anhand dieses Modells erklären zu können, warum wir mit unseren Gefühlen nicht in der Mitte sind, denn fehlendes Selbstvertrauen ermöglicht uns nur das Erleben von selbstvertrauensunabhängigem Erleben des Kleinheitsselbst und des Größenselbst.
 
Das bedeutet kein wirkliches Kleinsein oder Großsein des Messies, sondern sein Erleben von Kleinsein (Minderwertigkeitsgefühle) oder Großsein (Grandiositätsgefühle).
 
Sie fühlen sich klein, unbedeutend, schlecht oder besonders und toll. Messies sind aber weder minderwertig noch besser als andere.
 
Die Frage lautet dann:
 
Was wollen wir denn eigentlich?
Ein Mensch, der seinen inneren Kern nicht erlebt, sagt: „Ich fühle mich wie ein Nichts - es sei denn, ich habe jemanden.“ Die Aufdeckung des Kerns der Identität führt uns zur Lebensspontaneität und zur Lebenslust! Ein wesentliches Element hierbei ist die Reparatur unseres beschädigten Ich-Empfindens, eine Reparatur, die viele Formen der Selbsterkundung annehmen und bei der man das Risiko neuer Verhaltensweisen auf sich nehmen kann.
Die Selbsthilfe-Gruppen für Messies verfolgen folgende Therapieziele:

  1. aus eigener Überzeugung handeln, weniger der Hilflosigkeit (Messies erleben sie als Lähmung) verfallen, Verantwortungsgefühl für das eigene Leben übernehmen.
  2. Ein eigenes Wertesystem entwickeln, dass das Recht des anderen berücksichtigt. Selbstvertrauen bilden heißt: Ich kann alle Situationen meistern, die in mir entstehen oder die von außen an mich herangetragen werden.
  3. Offenes Verhalten, Zulassen und Durchleben aller Gefühle vom tiefsten Leiden bis zur höchsten Freude. Spontaneität entwickeln heißt, sich lebendig und bei sich selbst fühlen.
  4. Echt reagieren, Ambivalenzen eingestehen. Aufrichtigkeit heißt leben können ohne Abwehrmechanismen.


 
Diese vier Punkte erweitern das Gesichtsfeld, sie bauen falsche Größenphantasien ab und erhöhen die Chancen einer realistischen Selbsteinschätzung. Eine Hilfe bei der Durchführung der Selbstanalyse kann die therapeutische Selbsthilfegruppe leisten, und über die weiteren Schwerpunkte der Eigenanalyse in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft muss dann jeder selbst entscheiden.

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Arbeitsergebnisse aus den Workshops
Workshop - Loslassen

Ergebnisse aus dem Workshop - LOSLASSEN -
N.N.:
 
„Nein“ sagen, eigene Prioritäten und Werte entwickeln. Verlust ertragen, wenn ich sage, das möchte ich nicht, Leute verlieren. Wenn ich Dinge weggebe, nicht mehr Sachen hinterherhetzen, nicht mehr alles haben müssen. Verluste ertragen und nicht mehr alle Möglichkeiten ausschöpfen, auch die ich mir vorstelle im Kopf.
 
Akzeptieren, dass ich nicht alle Pläne in der vorhandenen Zeit bewältigen kann. Weil ich dann nichts richtig machen kann und es zu spät abgebe und ins Gedränge komme. Dass ich loslassen sollte, selbstschädigende Verhaltensweisen (eben dieses Horten); auch nicht Nein sagen können, nicht auf die eigene Stimme hören und dass ich eigentlich nicht weiß, was gut für mich ist und ich immer nur höre: nimm mich mit! Kauf mich! Behalte mich! und sage Ja! wenn jemand etwas von Dir will! Du wirst gebraucht! Jemand muss gerettet werden! Fatal ist, dass ich dem dann Vorrang gebe und nicht auf meine eigene Stimme höre, was ist eigentlich gut für mich, was möchte ich selbst.
 
Also, dass ich solche Art Verhalten loslassen muss und dann auch den Verlust erfahre, dass „man“ mich nicht mehr so mag (vielleicht) oder dass ich bestimmte Möglichkeiten dadurch einfach auch definitiv verliere. Insgesamt heißt das dann auch, sich eigene Ziele setzen und auch immer wieder nachsehen, ob man die auch einhält. Sich auch immer wieder motivieren, was das Aufräumen oder Loslassen von Gegenständen betrifft. Das ist eine sehr schwere Arbeit, dabei zu bleiben. Das heißt auch, sich zu begrenzen. Sich auch klar zu machen, dass man nicht alles haben kann - nicht jede Beziehung - nicht jeden Job - nicht jeden Ort - nicht jede Lebensführung gleichzeitig haben kann und dass man nicht jedes Zeug gleichzeitig haben muss. Dass man von vornherein auf bestimmte Sachen verzichtet und somit mehr Qualität hat, aber weniger Quantität.
 
Das kommt dann dabei heraus: Wir haben festgestellt, dass die ganzen materiellen Dinge, die wir so horten, die wir doch loslassen wollten - Geschenkpapier, alte Papiere, Infomaterial, Bücher, Reiseprospekte, jede Art alte Kleider, alte Schuhe, überhaupt Sachen die man vielleicht noch gebrauchen könnte oder die irgendjemand noch gebrauchen könnte - wenn man das alles loslässt und auf seine eigene Stimme hört. Es geht um mehr Qualität und nicht um ein Ausufern und dass diese Sachen eben für uns so Erinnerungswert haben. Für uns ist dieser Erinnerungswert nicht immateriell, sondern wir brauchen dafür jede Menge alte Fotos, altes Geschenkpapier und alte Kleider von vor 20 Jahren ... Es ist die Frage, ob eine alte Erinnerung die Gefühle transportiert, z.B. von Beziehungen, die wir vielleicht verloren haben. Ob man die nicht anders wachrufen kann, ob man dann nicht ganz auf dieses ganze Gerümpel verzichten kann und ob diese ganze Erinnerung nicht anders wachgerufen werden kann.
 
Es scheint das neue aktive Leben nur zu verhindern, wenn die Wohnung so vollgestopft und zugestellt ist, dass gar kein Platz ist, irgendwie frei durchzuatmen. Dass wir das alles loswerden wollen. Es ging dann auch darum: Wie macht man das???
Wir haben uns zum Schluss mit Lösungsverhalten beschäftigt und haben festgestellt, dass es nicht so gut ist, jemanden einzuladen, der uns dann beim Aufräumen hilft und dann vielleicht däumchendrehend neben einem sitzt und sagt: „Mensch, wann wirst du endlich fertig?!“, und: „Trenn dich von dem Zeug!“ Sondern, dass man das doch vielleicht - das ist jedenfalls unsere Meinung - selbst machen sollte, weil man selbst die Entscheidung treffen muss: Trenne ich mich jetzt davon, und wovon trenne ich mich? Das kann einem niemand abnehmen. Das kann nirgendwo anders hindelegiert werden. Es ging um die Ziele: “die Dinge müssen weniger werden“, dafür wird die Liste, die ich führe, was ich verändern will in meinen Leben, vielleicht länger.
 
Bestimmte Dinge möchte ich auch gleich loswerden, nicht alle Prospekte mitnehmen, nicht alle Zeitungen kaufen, nicht alles in die Wohnung schleppen, und wenn man etwas gelesen hat, schon am gleichen Tag entsorgen und dieses Hamsterverhalten irgendwie abstellen. Wir fanden, dass es eine sehr wichtige Eigenschaft ist, dieses Loslassen - Können! Das Alles - Festhalten - Wollen, das uns so wahnsinnig quält, wenn wir etwas weggeben, wir so manches Mal hinterher noch zum Müll rennen und das wieder herausholen, weil wir das Gefühl haben, wir haben uns selbst verloren, und dass dahinter steht: Es ist dann eine Leere da, und ich habe vielleicht gar nichts mehr, wenn ich diese Dinge weggebe, als ob wir so sehr in diesen Dingen sind.
 
Auf Grund einer Zwischenfrage kam es zur folgenden Antwort:
Ich habe gesagt, wir sollten unsere innere Stimme mehr kultivieren und da nicht so auf die anderen Stimmen hören: “Kauf mich, nimm mich mit, und Du brauchst mich unbedingt.“ Sondern genauer trainieren: Brauchen wir diese Dinge, die wir da mitnehmen oder kaufen wollen, für unsere Ziele, für unsere Selbstzufriedenheit, für unser Wohlbefinden? Wofür ist das wichtig? Wenn wir da keine ordentliche Angaben finden, dann sollten wir das weggeben oder gar nicht erst mitnehmen oder kaufen. Das ist eben ein tägliches Training, jeden Tag wieder von vorn anzufangen. Was will ich und was sind meine Ziele? Was brauche ich dafür? Und bei jeder Entscheidung sich dieses auch bewusst machen: Nehme ich das mit oder kaufe ich das? Wie lange behalte ich das? Gebe ich das weg oder nehme ich das erst gar nicht mit? Das nicht so automatisch und unüberlegt zu tun, sondern, dass man erst überlegt und nicht so automatisch alles abschleppt und so tut, als sei das lebenswichtig.
 
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Workshop - ANGEHÖRIGE -

Ergebnisse aus dem Angehörigen-Workshop
Ulrike:
Wir haben festgestellt, dass es sehr schwierig ist, den Angehörigen zu vermitteln, worum es geht. Weil sie meistens dieses nicht nachvollziehen können, und ich hoffe, dass die drei Angehörigen schon einiges mit nach Haus nehmen werden. Es ist wichtig, viel für die Angehörigen zu tun, weil das sehr stark zusammenhängt, der Messie selbst mit seinen Verhaltensweisen und seine Angehörigen. Ich bin Ulrike und leite seit 3 Jahren eine Selbsthilfegruppe. Ich habe jetzt auch zunehmend Gespräche mit den Angehörigen von Messies. Es kristallisiert sich heraus, dass Angehörige mindestens genauso einen Leidensdruck haben wie die Betroffenen selbst, denn sie sind nicht die Verursacher, müssen aber mit den Konsequenzen leben, die oftmals aus dem Verhalten des Messies entstehen. Vor allen Dingen ist Veränderung von der Seite der Angehörigen noch weitaus schlechter zu erreichen als für die Betroffenen, und so empfinden sie oft eine große Hoffnungslosigkeit. Wichtig ist, Aufklärungsarbeit zu leisten, was hilfreich ist und was weniger hilfreich ist, und zu versuchen, zu erkennen, wo der Unterschied ist: Was für uns im Einzelfall so schwierig ist und warum die Tasse jetzt nicht auf die Spüle wandern kann oder der Papierstapel in den Mülleimer, wo er eigentlich hingehört, wenn er gelesen ist, und warum unbedingt alles aufgehoben werden muss.
 
Es ist ein Irrglaube, dass wir nichts besseres zu tun haben, als das mit Absicht zu tun, und dass wir alle anderen nur ärgern wollen und deswegen die Unordnung machen, sondern dass teilweise die Problematik in uns ist und es nicht unbedingt dazu gedacht ist, die Welt um uns herum damit zu ärgern.
 
Janice:
Wir reagieren mit Trotz, wenn wir von Angehörigen Vorwürfe dafür bekommen. Es ist wichtig für die Angehörigen zu wissen, dass wir mit Trotz reagieren, wenn sie uns Vorwürfe machen über das Chaos, wenn wir nicht aufräumen usw. Es ist halt alles noch in den Anfängen...
 
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Workshop - MESSIES UND IHRE ERFAHRUNGEN MIT DER PSYCHIATRIE

Ergebnisse aus dem Workshop Messies und Psychiatrieerfahrungen
 
Elisabeth:
Ich fange mal mit unseren persönlichen Erfahrungen an, die wir mit Psychiatrie gemacht haben. Es ist etwas unsystematisch zusammengestellt. Wir hatten jemanden in der Gruppe, der selbst nicht Messie ist, aber eine 40-jährige Frau betreut in der geschlossenen Abteilung eines psych. Krankenhauses in Berlin. Wir haben ihn gefragt, wie denn so sein Eindruck sei, vor allen Dingen, wenn er nicht betroffen ist. Er geht da immer einmal die Woche hin und er empfindet es unterschiedlich, aber manchmal ziemlich monsterhaft; gelegentlich gibt es Kunsttherapie und auch Bewegungstherapie, aber eigentlich langweilen sie sich da auch, es wird zu wenig gemacht.
 
Der zweite Punkt war die Frage:
Als Privatpatient kann man schon in den Genuss von Edelpsychiatrie kommen; ich glaube, dazu muss man nicht unbedingt Privatpatient sein. Dann kam aber der Einwand, den ich auch für ganz wichtig und richtig halte: Als Psychosepatient - möglicherweise noch mit Indikation Haldon - macht man gar nichts mehr, da kann man nur sehen, dass man irgendwo landet und dass man irgendwie zurecht kommt. Ich denke, dass ist für einen Teil der Psychosepatienten eine ausgesprochen realistische Beschreibung.
Dann fiel der schöne Satz:
Die Krankenkassen erleichtern nicht die persönliche Befassung der Therapeuten mit den Patienten. Damit war gemeint, um überhaupt als Messie erfasst zu werden, muss sich der Therapeut mit uns als Person und mit unserem Leben befassen. Es gab das schöne Beispiel, dass jemand in einer Gruppe war - wöchentlich - bei dem Neffen eines ausgesprochenen renommierten Psychiaters und 1/2 Jahr gebraucht hat, um dem überhaupt klar zu machen, dass er unter Messietum leidet.
 
Ich kenne Leute, die es noch länger versucht und es nicht geschafft haben. Eine Frau sagte, ihre vorrangige Erfahrung mit Psychiatrie sei: sie sei hochschwanger und völlig am Boden zerstört zu einem Psychiater gegangen, und als Reaktion habe sie noch in Erinnerung, er habe sie als Schlampe bezeichnet. Eine andere Frau musste sich sagen lassen, sie sei wohl lesbisch und sie solle doch einmal arbeiten gehen. Dann gab es so die Erfahrung, die in einem Satz zusammengefasst wurde: Die machen die Leute gerne kränker; dass die Psychiatrie nicht so ein Ort ist, wo man Hilfestellung zur Gesundung bekommt, um sein Leiden loszuwerden, sondern erst mal so mehr als kranker Patient reingeredet wird, - also in dieser Sichtweise. Viele Psychiater und Psychologen kennen gesellschaftliche Verhältnisse und Arbeitsverhältnisse auch überhaupt nicht.
Ich will einmal eine persönliche Bemerkung machen. Ich dachte, dass sei vielleicht nur meine Erfahrung, die scheint aber vielfach verbreitet zu sein, und da bin ich denn doch etwas erschrocken. Normale Menschen leben ja doch unter normalen gesellschaftlichen Verhältnissen und wollen in der Regel auch arbeiten, und wenn die Therapeuten das gar nicht kennen, dann erscheint uns das etwas schwierig. Eine Teilnehmerin hat gesagt: Ich bin also mit meinem Leiden von Therapeut zu Therapeut gegangen - nie- mand konnte überhaupt herauskriegen, was ich richtig habe, und ich war schon ganz froh, als ich irgendwie das Gefühl hatte, ich könnte wohl ein Messie sein. Dann habe ich etwas zum Anfassen und da kann ich wenigstens etwas mit anfangen! Also vorher gab es keine Diagnose!
 
N.N.:
Für mich ist es ein Problem, hier zu stehen, trotzdem versuche ich einmal, ein bisschen etwas zu erzählen. Zur Psychiatrie, die versucht, Gefühle zu kompensieren, um eben Geld zu verdienen - egal ob die Patienten nun gesunden oder länger dazu brauchen. Dann kam die Frage, inwieweit soll ein Messie Hilfe suchen; welche Wege gibt es da? Blockieren die Messies sich nicht selbst dabei? Dann kam jemand und sagte: An den jetzigen Zustand kann man sich vielleicht noch gewöhnen, aber es besteht die Angst, dass es schlimmer wird, dass man es nicht mehr aushalten kann. Dann kam ein Punkt, dass man, wenn Messies sich unterhalten, oft viele Dinge besprochen werden und man von Hölzchen auf Stöckchen kommt. Dann sollte man vielleicht einen Schwerpunkt suchen, sich dem widmen und sich damit auseinander setzen, damit man auch zu einem praktischen Ende kommt. Ich war mit einigen Dingen nicht so ganz einverstanden, weil ich auch ziemlich viele positive Erfahrungen gemacht haben - sei es mit Therapeuten, sei es mit Ärzten. Ich habe z. B. in der letzten Zeit die Familienhilfe in Anspruch genommen und ich arbeite sehr eng mit dem Jugendamt zusammen, und ich muss sagen, ich kann nur positive Sachen da herausholen! Das möchte ich mal ganz deutlich sagen, weil ich sehr viel erfahre, dass die anderen Messies - ich bin ja auch einer! - unheimliche Ängste davor haben, sich der Öffentlichkeit zu stellen und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
 
Elisabeth:
Es wurde auch geäußert, dass therapeutische Sitzungen nach Salamitaktik ausgedehnt werden, das heißt: nur Hilfe zu seinen Bedingungen! Wir haben länger diskutiert und dann zusammengefasst: Frustprinzip statt Lustprinzip! Also, wir haben festgestellt, dass so Psychotherapie und Psychiatrie wenig darauf ausgerichtet ist, mal zu sehen, wie können denn wir auch so ein interessantes und fröhliches Leben haben, es wird immer so am Leiden ausgerichtet! Dann gab es noch die schöne Bemerkung: Also Psychotherapie und Psychiatrie wird immer als Geheimwissenschaft betrieben! Es ist so etwas, was Patienten auf keinen Fall verstehen dürfen - die Patienten werden zwar danach behandelt, sie selbst dürfen es aber nicht verstehen! Jemand hat dann gesagt: Die Patienten dürfen dieses Herrschaftswissen nicht erlangen. So fühlen sie sich immer behandelt.
 
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MESSIES UND IHRE ERFAHRUNGEN MIT DEN SELBSTHILFEGRUPPEN


Ergebnisse aus dem Workshop Selbsthilfearbeit
Margot:
Wir haben erst einmal darüber berichtet, wie im Prinzip Selbsthilfe-Gruppen, die Marianne oder ich machen, ablaufen. Und zwar haben wir als erstes ein kurzes Blitzlicht, in dem jeder ca. 2 Min. Zeit hat, von sich zu erzählen. In dieser Zeit hält er diesen Redestein in der Hand, der das Zeichen dafür ist, dass er nicht unterbrochen werden darf, und der Stein wird halt weitergegeben, bis alle einmal dran waren. Anschließend gibt es ca. 10 Min. Zeit, um Fragen stellen zu können, die einem während dieser Zeit gekommen sind oder aber Verständnisfragen, Rückfragen, was auch immer. Und anschließend reden wir über ein bestimmtes Thema. Dafür haben wir Anfangs eine Themenliste gehabt. Z. B. könnte da das Thema Loslassen - Festhalten draufstehen oder Wie sehe ich mich selbst? Wie sehen andere mich? Was erwarte ich von dieser Gruppe? Was bringt die Gruppe mir? Wir haben so eine Liste entwickelt mit ca. 20 Themen. Aber ich denke, die kommt auch ganz schnell zusammen, wenn man sich hinsetzt und einmal überlegt. Später sind wir ohne Themenliste ausgekommen. Marianne hat irgendwo das Buch aufgegabelt: “Wenn die Seele schlapp macht“. Es ist zum Glück jetzt wieder verlegt worden unter dem Titel: “Glück ist machbar“. Darin geht es darum, dass u. a., was uns das wichtigste ist, dass in dem Buch die einzelnen Vermeidungshaltungen abgehandelt und erklärt werden, - was das ist, wann das wie stattfindet. Dazu gibt es Beispiele und auch kurze Dialoge, die Auszüge aus Therapiegesprächen sind, an denen einfach sehr viel deutlich wird und die wir dann streckenweise auch mit verteilten Rollen vorlesen.
 
Es ist immer wieder erstaunlich, was da dann passiert. Es ist wirklich kein Buch, das man sich kauft, um es zu lesen, dann entgeht einem die Hälfte! Es ist also sehr wichtig, wenn man es life praktiziert und dann wundert man sich, glaube ich! Ziel der Sache ist es nicht, die Vermeidungshaltungen abzuschaffen! Ich denke, sie schützen uns auch vor vielen Dingen! Den Schutz brauchen wir auch noch, sonst würden wir die Vermeidungshaltungen nicht anwenden! Wichtig ist das, wir merken, was wir tun, und was wir da vermeiden. Noch schöner ist es, wenn wir sogar wissen, mit welcher Vermeidungshaltung wir wann vermeiden und wenn wir dann noch erkennen, was es ist, ist es auch okay. Ich denke, wichtig ist erst mal diese Feststellung: Ich tue das - warum auch immer! An Punkten, wo wir vermeiden, wissen wir, dass wir wunde Punkte haben, weil wir so einen überdimensionalen Schutz nötig haben, der sich in diesen Vermeidungshaltungen zeigt - sonst hätten wir vielleicht andere Möglichkeiten, uns davor zu schützen. Ja, damit verbringen wir den Großteil der Gruppe. Dann am Ende der Gruppe gibt es wieder ein kurzes Blitzlicht mit 2 Min. für jeden, wo sich wieder jeder äußern kann, wie es ihm gerade geht. Beim ersten Blitzlicht stellen wir oft fest, dass darin einfach erzählt wird, aus welcher Situation man jetzt kommt. Es kommt gar nicht soviel rüber, wie derjenige sich jetzt fühlt, und wenn die Gruppe dann vorbei ist und das Schlussblitzlicht stattfindet, dann ist das sehr viel gefühlvoller als vorher. Es geht bei Messies oft darum, dass sie so gar nicht den richtigen Bezug zu ihren Gefühlen haben, und beim Schlussblitzlicht merken wir dann immer wieder, sie haben ihn doch und er ist nicht komplett weg oder verloren gegangen und es kommt in Bewegung und das ist sehr schön.
Nach diesem Prinzip arbeiten wir in unseren Gruppen. Im speziellen hat Marianne auch ein Konzept entwickelt, das auch bei uns in den Gruppen schon erprobt wurde und wir erste Erfahrungswerte damit gesammelt haben, die sehr positiv sind. Es betrifft die ersten fünf Gruppen-Abende, wenn sich eine Gruppe neu entwickelt und wenn Marianne Anfragen hat, lässt sie das auch demjenigen zukommen. Wir sind auch sehr bemüht, die Selbsthilfegruppe zu begleiten, soweit das in unseren Kräften und mit unseren Mitteln möglich ist. Heute haben wir eben dann versucht, so einen Gruppenabend zu praktizieren, soweit es möglich war, und wir sind nicht zu dem Punkt „10 Min. Fragen“ gekommen, weil schon gleich das Thema auf dem Tisch lag und sich alles entwickelt hat und eigentlich war die Zeit viel zu kurz und wir konnten schon wieder beobachten, wie erste Veränderungen im Denken in dem Moment passierten. Wie lange dieses sich hält, das weiß ich nicht, das bleibt abzuwarten. Ich denke, sie sind da, aber sie gehen auch zwischendurch mal weg, damit muss ich rechnen. Wichtig ist, man schafft es für einen kurzen Moment, die Gedanken zu ändern, die Stabilität, die kommt dann schon. Daran können wir dann in der Gruppe auch weiter arbeiten, und das ist im Großen und Ganzen das, was wir machen, und wo wir dann auch sehen, dass etwas in Bewegung kommt, und das ist wirklich schön.
 
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ERFAHRUNG MIT 12-SCHRITTE-GRUPPEN

Ergebnisse aus dem Workshop 12-Schritte-Gruppen
Sonja:
Ich stelle mich mal neben dieses Pult, damit man mich auch sieht. Ich hoffe, dass man mich auch hört. Ich wollte mit Bedacht meinen Bericht erst nach den anderen Gruppen abliefern, weil ich selbst auch aus Mariannes Gruppe komme. Anke-Ingrid hat uns von ihrer 12-Schritte-Gruppe erzählt und ich war halt in der Position, diese Unterschiede zwischen den beiden Gruppen zu sehen. Darum hoffe ich, dass die meisten jetzt einen Einblick haben, wie es bei uns abläuft. In der 12-Schritte-Gruppe ist es halt einmal, dass es diese 12 Schritte gibt. Es gibt ja die 12-Schritte-Gruppe mit den unterschiedlichsten Problemen, ursprünglich von den Anonymen Alkoholikern.
 
In einigen Gruppen wird jeden Monat strikt ein Schritt, der 12 Schritte durchgezogen und mir ist auch aufgefallen im Vergleich zu unserer Gruppe, dass über einen längeren Zeitraum eine strikte Struktur eingehalten wird. Anke-Ingrids Gruppe hält eine Ordnung. Z. B. es wird pünktlich angefangen, auch wenn noch nicht alle erschienen sind, oder die Redezeit, die auf 1 1/2 Minuten begrenzt ist, oder zwischendurch gibt es eine Schweigeminute, dann wird mal ein Stück vorgelesen. Danach gibt es eine Diskussion.
 
Ein Unterschied ist noch, dass am Ende der Stunde es eine Runde gibt, in dem jedes Gruppenmitglied sagt, ich nehme mir vor, dass ich dieses oder jenes in der Woche aufräumen oder wegschmeißen will. Anke-Ingrid hat mit der Gruppe schon bei sich Veränderungen festgestellt, und es ist auch so, dass nach meinem Gefühl mehr auf das Aufräumen eingegangen wird, dass bei ihr erst eine Veränderung der Gefühle sich eingestellt hat und dann eine Veränderung ihres Verhaltens, dass es immer besser geworden ist.
 
Ich glaube, ich habe alles gesagt bis auf einen Punkt. Leider gibt es zwei Messie-Veranstaltungen am gleichen Tag. Wir fanden es alle schade, dass es da so Unstimmigkeiten gibt und jeder so auf seiner Richtung beharrt. Auch in unserer Gruppe fänden es alle schön, dass es besser klappt und die verschiedenen Strömungen sich in einer einzigen Fachtagung integrieren könnten. Es gibt ja auch unterschiedliche Menschen, und für die helfen auch unterschiedliche Ansätze, und wie man an Anke-Ingrid sieht, sie hat halt in ihrer Gruppe Erfolge, und wir haben auch in unserer Gruppe Erfolge. So sehen wir, dass auch unterschiedliche Wege zum Ziel führen. Es wäre zu begrüßen, dass nicht jeder auf seinem Wege einfach so beharren möchte.
 
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Ausblick auf die weitere Tätigkeit des FEM e.V.

Margot
Auch Dir, Sonja, vielen Dank für Deinen Vortrag. Ja, so habt ihr dann auch Einsicht in die andere Form von Gruppenarbeit gewinnen können. Zu dem zuletzt Gesagten muss ich doch einfach mal sagen, das Harmoniebedürfnis von Messies scheint ja sehr groß zu sein. Aber im Prinzip wäre es auch in unserem Sinne, wenn da etwas Gemeinsames stattfinden würde. Wir haben es auch versucht, aber an bestimmten Punkten müssen wir dann feststellen, dass wir uns von bestimmten Dingen distanzieren müssen. Dass dann zwei Tagungen an demselben Tag stattfinden, ist einfach durch ganz viele wirre Komplikationen, was sicherlich super gut zum Messie - Chaos passt, so entstanden. Das ist jetzt letztendlich dumm gelaufen, und wir hoffen, dass es so in der Form auch nicht wieder vorkommt. Es ist halt einfach schade.
Antwort auf eine Frage:
Es war einfach eine andere Tagung, die unter anderem auch mit Jochen initiiert worden ist, der ursprünglich mit uns gemeinsam diesen Tag organisieren wollte. Es sind dann aber im Vorfeld viele Dinge schiefgelaufen, dass aneinander vorbei kommuniziert wurde, das heißt, es war in bestimmten Abschnitten Kommunikation technisch nicht machbar, man sich gegenseitig nicht erreichen konnte, und dabei sind dann unterm Strich diese beiden Tagungen herausgekommen. Ich möchte das im einzeln nicht gerne ausführen, weil das dann zu langwierig wäre. Ich denke, es ändert jetzt auch nichts mehr, und es ist wirklich schade, weil wir auch von vielen Messies angesprochen wurden, die entscheiden wollten, und das ist ja eh unser Problem, Entscheidungen zu treffen, zu welcher Tagung sie gehen. Nun ja, vielleicht war es einfach dazu gut und nötig. Das wäre zumindest ein Grund. Aber ich denke auch, dass es in dieser Form nicht noch einmal vorkommen wird.
 
Antwort auf Grund einer Zwischenfrage nach Angehörigen-Gruppen:
Das ist sicherlich ein Problem. Unser Verein ist ja noch sehr jung, 1 1/2 Jahre alt.
 
Wir fangen gerade erst an, und das wichtigste ist erst einmal die Selbsthilfegruppenarbeit. Unser massivstes Anliegen ist erst einmal, den Betroffenen selbst zu helfen. Es geht aber auch langsam los das bei Angehörigen. Ein dringender Bedarf entsteht, etwas zu tun, natürlich gehören da auch die Kinder dazu. Bis jetzt ist es einfach noch nicht möglich gewesen, Erfahrungsberichte weiterzugeben, denn es ist ja ein sehr sensibles Gebiet, und wie wollen wir in Kontakt kommen mit den Kindern, natürlich müssen wir erst einmal Kontakt mit den Eltern knüpfen.
 
Es dauert, bis der Verein bekannt ist, und wir haben auch nur begrenzte Möglichkeiten. Es ist aber schon so, dass Marianne, die viele Anrufe tätigt, sehr viele Anrufe von Betroffenen hat, und das sind zum Teil sehr dramatische Fälle, aber auch viele Anrufe von Angehörigen bekommt, die total in Not sind, wie eben schon geschildert wurde. Den Angehörigen geht es ja nicht besser als uns selbst. Er hat halt nur ein anderes Leiden, und es ist so, dass wir den Angehörigen etwas mitgeben können, wenn wir schildern, wie es für uns so ist, und dass sie sehen, dass wir diese Dinge nicht böswillig tun. So wie die Sache mit dem Trotz, das ist ja nicht so, dass das absichtlich abläuft. Es spricht aber auch einiges dafür, wenn man sich die Sache genau anschaut, dass es ein Trotzverhalten ist. Es ist natürlich schade, dass man das noch nötig hat. So kann man sehen, wo sind denn die Möglichkeiten. Habe ich nur den Trotz, oder sind noch andere Dinge da? Genau das ist das, was wir in den Selbsthilfegruppen auch versuchen, anzusehen. „Was bedeutet das Messie - Sein mir oder wie ist das Erleben?“ „Warum habe ich das so nötig, oder habe ich andere Möglichkeiten?“ Die Antworten sehen natürlich für jeden individuell verschieden aus, und man muss halt fragen und sehen.
 
Wir stecken da in den Anfängen, und das erste, was wir machen, ist, in den Gruppen einiges zu versuchen, um auch Erfahrungswerte zu bekommen oder Informationen, die verantwortbar sind, in die Gruppen weiterzugeben. Weil wir das einfach für sehr wichtig halten, und das ist auch das, warum Marianne den Leitfaden für Messie - SHG´s entwickelt hat und die Info´s für die ersten fünf SHG - Treffen; damit wir etwas den Gruppen an die Hand geben können, wie sie arbeiten können, um an die tieferliegenden Dinge heranzukommen, damit wir dieses trotzige Verhalten nicht mehr nötig haben.
 
Ausblick auf die weitere Tätigkeit des FEM e. V
Margot:
Ich möchte jetzt darauf kommen, was der Verein vor hat. Zum ersten haben wir ja die Forschung an der Uni in Bielefeld zum Glück gut in die Gänge bringen können und Frau Dr. Gisela Steins gefunden, die das gut und mit viel Engagement erforscht. Sie hat bis jetzt Fragebogen-Aktionen gestartet, bei denen z. T. unter dem Strich nicht sehr viel herauskam, weil der Rücklauf sehr zäh war. Sie hat es halt mit Messies zu tun, und da kommt man einfach nicht daran vorbei. Das macht ihr natürlich die Forschung sehr schwer, und sie hat vor kurzem beschlossen, dass sie diese Form der Forschung nicht mehr machen wird, weil dies nicht sehr effektiv ist. Sie möchte statt dessen eine Feldforschung machen. Das heißt, es wird direkt vor Ort stattfinden. Sie entwickelt da noch etwas und wir können da im einzelnen noch nichts sagen. Es wird jetzt darum gehen um das Chaos, um die Strukturierung und um die sich dabei herausstellenden Widerstände. Die Widerstände sind ja doch etwas, was sehr diffus in der Luft schwirrt und wo keiner genau weiß, was es ist. Man spürt sie halt, dass sie da sind, aber weiter sind wir auch noch nicht. Das ist das eine, was wir beabsichtigen. Aber genauso gut haben wir in unserer Satzung die Arbeit mit den Selbsthilfegruppen, das heißt, sowohl Selbsthilfe - Gruppen zu initiieren, zu unterstützen, d. h. ideell und, wenn wir die Möglichkeit haben, auch materiell.
 
Wir planen Regionaltage, an denen Messies für die Selbsthilfearbeit in den Bundesländern oder Regionen geschult werden, mit den unterschiedlichsten Problemen und Schwierigkeiten umgehen zu lernen. Die Termine werden den Gruppen zu gegebener Zeit mitgeteilt. Die dritte Sache, die wir uns auf die Fahne geschrieben haben, ist die Arbeit mit den Angehörigen. Das ist bis jetzt noch unser Stiefkind, weil, wie gesagt, die Messies im Vordergrund standen, denn wenn sich da etwas bessert, stehen auch die Angehörigen nicht mehr so unter Druck. Aber im Prinzip muss es auch so laufen, dass die Angehörigen ihre Selbsthilfe-Gruppen selber initiieren. Aber auch dabei wollen wir ihnen sehr gern behilflich sein, und ich denke, es ist auch sehr wichtig, dass sie einmal erzählt bekommen, was ein Messie so erlebt und worum es dabei geht und worum es dabei nicht geht. Im großen und ganzen habe ich darüber berichtet, was unser Verein vor hat. Was noch fehlt, ist, dies war die 1. Fachtagung, und das bedeutet auch, dass es eine zweite geben wird.
 
Wir beabsichtigen, in Zukunft einmal im Jahr so eine Fachtagung zu organisieren, und es wird auch immer darum gehen, auch die Fachleute dazu einzuladen, weil wir das sehr für wichtig halten, sie zu informieren, aber auch die Angehörigen und die Betroffenen, um auch gemeinsam etwas zu erarbeiten und Verständnis zu wecken. Die Fachtagungen sollen so ähnlich aussehen wie heute, also der Vormittag für die Fachleute und die Vorträge, und am Nachmittag die Workshops, in denen wir auch viel für uns tun können. Wir hoffen, dass nächstes Jahr auch die Planung besser läuft. Wir geben uns große Mühe.
 
Ich bedanke mich, dass Ihr da gewesen seid und dass Ihr zugehört habt, und hoffe, dass Ihr irgendetwas Neues und Stabilisierendes, auf jeden Fall etwas Positives mit nach Hause nehmen könnt und mit einen guten Gefühl fahrt und Euch freut, dass Ihr hier gewesen seid. Das würde mich sehr freuen. Ich bin froh, dass ich hier war.

Vielen Dank.

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