2. Messie - Fachtagung in Göppingen

Dokumentation der Fachtagung

am 15. Juni 2002 in Göppingen

 Copyright

© Alle Rechte bei den Autoren

 Nachdruck nur mit Genehmigung des Herausgebers.

Marianne Bönigk-Schulz

Ich widme diese Dokumentation Michael Lukas Moeller.

 

Durch ihn habe ich viel über die Wirkweise in den Selbsthilfe-Gruppen gelernt.

 Als ich ihn das letzte Mal bei dem Arbeitskreis

für Selbsthilfegruppen in Frankfurt erlebt habe, war ich - wie

so viele Male vorher - beeindruckt von seiner lebendigen Art,

neugierig, aufmerksam und interessiert an menschlichen

Verhaltens- und Erlebensweisen zu sein.

 

Sein zu früher Tod in diesem Jahr hat mich sehr traurig gemacht

und gleichzeitig aber auch mutiger, die Aufgaben in den Messie-

Selbsthilfegruppen in seinem Sinne weiter in Angriff zu nehmen.

 

  

Inhaltsverzeichnis

Begrüßung und Eröffnung

Marianne Bönigk-Schulz

Rückblick zur 1. Fachtagung in Berlin

Experten treffen Betroffene:

„Bindung, Angst, Desorganisation und das Messie-Syndrom“

Dr. med. Rainer Rehberger

 

„Zum Selbstkonzept der Personen mit Desorganisationsstörung“

Dipl. Psych. Julia Juuls

 

„Die Arbeit des H - Teams e.V. mit Messies“

Schulpädagoge  und Didaktik Wedigo von Wedel

  

Anhang:

Anja Raskob: Auswertung der Ergebnisse der Untersuchung zum Messie-Sein

 

 

Begrüßung und Eröffnung der 2. Messie - Fachtagung in Göppingen

Das Grußwort der Vorsitzenden des Fördervereins zur Erforschung des Messie-Syndroms (FEM e. V.)

Marianne Bönigk-Schulz

Ich freue mich, Sie zu dieser 2. Messie-Fachtagung hier in der Stadthalle von Göppingen ganz herzlich begrüßen zu dürfen.

Nach Einschätzung von Experten leben in Deutschland fast zwei Millionen Menschen mit einem behandlungswürdigen Messie-Syndrom. Desorganisation und das Sammeln und Horten stehen bei diesen Menschen in einem besonderen Kontext. Ins Auge stechen die offenkundigen Auswirkungen in ihren Wohnungen und nur allzu leicht gleiten Diskussionen und Informationen ins Voyeuristische oder ins Moralisieren oder aber in ein Disziplinieren ab. Wenn das Problem immer wieder nur in dem Zustand der Wohnung gesehen wird, ist es natürlich schwer, einzusehen, dass z. B. die innere Einstellung zu sich selbst und die Unfähigkeit, Verantwortung für sein Schicksal zu übernehmen, Ursache für dieses Syndrom sein soll.

Die so Betroffenen, die furchtbare Qualen der Selbstabwertung und eine ständige Spannung erleben und leicht an ihren Widerstand stoßen, an dem sie oftmals zerbrechen und dann den Kontakt zur Realität verlieren, fühlen sich von Therapeuten und anderen Menschen allein gelassen und nicht ernstgenommen. Auf diese Weise entgehen diesen Menschen sämtliche Hilfen für die Bewältigung einer Krankheit, die ihr Leben zerstört.

Da die traditionellen sozialen, psychologischen und therapeutischen Techniken bei den meisten Messies seltsamerweise versagen und das Problem vielleicht sogar noch verschärfen, müssen wir die Realität eines zugrundeliegenden Prozesses (des Nicht - Handeln - Könnens) erkennen. Bei dem Messie-Syndrom steht nicht das Syndrom (Desorganisation oder das Horten) im Mittelpunkt; vielmehr liegt hier ein Automatismus von Prozessen - die die Betroffenen so nicht wollen - vor.

Diese prozessgebundenen Handlungen sind weitaus heikler und komplizierter zu durchschauen, denn oftmals sind sie in unsere Gesellschaft integriert oder nicht sichtbar. Wir befinden uns derzeit noch auf einem Wissensstand, wo wir aus allen erdenklichen Handlungsabläufen Material benötigen. Daher ist auf die Erforschung dieser prozesssteuernden Mechanismen und auf ihre Behandlung sehr viel Sorgfalt zu verwenden. Wollen wir den jeweils spezifischen Ablauf erkennen und erfassen, dann ist es sinnvoll, zu erkennen, welcher Einfluss und welche Verstärkungseffekte das auf die Betroffenen ausübt. Zudem muss die Bedeutung des Syndroms auf den zugrundeliegenden Prozess verstanden werden. Aber noch stehen wir mit unserem Wissen über jene subtilen Prozesse ganz am Anfang. Der Grund liegt darin, dass erst eine Auseinandersetzung mit dem sichtbaren Symptom erfolgt, auch, weil Betroffene immer wieder zu erkennen gegeben haben, dass das ihr eigentliches Problem darstellt.

In dieser Fachtagung sollen die Hintergründe des Messie-Syndroms verdeutlicht und die Möglichkeit der Therapie diskutiert werden. Außerdem wird den Betroffenen und Fachleuten über Forschungsergebnisse der Universität Bielefeld berichtet und wir hoffen, dass der Vorsitzende des H-Teams viele Fragen der Angehörigen, Betreuer und Behörden beantworten kann.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Kurz zu meiner Person:

Mein Name ist Marianne Bönigk-Schulz und ich bin im Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms (FEM) e. V. ehrenamtlich tätig. Entgegen mancher Anfragen bin ich weder Therapeutin o. ä., sondern von Beruf bin ich Schneiderin und Schnitttechnikerin. Zu Klarstellung mancher unter den Messies kursierender Fehlinformationen:

Diese Fachtagung sowie auch die Sachkosten unseres Vereins werden ausschließlich über Spenden und über die Bundesförderung der Krankenkassen (Förderung der Selbsthilfe) finanziert.

 

 

Ganz herzlich begrüßen möchte ich Herrn Dr. Rainer Rehberger. Ich möchte ihm danken, dass er heute für uns mit seinem Vortrag zur Verfügung steht.

Ich freue mich, Frau Diplom-Psychologin Julia Juuls hier begrüßen zu können, und bin schon sehr gespannt auf die Ergebnisse Ihrer Untersuchung, die Sie mit Messies gemacht haben.

Eine besondere Freude ist es für mich, den Vorsitzenden des H-TEAMS München e. V. zu begrüßen, Herrn Wedigo von Wedel. Ihre jahrelangen Erfahrungen mit dem äußeren Symptom, nämlich dem Chaos in der Wohnung, werden das Bild von den vielfältigen Problemen eines Messies darstellen können.

  

Sehr geehrte Damen und Herren, auch ich möchte Sie herzlich willkommen heißen. Zur Einstimmung auf unsere Tagung möchte ich eine kleine Geschichte erzählen, die ein Auszug aus dem Brief (im folgenden fett gedruckt) von Dr. Dettmering ist:

 GEDANKEN ZU EINEM SYMPOSION

- Berlin, Mai 2000 -

... Ihm graute vor dem Unrat, auf dem man ihn verlassen hatte, weil er seinesgleichen war

(R. M. Rilke)

Als unser Buch (Das Vermüllungssyndrom, von Renate Pastenaci und Peter Dettmering, im Verlag Dietmar Klotz) schon am Erscheinen war, nahmen meine Koautorin und ich an einem Messie -Treffen teil, das Ende Mai 2000 in Berlin stattfand. Eine Frau berichtete von der Lebenssituation, die sie zu den „Messies“ geführt hatte. Sie hatte sich von ihrem Mann getrennt, war von zuhause fortgegangen und saß nun auf 40 Umzugskisten, ohne einen Fuß vor den andern setzen zu können. Es war, wie sie glaubwürdig sagt, keine eigentliche Depression, einfach ein Nicht-Weiterwissen. Mir fiel dazu eine Geschichte ein, die ich vor langer Zeit gelesen hatte und die mir nie aus dem Kopf gegangen war.

Doris Lessing, die in ihren frühen Büchern intensiv erzählen konnte und auch in späteren Büchern immer wieder von Entwurzelten, von hilflosen alten Menschen und Abrisshausbewohnern berichtete, erzählt gleich im ersten Kapitel ihres „Katzenbuchs" - „Particularly Cats", 1981 - von einer Krise ihrer Mutter und deren Auswirkungen auf das Leben auf der Farm. Auf dieser Farm im damaligen Südrhodesien gab es Katzen im Überfluß - Katzen im Haus und Katzen außerhalb des Hauses, die sich ständig untereinander paarten und einen Überschuß junger Katzen produzierten. Die Bewohner der Farm hatten keine andere Möglichkeit als die, sich von Zeit zu Zeit der überschüssigen Katzen gewaltsam zu entledigen. Diese Aufgabe fiel während der gesamten Kinder- und Jugendzeit der Autorin ihrer Mutter zu.

...Meine Mutter übernahm das Geschäft der Vernichtung, ein sich im Rahmen der häuslichen Aufgabenteilung ergebende Pflicht, über die ich erst sehr viel später nachzudenken begann. (...) Es gab eine Flinte im Haus, und einen Revolver, und es war meine Mutter, die Gebrauch davon machte. (1981,10)

Doris Lessing berichtet nun weiter, daß in einem bestimmten Jahr ihrer Erinnerung die Mutter „ausfiel". Sie war nicht bereit, weiter für die Dezimierung des Katzenbestands zu sorgen; sie verließ das Haus und überließ das Problem ihrem Mann und ihrer halbwüchsigen Tochter. Die Frage ist allerdings, ob es wirklich nur um die Katzen oder nicht gleichzeitig um ein häusliches, familiäres Problem ging:

...Zu der Zeit stand ich in Kampf mit meiner Mutter, einem tödlichen Streit, einem Kampf ums Überleben, und das hatte vielleicht mit dem Ganzen zu tun, ich weiß es nicht. Aber jetzt frage ich mich, entsetzt, was für ein Zusammenbruch in ihrer Beherztheit sich ereignet hatte. War es vielleicht ein Protest ? Welche inneren Unglücksgefühle drückten sich auf diese Weise aus? Was mag sie in jenem Jahr gesprochen haben, als sie keine Kätzchen ertränken, keine Katzen töten wollte, die doch danach verlangten? Und, zu guter Letzt, warum ging sie fort und ließ uns zwei allein? (...) Ein Jahr, weniger als das, nachdem meine Mutter sich geweigert hatte, als Regulator, Schiedsrichter, Waage zwischen Sinn und sinnlosem Wuchern der Natur zu fungieren, waren die Schuppen um das Haus herum und das Buschland um die Farm von Katzen übervölkert. Katzen aller Alterstufen, zahme und wilde Katzen und Mischlinge (...) Es gab nichts, was uns davor geschützt hätte, binnen einiger Wochen zum Schlachtfeld für hundert Katzen zu werden. (ebd. 13-14)

Der Mutter-Tochter-Konflikt verzahnt sich also mit dem Katzenproblem, das der Mutter das Leben unerträglich zu machen droht. Erst nachdem Vater und Tochter sich der im Haus befindlichen Schußwaffen bedient und den Katzenüberschuß beseitigt haben, kehrt die Mutter zurück. Das Fortgehen und Fernbleiben der Mutter muß jedoch Doris Lessing nachwirkend tief beeindruckt haben; im Vorwort zu ihrem „Golden Note-Book" wirft die Autorin ein Schlaglicht auf Menschen, die unbemerkt fortgehen und eine Lücke reißen, die oft nicht einmal bemerkt wird. In Doris Lessings Worten spürt man ihren Wunsch, auf eine Erscheinung aufmerksam zu machen, die wir alle - so wie damals die halbwüchsige Autorin das Fortgehen ihrer Mutter - gleichgültig hinnehmen oder jedenfalls so tun, als käme es auf diese Ausfälle nicht weiter an:

...Mit all unseren Institutionen, von der Polizei zum Universitätsleben, von der Medizin bis zur Politik, achten wir wenig auf die, die fortgehen - jener Prozeß der Elimination, der die ganze Zeit über vor sich geht und der sehr früh diejenigen erfasst, die am ehesten originell und reformerisch werden könnten, wobei all die andern zurückbleiben, die von etwas angezogen werden, was sie bereits „sind“. Ein junger Polizist verläßt die Truppe und sagt, daß er die ihm gestellten Aufgaben nicht erfüllen kann. Eine junge Lehrerin verlässt die Schule, aus enttäuschtem Idealismus. Dieser gesellschaftliche Prozeß vollzieht sich nahezu unbemerkt - ist aber so mächtig wie irgendwelche anderen Mechanismen, die unsere Institutionen so starr und ausweglos bleiben lassen. (Lessing, 1973,16)

Die Stelle liest sich, als kenne die Autorin jene Passage in Rilkes „Aufzeichnungen des Malte Laurids Briggs“, in welcher der fiktive jugendliche Verfasser seine Fragen an die von ihm vorgefundene Welt richtet, die alle mit den Worten „Ist es möglich?" beginnen: Ist es möglich, dass man trotz Erfindungen und Fortschritten, trotz Kultur, Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist? Ist es möglich, daß man sogar diese Oberfläche, die doch immerhin etwas gewesen wäre, mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat, sodaß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien? (Rilke, 1922, I, 29)

Malte Laurids Briggs rebelliert hier in radikaler Weise gegen das Vorgefundene, und es ist nicht überraschend, daß der letzte Abschnitt der „Aufzeichnungen" die Geschichte des verlorenen Sohnes ein weiteres Mal erzählt - auch er ein Fortgegangener, von dem sehr schwer zu sagen ist, ob er selbst seine Rebellion als Erfolg oder als Mißerfolg gewertet hätte. Unzweifelhaft ist nur, daß zu den Erfahrungen, die er in der Fremde als Entwurzelter machte, auch die Erfahrung gehört, auf dem „Müll“, dem „Unrat" ausgesetzt und vergessen worden zu sein: Selbst in der Zeit, da die Armut ihn täglich mit neuen Härten erschreckte, da sein Kopf das Lieblingsding des Elends war und ganz abgegriffen, da sich überall an seinem Leibe Geschwüre aufschlugen wie Notaugen gegen die Schwärze der Heimsuchung, da ihm graute vor dem Unrat, auf dem man ihn verlassen hatte, weil er seinesgleichen war...(ebd. II, 1'79)

Beide Autoren - Doris Lessing und Rilke - gehören für mein Empfinden zu einer Gruppe von Schriftstellern, die versuchen, in ihrem Werk - oder zumindest in einem Teil ihres Werks, denn die lyrische Begabung als solche muß wahrscheinlich von der Schriftsteller-Existenz abgetrennt und für sich betrachtet werden - den ganzen in ihrem Leben angesammelten „Müll“ zu verarbeiten und ihn so zum Verschwinden zu bringen. Doris Lessings Science-Fiction-Romane könnte man in der Tat als eine Art interplanetarischen, von Planet zu Planet verlagerten Müll charakterisieren. Bei Rilke könnte das Fehlschlagen der Hoffnung, im „Malte Laurids Briggs“ den Müll seines Lebens in Literatur zu verwandeln und ihn darin aufgehen zu lassen, immerhin die anhaltende Depression erklären, in der er immer wieder „das Buch" für die Depression und die mit ihr verbundene Produktionshemmung verantwortlich machte. Das „schwere, schwere Buch" ist wiederholt der Tenor der Briefe zwischen 1910 und 1914/15.

Vielleicht ist es kein Zufall, daß mir nach jenem „Messie“ - Treffen in Berlin immer wieder diese beiden Autoren und die von mir zitierten Stellen durch den Kopf gingen, während ich am Gendarmenmarkt saß und meinen Capuccino trank. Neben mir stand mein fahrbarer Koffer, dessen Reißverschluß mir gerade an jenem Morgen ausgerissen war, sodaß ihn mir die Pensionswirtin kunstvoll mit einem Bindfaden zusammengebunden hatte. Ich saß da und verstand einmal wieder - wie schon oft -, wie schnell man auf die „andere Seite" hinübergeraten kann. Nicht die andere Seite der Natur, wie es einmal bei Rilke heißt, sondern die andere Seite unseres Gesellschaftssystems: so fühlte ich mich an diesem schönen Sonntagmorgen schon selbst fast als „Messie“. Es war in diesem Zwischen- und Schwebezustand, daß mir die vorstehenden Gedanken kamen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen allen einen interessanten und aufschlussreichen Tagungsverlauf.

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass es nicht einfach ist, kompetente Referenten für eine Messie-Fachtagung zu finden. Messie - Experten tauchen in den Medien zwar auf, nur beim näheren Hinsehen stelle ich immer wieder fest, wie dürftig und einseitig ihre Erfahrungen mit diesem oftmals paradoxen Verhaltensmuster sind.

Auf Grund der Untersuchungen über das Bindungsverhalten von Messies an der Universität Bielefeld von Frau Dr. Gisela Steins habe ich mich auch damit befasst und bin so auf das Buch von Herrn Dr. Rehberger gestoßen.

Dessen Titel hat mich angesprochen, weil das ein Messie - Thema ist:

VERLASSENHEITSPANIK UND TRENNUNGSANGST

Als Sie, Herr Dr. Rehberger, kurz vor Weihnachten 2001 Ihre Bereitschaft zur Teilnahme an dieser Fachtagung erklärten, war ich sehr froh darüber. Und jetzt bin ich schon sehr gespannt auf das, was Sie uns über BINDUNG, ANGST UND DESORGANISATION erklären werden.

 

Inhaltsverzeichnis: Vortrag Dr. Rainer Rehberger

1.      Im sicheren Bindungsmuster

2.      Im unsicher - ambivalenten Bindungsmuster

3.      Im unsicher - vermeidenden Bindungsmuster 

Die fünf Grundmotivationen:

1.      Die Bindung

2.      Die Exploration

3.      Die physiologische Regulation

4.      Die Aversion/Aggression

5.      Sensualität/Sexualität

1.      Zu frühe, zu lange, sich wiederholende Trennungserfahrungen

2.      Zu starke oder zu häufige Erfahrungen der Abweisung, der Unzuverlässigkeit und Uneinfühlsamkeit der Bindungsperson bei der Herstellung der Bindung oder in der Bindung

 Gefühlsmuster aus frühen Bindungserfahrungen und durch sie in Gang gesetzte Handlungsmuster geordnet nach den Motivationen (in Anlehnung an J. D. Lichtenberg) und die zugehörigen Handlungsmuster

 1.      Beim sicheren Bindungsmuster

2.      Beim unsicher-ambivalenten Bindungsmuster

3.      Beim unsicher-vermeidenden Bindungsmuster

  •          Gefühlsmuster aus frühen Autonomieerfahrungen und durch sie in Gang gesetzte Handlungsmuster

Bindungssicherheit und Autonomieentwicklung und Autonomieerfahrung

1.      Die erlebten Gefühlsmuster

2.      Als Handlungsmuster

1.      Spontan abrufbare Gefühlsmuster

2.      Unbewusst aktivierten Handlungsmuster

1.      Gefühlsmuster

2.      Unbewusst aktivierte Handlungsmuster aus dem Prozesswissen

  1. Desorganisation beim Widerstreit der Motivationen allgemein

  2. Erfahrungen aus der Bindungs- und Autonomieentwicklung und das Messie-Syndrom

1. Unsicher - ambivalentes und vermeidendes Bindungsmuster und das Messie-Syndrom

2. Unsicher-vermeidende Bindungsmuster, schizoide Persönlichkeiten und das Messie-Syndrom

Ordnung und Chaos - die Bedeutung aktivierter Gefühlszustände zu müssen und aktivierter

Handlungsmuster der Verweigerung

 

„Bindung, Angst und Desorganisation und das Messie-Syndrom

Dr. Rainer Rehberger, Seefelden

Ich begrüße die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Tagung herzlich. Ich bedanke mich für die sehr freundlichen Einführungsworte von Frau Bönigk-Schulz.

Ich erinnere mich gut an meine Überraschung vor einem halben Jahr, als mir Post mit Informationen über „Messies“ ins Haus flatterte. Was waren das für Wesen? Der Name klang für mich erst einmal verniedlichend, spielerisch, wie ein freundlicher Spitzname. „Messie“, „Nessie“, „Loch Ness“! Also dieses angebliche Ungeheuer von Loch Ness in Schottland, das in allen Köpfen zu spuken pflegte und doch nicht wirklich existierte! Oder doch?

Das Wort kam mir ein bisschen unernst vor und ich dachte auch: „Messie“, das wird doch der lebensverändernden und eingreifenden Situation bei dieser Störung überhaupt nicht gerecht. Ich habe mich aber dann, nachdem ich mich langsam eingearbeitet habe in die Thematik, ein bisschen mit dem Begriff in unserer amerikanisch durchwachsenden deutschen Sprache angefreundet; die Messies als Chaoten und als Herrinnen und Herren der Vermüllung. Mehr noch, ich entdeckte bei der Lektüre der gelungenen Übersicht über das Messie-Syndrom von Frau Bönigk-Schulz, dass ich zumindest eine Frau seit Jahren behandelte, auf die verschiedene Merkmale der Symptomatik, um nicht zu sagen, des Krankheitsbildes, zutrafen. Dann erinnerte ich mich an eine Messie - Studenten - WG in Frankfurt, die ihr Haus mit Kartons und vielem anderen fast unzugänglich gemacht hatte, als ich als Notarzt Zugang suchte. Ich konnte plötzlich verstehen, dass ich - vor Jahrzehnten in Frankfurt - es offenbar auch da und dort mit Messie - Leuten zu tun hatte.

Als Sie vorhin das mit den Katzen vorlasen, musste ich an eine alte Frau denken, die ich wegen Durchfall damals mitten in der Nacht aufsuchen musste, um sie zu behandeln. Die ganze Wohnung war ein riesiger Kaninchenstall mit - ich habe sie nicht gezählt - Dutzenden von Tieren (auch verschiedenen Tieren) und ich ahnte natürlich nicht, dass ich Jahrzehnte später wüsste, wie ich das einzuordnen hätte, nämlich in die Messie-Problematik. Schließlich wurde mir klar, dass eine meiner Analysandinnen mit einem Messie zusammenlebt - wenn auch inzwischen in getrennten Wohnungen, weil sie es einfach nicht mehr ausgehalten hat. Also ich habe sehr viel gelernt von Ihrer Arbeit und möchte jetzt auf meinen Vortrag eingehen.

 

Ganz kurz:

Ich bin von Hause aus Mediziner, Facharzt für innere Medizin. Ich habe dann in Frankfurt in den siebziger Jahren meine Ausbildung zum Psychoanalytiker gemacht, 1980 meine eigene Praxis eröffnet und im Laufe der Zeit gesehen, dass ich mit den Theorien, die ich in der Freud-Schule gelernt hatte - dass ich damit viele wichtige Erscheinungen nicht ausreichend erklären konnte. Das Buch „Verlassenheitspanik und Trennungsangst“ ist ein Ergebnis dieser Erfahrungen. Es geht auf die Bedeutung der Bindung und der Bindungstheorie ein zum Verständnis vieler Erscheinungen, mit denen wir als Psychotherapeuten in der Praxis zu tun haben; das kurz zu meiner Person und zu den Interessen. Ich arbeite also inzwischen längst nicht mehr auf dem theoretischen Fundus, den ich irgendwann einmal in der Psychoanalyse gelernt habe.

nach oben

Inhaltverzeichnis für diesen Vortrag

Es ist übrigens in der gesamten Entwicklung der Psychoanalyse zu beobachten, dass es heute eine Vielfalt von unterschiedlichen theoretischen Orientierungen gibt, die zum Teil auch miteinander unvereinbar sind, dass aber die Psychoanalytikerinnen und Psychoanalytiker heute viel aufgeschlossener sind für verschiedenste Aspekte aus den Forschungen, auch aus der Gehirnforschung. Die Bindungsforschung z. B. findet - mein Buch kam gerade mit einem Buch von Herrn Brisch, den Sie ja auch einladen wollten, heraus - wieder Eingang in die Psychoanalyse, nachdem der Begründer John Bowlby vor Jahrzehnten aus unserem Verein ausgeschlossen worden war (aus der internationalen Vereinigung), weil seine Auffassung mit der traditionellen Trieb-Theorie unvereinbar war. Aber ich möchte jetzt hier auf das Thema kommen.

Es ist schon angekündigt. Ich habe mir erlaubt, Bindungsangst und Desorganisation zu erweitern um das Messie-Syndrom. Ich habe seit der Vereinbarung des Themas und heute dazugelernt, das habe ich mit hereingebracht. Ich habe auch überlegt, ob ich die Behandlung einer Frau, die sicher ein Messie-Syndrom hat und die ich seit 7 Jahren behandle (wegen einer Essstörung), eher den Krankheitsverlauf darstellen soll, habe mich aber dann doch entschlossen, für die Zeit, die ich hier zur Verfügung habe, mehr die Theorie zu beleuchten, und zwar das, was ich Ihnen heute dazu sagen kann. Ich denke, die Symptomatik - die Vielfalt der Erscheinungen - ist eher bekannt. Was jetzt wichtig ist - im Zusammenhang mit der Erforschung des Messie-Syndroms - ist sicher auch, dass wir Zugang zu der inneren Dynamik, zu den Gründen einer solchen Störung bekommen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Entwicklungsstörungen und Messie-Syndrom

Bei meinen Vorbereitungen für heute fand ich bei einigen der wenigen Autorinnen und Autoren, die über das Thema veröffentlicht haben, die Annahme, dass Entwicklungsstörungen in der Kindheit eine wichtige Rolle als Ursache eines späteren Messie-, Diogenes- oder Vermüllungs-Syndroms spielten. Das gleiche trifft auch auf das zu, was ich im Internet und durch Ihre Arbeit gefunden habe. Der Ausbruch der Messiesymptomatik wird mit Lebenskrisen, beispielsweise bei Trennung und Verlust, in Verbindung gebracht. Nicht zufällig haben Sie dann zu meinem Buch gegriffen oder das Buch war der Anlass, mich hierher zu rufen.

Wenn wir heute Entwicklungsstörungen anschauen, dann kommen wir nicht daran vorbei, die Bindungstheorie und das Konzept aus den Forschungsergebnissen - oder die Konzepte der Bindungsforscher - mit zu berücksichtigen, wenn wir Entwicklungen und Entwicklungsstörungen besser verstehen wollen.

 

Die Bedeutung der Bindungstheorie für das Verstehen seelischer Störungen allgemein

Nun liegt es heutzutage nahe, im Zusammenhang mit frühen Entwicklungsstörungen die Frage der Bindungserfahrungen anzuschauen, da sie einen entscheidenden Anteil an der Ausbildung der Persönlichkeit eines Menschen haben.

Ich will Ihnen erst einmal ganz kurz den Kern der Bindungstheorie erläutern, die inzwischen eine umfassende Beachtung gefunden hat. Bindungsforscher gibt es an vielen Universitäten und die Bindungsforschungs-Ergebnisse interessanterweise, die finden sich in allen Kulturen, ob in Japan, Deutschland, Afrika oder Amerika in vergleichbarer Weise. Da ist offenbar etwas gefunden worden mit der Bindungstheorie, was für unser „Menschsein“ insgesamt verbindlich ist.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Die Bindungstheorie

Der Kern der von John Bowlby begründeten Theorie beschreibt das Bedürfnis des Kindes, sich ständig in unmittelbarer oder mittelbarer Nähe der Mutter aufzuhalten. Das Kind, das sich der spielerischen Erkundung und Erforschung seiner Welt widmet, sucht zwischendurch regelmäßig die Berührung mit der Mutter wieder herzustellen. Außerdem gehorcht es in Augenblicken der äußeren oder der inneren Not einem starken inneren Drang, die Mutter aufzusuchen und ihre Hilfe und ihren Trost in Anspruch zu nehmen. Generell können wir sagen: Trennung ängstigt Kinder!

Es ist z. B. nicht zufällig, dass die Kinder mit 3 Jahren in den Kindergarten kommen, denn das ist das Alter, wo das durchschnittliche Kind in der Lage ist, die Trennung von der Mutter über einige Stunden auszuhalten, wenn dann Ersatz-Bindungspersonen da sind wie die Kindergärtnerinnen und die Spielgruppe der Kinder.

 

Wichtig ist: Werden Kinder unvorbereitet, zu lange oder zu häufig von der Bindungsperson getrennt, dann protestieren sie zuerst und bemühen sich, aktiv zur Mutter zu gelangen. Es ist ganz klar: Es ist eine Notlage und die Mutter muss wiedergefunden werden. Mit dem Scheitern ihrer Bemühungen geraten sie in einen Zustand der Verzweiflung, in dem immer wieder wütende Stimmungen aufflammen können. Nach einigen Tagen beruhigen sich diese Kinder, resignieren und ziehen sich innerlich zurück. Bei der Begegnung mit der wiederkehrenden Mutter fremdeln die Kinder oft ihr gegenüber und lehnen sie manchmal ab. Menschen, die als Kinder solche Trennungen erlitten haben, zeigen oft ein Leben lang eine gesteigerte Ängstlichkeit bei Trennungen.

 

Wenn nun diese Kinder - und dazu gibt es ausführliche Studien, die Ende der vierziger und während der fünfziger Jahre von Bowlby und seinen Mitarbeitern durchgeführt wurden -, die z. B. durch einen Krankenhausaufenthalt der Mutter oder durch eine schwere Krankheit der Mutter vorübergehend in ein Heim kommen oder in ein Tagesheim, mit ihrem Protest und ihrem Ärger und ihrer Verzweiflung - also mit ihrem Weinen - die Wieder-Verbindung mit der Mutter nicht erreichen, dann geraten sie in einen Zustand der Verzweiflung, der Resignation, während dessen Wutausbrüche vorkommen können.

Es ist das zweite Stadium einer anhaltenden Trennung von der Bindungsperson - in der Regel der Mutter. In einem dritten Stadium beruhigen sie sich - aus Verzweiflung und Resignation. Mit den Wutausbrüchen dazwischen, vielleicht, werden die Kinder verschlossen. Sie ziehen sich innerlich zurück. Sie resignieren. Sie sind dann in dem Heim auch „besser zu handhaben“, wie man sagt. Mit denen können die Erzieher dann machen - sozusagen -, was sie jetzt für richtig halten. Die Kinder werden nicht mehr protestieren.

Das ist sehr verkürzt gesagt das Muster, was wir bei Kindern in der akuten Trennung von der Bindungsperson beobachten. Das ist auch gesetzmäßig; das finden wir überall. Jetzt möchte ich, nachdem ich quasi das Grundthema der Bindungstheorie kurz beschrieben habe, auf die Bindungsmuster eingehen. Damit kommen wir auch - wie wir später sehen - der Messie-Problematik näher.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Bindungsmuster

Bei der systematischen Erforschung des Verhaltens von Kleinkindern durch eine sehr geglückte wissenschaftliche Zusammenarbeit von Bowlby mit Mary Ainsworth, die einen psychologischen Test entwickelt hat, der später auch auf ältere Kinder und Erwachsene ausgeweitet wurde, zeigten sich typische Bindungsmuster. Kinder reagierten im psychologischen Labor in der sogenannten „Fremden Situation“ auf Trennung und Wiederkehr ihrer Mütter nach drei unterschiedlichen und charakteristischen Gefühlszuständen und Verhaltensmustern.

Mary Ainsworth hatte ursprünglich Mutter-Kind-Beziehungen beobachtet und daraus eine Testsituation entwickelt, bei der Mütter mit ihrem Kind in das psychologische Labor - sprich in ein Spielzimmer - kommen. In dem Spielzimmer befindet sich eine Testleiterin als fremde Person und dann werden zeitlich und in der Sequenz vorgegebene kurze Trennungen von ein bis drei Minuten durchgeführt.

Das heißt, die Mutter kommt dahin. Das Kind findet ein Spielzimmer vor. Es sind Kinder zwischen zwölf und achtzehn Monaten, die vor dem Spracherwerb getestet werden. Dann geht die Mutter aus dem Zimmer, kommt dann wieder - und die Versuchsleiterin ist drinnen. Dann geht die Versuchsleiterin hinaus - und dann geht auch die Mutter hinaus. Es wird geprüft, wie das Kind reagiert, wenn es ganz allein ist. Die Mutter kehrt wieder. Das wird mehrfach wiederholt. Das Spannende nun ist, dass drei unterschiedliche - und wie gesagt, auf der ganzen Welt gleiche - Bindungsmuster gefunden wurden.

Unter Bindungsmuster verstehen wir die Organisation von Gefühlen und von Handlungen in Zusammenhang mit Bindung und Trennung. Diese Bindungsmuster will ich ganz kurz skizzieren.

 

Im sicheren Bindungsmuster versucht das Kind nach dem Weggehen der Mutter, sie zu suchen, diese Trennung im Spiel zu bewältigen oder auch durch Zeigen seiner Angst oder seines Ärgers beim Verschwinden oder Wiederkommen der Mutter. Das Kind geht bei ihrer Wiederkehr sofort auf sie zu und berührt sie kurz, lässt sich von ihr drücken, um dann sein Spiel, oft gemeinsam mit ihr, fortzusetzen.

Ich habe eine Filmszene in Erinnerung, die mir Klaus Grossmann (das ist der renommierteste Bindungsforscher in der Bundesrepublik - in Regensburg) geschickt hat.

Ein Mädchen hat - es war vielleicht vierzehn Monate alt - mit ihrer Puppe gespielt. Es war ganz deutlich, sie hat die Puppe getröstet über die Abwesenheit der Mutter gewissermaßen. Als die Mutter wiederkam, ist das Kind auf die Mutter zugegangen. Das ist bei der sicheren Bindung regelmäßig der Fall. Die Mutter kehrt zurück, das Kind geht - es kann auch geweint haben - auf die Mutter zu, berührt sie kurz, geht vielleicht kurz auf den Arm. Aber das Verblüffende ist - und wie gesagt, es geht um Kleinkinder, um zwölf Monate, vierzehn Monate alte Kinder -, dann laufen sie oder krabbeln wieder zu dem Spielzeug zurück, das sie gerade beschäftigt hat. Das war das Muster der sicheren Bindung. Beobachtet wird, dass in der Regel eine gute Verbindung zwischen Mutter und Kind vorhanden ist, dass die Mutter auf das Kind eingeht, wenn es geweint hat, es tröstet, mit dem Kind auch weiter spielt.

 

Im unsicher - ambivalenten Bindungsmuster reagiert das Kind mit offener Angst und oft lautem Ärger bereits dann, wenn die Mutter Anstalten macht, das Spielzimmer zu verlassen. Sie weinen, klammern sich fest oder können sich nicht durch eigenes Spiel über die kurze Trennung hinwegtrösten.

In dem Filmausschnitt, den ich von Grossmann bekommen habe, sieht es so aus, dass der kleine Junge erst einmal zu dem Stuhl läuft, auf dem die Mutter gesessen hat. Die Mutter hat da eine Zeitung liegengelassen. Dann hat der Kleine, der schon laufen konnte, die Zeitung auf den Boden geschleudert und seinen Ärger gezeigt und überall nachgesehen, ob die Mutter hinter dem Vorhang ist - oder wo auch immer. Das ist das unsicher-ambivalente Muster, bei dem die Kinder sowohl ihren Schmerz zeigen auch ihren Ärger - und gleichsam die Mutter nicht loslassen können.

 

Im unsicher - vermeidenden Bindungsmuster jedoch spielen die Kinder beim Gehen und bei der Wiederkehr der Mutter wie unbeteiligt weiter. Nur am Anstieg des Stresshormons in ihrem Speichel und an ihrem beschleunigten Herzschlag lässt sich ihre Angst durch die Trennung nachweisen.

Das sind Kinder, die gewissermaßen das Weggehen der Mutter ignorieren. Sie spielen einfach weiter. Sie können unter Umständen zwischendurch einmal Ärger zeigen, aber in der Regel nicht. Bei der Rückkehr der Mutter sind sie auch wie unberührt. Sie spielen und es gibt keine aktive Aufnahme des Kontaktes vom Kind zur Mutter, aber auch umgekehrt nicht. Die Mutter setzt sich dann halt wieder auf den Stuhl.

 

Hätten die Forscher in Regensburg bei der Untersuchung des Speichels nicht gefunden, dass diese Kinder einen sehr hohen Anstieg von Kortisol haben - dem Stresshormon in der Nebennierenrinde -, und hätten sie nicht durch aufgelegte Elektroden den Herzschlag kontrolliert und festgestellt, dass diese kleinen Kinder einen sehr beschleunigten Herzschlag haben - stärker als die sicher gebundenen Kinder oder die unsicher-ambivalent gebundenen Kinder -, dann würde man sagen: Ja, die stecken ja die Trennung problemlos weg.

Diese Kinder machen nur so, als ob die Trennung ihnen nichts ausmachen würde (gewissermaßen „Pokerface“). Sie lernen, und das ist eben auch für uns insgesamt wichtig in der Medizin / in der Psychotherapie / in der Psychoanalyse, ihre Gefühle von Ärger und Schmerz zu unterdrücken, haben aber das, was allgemein als eine psychosomatische Reaktion genannt wird. Das heißt, es gibt Organreaktionen. Das ist klar. Es läuft innerlich - und gewissermaßen unterdrückt - Stress ab. Die Kinder geben sich aber so, als ob nichts wäre. Das ist unter dem Blickwinkel des unsicher-vermeidenden Bindungsverhaltens wichtig. Dieses Bindungsmuster scheint eine Schlüsselstellung einzunehmen für spätere Entwicklungen, die in verschiedene Richtungen führen können, angefangen von psychosomatischen Störungen bis hin zu sozialen Störungen. Es wird ganz deutlich, dass zwischen den Bindungspersonen und den unsicher-vermeidend gebundenen Kindern keine warme, herzliche Beziehung vorhanden ist, jedenfalls in diesem Test nicht.

 

Bindungsmuster sind Organisationsmuster für das Gefühlserleben und Handeln in der Bindung und bei Trennung.

Natürlich haben die Bindungsforscher ihre Ergebnisse nicht nur aus einer artifiziellen künstlichen Testsituation genommen, sondern sie sind auch nach Hause gegangen und haben die Mutter-Kind-Beziehung teilnehmend beobachtet. Sie haben sich angesehen, wie die Mütter mit den Kindern umgehen. Man hat dabei gefunden, dass ein weiteres Element bei den unsicher-vermeidend / abweisend gebundenen Kindern Folgendes ist, dass die Mütter offenbar Schwierigkeit haben, die Bedürfnisse des Kindes in der Sekunde eines Spiels oder in anderen Situationen ausreichend wahrzunehmen.

Dass heißt, die Mütter greifen ein und sagen, sieh doch jetzt einmal dorthin, während das Kind an und für sich sehr interessiert mit einer anderen Geschichte beschäftigt ist. Diese wie wir sagen „unemphatischen“ Eingriffe der Mütter oder der Väter, das hat man alles auch mit den Vätern untersucht - von Müttern rede ich nur, weil die bei uns in der Gesellschaft die Betreuung und Erziehung der kleinen Kinder übernehmen - bedeuten keine ausreichende Einfühlung für die momentane Situation des Kindes. Das ist ein weiteres Element in dem unsicher-vermeidenden, abweisenden Bindungsverhalten, das bedeutsam ist.

Erst durch die Bindungstheorie, oder, wenn wir die Bindungstheorie in unserer psychotherapeutischen Arbeit intensiver berücksichtigen (und insbesondere auch für mich in der psychoanalytischen Arbeit), wird deutlich, dass die Autonomie-Entwicklung für die Kinder eine ganz große Rolle spielt und dass die Schicksale in der Autonomieentwicklung ganz entscheidend sind für die Entwicklung der Persönlichkeit, für die Entwicklung des Charakters und unter Umständen auch für die Entwicklung von Störungen später oder für die Störungsanfälligkeit.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Desorganisation

Ich möchte jetzt noch erwähnen, dass die Desorganisation etwas zu tun hat mit dem Widerstreit von gegenläufigen Motivationssystemen.

Ganz kurz:

Die Bindungsforscher haben gefunden, dass bei der Wiederkehr der Bindungsperson in der fremden Situation ein Teil der Kinder erst einmal mit einem Bindungs-Impuls reagiert hat, auf die Mutter / den Vater zugehen wollte (oder krabbeln) und dann - wie erschreckt - innehält, in einen Zustand der Trance gerät, eine Dissoziation erlebt oder sich irgendwo versteckt (unter einem Bett, Tisch oder Stuhl oder den Kopf an die Wand lehnt) und dann, nachdem die Annäherung an die Bindungsperson unterbrochen wurde, vielleicht nach einer halben Minute oder einer Minute die Bindungsaktivität - nämlich auf die Bindungsperson zuzugehen - fortsetzen kann.

Das hat man als Desorganisation verstanden und man hat dann herausgefunden, dass das Kinder sind, die zutiefst geängstigt waren (wie gesagt, alles Kleinkinder vor dem Spracherwerb, wo rein die Interaktion geprüft wurde). Man hat festgestellt, dass die Bindungsperson im Alltag entweder gewalttätig war gegenüber dem Kind (das heißt, das Kind will die Bindung aktivieren und gerät gleichzeitig in Angst, zum Beispiel vor der Gewalt, und will fliehen). Desorganisation kann also in dem Augenblick durch die Aktivierung von widersprüchlichen Motivationen in demselben Moment entstehen.

 

Oder die Kinder machen die Erfahrung, dass ihre Annäherung die Eltern in einen Zustand der Dissoziation bringt, dass die Eltern plötzlich dramatischen Schmerz erleben, abgelenkt sind. Das ist der Fall bei traumatisierten Eltern, also Eltern, die KZ-Erfahrung hatten, die Folter-Erfahrung haben. Die Eltern aktivieren aus dem Prozesswissen (wird ausführlich später erklärt), ob sie wollen oder nicht, im Augenblick der zärtlichen Annäherung des Kindes die Erinnerung an das Grauen/an die grauenhafte Gewalt, wo ihnen die Bindung gefehlt hat, die sie geschützt hätte. Die Eltern geraten dann in einen solchen Zustand und das erschreckt die Kinder.

Das heißt, die Desorganisation hat damit zu tun, dass widersprüchliche Motivationen gleichzeitig aktiviert werden und so, wie das bei den Kindern interaktiv in ihrer Motorik nachweisbar ist, können wir, wenn wir mit Erwachsenen sprechen, die eine Desorganisation haben, beobachten, dass deren Gedankengänge im Augenblick, wo sie über ihre Beziehungen nachdenken, konfus werden. Die Bindungsforscher sagen dazu, dass dann die Schlüssigkeit, die Kohäsion, die innere Stimmigkeit der Gedankengänge verloren geht und dass diese Menschen dann durcheinander reden.

Das ganz kurz zur Desorganisation als Folge des Widerspruchs der Motivationen; also beispielsweise jetzt hier bei mir, berichten zu wollen und gleichzeitig meine Angst, berichten zu müssen, die im Augenblick der Annäherung an den Stil meiner Beziehungen aktiviert wird.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Bindung und Autonomie

Mit der Bindungstheorie wurde das Theoriedenken auch gegenüber den anderen, grundlegenden Motivationen, über die wir verfügen, offener. Das Bedürfnis nach Bindung bedeutet Abhängigkeit von der Bindungsperson. Die Motivationen, unabhängiger und selbständiger zu werden, stehen der Bindung entgegen. Sie treiben uns an, die Welt zu erkunden und zu erforschen, uns gegenüber anderen zu behaupten, mit Abneigung oder Ärger auf Übergriffe oder Behinderungen zu reagieren, selbst über die physiologischen Vorgänge wie Essen, Ausscheiden, Schlafen usw. zu entscheiden und unsere sinnlichen Bedürfnisse allgemein, nicht nur unsere sexuellen Bedürfnisse, zu befriedigen. Eine ausreichend gute Entwicklung erlaubt Müttern und Kindern, das Bedürfnis nach Bindung und den Drang nach Autonomie abwechselnd zu vereinbaren.

Eine Fülle von krankhaften Erscheinungen, die in der Psychoanalyse als Ausdruck der Störung des Sexualtriebs und seiner Entwicklung in der Kindheit gesehen wurden, lässt sich heute als Folge von Störungen der Entwicklung beim Wechsel von Bindung und Autonomie im Bereich der genannten Motivationen einordnen. 

Ich will ganz kurz auflisten, was heute in der Selbstpsychologie innerhalb der Psychoanalyse z. B. von Lichtenberg als autonome Funktionen des Kindes, als autonome Motivationen neben der Motivation Bindung aufgezählt wird, weil ich später noch einmal ausführlicher darauf eingehen will, da es auch für die Thematik Bindung / Angst und Desorganisation bei Messies sicher eine große Rolle spielt.

Lichtenberg schlägt vor, dass wir das dualistische Triebkonzept von Freud (die Lebenstriebe mit der Sexualität und die Todestriebe mit der Aggression) ablösen durch ein differenzierteres Motivationskonzept, bei dem z. B. fünf Grundmotivationen angenommen werden. Ich nenne diese:

Das ist einmal die Bindung. Es ist klar, dass in der Bindung sich das Kind in Abhängigkeit von der Bindungsperson befindet. Es gibt natürlich in jedem Kind einen enormen Drang zur Unabhängigkeit. Das fängt an bei den ganz kleinen Babys, die noch nicht sitzen und noch nicht laufen und krabbeln können, dass die Kinder mit ihren Augen die Welt erforschen und dann immer wieder zurückkehren zur Mutter, mit ihrem Blick in das Auge der Mutter. Wenn sie krabbeln, krabbeln sie weg und kommen zurück. Wenn die Kinder dann am Spielplatz spielen und laufen können, dann gehen sie auf die Rutschbahn und nach ein paar Minuten - entweder ein Blick oder sie laufen zur Mutter zurück - ein kurzer Kontakt und dann gehen sie, wieder die Welt zu erkunden.

Die Bindungsforscher gehen so weit, dass sie sozusagen in Metern gemessen haben, wie weit Kinder in einem bestimmten Alter sich von der Mutter wegbewegen und dann wieder zu ihr hingehen. Diese Erforschung und Erkundung der Welt wird mit der Motivation der Exploration, des Wissenstriebes, beschrieben und Lichtenberg fügt dem noch hinzu, dass Kinder - oder wir alle - eine wichtige Motivation haben, uns selbst zu behaupten, also unseren eigenen Willen zu entwickeln, um zu sagen: „Ich will...“, beispielsweise: „Ich will jetzt auf die Rutschbahn“, „Ich will auf den Kletterturm“, „Ich will in den Sandkasten“. Jetzt ist es ganz wichtig, dass Kinder mit einer gelingenden Entwicklung irgendwo im Hintergrund ihre Bindungsperson haben, dass sie explorieren können, dass sie zurückkehren können, dass die Kinder ermuntert werden: „Ja, mach weiter“ und „Schön“ und „Toll“. Wenn der Versuch beim ersten Mal nicht geklappt hat, wenn ein weiterer Versuch unterstützt und gesagt wird: „Ja, beim zweiten oder dritten Mal kannst Du das auch!“, das wäre eine Situation der Exploration, bei der ein Kind gute Bedingungen hat, um Selbstsicherheit und Selbstachtung zu erwerben.

Die erste Grundmotivation ist also die Bindung. Exploration war die zweite und die dritte ganz wichtige ist, dass Kinder schon von Geburt an das Bedürfnis haben, ihre physiologischen Funktionen selbst zu regulieren.

Sie sind dafür ausgestattet. Das ist nicht nur die Atmung. Das ist das Essen, das ist das Schlafen, das sind die Ausscheidungen. Dieses kann und möchte ein Kind selbst regulieren. Die Erziehungsstile in verschiedenen Gesellschaften und damit natürlich auch in den Familien und bei den Müttern, die das ja nicht anders kennen, nehmen darauf jedoch starken Einfluss.

Das Essen wird vorgeschrieben, die Ausscheidungen werden vorgeschrieben, das Schlafen wird vorgeschrieben, die autonome Bewegung wird vorgeschrieben („Zappele nicht so beim Essen“) und solche Geschichten.

Oder Zwang bei Ausscheidungen: Schläge, wenn das Geschäft daneben oder in die Hose gegangen ist. Das kann ein Kind erst vielleicht mit zwei bis drei Jahren kontrollieren. Wichtig ist, dass die Eingriffe in die Autonomie-Entwicklung oder, wenn es gut geht, eine ausreichende Förderung der Autonomie-Entwicklung, und zwar in diesen verschiedenen Bereichen (physiologische Regulation, Aversion/Aggression, Sensualität/Sexualität und Exploration), für die Entwicklung der Kinder von großer Bedeutung für das spätere Leben sein können. Alle diese Eingriffe führen zu Gefühlsmustern und zu Handlungen, sozusagen zu Reaktionen auf die Gefühle, die man zum Beispiel bei Zwang erlebt.

Die vierte wichtige Motivation ist die von Aversion und Aggression. Sie können das ein Stück weit in meinem Buch nachlesen und sich auch in der Literatur zugänglich machen - auch bei Bowlby über die Motivation „Bindung“. Das sind komplizierte Systeme, bei denen bestimmte Affektzustände und Wahrnehmungen und Handlungsmuster zusammenkommen. Es ist Ihnen allen geläufig, dass es von der Gesellschaft abhängig ist und natürlich auch von den Familien und vom Stil der Eltern, ob aversive und aggressive Äußerungen der Kinder akzeptiert werden, ob man in ihnen „Managertugenden“ sieht oder ob man in ihnen „Aufruhr, Rebellion und Gefahr für den Familienfrieden“ sieht. Die Eingriffe in Aversion und Aggression - oder die Art und Weise, wie damit umgegangen wird - sind ein weiterer wichtiger Punkt.

Als fünfte Motivation spricht Lichtenberg von der Motivation zur „Sensualität“. Damit ist die Gesamtheit sinnlicher, wohltuender Erfahrungen gemeint bis hin zur Kunst und Musik und zur Sexualität, also sexuelle Erregung, Leidenschaft und sexuelle Befriedigung. Da wird schon deutlich, dass die Sexualität nicht mehr diesen primären Ort hat wie in der klassischen Psychoanalyse. Schon Bowlby hat darauf hingewiesen, dass die Schicksale der Sexualität, wie wir als Erwachsene unsere Sexualität leben, in der Regel viel mit den Bindungserfahrungen zu tun haben und nicht etwa primär, dass Sexualität darauf ausgerichtet ist, Befriedigung zu erlangen oder der ödipale Konflikt: „Ich will die Mutter haben und den Vater weghaben“, dass das sozusagen das Kernproblem der Neurosen wäre! Das können wir im Archiv ablegen, auch wenn der ödipale Konflikt natürlich ein wichtiger Punkt ist und auch bleibt. Aber es ist einer unter verschiedenen.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Grundlegende Störungen der Bindung

Zu frühe, zu lange, sich wiederholende Trennungserfahrungen.

Es geht um den Verlust oder das Fehlen einer ausreichend sicheren Bindung. Starke Steigerung der Trennungsangst und mehr oder weniger starke seelische Störungen mit depressiven oder Angst-Zuständen können entstehen. Das Bindungsverhalten kann beim resignierten Kind ganz fehlen, oder die Kinder zeigen ein übersteigertes Bindungsverhalten im Sinne der Angstbindung. Ursachen sind zu häufige Abwesenheit der Bindungsperson, Verlust eines oder beider Eltern und Unterbringung in Pflegeeinrichtungen. Durch die Trennungsängste und depressive Verlassenheitsstimmungen wird die Entwicklung der Selbständigkeit durch Einbußen im Bereich der Exploration, der Selbstbehauptung und oft auch der Selbstverteidigung durch Aversion und Aggression beeinträchtigt. Bei Erwachsenen werden als Spätfolgen bei zusätzlichen Krisen verschiedene Angststörungen, Depressionen und die abhängige Persönlichkeitsstörung beobachtet.

Zu starke oder zu häufige Erfahrungen der Abweisung, der Unzuverlässigkeit und Uneinfühlsamkeit der Bindungsperson bei der Herstellung der Bindung oder in der Bindung.

Hier wird die nicht ausreichend sichere Bindung durch unzureichende Verfügbarkeit der anwesenden Bindungsperson, durch Abweisungen durch sie dem Kind gegenüber oder durch uneinfühlsame Eingriffe in das eigene Wollen des Kindes verursacht. Dieses Muster der Bindungsorganisation ist von besonderer Bedeutung für die Entwicklung des Gefühlslebens des Kindes. Durch die Unterdrückung von Gefühlsäußerungen und Stimmungen und durch den inneren Rückzug verringern sich der lebendige Austausch von Gefühlen und das spielerische Miteinander von Mutter und Kind.

Die frühkindliche Interaktion vor dem Erwerb der Episodenerinnerung (das ist die Erinnerung an erlebte Ereignisse in Bild, Wort und Gefühl) und des Sprechens wird als Grundlage für die Entwicklung eines reichen und vielfältigen Gefühlslebens eingeschränkt. Schon vor 60 Jahren vermutete der schottische Psychoanalytiker R. D. Fairbairn, dass die heute unsicher-vermeidende Bindungserfahrungen genannten Beziehungserfahrungen mit innerem Rückzug in der frühen Entwicklung als Ursache des Lebensgefühls der Leere und der Sinnlosigkeit angesehen werden können. Kinder zeigen verschiedene Störungen, zum Beispiel lautes, aggressives Einfordern der Bindung, starke innere Zurückgezogenheit in Phantasiewelten.

Bei Erwachsenen reichen die Folgen vom schizoiden Charakter über die vermeidenden Persönlichkeitsstörungen bis hin zur Psychose. Der Umstand der bereits bei Kleinkindern nachweisbaren Affektunterdrückung mit Stress lässt auch die spätere Entstehung von psychosomatischen Störungen auf dem Boden vermeidend/abweisender Bindungserfahrungen annehmen.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Das Prozesswissen - ein Exkurs zur heutigen Gehirnphysiologie

Die Gehirnforscher sagen, wir haben ein enzyklopädisches Gedächtnis. Darin ist alles das, was wir bewusst lernen und wissen, wo wir Begriffe und Bilder usw. erinnern können. Das ist das enzyklopädische Gedächtnis und das ist im Großhirn lokalisiert.

Dann gibt es ein Bildwissen, mit dem wir die Welt auch in ihren Bildern speichern und somit eine Fähigkeit haben, in Bildern zu denken. Darauf möchte ich jetzt nicht näher eingehen. Wichtige Erfahrungen machen Sie alle in unseren Träumen mit dem Bilddenken (darin werden Geschehnisse durch den Wechsel von Bildern dargestellt). In Träumen wird wenig gesprochen, aber darin wird viel erlebt mit Hilfe von Bildern.

Das Dritte ist gewissermaßen das Prozesswissen. Dabei geht es um Handlungen und um Erfahrungen, die durch Handeln und durch das "Behandelt werden" entstehen. Das ist die passive Seite des Prozesswissens, und die Erfahrungen, die durch eigenes Handeln gemacht werden, das ist die aktive Seite des Prozesswissens.

Das heißt, wie mit uns umgegangen wird, ist gespeichert als Gefühlserfahrung; beispielsweise „gezwungen zu sein“ als Gefühlserfahrung des Zwangs. Wie wir dann handeln, das ist die aktive Seite des Prozesswissens. Hierbei ist wichtig, dass dieses Prozesswissen nicht in der Großhirnrinde, sondern im Mittelhirn gespeichert wird.

In den ersten zwei Jahren speichern wir nur im Bereich des Prozesswissens, d. h. die Art und Weise, wie wir behandelt werden, was wir spüren, und wie wir reagieren. Die Stile des Handelns sind auch im Prozesswissen gespeichert und dieses Prozesswissen (das im Mittelhirn ist) ist nicht bewusst (erst einmal) zugänglich, sondern das können wir erst wahrnehmen, wenn wir es getan haben.

Ganz wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass es einen Teil in unserer Persönlichkeit gibt, in uns allen, den wir willentlich nicht beeinflussen können. Ich kann nicht sagen: „Ich will mich nicht gezwungen fühlen“, und bei der nächsten Gelegenheit kommt es dann doch dazu. Wenn ich an meine etwas aufgeregte Herfahrt denke, da kann ich sagen: „Ich will mich nicht aufregen“, und ich sage mir: „Es klappt mit Sicherheit“, und: „Es ist noch nicht schiefgegangen“, und doch ist eine gewisse Unsicherheit da. Diese kommt aus dem Prozesswissen, wie z. B. auch, wie eine Gruppe auf uns reagiert, dass wir uns von einer Gruppe potenziell abgelehnt fühlen. Sie haben das auch beschrieben (Das Messie-Syndrom... Bönigk-Schulz, M.), dass Messies oft zu Misstrauen neigen und sich von anderen kritisiert erleben. Das kann ein Gefühlsmuster im Prozesswissen sein, das aktiviert wird in der Gegenwart, wenn wir durch die Art und Weise unserer Aktion etwas machen, was an die ursprünglichen Erfahrungen erinnert.

Wenn wir z. B. starke Beschämungen erlitten haben, dann werden wir wo auch immer, wenn wir uns zu Wort melden oder einen Vortrag halten oder uns irgendwo zeigen (im Sport, beim Klaviervorspiel usw.), mit enormer Angst vor Beschämung, mit enormer Angst vor Versagen kämpfen, auch wenn das unserer Gegenwart und unserer Fähigkeit überhaupt nicht entspricht. Das sozusagen Dramatische und Schwierige und Wichtige an der Geschichte ist, das wird aktiviert, ohne dass Sie sagen können: „Ich will das nicht“, und es wirkt. Damit werden auch die Handlungsmuster, die wir früh gelernt haben, aktiviert. Es kann also sein, dass Leute, die perfekt Klavier spielen können, es ablehnen, ein Vorspiel zu machen, oder dass Leute, die perfekte Essays schreiben können, es ablehnen, so etwas zu veröffentlichen, weil sie die Befürchtung haben: „Das wird verrissen.“ und: „Es ist alles schlecht“ usw.

  • Das Wichtige ist, dass ein solches Handeln „Das mache ich nicht!“ auch im Prozesswissen verankert sein kann und wirkt und nicht durch eine willentliche Aktion abgestellt werden kann.

Das ist ein zentraler Teil meiner Botschaft heute für Sie und auch etwas, was in meiner neueren psychotherapeutischen Werkstatt - mit Hilfe dessen, was ich aus den anderen Forschungszweigen höre - zustande gekommen ist.

Noch einmal in aller Kürze: Nach dem heutigen Stand der Gehirnforschung werden die Erfahrungen eines Kindes im Verlauf der ersten zwei Jahre noch nicht als bewusst erinnerbare Erlebnisse gespeichert. Sich wiederholende Erfahrungen werden als verallgemeinerte Gefühlsmuster und als Handlungsmuster im Mittelhirn und Kleinhirn als sogenanntes Prozesswissen niedergelegt. Sie sind später bewusst nicht erinnerbar, wirken sich aber auf die Stimmung und auf das Verhalten aus, da sie jederzeit (unbewusst) aktiviert werden können. Werden sie aktiviert, werden sie als gegenwärtig verursachte Gefühlsmuster empfunden und das Handeln als gegenwärtig motiviert erlebt. Ihre Herkunft aus früheren Erfahrungen ist also nicht bewusst, wird nicht verstanden. Bindungserfahrungen der ersten beiden Jahre werden so später in Bindungssituationen als Stimmungen und Ängste wachgerufen und führen zu spontanen Verhaltensweisen, die willentlich nicht kontrollierbar sind.

  • Gefühlsmuster aus frühen Bindungserfahrungen und durch sie in Gang gesetzte Handlungsmuster geordnet nach den Motivationen (in Anlehnung an J. D. Lichtenberg) und die zugehörigen Handlungsmuster

Beim sicheren Bindungsmuster sind die gespeicherten Gefühlsmuster bestimmt durch gute Bindungserfahrungen mit Vertrauen, Zuversicht und dem Gefühl, auf Hilfe und Trost durch die oder den Nächsten rechnen zu können. Das Gefühl sicherer Zugehörigkeit zu der oder dem oder den anderen im Leben gründet in diesen Gefühlsmustern. Die damit verbundenen Handlungsmuster enthalten alle Handlungen, die oder den Nächsten im Augenblick der Not aufzusuchen oder die Verbindung zu ihr oder zu ihm regelmäßig zu halten.

Betrachten wir nun das unsicher-ambivalente Bindungsmuster des Kleinkindes.

Ich gehe kurz auf die Gefühlsmuster ein bei unsicher-ambivalentem Bindungsmuster. Zu diesem Gefühlsmuster gehört beispielsweise das Gefühl, dass, wenn irgendjemand weggeht oder wenn Urlaub beginnt, wir uns dann durch eine Aktivierung dieses Gefühlsmusters aus dem Prozesswissen irgendwo unerträglich verlassen fühlen, dass wir also auch Angst entwickeln. Das dazugehörige Handlungsmuster, das aktiviert wird, kann dann sein: nicht loszulassen.

Es gibt Leute, die nie in Urlaub fahren, weil sie ihr Zuhause nicht loslassen können. Das Handlungsmuster ist dann, sich festzuhalten und bleiben und auf die Autonomie, auf die Reiselust usw. zu verzichten. Das wäre (sehr verkürzt gesagt) das Gefühlsmuster: total verlassen zu sein - Handlungsmuster: das Zuhause festzuhalten, die Arbeit festzuhalten, auch Wechsel zu vermeiden. Das wäre bedeutsam auf dem Hintergrund einer unsicher-ambivalenten Bindungserfahrung.

Kurz gefasst: Das im Prozesswissen gespeicherte Gefühlsmuster ist die Angst, unerträglich verlassen zu sein, ist das Gefühl bedrohlicher und gefährlicher Verlassenheit. Die dazu gehörenden Handlungsmuster sind, die Bindungsperson nicht loszulassen, festzuhalten und selbst nicht wegzugehen. Ausgelöst und wachgerufen werden diese Muster im späteren Leben in Verbindung mit Verlassenwerden.

Und nun zum unsicher - vermeidenden Bindungsmuster.

Wichtiger wird es jetzt bei dem unsicher - vermeidenden Bindungsmuster. Das gespeicherte Gefühlsmuster ist: „abgewiesen zu werden; abgelehnt zu werden; im Augenblick des Hilfesuchens zurückgewiesen zu werden; allein zu sein.“ Zu diesen Gefühlsmustern gehören die Gefühlszustände der Leere, die Gefühlszustände der Sinnlosigkeit. Es ist dann so, dass im Augenblick der Aktivierung dieses im Prozesswissen gespeicherten Gefühlsmusters - z. B. immer dann, wenn ich eine Hilfe in Anspruch nehmen will - diese Gefühle hochkommen.

Selbst wenn ich Hilfe bekäme in der Gegenwart, habe ich das Gefühl: „Es hat gar keinen Sinn! Der schickt mich weg!“, und ich mache es nicht, frage erst gar nicht. Sie kennen vielleicht von Watzlawick diese Geschichte von dem Mann, der einen Hammer beim Nachbarn ausleihen wollte und den ganzen Abend gerungen hat: „Soll ich den Hammer ausleihen oder nicht?“. Er fragt den Nachbarn dann aber nicht. Er dachte: „Der schickt mich weg, der lacht mich aus usw.“. Am anderen Morgen ist er hin zu ihm und hat geklingelt und hat ihn angeschrieen: „Ich will ihren verfluchten Hammer gar nicht!“

Das würden wir heute gewissermaßen als Ausdruck einer unsicher - vermeidenden Bindungserfahrung einordnen. Wir haben den passiven Teil, das Gefühlsmuster: „Ich werde abgewiesen. Ich habe keine Chance“, und den aktiven Teil: „Selbst abzuweisen“. Sie können sich vorstellen, wie verdattert der Nachbar war. Dieser hätte ihm wahrscheinlich gerne den Hammer gegeben. Also kann nicht nur das Gefühl der Abweisung, sondern zusätzlich kann in Situationen, die daran erinnern - wenn ich zum Beispiel Hilfe will und jemanden aufsuchen will - das Gefühl „Selbst abzuweisen” aktiviert werden, sodass, wenn ich alleine bin, dann Gefühle der Leere und der Sinnlosigkeit auftreten.

Wenn ich an meine Messie - Patientin denke, die beruflich integriert ist - und die ein Essproblem hat -, die verbringt ihre Freizeit damit, sich voll zu stopfen und einzukaufen, damit sie sich voll stopfen kann. Sie hat einmal gesagt, sie hat gar keine Zeit, abzunehmen, weil sie ja damit beschäftigt ist - wie wir das verstehen -, das Gefühl der Leere zu bekämpfen. Das heißt, wenn ich mich voll stopfe, bekämpfe ich das Gefühl der Leere.

Hier wird deutlich, dass bei unsicher - vermeidender Bindungserfahrung auch das Gefühl von Leere und das Gefühl von Sinnlosigkeit im Leben wachgerufen werden kann. Wichtig ist, dass überall da, wo in der Autonomie-Entwicklung dramatische Eingriffe stattgefunden haben, also Zwang zum Essen (z. B. Fesselung der Hände des Babys und dann das Baby voll stopfen) oder Zwang bei Ausscheidungen, ein Gefühl des „MÜSSENS“ entsteht.

Kurz gefasst: Das gespeicherte Gefühlsmuster enthält die Angst, abgewiesen zu werden und die Gefühle, abgewiesen zu sein, gestört zu sein, verlassen zu sein. Dazu kommt das Gefühl, unerträglich leer zu sein und das Gefühl der Sinnlosigkeit. Dazu gehören die Handlungsmuster, andere bei der Annäherung abzuweisen, zu distanzieren, sich äußerlich und innerlich zurückzuziehen, sich zu verschließen. Ein weiterer Aspekt ist der des gesteigerten Misstrauens, der Erwartung, von anderen abgewiesen, belogen, betrogen und geschädigt zu werden. Insgesamt antworten solche Menschen oft mit Angst auf Annäherung und Nähe.

Ich übergehe jetzt die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Motivationssystemen und den Gefühlsmustern, die da entstehen, und den Handlungsmustern und beschränke mich auf das eine: nämlich auf das „MÜSSEN“.

Wenn die Erfahrung zu „müssen“ sehr stark ist und mit den verinnerlichten Gefühlsmustern und Handlungsmustern reagiert wird, kann Folgendes geschehen. Ich habe eine Analysandin, von der ich sehr viel gelernt habe zu dem Thema, die offensichtlich, was ich seit ein paar Wochen weiß, seit der Kenntnis Ihrer Arbeit, mit einem Messie zusammen lebt (allerdings inzwischen in einer getrennten Wohnung, weil sie es nicht mehr aushält, wie es bei ihm zugeht).

Dieser Frau wurde durch ein Tagebuch der Mutter ihre Frühentwicklung als Kind  zugänglich, dass die Mutter das Baby nämlich schon mit drei bis vier Monaten abgehalten hat. Die Mutter hat mit fünf Monaten in ihr Tagebuch über das Baby geschrieben: „Heute zum ersten Mal auf BEFEHL „PIPI“. Mit fünf Monaten! Das kann ein Kind vielleicht mit zwei oder drei Jahren. Mit sechs Monaten: „Heute zum ersten Mal auf BEFEHL „AA“!

Diese Mutter, die voll im Sinne der Erziehungsideologie, die sie gelernt hatte, handelte - sie hat ja im besten Wissen und Gewissen gehandelt -, hat das sogar aufgeschrieben und ich bin heute glücklich, dass wir solche Dokumente haben; weil wir das normalerweise in der Therapie nur rekonstruieren können.

Diese Mutter hat später, als das Mädchen den Mittagsschlaf nicht einhalten wollte, das Kind ins Bett gefesselt. Bei dieser Frau ist es so, dass sich fast alles, was sie in Angriff nimmt, im Handumdrehen - und das ist tragisch und furchtbar zugleich - mit dem Gefühl verbindet „zu müssen“, und das Schlimme ist, dass auch eigene Initiativen „Ich will etwas machen“ nach ganz kurzer Zeit mit dem Gefühl verbunden sind „Ich muss das jetzt machen“.

Aus dem Alltag kennen Sie das alles ein bisschen. Es gibt Leute, die sagen: „Ich muss noch Tennis spielen“ und „Ich muss noch den Hund ausführen“ - eigentlich alles Tätigkeiten, die man will und die zur Freizeit gehören und zur Entspannung usw.

Dieses „MUSS“ - Gefühl ist offenbar ein Reflex auf frühe „MUSS“ - Erfahrungen. Wenn diese „MUSS“ - Erfahrungen dramatisch sind, und das ist sozusagen ein Merkmal der Motivation Selbstbehauptung (die Lichtenberg mit der Exploration zusammenfasst), gibt es natürlich eine ganz entschiedene Reaktion, die dann eine Selbstbehauptung an der Stelle ist:

  • Mache ich nicht!“

Und wie gesagt, ich habe Ihnen erzählt, Prozesswissen ist unbewusst!

Das heißt, ich mache etwas nicht, ohne zu wissen, dass ich jetzt den Impuls habe: „Ich mache das nicht“. Das führt dazu, dass die Reaktion dieser Frau für sie selbst oder für andere nicht zu verstehen ist. Als Beispiel: Ich mache den Vorschlag zu Beginn der Analyse: „Ich schlage Ihnen vor, Sie denken laut nach, aber Sie können auch schweigen“. Bei ihr kommt an: sie „muss“ alles sagen.

Das heißt, die Wahrnehmung der Gegenwart wird überlagert von solchen „MUSS“ - Erfahrungen. Über die Jahre hin habe ich von ihr - und wir zusammen - sehr viel gelernt, diese Muss-Problematik besser zu verstehen. Als ihr irgendwann diese Dokumente aus der Frühentwicklung von der Mutter gegeben wurden, hat sie unter Tränen über eine ganze Kette von Stunden diese Notizen vorgelesen, weil diese für sie natürlich zutiefst schmerzlich waren. Diese Notizen haben aber verständlich gemacht, dass sie nicht nur - und da sind wir wieder bei dem, was Sie für die Messies beschrieben haben - ein Problem hatte, den so einfachen Vorschlag „laut nachzudenken oder zu schweigen“ auch als solchen zu verstehen, sondern, dass sie so einen Vorschlag erlebt, als „müsste“ sie alles sagen ohne den Gedanken, dass sie das Recht hat, zu reden, und das Recht, zu schweigen.

Sie hat z. B. ein Riesenproblem mit der Zeit gehabt, als sie in die Analyse kam. Sie hat alle Termine, ob das ein Rendezvous mit dem Geliebten war, ob das die Analysestunde war, ob das ein Seminar an der Universität war, ob das eine Prüfung war, versäumt. Sie kam überall zu spät. Das verstehen wir natürlich besser, wenn wir wissen, dass jeder Termin - auch den, den sie will - unbewusst verknüpft ist mit dem Gefühl „gezwungen zu sein“ und sie dann mit dem Handlungsmuster „Mache ich nicht!“ reagiert. Es ist ihr überhaupt nicht bewusst. Sie leidet dann darunter, dass sie zu spät kommt. Sie hat einmal erzählt, sie hätte das Gefühl, es gibt kein Entrinnen. Sie weiß, um halb acht ist Analyse. Eine halbe Stunde vorher will sie sich fertig machen, ins Auto gehen, und dann hat sie das Gefühl, gelähmt zu sein. Es gibt kein Entrinnen.

Wir haben das mit diesem Gefühlsmuster „gefesselt zu sein“ dann später ein Stück weit verstanden. Sie hat einmal, als es um Sexualität ging, die Phantasie geäußert: „Wenn mein Geliebter den Versuch machen würde, mich zu fesseln, würde ich ihn ermorden.“ Da habe ich gesagt: „Ich glaube, Sie haben an der Stelle vergessen, dass Sie ja eine Gefesselte SIND, also die Gefühlserfahrung der Fesselung haben.“ Das war ihr völlig unbewusst in dem Augenblick und sie brach in Tränen aus und konnte darüber trauern.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Gefühlsmuster aus frühen Autonomieerfahrungen und durch sie in Gang gesetzte Handlungsmuster

Zu diesem Gefühl aus Einschränkungen der Autonomieentwicklung könnte ich Ihnen viel erzählen. Darauf verzichte ich jetzt und fasse noch einmal zusammen. Diese Gefühle mischen sich in das Erleben in der Gegenwart, und die Handlungen dazu mischen sich auch in unser Handeln in der Gegenwart oder bestimmen das Verhalten; d. h., wir verhalten uns anders, als wir es bewusst wollen.

Als Gerhard Roth, der Gehirnforscher aus Bremen, vor zwei Jahren in Lindau vor tausend Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten über dieses Prozesswissen und über diese Verankerung gesprochen hat, war es im Saal mucks-mäuschenstill. Wir Psychotherapeuten waren dramatisch verunsichert bei der Aussicht: „Ja, um Gottes Willen, wo bleibt denn dann unsere therapeutische Potenz? Was können wir bewirken?“ Diese Fragen sind aufgetaucht.

Kurz: Bindungssicherheit und Autonomieentwicklung und Autonomieerfahrung.

Die erlebten Gefühlsmuster bei einer durch die Bindungspersonen bejahten Autonomieentwicklung und die Gefühlsmuster auf dem Boden sicherer Bindungserfahrungen umfassen Gefühle der Sicherheit, des Selbstvertrauens, der Selbstachtung und Gefühle, durch andere bestärkt, unterstützt, geachtet und gefördert zu werden. Sie werden aktiviert, wachgerufen und als gegenwärtig erlebt im Augenblick eigener Initiativen oder im Zusammenwirken mit anderen.

Als Handlungsmuster in ihrem Gefolge kann Bereitschaft und Durchführung zu und von eigenen Initiativen zur Verwirklichung der Autonomie auf dem Gebiet der verschiedenen Motivationen angesehen werden. Eingriffe in die Selbstbehauptung und die Exploration der Umwelt sind mit Gefühlsmustern verbunden, bei eigener Initiative eingeschränkt und gehindert zu werden, nicht zu dürfen, oder fremde Initiativen ergreifen zu müssen, für eigene Unternehmungen bestraft, beschämt oder verletzt zu werden. Durch diese Gefühlsmuster werden unbewusst Handlungsmuster ausgelöst, sich selbst einzuschränken, zu beschämen, zu beschuldigen und auf eigene Vorhaben zu verzichten, sie nicht auszuführen, fremde Aufträge zu blockieren nach dem unbewussten Motto „Mache ich nicht“.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Eingriffe in die Aversion - Aggression als wichtigem Bereich der autonomen Motivation

Unbewusst gespeicherte und spontan abrufbare Gefühlsmuster sind bei der Äußerung eigener aversiver und aggressiver Gefühle oder bei entsprechenden Handlungen angegriffen, beherrscht, verletzt zu sein und bestraft zu werden.

Die unbewusst aktivierten Handlungsmuster sind, Ärger gegen andere zu unterdrücken, den Ärger auf andere gegen sich selbst zu richten, ärgerlich gegen sich selbst zu handeln. Werden ärgerliche Gefühle in engen Beziehungen bewusst erlebt, lösen sie starke Angst aus.

 

Eingriffe in die Physiologischen Regulationen und in die Sensualität und Sexualität

Die erlebten Gefühlsmuster sind je nach Erfahrung, essen, schlafen, ausscheiden zu müssen, sinnliche Erfahrungen und sexuelle Erregung nicht hervorrufen zu dürfen.

Unbewusst aktivierte Handlungsmuster entsprechen oft einem offenen oder heimlichen „Mache ich nicht“. Entsprechende Störungen des Essens, des Schlafens, der Ausscheidungen und des sinnlichen Erlebens sind die Folge.

 

Auslösung von Gefühlszuständen und Handlungsmustern aus dem Prozesswissen

Wichtig im Rahmen dieser Zusammenhänge ist die Tatsache, dass Gefühlsmuster und Handlungsmuster gleichzeitig und spontan aktiviert werden. Gefühle der Ohnmacht werden folglich gleichzeitig mit der Verweigerung des Essens erlebt, wenn als Kind gewaltsam gefüttert wurde. Das Gefühl, abgewiesen zu sein, wird gleichzeitig mit eigenem Abweisen als Reaktion in Gang gesetzt.

Außerdem lässt sich eine Neigung zur Generalisierung der auslösenden Ursachen der Gefühlsmuster und Handlungsmuster feststellen. Alle Vorgänge, die mit Aufnehmen und Einverleiben verbunden sind, können sozusagen Gefühlszustände aus gewaltsamer Fütterung wachrufen.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Näheres über die Desorganisation im Bindungsverhalten

Die Desorganisation wurde bei der Wiederannäherung von traumatisierten oder Traumatisierenden Eltern an ihre Kleinkinder entdeckt. Die Kinder geraten kürzer oder länger in einen Widerstreit zwischen dem Drang nach Bindung und der Angst vor den Eltern. Sie fallen in Trance mit Erstarrung in ihrer Annäherung oder flüchten kurzzeitig. Sie sind von Angst und Panik erfüllt. Ihr Blick wird als Angst, nicht zu wissen, wohin sie flüchten können, beschrieben. (The fear not to know where to go).

Desorganisation beim Widerstreit der Motivationen allgemein.

Desorganisation scheint auch der naheliegende Grund für manche nicht nachvollziehbare Reaktionen in anderen Zusammenhängen als dem der Wiederannäherung beim Bindungsverlangen zu sein. Wenn wir beispielsweise bewusst etwas vorhaben und Gefühlszustände aus erlittenem Zwang, aus erlittener Bestrafung, aus durchgemachter Ängstigung in uns wachgerufen werden, fühlen wir uns gegenwärtig wie gezwungen (Gefühl „zu müssen“). Wir handeln dann gegen unsere bewusste Absicht nach unbewussten zwanghaften Handlungsmustern im Sinne von „Mache ich nicht“, z. B. zu verzichten, abzulehnen, uns selbst zu bestrafen usw., und vereiteln so unser Vorhaben. Verwirrung und Hilflosigkeit und soziale Spannungen sind die Folge.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Erfahrungen aus der Bindungs- und Autonomieentwicklung und das Messie-Syndrom (Unsicher - ambivalentes und vermeidendes Bindungsmuster und das Messie-Syndrom)

Verschiedene Berichte stellen bei Messies eine Häufung von Ängsten, von Trennungsängsten fest. Störungen der Bindung mit überwältigenden Trennungserfahrungen, gesteigerte Trennungsängste der Eltern, Verlust der Eltern als Kind können der Anlass dafür sein.

 

Unsicher-vermeidende Bindungsmuster, schizoide Persönlichkeit und das Messie-Syndrom

Die mehr oder weniger starke soziale Zurückgezogenheit der Messies, zumindest was den privaten Bereich und ihre Wohnung angeht, lässt unmittelbar an das unsicher - vermeidende Bindungsverhalten denken. 1940 hat R. D. Fairbairn mit seiner Arbeit über die schizoide Persönlichkeit bereits die Eigenheiten der unsicher - vermeidenden Persönlichkeit (auch „abweisende“ Persönlichkeit) beschrieben und die Bedeutung des inneren Rückzugs hervorgehoben. Er erklärte die Tendenz zu schizoiden Reaktionen aus Entbehrungen in der Beziehung des Babys zu seiner Mutter. Für ihn war der bestimmende Affektzustand dieser Kinder in der emotionalen Entbehrung ausreichender mütterlicher Liebe der von Leere und Sinnlosigkeit. Nur bei extremer Belastung der Kinder ist später eine Psychose zu erwarten. Ein großer Teil der Störungen ist mit einem mehr oder weniger angepassten sozialen Leben, zum Teil mit erheblichem beruflichen Erfolg, vereinbar.

Der Mangel an Selbstsicherheit lässt sich mit Hilfe der fehlenden, ausreichend sicheren Bindungserfahrung erklären. Die Autonomieentwicklung wird nicht ausreichend gefördert und bejaht, sondern sie wird vom Kind als Zuflucht und ohne eine ausreichende Bestätigung entwickelt.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Selbsthilfe und Selbstbehandlungsmaßnahmen

Der Gesichtspunkt der erschwerten Inanspruchnahme von Hilfe beim vermeidenden Bindungsmuster scheint auch für viele Messies bedeutsam zu sein.

Auch Messies neigen zu Selbstbehandlungen, statt Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie behandeln sich mit Alkohol, durch Essattacken oder Askese (Essstörungen) oder durch Sammeln, als „Sammeltrieb“ oder „Sammelsucht“. Im bedrohlich erlebten Gefühlszustand innerer Leere und von Sinnlosigkeit im Leben, der eng mit der unsicher - vermeidenden, auch abweisenden Bindungserfahrung verknüpft ist, liegt offensichtlich ein wichtiger Grund für Selbstbehandlungsmaßnahmen. Alkohol ist ein leicht verfügbares Mittel zur Gefühls-, Schmerz - und Schambetäubung. Unersättliches Essen, ähnlich wie zwanghaftes Kettenrauchen, eignet sich zur Bekämpfung des Gefühls der Leere und der Hilflosigkeit. Auch der Sammeltrieb kann als ein Mittel zur Bekämpfung dieses unerträglichen Gefühls aus früher, abweisender Bindungserfahrung verstanden werden.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Unterdrückte Trauer

Die Schwierigkeit der Messies mit einer gelingenden Trauer lässt sich ebenfalls mit der Entbehrung einer ausreichend sicheren Bindung und der Anpassung an diese Umstände mit Hilfe der unsicher - vermeidenden Bindungsorganisation begründen. Trennungsangst, Trennungsärger und Trennungsschmerz werden gewohnheitsmäßig unterdrückt, und die Erfahrungen, getröstet zu werden, sind unzureichend. Beides hält einen Messie davon ab, Trost bei anderen zu suchen und dem eigenen Schmerz und der eigenen Verlassenheit bewussten Ausdruck zu verleihen.

 

Verzahnung unsicherer Bindungserfahrungen mit Störungen der Autonomieentwicklung

In allen Berichten über das Messie-Syndrom, das Vermüllungssyndrom oder das Diogenes-Syndrom wird die große Empfindlichkeit gegenüber Bevormundung und gegenüber gewaltsamen Eingriffen zur Sanierung der Wohnungen hingewiesen. In Verbindung mit eigenen Schwierigkeiten, Vorhaben zu realisieren und Ordnung zu halten, kann die Berücksichtigung von Gefühls- und Handlungsmustern aus dem Prozesswissen, die bei eigenen oder bei von anderen angeregten Initiativen wachgerufen werden, ein Licht in die unbewussten Motivationszusammenhänge werfen!

Zu eingreifende Bevormundungen und Strafen des Kindes bei der Selbstbehauptung, der Regulierung physiologischer Funktionen und beim Versuch, sich gegen erzieherische Übergriffe mit Hilfe eigener Aversion - Aggression zu schützen, führen zu einem unbewusst ablaufenden Geschehen, in dem bewusst angestrebte eigene Initiativen zu einer unbewussten Verweigerung Anlass geben.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Panik und Desorientierung als Folge von innerer Desorganisation bei widersprüchlichen Motivationen

Die Panik bei der Räumung des Sammelgutes durch staatliche Gewalt hat anscheinend mit dem drohenden Verlust der Betäubung des Gefühls der Leere durch das gestapelte Sammelgut zu tun. Außerdem kann bei der Räumung von einer Aktivierung der panikartigen oder lähmenden Gefühlszustände bei früheren Gewalterfahrungen ausgegangen werden. Sie können dann zu drohender Desorientierung zwischen den Motivationen und der Flucht bei der hilflosen Auslieferung gegenüber einer Übermacht der ängstigenden Bindungsperson und dem Drang, die Bindung genau ihr gegenüber zu aktivieren, und damit zur Panik führen.

Ordnung und Chaos - die Bedeutung aktivierter Gefühlszustände „zu müssen“ und aktivierter Handlungsmuster der Verweigerung

Die große Not der Messies mit der Aufrechterhaltung der Ordnung in einzelnen von verschiedenen Lebensbereichen hat offensichtlich mit Gefühls- und Handlungsmustern zu tun, die spontan aktiviert werden und im Prozesswissen gespeichert sind (s. o.). Aufträge und eigene Initiativen rufen das Gefühl „zu müssen“ wach und lösen unbewusst die Handlung „Mache ich nicht“ aus. Diese Störung des eigenen Wollens findet sich übrigens bei recht vielen Analysandinnen und Analysanden in meiner Klientel. Sie ist für erhebliche Erschwernisse der gewählten Behandlungsverfahren verantwortlich. Willentlicher Beeinflussung sind sie entzogen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Hoffnung auf Behandlung

Frühe Bindungserfahrungen und frühe Interaktionserfahrungen bilden das Fundament unserer Persönlichkeit und unseres Charakters. Sie sind bewusst nicht repräsentiert. Ihre Änderung bedarf neuer Interaktionserfahrungen, also neuer Beziehungserfahrungen. Sie sind willentlicher Veränderung durch die Betroffenen nicht zugänglich. Dies gilt für unsichere Bindung, aber insbesondere auch für die Gefühlsmuster zu müssen und die unbewussten Handlungsmuster, nicht zu machen.

Allein neue, andere und sozusagen bessere Interaktionserfahrungen ohne Zwang und - wenn möglich - ihre bewusste Überprüfung im analytischen und psychotherapeutischen Dialog bewirken im Verlauf einer längeren Behandlung eine neue, ergänzende Konditionierung unseres Prozesswissens mit Befreiung eigenen Wollens aus den Fesseln des Mussgefühls. Unbewusste Mussmuster sind gegenüber Verhaltensprogrammen wie in der Verhaltenstherapie offensichtlich resistent. So werden meiner Auffassung nach bei Verhaltensprogrammen allenfalls Scheinerfolge beobachtet, wie sie Freud unter Übertragungsheilungen eingeordnet hat. Bekannt sind die Diäterfolge, die so gut wie regelmäßig von Rückschlägen der Essstörungen gefolgt werden, wenn die Behandlung beendet ist.

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Zusammenfassung

Unter Berücksichtigung verschiedener eigener und publizierter Kasuistiken können wir vorläufig davon ausgehen, dass zur Entstehung einer Messie-Symptomatik mit Chaos und „Vermüllung“ in der Wohnung, Desorganisation im Einhalten von vereinbarten Zeiten und sozialem Rückzug unabhängig vom Bestehen anderer Störungen wie Sucht, Depression, Angsterkrankungen oder Essstörungen, folgende Faktoren beitragen:

  1. Unsicher-vermeidende Bindungserfahrungen

- mit den sozial bedeutsamen im Prozesswissen unbewusst gespeicherten Gefühlsmustern, „draußen zu sein, abgewiesen zu sein, unerwünscht zu sein“ als passive Seite der Bindungsorganisation,

- mit dem analog unbewusst gespeicherten Handlungsmuster, andere abzuweisen, sich zurückzuziehen, den Austausch mit anderen über Gefühlserfahrungen, innere Zustände und Wünsche einzuschränken oder einzustellen,

- mit sozialem Rückzug,

- mit aus allen drei Quellen stammenden Gefühlen der Leere, der Sinnlosigkeit und der Isolierung.

- Die Gefühlsmuster und als Reaktion die Handlungsmuster werden bei Annäherungen und Nähe an und zu anderen unbewusst aktiviert.

  1. Verlusterfahrungen wie Verlust der Partner, des Arbeitsplatzes oder lebenszyklische Krisen wie Trennung aus dem Elternhaus oder Abschied vom Berufsleben mit der
  2. Aktivierung von Gefühlszuständen unerträglicher Verlassenheit aus frühen Verlassenheitserfahrungen.
  3. Überwältigende und verfrühte „Musserfahrungen“ während der Entwicklung zur Selbständigkeit ergeben im Prozesswissen unbewusst gespeicherte Gefühlsmuster „zu müssen, gezwungen zu sein“ als passive Seite der Entwicklung zur Autonomie im Bereich der Motivationen

-  Exploration,

-  Selbstbehauptung

-  Essen, Schlafen, Ausscheiden u.a. physiologische Regulationen

-  Sensualität und Sexualität

-  Aversion und Aggression.

Zugleich werden analog unbewusst gespeicherte Handlungsmuster, „nicht zu machen, zu verzichten u. a.“ aktiviert.

Durch die gleichzeitige Aktivierung der genannten Gefühls- und Handlungsmuster werden Aufträge aus eigener oder fremder Initiative nicht ausgeführt und es kommt zu Störungen mit der Zeitplanung, mit Ordnung, mit Vorhaben der verschiedensten Art. Eigenes Wollen scheitert an Gefühlen, gezwungen zu sein, keinen Ausweg zu haben, und dem unbewussten Handeln im Sinne von Verweigerung und Verzicht. Planvolles Leben droht im Chaos widersprüchlicher Gefühle und widersprüchlichen Handelns unterzugehen.

Jetzt will ich zum Schluss kommen. Die beim Messie-Syndrom beobachtete gesteigerte Trennungsangst bei vielen dieser Betroffenen, über die geschrieben wurde, lässt sich aus einer unsicheren Bindungserfahrung mit gesteigerter Trennungsangst erklären. Die mehr oder weniger starke soziale Zurückgezogenheit der Messies, und zwar teilweise nur im privaten Bereich, was die Wohnung angeht, oder nur innerlich (in ihrem Denken), hat offensichtlich sehr viel zu tun mit der unsicher-vermeidenden Bindungserfahrung.

Wir haben gehört, dass das Baby - das ist die erste Schutzmaßnahme, die ein Baby zur Verfügung hat - sich im Augenblick der erfolglosen Abgrenzung gegen Eindringlichkeit oder im Augenblick unerträglicher Entbehrung innerlich zurückzieht - im Extremfall sind das autistische Kinder.

Wichtig ist, dass die soziale Zurückgezogenheit sich erklären lässt aus den Folgen unsicher-vermeidender Bindungserfahrungen, mehr noch, dass aus dieser Bindungserfahrung Gefühle der Leere und der Sinnlosigkeit in unserem Prozesswissen gespeichert werden. Damit kommen wir zu einem ganz wichtigen Punkt, nämlich zu dem der Selbsthilfe oder Selbstbehandlung, die wir bei allen, die unsicher-vermeidend gebunden sind, als primären Trend beobachten können im Augenblick der Not, was in hohem Maße auch für die Messies - so wie ich die Beschreibung vorgefunden habe - gilt; dass also im Augenblick der Not nicht andere aufgesucht werden, sondern dass versucht wird, sich selbst über Verlassenheitsgefühle, über Gefühle der Leere und über Gefühle der Sinnlosigkeit hinwegzuhelfen.

Die Beschreibungen von Messies enthalten z. B., dass ein Teil der Messies trinkt, dass ein Teil der Messies Essstörungen hat, dass ein Teil der Messies Angststörungen hat. Es ist so, dass Alkohol ein wichtiges Betäubungsmittel ist für Schmerz (z. B. aus gewalttätigen Erfahrungen). Ein Beispiel dafür ist diese Analysandin. Sie erzählte mir, dass sie nicht schlafen kann, ohne eine Flasche Wein getrunken zu haben, und dass sie nicht vor zwei Uhr nachts ins Bett gehen kann. Wir haben später verstanden - die Mutter hat sie als Kleinkind um zwei Uhr aus dem Bett gerissen und auf den Topf gebunden und am Bett gefesselt, am Gitter, damit das Kind sich noch einmal entleert. Natürlich, kein Kind entleert sich nachts um zwei Uhr.

Der Alkohol ist eine Möglichkeit, Schmerz, vor allem aber auch Scham zu betäuben, weil sozusagen jeder Eingriff, der unsere Eigenständigkeit missachtet, mit Scham verbunden ist. Erik Erikson, der Analytiker, hat vor fünfzig Jahren diese Verbindung hergestellt, dass der Verzicht auf Initiative mit einer gesteigerten Scham verbunden ist. Also, Alkohol betäubt Scham. Ein weiteres Selbstbehandlungsmittel oder Selbsthilfemittel ist die Essstörung. Darüber habe ich berichtet: die Patientin, die sagt, sie hat keine Zeit abzunehmen, weil sie mit dem - wie wir inzwischen sagen - Bekämpfen des Gefühls der Leere beschäftigt ist. Sie sitzt vor dem Fernseher und stopft sich Chips und Schokolade und Cola hinein, Nacht für Nacht. Sie kauft immer ein für zwei. Sie isst für zwei, und es hat Jahre gedauert, ehe sie die Scham überwinden konnte, mir das zu erzählen, und es war für sie zutiefst beschämend, weil sie dachte, sie wäre verantwortlich für dieses Verhalten.

Es ist dann im Laufe der Zeit deutlich geworden, dass die Beziehungen zu ihren Eltern zutiefst leer sind, was die Mutter angeht, und was den Vater angeht, dramatisch bevormundend, auch noch heute. Sie ist jetzt knapp fünfzig. Der Vater versucht noch heute - sie wohnt noch auf dem elterlichen Hof - vorzuschreiben, was nur vorzuschreiben geht. Auf dem Hof gilt für sie, dass alles verboten ist, auch das, was normalerweise erlaubt wird, und der Vater schreibt es ihr vor.

Die MUSS-Problematik ist gepaart mit dem Versuch, unerträgliche Gefühle der Leere zu bekämpfen. Um nur den tragischen Hintergrund zu beleuchten: Diese Mutter lebte von der Heirat mit diesem Vater an mit dem Suizidgedanken. Sie hatte bei einem Motorradunfall ihren Verlobten verloren und war  überzeugt, sie war schuld, weil sie tanzen gehen wollte. Sie hat sozusagen ein Leben lang, auch vor den Kindern - die Patientin hat noch jüngere Brüder -, immer davon gesprochen, dass sie im Grunde auf dem Friedhof liegen wird und liegen sollte usw. Mir geht es nicht darum, Eltern zu verketzern, sondern nur darum, zu beschreiben, in welchem Kontext es zu so verzweifelten Situationen kommt, dass die emotionale Beziehung entleert ist und wir dann unter Umständen ein Leben lang darum kämpfen, das Gefühl der Leere irgendwie loszuwerden.

In der Behandlung dachte die Frau lange, sie sei disziplinlos und faul, sie müsste sich nur zusammennehmen und dann würde sie das alles nicht mehr in sich hineinstopfen müssen. Langsam spricht es sich herum bei ihr, dass ich der Auffassung bin, dass es mit Disziplinlosigkeit und Haltlosigkeit nichts zu tun hat.

Und jetzt zum Schluss meines Vortrags

 Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Was können wir jetzt tun?

Was können wir machen, wenn das Prozesswissen unbewusst ist und Verhaltenstherapeuten uns die Anweisung geben, nächste Woche kaufen Sie nur noch die Hälfte, und dann kaufen Sie nur noch ein Viertel von dem usw., damit es zur Verhaltensänderung kommt? Eine nachhaltige Änderung des Verhaltens wird damit in den seltensten Fällen erreicht. Die ganzen Verhaltensvorschriften und -anweisungen, Diäten in der Klinik haben leider häufig nur kurzfristig Erfolg. Das war bei dieser Frau auch so. Auch eine ambulante Diät hatte Erfolg, aber dann gab es einen Punkt, wo sie ein Gefühl hatte, dass sie die Leere nicht mehr aushält. Sie entwickelte dann die dramatische Furcht, dass sie nur noch leere Falten hat. Es gibt im Fernsehen ja Bilder von dramatischen Gewichtsreduktionen und dann sieht man so einen Menschen, der in einem Jahr hundert Kilo abgenommen hat und der hat natürlich eine Menge Hautfalten. Das ist für sie der Beweis, dass sie dann nur noch aus leeren Hautfalten besteht.

Wir haben in der Behandlung inzwischen verstanden, dass es um die Leere geht und nicht um Disziplinlosigkeit. Als ich ihr vor kurzem einmal sagte, dass sie doch - weil sie versetzt wird an einen weiter entfernten Arbeitsplatz - einen Schwerbehinderten-Ausweis beantragen könnte und bekäme dann einen Parkplatz direkt in ihrer Firma, ist sie in Tränen ausgebrochen und sagte: „Ich bekomme doch keinen Schwerbehinderten-Ausweis, weil doch nur meine Disziplinlosigkeit und meine Faulheit der Grund sind, dass ich so übermäßig schwer bin, dass ich mich kaum mehr bewegen kann.“

Also, was können wir tun?

Um es mit einem Satz zu sagen: Die neue Beziehungserfahrung in der Behandlung erlaubt - jedenfalls nach meiner Erfahrung ist es so -, dass Elemente im Prozesswissen (also Gefühlszustände und Handlungsmuster) zu beeinflussen sind. Ich denke nicht so sehr, dass es um ein Überlernen oder Überdecken geht, sondern wir lernen etwas Neues und aktivieren es dann in den betreffenden Situationen (wenn die Leere kommt, weiß ich, „aha“, und denke an die leeren Gespräche mit der Mutter usw.) und werden dann vielleicht aktiv, statt uns voll zu stopfen. Ich schäme mich auch nicht mehr so für diese Not, in der ich bin.

Durch die neue Beziehungserfahrung gibt es neue Gefühlsmuster und neue Handlungsmuster, die im Laufe der Zeit, wie der Hirnforscher sagte, in das Prozesswissen absinken und die wir dann spontan anstelle der alten Muster verwenden. Das ist die therapeutische Botschaft, sehr verkürzt gesagt.

Therapeutische Ansätze liegen in der Vermittlung neuer Interaktionserfahrungen mit Bindungssicherheit und Bejahung eigener Autonomie in den Bereichen der verschiedenen Motivationen.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Literaturhinweise:

Ainsworth, M.D.S. (1973) The development of infant-mother attachment. In B. M. Caldwell & H. N. Ricciuti (Eds.), Review of child development research (Vol.3. pp 1-94) Chicago: Chicago University Press

Bönigk-Schulz, M. (2002) Das Messie-Syndrom. Plädoyer für eine Blickwendung. Unveröffentlicht - Persönliche Mitteilung

Bowlby, J. (1969) Attachment. The Hogart Press and The Institute of Psychoanalysis London

Bowlby, J. (1973) Separation. The Hogart Press and The Institute of Psychoanalysis London

Bowlby, J.(1980) Loss. The Hogarth Press and The Institute of Psychoanalysis London

Buchheim A., Brisch K. H. u. H. Kächele (1998) Einführung in die Bindungstheorie und ihre Bedeutung für die Psychotherapie. Psychoth. Psychosom. med. Psych. 48 128-138 Georg Thieme Stuttgart New York

Dettmering, P., Pastenaci, R., Das Vermüllungssyndrom. Klotz Verlag Eschborn

Fairbairn, W.R.D (1941) A revised psychopathology of the psychoses and psychoneuroses. In Fairbairn, W.R.D (1952) Psychoanalytic Studies of the Personality 1952 London Tavistock

Fairbairn, W.R.D (2000) Das Selbst und die inneren Objektbeziehungen. Herausgeg. von B. Hensel und R. Rehberger, Psychosozialverlag Gießen

Lichtenberg, J. D, F. Lachmann u. J. I. Fosshage (2000) Das Selbst und die motivationalen Systeme: zu einer Theorie psychoanalytischer Technik

Pöppel, E. (2001) Vortrag auf der Lindauer Psychotherapiewoche zu verschiedenen Formen des Gedächtnisses

Rehberger R. (2000) Verlassenheitspanik und Trennungsangst. Bindungstheorie und psychoanalytische Technik bei Angstneurose. Stuttgart Pfeiffer b. Klett-Cotta

Roth, Gerhard (2001) Vortrag auf der Lindauer Psychotherapiewoche 

„Wie das Gehirn die Seele macht“ http://www.lptw.de/vortraege2001/g_roth.html

Stangl Arbeitsblätter im Internet http//www.stangl-taller.@ARBEITSBLAET-TER/SUCHT/Messie.html

Stern, Daniel N.(1985) The interpersonal world of the infant, New York Basic books Inc. Publishers

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

 

Marianne:

Vielen Dank, Herr Dr. Rehberger. Ich unterstütze das, was Sie besonders zum Schluss gesagt haben, sehr. Das ist auch ein Grund für mich, gute Selbsthilfearbeit zu machen, weil wir in der Gruppe andere Beziehungen (andere Bindungsmuster) aufbauen können. Wir können es da lernen, wir können es da üben, und ich denke, dass wir heute Nachmittag besprechen werden, wie die Selbsthilfegruppen funktionieren können und welchen Sinn sie haben. Ich bin sehr froh, dass Sie das so behutsam und auch so ausführlich erklärt haben. Auch wenn sicherlich manche denken, ach, was hat das denn mit mir zu tun, so denke ich, eine ganze Menge. Denn das haben wir doch mittlerweile gemerkt, dass viele unbewusste Dinge bei uns eine Rolle spielen. Aber auch darauf würde ich gerne später zurückkommen.

 

Ich möchte jetzt überleiten zu Frau Juuls.

In einem der letzten Presseartikel habe ich gelesen, dass unser Verein eng mit der Universität Bielefeld zusammenarbeitet. Das muss ich etwas berichtigen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, zwischen Wissenschaft und Betroffenen zu vermitteln, wenn es zum Beispiel um eine Fragebogenaktion geht oder wenn Kontakte zu den einzelnen SHG (Selbsthilfegruppen) hergestellt werden sollen oder, wie bei Frau Juuls, persönliche Kontakte für ihre Studie zu ermöglichen.

Ich denke, das ist auch schon eine ganze Menge und ich persönlich hoffe, dass auch an anderen Universitäten vermehrt interessierte Studenten auf dieses Problem aufmerksam werden, sodass es, wie bei Frau Juuls, zu einer weiteren Zusammenarbeit (z. B. jetzt bei diesem Vortrag) kommen kann.

Ich bitte jetzt Frau Juuls, uns ihre Ergebnisse und Schlussfolgerungen darzulegen.

 

Inhaltsverzeichnis: Vortrag Dipl.-Psych. Julia Juuls

 

    Zum Selbstkonzept der Personen mit Desorganisationsstörung

 

Bisherige Befunde

 1.      Einfluss von Frustrationstoleranz

 2.      Komorbidität

3.      Die Selbstdiskrepanztheorie

   Material und Methode

Ergebnisse zum spezifischen und zum Selbstkonzept 

Interessant und besonders deutlich wird es, wenn wir uns die Diskrepanzen anschauen

Dann möchte ich einmal kurz auf das globale Selbstbild eingehen

Hat die Tendenz, sozial erwünscht zu antworten, die Resultate dieser Untersuchung verfälscht?

Die Diskrepanz zwischen dem idealen und realen Ordnungszustand

Therapieimplikationen

  

Zum Selbstkonzept von Personen mit Desorganisationsproblemen

Dipl.-Psych. Julia Juuls

 

Wie Frau Bönigk-Schulz schon gesagt hat, komme ich von der Universität in Bielefeld und ich habe im Rahmen meiner Diplomarbeit - betreut von Frau Gisela Steins - eine Studie gemacht zum Selbstkonzept von Personen mit Desorganisationsstörungen, die ich gleich vorstellen werde. Darüber hinaus möchte ich Ihnen heute als Vertreterin aus dem Bereich der Forschung einen Einblick geben, wie psychologische Forschung arbeitet.

Betroffene haben naturgemäß ein großes Interesse daran, dass möglichst schnell effektive Methoden gefunden werden, die ihnen helfen, ihren Alltag besser bewältigen zu können. Hierin besteht eine wichtige Aufgabe der psychologischen Forschung. Um diese Aufgabe aber bewältigen zu können und allen Betroffenen gleichermaßen gerecht zu werden, ist es notwendig, dass die Forschung zunächst einmal versucht herauszufinden, welche Merkmale Messies bzw. Personen mit Desorganisationsproblemen gemeinsam haben und in welchen Merkmalen sie sich gemeinsam auch von anderen, nicht betroffenen Personen, unterscheiden. Dazu ist es notwendig, zunächst Vermutungen darüber aufzustellen, welches die Gemeinsamkeiten aller Messies sein könnten, in denen sie sich von anderen Personen unterscheiden. Dabei müssen auch augenscheinlich offensichtliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten empirisch, das heißt mittels einer Studie, belegt werden.

Es ist so, dass in der Presse und in den Medien der größte Wert gelegt wird auf die Darstellung der Vermüllung. Das erste, was ich persönlich über Messies erfahren habe, war, dass ein ganz großes Chaos herrscht. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass es aber gar nicht unbedingt so sein muss, dass ein Mensch - der sich als Messie bezeichnet - im völligen Chaos lebt, und dass es durchaus auch Messies gibt, die eben nicht unter dieser räumlichen Desorganisation leiden oder zumindest nicht in dem oftmals dargestellten Maße.

Das hat mich bewogen nachzuschauen, ob überhaupt schon einmal jemand erforscht hat, wie groß das Ausmaß der Unordnung ist - oder ob das etwas ist, was von außen herangetragen und als selbstverständlich hingenommen und immer weiter publiziert wird. Da viele Betroffene niemanden in ihre Wohnung hereinlassen, war es leider nicht durch direkte Messungen möglich, beispielsweise zu untersuchen, ob Personen, die sich als „Messie“ bezeichnen, tatsächlich unordentlichere Wohnungen haben als andere.

Ich habe also Fotos gemacht von Räumen bei Personen in meinem Umfeld und habe diese gebeten, einfach einmal eine Woche lang ihr Zimmer nicht aufzuräumen. Lasst den Abwasch stehen, und sagt mir Bescheid, wenn ihr es nicht mehr aushalten könnt, und ich mache Fotos. Ich habe also gestufte Fotos gemacht, vom Chaos wieder zur Ordnung hin, und habe in der Voruntersuchung diese Fotos von Nicht-Messies bewerten lassen: auf einer 100-Punkte-Skala - von 0 % Unordnung bis 100 % Unordnung. Das war mein Inventar, anhand dessen ich versucht habe festzustellen, wie Messies Ordnung sehen und wie Nicht-Messies Ordnung sehen. Diese Fotos von neun Räumen in unterschiedlichen Ordnungszuständen habe ich den Versuchspersonen dann vorgelegt und sie gebeten, das Bild auszuwählen, welches ihren normalerweise vorherrschenden Ordnungszustand am besten abbildet.

Zunächst einmal möchte ich Ihnen die Gliederung meines Vortrages vorstellen:

Ø      Ich will kurz auf bisherige Befunde eingehen

Ø      dann die Selbstdiskrepanz-Theorie vorstellen

Ø      auf meine persönliche Fragestellung eingehen

Ø      kurz erläutern, wie die Untersuchung durchgeführt worden ist

Ø      und anschließend die Ergebnisse zum Selbstkonzept darstellen

Ø      und wenn wir Zeit haben - zur Diskussion

Ich werde im Folgenden die Begriffe Selbstkonzept oder Selbstbild oder auch Selbst synonym verwenden. Damit sind in meiner Studie allerdings zwei unterschiedliche Sachen gemeint. Das spezifische Selbstkonzept bezieht sich in dem Fall immer darauf, welche Einstellung die Menschen zum Thema Ordnung haben. Es umfasst also nur den Bereich der Ordnung, während das globale Selbstkonzept alle Eigenschaften, die eine Person sich selbst zuschreibt, umfasst.

Zurück

 

Bisherige Befunde

Im folgenden werde ich Ihnen den bisherigen Forschungsstand kurz darstellen und anschließend eine Studie zum Selbstkonzept von Personen mit Desorganisationsproblemen vorstellen.

Einfluss von Frustrationstoleranz

Zunächst einmal möchte ich auf eine Studie von Frau Schröder eingehen, die auch eine Diplomarbeit an der Universität Bielefeld geschrieben hat. Frau Schröder hat sich mit Frustrationstoleranz beschäftigt und herausgefunden, dass Desorganisierte Hausarbeiten wesentlich frustrierender finden als andere, diese seltener ausführen und wenn sie sie ausführen, auch wesentlich länger dafür benötigen. Sie leiden besonders darunter, da für Messies der Haushalt ein ganz wichtiger Lebensbereich ist. Ich denke, wenn jemand Defizite hat und seine Hausarbeit nicht erledigt, es ihm aber völlig egal ist, wie es zuhause aussieht, weil er sagt: „Ich bin sowieso meist auf der Arbeit oder draußen“, dann leidet er nicht so sehr darunter.

Auch im beruflichen Bereich dieser Menschen mit Desorganisation hat Frau Schröder Aufschubverhalten und Verzögerung gefunden sowie die Aussage, dass bei Messies der private Bereich, der Freizeitbereich, wesentlich wichtiger ist als der berufliche Bereich. Frau Schröder hat sich bei ihrer Untersuchung auf ein Modell von Ellis und Knaus gestützt, die versucht haben darzustellen, wie es zum Aufschubverhalten kommen kann. Die Hauptursachen von diesem Vermeidungsverhalten sehen Ellis und Knaus in drei Punkten:

1.      Zum einen ist das die niedrige Frustrationstoleranz, die von Frau Schröder bei den Messies schon deutlich bestätigt worden ist.

2.      Der zweite Punkt ist der geringe Selbstwert.

3.      Der dritte Punkt ist benannt worden als Feindseligkeit.

Feindseligkeit hört sich sehr negativ an. Deswegen sage ich dazu gleich noch etwas. Die niedrige Frustrationstoleranz verursacht zunächst einmal ein Verhalten, dass überhaupt aufgeschoben wird. Hat man irgendetwas aufgeschoben und nicht erledigt, was man eigentlich erledigen wollte, nagt das natürlich auch am Selbstwert und wirkt wieder dorthin zurück. Der niedrige Selbstwert wird damit bestätigt. Durch diese Bestätigung und durch den weiteren Aufschub wird die Frustrationstoleranz natürlich auch wieder niedriger, weil man schon Erfahrung damit gemacht hat, dass die Erledigung einer solchen Aufgabe frustrierend ist. Der Aufschub findet beim nächsten Mal unter Umständen viel früher statt oder wird dann auch auf andere Aufgaben übertragen. 

Wenn jemand z. B. zunächst nur nicht abwäscht, weil das unangenehm ist, mag es sein, dass ihn die Wäscheberge dann an die Abwaschberge erinnern, was dann auch wieder viel frustrierender ist. So wirkt das wieder zurück auf den Selbstwert usw. und so fort. Das heißt, es ist einfach ein Kreislauf, der aus der niedrigen Frustrationstoleranz im Zusammenhang mit dem niedrigen Selbstwert besteht.

Dazu gehört nach Ellis und Knaus auch noch die Komponente der Feindseligkeit. Es geht darum, dass Menschen, die extremes Aufschubverhalten zeigen, sich auch genötigt fühlen, diesen Aufschub zu rechtfertigen - und dies geschieht häufig auf feindselige Weise -, indem die Ursachen für diesen Aufschub nicht bei sich selbst gesucht werden und Messies keine selbstbezogenen verantwortlichen Gründe erkennen können für dieses Verhalten und somit die Verantwortung auf das Umfeld verschieben. Sicherlich gibt es die unterschiedlichsten Situationen, die zu einem Teil eigenverantwortlich sind, zum anderen Teil sicherlich nicht. Auf andere Personen aus dem Umfeld - sei es nun im Beruf oder auch im privaten Bereich - wirkt das natürlich sehr feindselig.

Das zweite ist, dass unter Umständen Aufgaben, die einem übertragen worden sind von anderen Personen, aus feindseligen Motiven aufgeschoben werden können. Wenn ich mich beispielsweise über meinen Ehemann sehr ärgere und der mich bittet, ich solle seine Hemden bügeln, kann es passieren, dass ich das eigentlich machen wollte, aber weil ich mich so über ihn geärgert habe, das einfach nicht tue, sodass ich damit in diesem Moment nicht mein Beziehungsproblem kläre, das ich habe, oder meinen Ärger wirklich kläre, sondern letzten Endes nur dafür sorge, dass mein Arbeitsberg wächst.

Ich kommuniziere also nicht über meine Probleme, sondern ich kommuniziere über andere Dinge. Diese niedrige Frustrationstoleranz hatte Frau Schröder untersucht und nachgewiesen. Ich habe mich dann sozusagen auf den Selbstwert gestürzt, weil immer wieder Messies sagen, dass sie einen geringen Selbstwert haben - was natürlich stimmt in so einem Modell -, doch letzten Endes kann man davon aber erst wirklich ausgehen, wenn man es empirisch nachgewiesen hat, vor allen Dingen, wenn man den Selbstwert von Menschen mit Desorganisationsproblemen mit dem Selbstwert anderer verglichen hat.

 Zurück

Komorbidität

Eine weitere Studie gab es von Frau Steins, die die Komorbidität untersucht hat, d. h., welche anderen Krankheitsbilder und Störungen und Probleme zu-sammen mit dem Messie-Sein auftreten. Dabei ist der Hang zum Sammeln und Horten recht häufig, aber nicht in allen Fällen vorgekommen. In fast der Hälfte der Fälle leiden Menschen mit Desorganisationsproblemen auch unter Depressionen. Ein Drittel der Betroffenen weist Essstörungen auf und ein Viertel Angst. Zum einen sieht man, dass es sehr häufig noch Komorbidität mit anderen Störungen gibt. Zum anderen kann man sehen, dass eine Gemeinsamkeit von Depression und Essstörung vorhanden ist und das, was als grundlegende Problematik sich darstellt, ist der Mangel an Kontrolle. Die Person hat das Gefühl, ihr Leben und ihre Umgebung nicht mehr eigenständig kontrollieren zu können.

 Zurück

Die Selbstdiskrepanztheorie 

Weiterhin möchte ich - um jetzt zu meiner Studie zu kommen - die Selbstdiskrepanz-Theorie von Higgins kurz vorstellen. Er hat postuliert, dass es drei verschiedene Arten von Selbstbildern gibt:

1.      Das eine ist das reale Selbstbild. Das beinhaltet die Frage: Wie bin ich wirklich? Wie sehe ich mich? Was habe ich für Eigenschaften?

2.      Das zweite ist das ideale Selbstbild. Das umfasst die Frage: Wie möchte ich gerne sein? Was wünsche ich mir für Eigenschaften? Wo möchte ich gerne hin?

3.      Die dritte Komponente ist das geforderte Selbstbild. Dieses umfasst Eigenschaften: Wie sollte ich sein? Was wollen andere von mir? Was wird von mir gefordert?

Im Optimalfall ist es so, dass diese Selbstbilder untereinander im Einklang sind. Am besten ist es, wenn ich genauso bin, wie ich es mir wünsche, und auch so bin, wie andere es von mir fordern. Das trifft allerdings in den wenigsten Situationen zu. Wenn diese unterschiedlichen Selbstbilder voneinander abweichen, entstehen Diskrepanzen. Diese Diskrepanzen können zwischen dem realen Bild und dem idealen Bild entstehen. Wenn ich mein Ideal nicht erreiche, sowohl im Verhalten als auch in meinen Eigenschaften, dann hängt dies häufig mit Gefühlen der Traurigkeit zusammen. Ich denke, das passt ganz gut bei diesen Menschen, wenn man sich anschaut, was Frau Steins gefunden hat: dass fast die Hälfte der Messies an einer Depression leiden. Higgins hat herausgefunden, dass Personen, die Ideal / Real-Diskrepanzen haben, eben auch häufiger an Depressionen leiden, und dass Menschen, die Real / Geforderte - Diskrepanzen haben, häufig an Angstgefühlen leiden.

Meine Fragestellung war nun:

Unterscheiden sich Messies von anderen, ganz allgemein in ihren Angaben zum realen Ordnungszustand, zum idealen Ordnungszustand und zum geforderten Ordnungszustand? Das ist das spezifische Selbstbild im Hinblick auf Ordnung.

Die zweite Frage ist:

Wenn ich von der Ordnung weggehe und ganz allgemein frage, wie sich jemand sieht und verschiedene Eigenschaften nehme - die sowohl positiv als auch negativ sind -, ob sich da Unterschiede ergeben. Das waren Eigenschaften, wie zum Beispiel: aufmerksam, emotional, glücklich, nervös; also ganz breit gefächerte, verschiedene Eigenschaften.

 Zurück

 

Material und Methode

Ich bin schon eingangs auf meine Methode kurz eingegangen. Hier will ich sie noch einmal deutlicher erklären.

Haben mehrere Betroffene neun Bilder ausgewählt, kann man für jede Einzelperson einen Mittelwert berechnen. Dies ist sinnvoll, wenn ich wissen möchte, wie ordentlich die Wohnung einer Person insgesamt ist. Will ich aber wissen, ob das Wohnzimmer einer Person ordentlicher ist als das Schlafzimmer, verzichte ich auf die Bildung von Mittelwerten und schaue mir die Werte der Person für die einzelnen Räume an. Möchte ich aber wissen, wie ordentlich eine Person im Vergleich zu anderen ist, muss ich deren Werte mit den Werten anderer vergleichen.

Dabei kann ich zum einen Personen mit Desorganisationsproblemen untereinander vergleichen und feststellen, ob sich diese sehr ähneln oder ob sie sich voneinander unterscheiden, indem ich schaue, wie weit die Einzelwerte vom Mittelwert abweichen. Ich kann zum anderen aber auch die Mittelwerte von Personen mit Desorganisationsproblemen mit denen von Nicht-Betroffenen vergleichen und feststellen, ob sich die beiden Gruppen voneinander unterscheiden.

Durch die Bildung von Gruppenmittelwerten werden individuelle Unterschiede weniger berücksichtigt, als wenn Einzelpersonen miteinander verglichen werden. Dabei treten individuelle Schwierigkeiten in den Hintergrund. Einzelne mögen sich in den Beschreibungen, welche die Forschung zum Phänomen des „Messie-Sein“ liefert, dann nicht ausreichend wiederfinden, entweder, weil sie an einem Ende der Kurve (mäßige Probleme mit Ordnung) oder aber am anderen Ende liegen (massive Probleme mit Ordnung).

Ich hatte einen Fragebogen entwickelt mit 90 Adjektiven zur Selbstbewertung. Diesen habe ich den Versuchspersonen vorgelegt, bevor sie sich die Fotos angeschaut haben. Das habe ich aus dem Grund gemacht, weil es sein kann, dass allein die Beschäftigung mit dem Thema Unordnung zu einer Verzerrung im globalen Selbstbild führen kann. Ich wollte ja sehen, wie ganz allgemein Messies sich selbst und andere bewerten und wie das in Bezug auf Ordnung ausschaut.

Dazu hatte ich neun Fotoreihen, die aus sieben Fotos von unterschiedlichen Räumen bestanden, und ein Untersuchungsheft, in dem die Versuchspersonen jeweils ankreuzen konnten, welches dieser Fotos sie wählen, welches am ehesten ihrem normalen Ordnungszustand entspricht, ihrem gewünschten Ordnungszustand und dem Ordnungszustand, bei dem das Gefühl einsetzt, aufräumen zu müssen - das ist der geforderte Anspruch: „Wann sollte ich aufräumen?“

Dazu war es so, dass die Personen für jedes Foto, das sie ausgewählt hatten, noch zweimal eine Person bewerten sollten, die in diesem Raum wohnt, also einmal die Person, die genauso ordentlich ist, wie sie selbst, und dann einmal die Person, die der idealen Ordnung entspricht. Dies geschah für neun Fotoreihen mit 10 Adjektiven, sodass es insgesamt wieder die 90 Adjektive aus dem Selbstbewertungs-Fragebogen waren.

 Zurück

 

Ergebnisse zum spezifischen und zum globalen Selbstkonzept

Überraschenderweise sah es so aus, dass die Betroffenen in ihrer realen Ordnung wesentlich unordentlichere Fotos auswählten als die Kontrollgruppe. Ich hatte eine Skala von 0 bis 100 %.

Messies geben an, dass ihre realen Räume 50 % unordentlich sind, während dieser Wert bei der Kontrollgruppe bei ca. 22 % liegt. Überraschenderweise gab es bei der idealen Ordnung überhaupt keine Unterschiede. Das heißt, das, was sich die Messies wünschen an Ordnung, entspricht genau dem, was sich andere Personen auch an Ordnung wünschen. Das fand ich persönlich auch sehr überraschend, weil ja immer wieder sehr häufig dieser Perfektionismus genannt wurde.

Die geforderte Ordnung, also das Gefühl, aufräumen zu müssen, entsteht bei Messies ein bisschen später als bei der Kontrollgruppe. Der Unterschied ist allerdings nicht so groß wie im realen Zustand und ist nur tendenziell signifikant. Wenn man sich die beiden Kurven hier anschaut, kann man beruhigenderweise feststellen, dass es bei Messies im Durchschnitt so aussieht, dass bei der Kontrollgruppe erst das Gefühl entsteht, jetzt müsste aufgeräumt werden. ... Also sind die Messies durchaus noch im Bereich dessen, was als tolerabel gilt, jedenfalls in dieser Studie.

 Zurück

Eine Zwischenfrage nach der Anzahl der untersuchten Personen

Ja, das ist eine große Schwäche. Das waren 11. Es war aber auch eine sehr langwierige Untersuchung und dadurch, dass ich dieses Fotomaterial hatte, musste ich immer bei der Untersuchung anwesend sein und auch immer wieder diese Fotos vorlegen. Aber ich denke, wenn man auch bei nur 11 Versuchspersonen schon so signifikante Unterschiede zwischen den Versuchsgruppen findet, kann man davon ausgehen, dass diese bei mehr Personen auch relativ stabil sein werden. Es gab auch innerhalb der Messies große Schwankungen (oder relativ große). Ich hatte einige, die ordentlicher waren, und einige, die unordentlicher waren. Ich hatte keine besonders homogene Gruppe. Und von daher...

Eine Zwischenfrage, welche Ordnungskriterien gemeint sind

Die reale Ordnung bezog sich darauf, dass die Versuchspersonen aus einer Fotoreihe - in der die Bilder immer unordentlicher wurden - sich ein Bild aussuchen sollten, das am ehesten ihrem persönlichen Ordnungszustand im Wohnzimmer, in der Küche usw. entspricht, also, wie es normalerweise bei ihnen aussieht. Natürlich sind da auch Schwankungen drin. Ich hatte diese Fotos aber vorher bewerten lassen von 40 Personen, die die Fotos in eine Rangreihenfolge gebracht haben und sagen sollten, wie ordentlich und wie unordentlich die Zimmer dargestellt sind. Das waren Personen, die nur die Fotos bewertet haben. Damit hatte ich Ziffern für diese Bilder und konnte Punktwerte verteilen.

Eine Zwischenfrage, wie viel Männer und wie viel Frauen teilgenommen haben

Es waren nur Frauen dabei. Ich hatte in der Voruntersuchung Männer und Frauen untersucht und habe festgestellt, dass Männer und Frauen ein grundsätzlich verschiedenes Verständnis von Ordnung haben, und habe mich deswegen entschlossen, in dieser Studie - weil es eben auch in der Umgebung mehr weibliche Messies gab - nur Frauen zu untersuchen. Ich habe dann auch nur die Ergebnisse aus der Frauen-Kontrollgruppen-Voruntersuchung genommen.

Eine Zwischenfrage, ob Frauen von dem Syndrom mehr oder anders betroffen sind

Ob es wirklich mehr Messie - Frauen gibt, weiß ich nicht. Aber von den Probanden, die mir zur Verfügung standen, hatte sich nur ein Mann zur Verfügung gestellt und - ich glaube - 11 Frauen. Deswegen habe ich gesagt, ich nehme jetzt die Frauen. Das war wirklich ganz lokal bezogen auf die, die mir in Bielefeld zur Verfügung standen. Ich denke, das liegt einfach daran, dass das Problem bei Männern nicht so sehr auffällt, weil es ja nun eine klassische Frauendomäne ist, der Haushalt; dass Männer, wenn sie da Schwierigkeiten haben, viel weniger Druck bekommen innerhalb der Familie, als das bei Frauen der Fall ist; weil die Frauen einfach ihre Aufgabe nicht erledigen, während Männer das leichter delegieren können. Ich weiß es nicht.

Interessant und besonders deutlich wird es, wenn wir uns die Diskrepanzen anschauen.

Die Diskrepanzen beziehen sich darauf, wie weit der reale Ordnungszustand vom idealen abweicht. Da wir überraschenderweise eben gesehen haben, dass das Ideal von Messies nicht anders ist als das Ideal von anderen Personen - trotzdem aber dieser Perfektionismus-Gedanke noch in allen Köpfen steckt -, denke ich wird das ganz deutlich, wenn wir uns jetzt die Ideal-/Real-Diskrepanz ansehen.

Da sehen wir, dass die Gruppe der Messies sehr weit von ihrem Ideal entfernt ist, und insofern ist es - denke ich - gerechtfertigt zu sagen, dass Messies sehr hohe Ansprüche haben, weil sie nämlich in Bezug auf ihren realen Ordnungszustand viel höhere Ansprüche haben als andere, und der Weg dahin, diesen idealen Ordnungszustand zu erreichen, dann auch viel weiter ist als der Weg, den die Personen aus der Kontrollgruppe gehen müssten.

Wenn wir uns die geforderte Ordnung anschauen bzw. die Abweichung von real und gefordert, dann muss ich zum einen feststellen, dass das Geforderte nicht dem Geforderten von Higgins entspricht, weil nämlich alle Versuchspersonen - sowohl Messies als auch die Kontrollgruppe - einen Ordnungszustand angeben, für ihr real, der ordentlicher ist als der geforderte. Das heißt, sowohl Messies als auch Kontrollpersonen sagen: „Bei mir sieht es so und so aus. Aber es sieht noch nicht so aus, dass ich das Gefühl hätte, ich müsste dringend einmal aufräumen.“

Das hat mich persönlich auch sehr erstaunt, weil ich dachte, dass bei den Kontrollpersonen es sicher nicht permanent so aussieht, dass sie das Gefühl haben, dass sie einmal aufräumen müssten. Bei Messies hatte ich eigentlich erwartet, dass sie über den Punkt, wo sie das Gefühl haben, aufräumen zu müssen, hinaus sind. Das sind sie nicht, jedenfalls nicht nach meiner Untersuchung.

Zum einen mag das daran liegen, dass ich nicht gefragt habe: „Wie sollte das Zimmer aussehen?“, sondern: „Wann haben Sie das Gefühl, Sie müssten einmal aufräumen?“ Zum anderen mag das Ergebnis auch sicherlich daran liegen, dass sich mit der Zeit das Gefühl dafür, „wann man einmal aufräumen müsste“, verschiebt, und dass man wahrscheinlich dazu neigt, das immer weiter nach hinten zu schieben und zu sagen: „Es ist zwar unordentlich, aber so schlimm, dass ich dringend einmal aufräumen müsste, ist es nicht.“

Eine Zwischenfrage nach der Anzahl und nach dem persönlichen Umfeld der Kontrollgruppe

Es waren 11 Messies und 11 Kontrollpersonen. Das war insofern sehr schwierig, da ich so wenige Probanden hatte, musste ich natürlich zusehen, dass ich die Kontrollpersonen ganz ähnlich auswählte. Das heißt, ich hatte für jeden Messie einen gleich alten „Nicht - Messie“ mit ähnlichem Beruf zu finden. Das ist auch sehr gut gelungen.

Eine Zwischenfrage nach Partnerschaft und Kindern in der jeweiligen Betroffenengruppe und Vergleichsgruppe

Das war sogar identisch. Darauf habe ich erst nicht geachtet. Aber ich hatte - die Zahlen habe ich jetzt nicht im Kopf - ca. 47 % in jeder Gruppe, die mit einem Partner zusammen lebten und entsprechend der Rest nicht. Das war in beiden Gruppen gleich und ich hatte einige mit Kindern und einige ohne Kinder. Was ich ausgerechnet habe, was ich jetzt aber gar nicht hier mit eingebracht habe - was ich aber ganz spannend fand -, war, dass ich feststellen konnte, dass Messies, die Kinder haben, wesentlich kürzere Zeit brauchen, um aufzuräumen. Das scheint also ein sehr heilsamer Faktor zu sein. Ich hatte die Aufräumdauer noch mit erfasst. Aber es sind so wenige Personen mit Kindern gewesen, dass es nicht wirklich repräsentativ ist.

Dann möchte ich einmal kurz auf das globale Selbstbild eingehen.

Noch eine Zwischenfrage nach dem spezifischen Selbstkonzept und dem Unterschied Real-Ideal

Ja. Das „Selbstbild“ wird deutlich bei diesem Selbstbewertungsfragebogen, den ich vorab zum Ausfüllen gegeben hatte, 90 Adjektive aus verschiedenen Bereichen: Kreativität, Rationalität, Aufmerksamkeit. Das „real“ bezieht sich darauf, dass die Probanden bei jedem Foto, das sie aus-gewählt hatten, für ihren realen Ordnungszustand eine Person bewerten sollten, die genauso ordentlich ist, wie das Foto es darstellt. Es ist im Prinzip eine zweite Messung des realen Selbstbildes. Das „ideal“ bezieht sich darauf, wie eine Person beschrieben wird, deren Ordnung so ist wie auf dem ausgewählten idealen Bild. Was man deutlich sieht, wenn man sich die Balken (der Kontrollgruppe) anschaut, ist, dass es bei der Kontrollgruppe überhaupt keinen Unterschied macht, ob sie sich selbst beschreiben, eine ähnlich ordentliche Person oder eine ideale. Es ist alles ziemlich gleich.

Messies bewerten sich selbst negativer. Die Skala ging von 1 bis 5; 5 war ganz negativ, 1 sehr positiv. Messies bewerten allerdings - und das finde ich sehr spannend - eine ähnlich unordentliche Person noch einmal signifikant negativer als sich selbst. Das wird deutlicher auf der nächsten Abbildung.

Auch hier sieht man wieder, dass es bei dem Balken der Kontrollgruppe sehr ähnlich ist: das „Selbst“ und das „real“ im Vergleich zum „ideal“. Was ich noch hinzugenommen habe, war der Vergleich vom „Selbst“ (in der Selbstbewertung mit den 90 Adjektiven) zu einer real unordentlichen oder ordentlichen Person, also die Person, die man bewertet, die genauso unordentlich ist oder ordentlich wie man selbst. Da sieht es so aus, dass Messies erstaunlicherweise eine ihnen selbst sehr ähnliche Person viel schlechter bewerten als sie sich selbst bewerten. Sie bewerten sich schlechter als/oder negativer als die Kontrollgruppe dies tut - haben also ein negatives Selbstbild. Aber sie bewerten darüber hinaus Menschen, die ähnlich unordentlich sind wie sie selbst, noch einmal viel schlechter. Da stellt sich natürlich die Frage, wie man das erklären kann. Ich kann darüber auch nur hypothetisieren.

 Zurück

 

Hat die Tendenz, sozial erwünscht zu antworten, die Resultate dieser Untersuchung verfälscht?

Das, was Frau Steins gefunden hat, ist, dass Messies einen großen Hang dazu haben, sozial erwünscht zu antworten. Sie möchten gerne positive Eigenschaften besitzen und wenn man ihnen einen Fragebogen vorlegt, diesen auch ganz brav ankreuzen, sodass sie auch gute und brave Menschen sind. Das findet man auch sehr häufig bei Menschen mit Essstörungen und bei Menschen mit Depressionen.

Es kann natürlich sein, dass dieser Selbstbewertungs-Fragebogen zu der Tendenz der sozialen Erwünschtheit geführt hat und dass, wenn man einen ähnlich ordentlichen Menschen, wie man es selbst ist, bewertet, diese soziale Erwünschtheit wegfällt, weil das ja jemand anderes ist, und dass man ihn deswegen negativer bewerten kann oder mit negativeren Eigenschaften. Die zweite Möglichkeit ist, dass man versucht - darüber, dass man andere negativ bewertet, die ein ähnliches Problem haben -, sich selbst aufzuwerten, indem man feststellt: „Ich bin zwar unordentlich und ich bin auch unaufmerksam. Aber Leute, die genauso unordentlich sind wie ich, die sind noch viel unaufmerksamer. Deswegen ist das bei mir gar nicht so schlimm.“ Der dritte Punkt, den ich mir überlegt hatte, weshalb ich auch vorher den Selbstbewertungs-Fragebogen gegeben habe - das heißt, bevor die Fotos kamen -, ist, dass die Personen im Sinne der Konsistenztheorie so geantwortet haben, wie sie es empfunden haben. Das heißt, in dem Moment, wo mir Bilder vorgelegt werden und ich mich mit dem Thema Ordnung auseinandersetze, wird mir eigentlich bewusst, dass ich ein Problem damit habe, und dann kreuze ich auch entsprechend andere Dinge an, als ich es davor getan habe.

Die Diskrepanz zwischen dem idealen und dem realen Ordnungszustand

Was man festhalten kann: Wenn man sich sowohl das spezifische als auch das globale Selbstbild anschaut, je größer also die Diskrepanz zwischen dem idealen und dem realen Ordnungszustand ist, desto negativer bewertet eine Person sich selbst und eine ähnlich ordentliche Person auch im globalen Selbstbild. Das heißt, die Defizite, die man hat zwischen dem realen und dem idealen Ordnungszustand, spiegeln sich nicht nur in der Ordnung wider, sondern auch darin, dass die Personen sich ganz allgemein viel schlechter bewerten als andere dies tun. Das gilt auch für Eigenschaften, die erst einmal nichts mit Ordnung zu tun haben, wie Intelligenz oder beispielsweise zielgerichtetes Handeln, Emotionalität, Sozialleben. Das heißt, es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen den Ideal-/Real-Diskrepanzen im spezifischen Selbstbild und einem negativen globalen Selbstbild sowie auch größere Diskrepanzen im globalen Selbstbild. Das führt dazu, dass man zu dem Schluss kommt - oder ich zu dem Schluss komme -, dass die Defizite oder die Diskrepanzen im spezifischen Selbstbild im Bereich der Ordnung anscheinend nicht in anderen Bereichen ausgeglichen werden können.

Normalerweise kann man davon ausgehen, wenn jemand ein Defizit in einem Bereich hat - beispielsweise nicht besonders musikalisch ist -, dass er dann sagt: „Ich bin zwar nicht musikalisch, aber ich kann gut malen.“, und dass deswegen das allgemeine Selbstbild keinen Schaden durch die Schwäche nimmt. Das kann man in ganz vielen Bereichen so machen. Wichtig ist nur, dass dieser Ausgleich, den man findet, genauso wichtig ist wie der Bereich mit dem Defizit. Da den Messies der Haushalt ein sehr wichtiger Bereich ist - in dem sie aber Defizite aufweisen -, ist es sehr schwierig, dafür einen Ausgleich zu finden, der gleich wichtig ist. Das scheint nicht zu gelingen, da das globale Selbstbild eben auch sehr negativ oder negativer ist.

 Zurück

 

Therapieimplikationen

Die individuelle Problemanalyse ist meines Erachtens genauso wichtig wie die Beschreibung der Gesamtgruppe. Jedoch sehe ich die Aufgabe der Forschung mehr in letzterer. Das Auffinden von allen „Messies“ gemeinsamen Problemklassen und von Unterschieden, die zwischen „Messies“ und „Nicht-Messies“ bestehen, ist die Grundlage dafür, dass die Problematik in einem therapeutischen Setting erkannt und benannt werden kann. Aufgabe des Therapeuten oder der Therapeutin ist es dann, die allgemein schon erforschten Problembereiche bei der individuellen Diagnostik zu erfassen und auf die Probleme der einzelnen Person einzugehen.

Als Therapieimplikation habe ich mir überlegt, dass es sehr wichtig ist, das globale Selbstbild zu stärken. Wichtig ist es auch, die Stärken von Menschen mit Desorganisationsproblemen zu finden, die dann als Ausgleich dienen könnten, und auch gleichzeitig zu versuchen, dass der reale Ordnungszustand bzw. dass das Anspruchsniveau - dieses IDEAL - realistischer gesetzt wird. Es ist zwar nicht so, dass Messies höhere Ansprüche haben als andere; aber der Weg dahin, diese Ansprüche zu erfüllen, ist eben wesentlich weiter als bei anderen. Ich denke, daran könnte man therapeutisch arbeiten.

Das war es...

Zurück

 

Frage nach der schriftlichen Ausfertigung des Vortrages

Zum einen gibt es ein Manuskript, das ich geschrieben habe - zusammen mit Frau Steins -, was gerade im Begutachtungsprozess ist, d. h. es wird, wenn es angenommen wird - was schwierig ist wegen der geringen Versuchspersonenzahl - in drei Monaten veröffentlicht werden und steht dann auch zur Verfügung. Zum anderen gibt es natürlich meine Diplomarbeit, die noch wesentlich mehr beinhaltet, als ich jetzt hier darstellen konnte. Als dritte Möglichkeit, denke ich, kann ich einfach den Vortrag auf Diskette hinterlegen und - ich weiß nicht, ob in Zusammenarbeit mit Frau Bönigk-Schulz - das dann zur Verfügung stellen und meine chaotischen Zettel auch.

Frage nach der Arbeit von Frau Raskob

Frau Raskobs Diplomarbeit habe ich selbst vor ca. 2 Wochen im Prüfungsamt abgegeben. Erfahrungsgemäß wird es noch dauern, bis sie dann in der Bibliothek steht - bei meiner waren es 5 Monate. Sie überlegt auch, ob sie sich an einen Verlag wendet, um sie zu veröffentlichen. Es ist sehr viel dabei herausgekommen und es ist immer noch so viel Datenmaterial da, dass man noch weiter damit arbeiten kann. Es dauert aber noch ein bisschen.

 Zurück 

 

(Anmerkung FEM e. V.: siehe Anhang)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

  

Marianne:

Ich danke Ihnen, Frau Juuls.

Es was ganz schön, dass das Publikum einmal sehen konnte, wie das funktioniert mit den Forschungsarbeiten vor Ort mit Messies. Viele haben ja aus dieser Region nur Fragebögen bekommen, weil die Universität Bielefeld so weit weg ist. Der Vortrag von Frau Juuls hat darstellen können, wie kompliziert diese Forschung ist. Wir können einfach nicht hingehen und sagen, diese oder jene Verhaltenweisen haben wir gesehen und das lässt sich so erklären, sondern es ist wichtig, dass das, was entscheidend aus der allgemein üblichen Art herausfällt, jederzeit nachprüfbar dargelegt und bewiesen werden kann. Dazu ist es sinnvoll, den Vergleich mit anderen Menschen anzustellen, die nicht diese Probleme haben. Damit möchte ich überleiten zu dem eigentlichen Problem!

Ich denke, dass es so viele Messies und auch deren Angehörige empfinden.

Angesichts der dramatischen Situation in einigen Wohnungen scheint solch ein Denken und Empfinden nur allzu logisch. Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass ein Bewusstmachen der anfänglichen Situation oftmals ein anderes Bild ergeben kann. Das äußere Chaos bedeutet in den Anfängen durchaus, sich Erleichterung zu verschaffen. Es ist immer erleichternd, wenn innere Auseinandersetzungen unterschiedlichster Kräfte, die unbewusst sind, sich durch analoge Situationen in der Außenwelt ersetzen lassen. Diese so im Laufe der Zeit entstandene Situation verändern zu wollen, schafft enorme Widerstände, mit denen sich dann zum Beispiel das H-TEAM auseinandersetzen muss.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

Wie dieses Team es bisher geschafft hat, wird uns jetzt Herr von Wedel berichten.

 

Inhaltsverzeichnis: Vortrag Wedigo von Wedel

1.      Die Gründung des Vereins 1990

2.      Vereinsziel

3.      Konzeptionell

4.      Das Klientel

1.      Betreuungsverein

2.      Einmalige projektorientierte ambulante Hilfe

3.      Ambulanter Dienst

4.      Struktur

5.      Qualifikationen

1.    Rechtliche Grundlage / Finanzierung durch den Sozialhilfeträger

2.    Grundlage der Zusammenarbeit mit der Stadt München

1. Wann werden wir tätig?

2. Grundreinigungsdienst / Ambulanter Dienst

3. Leistungsangebot

4. Koordination intern / extern

5. Wo wir scheitern bzw. Nicht tätig werden

1. Prinzipien

2. Fallbeispiel

3. Leistungsangebot: regelmäßige ambulante Hilfe

· Das wichtigste in Stichworten

„Die Arbeit des H-TEAM e. V. mit Messies“

Wedigo von Wedel - H-TEAM e.V., München

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, mein Name ist von Wedel. Ich komme aus München vom H-TEAM e. V. und ich möchte mich zuallererst für die Einladung des Fördervereins zur Erforschung des Messie-Syndroms, vor allem bei Frau Bönigk-Schulz, bedanken.

Was wir in München machen, ist - ich will es einmal so nennen, die Erforschung des Messie-Syndroms in unserer täglichen Arbeit; die Kolleginnen und Kollegen und ich selbst auch, allerdings sehr unwissenschaftlich, sehr unakademisch, von der praktischen Seite aus. Das Tun war und ist unsere Schule gewesen in den letzten 12 Jahren und ist es auch immer noch.

Eine langjährige Kollegin hat eine Diplomarbeit über das „Vermüllungssyndrom" geschrieben. Wir lasen den Aufsatz von Peter Dettmering „Das Vermüllungssyndrom - ein bisher unbekanntes Krankheitsbild" und all das Wenige, was wir finden konnten. Nichtsdestotrotz haben wir angefangen mit der Arbeit und unser Wissen, die Methodik und Strukturen entwickelten und entwickeln sich aus Versuch und Irrtum, Erfahrung sammeln, uns austauschen und gemeinsam lernen.

Zurück

 

Vorstellung H-TEAM e.V. / Geschichte des Vereins

Eine Zwischenfrage wegen des Vereinsnamens

1990 gab es eine sehr populäre Fernsehsendung für Kinder. Alle Welt redete davon. Das war das „A-Team“. In der Gründungsphase tut man sich oft sehr schwer: „Wie nennen wir uns?“ Da gab es den Vorschlag Hilfs-Team. Vor Hilfe haben wir uns gescheut - das ist oft ein Einbahnstraßen-Gedanke. Dann wurde ein Arbeitstitel „H-TEAM“ gewählt und wie das so oft mit Arbeitstiteln ist, bleibt es häufig dabei. So sind wir immer noch H-TEAM e.V.

Gliederung

Ich möchte zuerst ganz kurz über den Verein etwas sagen, dann Stück für Stück über die einzelnen Bereiche und Tätigkeitsfelder und dann an einem Beispiel unsere Arbeitsweise grundlegend erklären, oder besser gesagt, einen kleinen Überblick darüber versuchen zu entwerfen.

Die Gründung des Vereins 1990 entsprang der Praxis. Mein Kollege als Geschäftsführer, Peter Peschel, hatte bei seiner Arbeit in einem anderen ambulanten Pflege-Dienst Kontakt mit sog. verwahrlosten Menschen und Wohnungen. Dieses Klientel dauerhaft zu unterstützen, die eigene Wohnung zu sichern und zu erhalten und unnötige Heim- und Psychiatrieaufenthalte zu verhindern, ließ ihn - als Hauptmotivation - das H-TEAM gründen.

Dieses Vereinsziel lässt sich ergänzen durch Stichwörter wie:

 - für diejenigen Menschen da sein, die durch Raster fallen

- die keine Namen haben, wo man nicht genau benennen kann, was ist es...

- dort hingehen, wo andere Nein sagen dazu, da ist nichts zu machen.... Da hatten wir ein bisschen Ehrgeiz zu sagen: Wir versuchen, dort ambulante Hilfe aufzubauen!

- Der Teamgedanke spielt eine große Rolle und führte dazu, für diese Herausforderung ein multi-professionelles Team aufzubauen.

Konzeptionell wurde von Anfang an unterschieden in

 - projektorientierte einmalige ambulante Hilfe (Wiederherstellung würdiger Wohnsituation und Wohnungserhalt) und

- dauerhaft sichernde regelmäßige ambulante Hilfe. Die regelmäßige ambulante Hilfe befasst sich zunächst mit Prävention oder Nachversorgung.

- Gleichzeitig wurde in dem H-TEAM e. V. ein Betreuungsverein aufgebaut (der die gesetzliche Betreuung/Vertretung Erwachsener durchführt), der aber, was die Klienten angeht, scharf von den andern beiden Diensten abgegrenzt arbeiten muss.

Es gibt keine Überschneidung der Klienten. Was das Personal angeht, gibt es sehr wohl Überschneidungen, sodass wir auch aus den Erfahrungen in den anderen Bereichen schöpfen können.

Das Klientel

Unser Klientel kann ich, offen gestanden, nicht unter dem Schlagwort „Messies“ beschreiben. Es geht weit darüber hinaus. Wenn wir gefragt werden, ob wir tätig werden können, dann wird von Verwahrlosung, Vermüllung, Saustall, Sammlertum usw. geredet, Geruchsbelästigung, Mietminderung, Vermieter- oder Nachbarschaftsunruhe, gestörter Frieden, all diese Dinge...; Krisenbewältigung: Angehörige, Verständnis zwischen Eltern und Kindern und so weiter. Das sind Fragen, die auf uns zukommen, und daraus findet sich gegebenenfalls eine Klientin oder ein Klient.

Beispiele:

Da ist die hinfällige alte Dame, dement, streitlustig, inkontinent, zuweilen herrschsüchtig: „Einfach nicht zum Aushalten!" Wir versuchen, auch sie zu versorgen und es eben doch auszuhalten.

Da ist der Alkoholkranke (er wird als faul beschrieben), der mehr in die Wohnung schleppt als herausträgt. Wir versuchen festzustellen, was los ist. Welcher Bedarf lässt sich feststellen? Wie können wir Räumung oder ähnliches verhindern?

Jetzt kommen wir zu den Sammlern, Hortern, Chaoten, was man vielleicht unter Messies zusammenfassen kann. Diese Gruppe, die „Messies“, sollen heute natürlich im Mittelpunkt der Betrachtung und Vorstellung unserer Arbeit stehen. Die Abgrenzung ist aber nur theoretisch möglich. Viele Mischformen von Schwierigkeiten begegnen uns in der Arbeit, Überlagerungen von anderen Problematiken wie Suchterkrankung, die sehr häufig anzutreffen sind. Gleichzeitig muss ich erwähnen, dass wir viel mit Messies zu tun haben, die von sich aus nie freiwillig eine Einrichtung aufsuchen, geschweige denn eine Behörde um Hilfe ersuchen (wir haben ja in den anderen Vorträgen gehört von dem Konzept: Ich helfe mir selbst.). Klar, denn oftmals steht im Vordergrund, dass sie sich vermeintlich nicht „artikulieren“ können.

Deswegen ist für diese Menschen eine Selbsthilfegruppe so weit weg ist wie eine Golf-Club-Mitgliedschaft (es ist schlichtweg nicht vorstellbar). Durch ihre Suchtprobleme, die das Sammelproblem verdecken, erleben sie häufig soziale Isolierung. Sie haben oft den Status der Obdachlosen, da sie in einer städtischen Unterkunftswohnung wohnen. Es ist ein großer Anteil unserer Klienten, die dort dann auch damit nicht klar kommen, die Umwelt, die Nachbarschaft und die Stadt München nicht damit klar kommen und dass sie selbst selbstverständlich darunter leiden.

Eine wichtige Bemerkung zu unserer Arbeit muss ich machen.

Wir arbeiten nicht in einem Schonraum! Wir werden gerufen, um ein konkretes, lebenspraktisches Ziel zu erreichen, den Wohnungserhalt oder die Vermeidung von Heim- und Klinikaufenthalt. Dies steht auch für den Geldgeber an erster Stelle und ist das vorrangige Ziel. So grenze ich unsere Arbeit auch ausdrücklich von jeden therapeutischen Ansätzen oder gar von Heilung ab. Das ist nicht unser Job. Bei allen Wünschen, die wir hegen, das können wir nicht tun und leisten.

Das heißt auch, dass wir uns mit einem ganz grundsätzlichen Problem immer auseinander setzten: Wir zäumen das Pferd häufig von hinten auf! Gerade wenn man erkennt, wie sich das Problem der Messies entwickelt, dann könnte man zu dem Entschluss kommen und sagen: Kümmere dich, lass dir helfen, nutze Therapiemöglichkeiten, die innere Leere anzufüllen, Konflikte zu bewältigen, Ursachen zu erkennen usw. Anders herum würde das auch eine falsche Erwartungshaltung wecken und zudem helfen, eine Lücke zu verschleiern.

Das muss ganz klar sein: die Lücke von therapeutischen Angeboten durch entsprechend qualifiziertes Personal ist das, was wir immer wieder feststellen. So zäumen wir das Pferd von hinten auf, denn vor einer psychischen Stabilisierung müssen wir eingreifend wirken. Wenn wir gerufen werden, ist dafür zunächst keine Zeit. Dann geht es schlicht und ergreifend um den Wohnungserhalt und die Vermeidung der Räumung oder den Aufschub der Räumungsklage. All diese Dinge stehen im Vordergrund und dafür zahlt auch in der Regel das Sozialamt München das Geld.

Zurück

 

Die Bereiche des H-TEAM e.V.

Betreuungsverein (das vernachlässige ich hier vollkommen)

Dieser Bereich ist organisatorisch getrennt von den anderen Bereichen.

Einmalige projektorientierte ambulante Hilfe

Ein Teil der Arbeit des H-TEAMS ist die einmalige, projektorientierte, ambulante Hilfe. Einmalig heißt nicht, dass wir einmalig irgendwo hingehen, sondern das kann eine abgesteckte Phase von zwei bis vier Wochen sein, manchmal sind es auch zwei Monate. Dabei ist das Ziel: Wohnungserhalt!

Dabei kooperieren wir mit dem Sozialamt München, Betreuern, Sozialpsychiatrischen Diensten (SPD), Gerontopsychiatrischen Diensten (GPD), Angehörigen, anderen ambulanten Diensten etc.

Ambulanter Dienst

Die Schwerpunkte des ambulanten Dienstes (regelmäßige ambulante Hilfe) sind: Nachversorgung, die Stabilisierung des Erreichten oder auch in Glücksfällen (leider sehr selten) Prävention.

Kooperation mit dem Sozialamt München, Angehörigen, Betreuern, SPD, GPD, Krankenkassen (KK), Pflegekasse (PK), etc.

Struktur

Mitarbeiterzahl:

Insgesamt arbeiten im ambulanten Dienst und in der projektorientierten Hilfe z. Zt. 24 Mitarbeiterinnen / Mitarbeiter von stundenweiser Arbeit bis zur Vollzeitstelle. Zusammen sind es ca. 16 Vollzeitstellen.

Im Betreuungsverein teilen sich fünf Personen drei Vollzeitstellen, dazu die Verwaltung, die brauchen wir auch.

Qualifikationen

Was die Qualifikation angeht, habe ich vorhin schon berichtet, es war anfänglich beim Verein schon immer der Wunsch, dass multiprofessionell zu arbeiten ist. Das bedeutet, nicht so sehr auf eine Profession zu setzen. Wir haben:

- Diplom-Sozialpädagogen (Dipl.-Soz. Päd.)

- Juristen und Juristinnen

- Pädagogen, Magister-Pädagogen (MA)

- Grundschulpädagogen. Ich persönlich komme aus dem Bereich der Grundschulpädagogik mit den Schwerpunkt: Didaktik des sozialen Lernens, was mir in meiner Arbeit auch sehr viel hilft.

- kaufmännische und handwerkliche Berufe

- Sozialpfleger

- Kranken- und Altenpfleger

-„Quereinsteiger"; sogenannte Quereinsteiger, die uns kennen gelernt haben und mehr und mehr in die Arbeit hineingewachsen sind, bis sie es dann vielleicht doch zu ihrer eigenen Profession gemacht haben.

Grundlage der Arbeit

ist leider, wie so vieles, das Geld. So will ich darüber kurz etwas ausführen. Es ist oft eine der Fragen, wenn zum Beispiel aus anderen Städten angerufen wird. Da wird gefragt: „Wie macht ihr das eigentlich? Wie bekommt ihr das finanziert?“ Dazu muss ich sagen, zum einen ist natürlich das Bundessozialhilfegesetz (BSHG) die rechtliche Grundlage.

Rechtliche Grundlage / Finanzierung durch den Sozialhilfeträger

Viele wissen es einfach nicht. Relevant ist z. B. § 15a BSHG: Hilfe zum Lebensunterhalt in Sonderfällen. Darin wird im Absatz 1 explizit gesagt:

Satz 1:  Hilfe zum Lebensunterhalt kann in Fällen, in denen nach den vorstehenden Bestimmungen die Gewährung von Hilfe nicht möglich ist, gewährt werden, wenn dies zur Sicherung der Unterkunft oder zur Behebung einer vergleichbaren Notlage gerechtfertigt ist.

Satz 2:  Sie soll gewährt werden, wenn sie gerechtfertigt und notwendig ist und ohne sie Wohnungslosigkeit einzutreten droht.

Satz 3:  Hilfe nach Satz 1 soll an den Vermieter oder andere Empfangsberechtigte gezahlt werden, wenn die zweckentsprechende Verwendung durch den Hilfesuchenden nicht sichergestellt ist; der Hilfesuchende ist hiervon schriftlich zu unterrichten.

Satz 4:  Geldleistungen können als Beihilfe oder als Darlehen gewährt werden.

Weiterhin ist einschlägig § 70 BSHG: Inhalt und Aufgabe. In dieser Vorschrift geht es um Hilfe zur Weiterführung des Haushalts zwecks Vermeidung der Unterbringung in einer Anstalt, in einem Heim oder in einer gleichartigen Einrichtung. Wenn dieses vermieden oder verzögert werden kann, ist es möglich, dass der Sozialhilfeträger Ressourcen dafür zur Verfügung stellt.

Abs. 1  Personen mit eigenem Haushalt soll Hilfe zur Weiterführung des Haushalts gewährt werden, wenn keiner der Haushaltsangehörigen den Haushalt führen kann und die Weiterführung des Haushalts geboten ist. Die Hilfe soll in der Regel nur vorübergehend gewährt werden, wenn durch sie die Unterbringung in einer Anstalt, einem Heim oder einer gleichartigen Einrichtung nicht vermieden oder verzögert werden kann.

Abs. 2  Die Hilfe umfasst die persönliche Betreuung von Haushaltsangehörigen sowie die sonstige zur Weiterführung des Haushalts erforderliche Tätigkeit.

Weiterhin ist ganz wichtig § 72 BSHG: Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten. Die wichtigsten Bestimmungen lauten:

Abs. 1  Personen, bei denen besondere Lebensverhältnisse mit sozialen Schwierigkeiten verbunden sind, ist Hilfe zur Überwindung dieser Schwierigkeiten zu gewähren, wenn sie aus eigener Kraft hierzu nicht fähig sind. Soweit der Hilfebedarf durch Leistungen nach anderen Bestimmungen dieses Gesetzes oder nach dem Achten Buch Sozialgesetzbuch (Kinder- und Jugendhilfe) gedeckt wird, gehen diese der Hilfe des Satzes 1 vor.

Abs. 2  Die Hilfe umfasst alle Maßnahmen, die notwendig sind, um die Schwierigkeiten abzuwenden, zu beseitigen, zu mildern oder ihre Verschlimmerung zu verhüten, vor allem Beratung und persönliche Betreuung für den Hilfesuchenden und seine Angehörigen, Hilfen zur Ausbildung, Erlangung und Sicherung eines Arbeitsplatzes sowie Maßnahmen bei der Erhaltung und Beschaffung einer Wohnung. Zur Durchführung der erforderlichen Maßnahmen ist in geeigneten Fällen ein Gesamtplan zu erstellen.

Das Wichtigste ist zum Schluss ausgeführt und das wissen die wenigsten.

Auf Grund einer Zwischenfrage erfolgt die Antwort

Ich bin kein Jurist und kann das auch nicht genau beurteilen. Ich will auch nicht sagen, es ist definitiv so einfach, wie ich es hier vorgetragen habe, diese Ansprüche geltend zu machen. Das muss im Einzelfall mit den Behörden geklärt werden.

Grundlage der Zusammenarbeit mit der Stadt München

Wichtig ist es mir an dieser Stelle zu sagen, es gibt Möglichkeiten rechtlicher Art nach dem Sozialhilferecht auch für einen Behördenvertreter, der sagt: „Wie kann ich denn das begründen? Ich würde ja gerne unterstützen.“ Es gibt diese Möglichkeiten. Die Stadt München hat sich, und das muss ich dankenswerterweise sagen, schon vor über zehn Jahren dieser ganzen Problematik angenommen und entsprechend interne Weisungen und Regeln entwickelt, die eine solche Arbeit - auch der professionellen Hilfe - ermöglichen. Grundlage ist zweifellos das BSHG. Erfreulich ist, dass sich das Sozialreferat München der Problematik schon vor langer Zeit angenommen hat.

 Zurück

 

Wiederherstellung menschenwürdiger Wohnsituationen

Da wird generell sublimiert (erläutert), dass in München eine Anzahl meist älterer Personen lebt (mittlerweile lassen sie es auch schon weg, von älteren zu reden), bei denen festzustellen ist, dass deren Wohnung sich in einem verwahrlosten Zustand befindet, die allein oder ohne Hilfe aus dem Verwandten- oder Bekanntenkreis nicht mehr in der Lage sind, menschenwürdige Wohnverhältnisse wiederherzustellen. Diese Personen benötigen Hilfe durch einen gewerblichen Entmüllungsdienst oder im Einzelfall auch eines Dienstes, der die Arbeit unter sozialpädagogischer Anleitung durchführt. Es wird unterschieden, wann der gewerbliche Entmüllungsdienst angebracht und wann die sozialpädagogische Anleitung erforderlich ist. Dabei beschränkt sich der Personenkreis, für den eine Entmüllungs- und Grundreinigungsmaßnahme mit dem Hauptaugenmerk auf dem sozialpädagogischen Bereich notwendig ist, im wesentlichen auf Menschen, die hilflos und überfordert bzw. selbst nicht mehr in der Lage sind, ihre Wohnsituation zu erkennen und die kein soziales Umfeld haben, das bereit und in der Lage wäre, sowohl die Maßnahme zu veranlassen als auch diese zu begleiten.

Voraussetzung für eine Kostenübernahme durch den Sozialhilfeträger ist neben den sozialhilferechtlichen Voraussetzungen (Einkommen, Vermögen etc.) eine detaillierte Darstellung der persönlichen Verhältnisse, die es erforderlich machen, diese Maßnahme durch pädagogisch geschultes Personal durchzuführen.

Dabei ist im Einzelnen durch den Allgemeinen Sozialdienst bzw. - soweit bereits vorhanden - durch einen Betreuer darzustellen, warum bereits die Entmüllung und Grundreinigung der Wohnung durch pädagogisch geschultes Personal durchzuführen ist bzw. ob damit lediglich eine evtl. erforderliche Nachbetreuung sichergestellt werden muss.

Insbesondere ist eine Prüfung erforderlich, ob die Hilfeempfängerin / der Hilfeempfänger bei der Maßnahme persönlich anwesend ist oder sein muss oder ob eine anderweitige kurzzeitige Unterbringung möglich ist. Soweit eine Entmüllung und Grundreinigung ohne Beisein der Mieterin / des Mieters erfolgen kann, ist auf jeden Fall ein gewerbliches Entmüllungsunternehmen heranzuziehen und vom Einsatz eines Dienstes unter sozialpädagogischer Anleitung abzusehen. Es wurde unterschieden, ob die Anwesenheit der betroffenen Person in der Wohnung notwendig war oder nicht. Es wurde meist unterstellt, dass diese Anwesenheit überhaupt nicht notwendig wäre.

Als Beispiel: Es befindet sich eine Person im Krankenhaus. Die Rettungssanitäter haben festgestellt, dass die Wohnung in einem verwahrlosten Zustand ist. Nach einem Schlaganfall ist eine Gehbehinderung vorhanden, die vorher nicht gegeben war. Dann heißt es jetzt, sie kann so unmöglich zurück in die Wohnung. Es muss etwas geschehen. Dann wird ziemlich kurz und knapp festgestellt, es muss aufgeräumt werden. Erst dann kann die Person aus dem Krankenhaus wieder zurück. Das macht eine gewerbliche Firma. Mittlerweile sind wir glücklicherweise soweit, dass wir auch da Überzeugungsarbeit haben leisten können. In solchen Härtefällen bitten wir um die Ausnahme, dass die notwendigsten Arbeiten mit einer Heimkehr in die Wohnung möglich sind, minimalstes Aufräumen vorher auch durch uns erfolgen kann, aber sofort im Anschluss eine gemeinsame Arbeit mit uns erfolgen sollte.

Warum ist das wichtig? Ich denke, das hat zwei Ebenen. Einmal ist das ein Problem der rechtlichen Handhabe. 

Es gibt meiner Ansicht nach keine rechtliche Grundlage, die wirklich, wenn man das einmal vor Gericht durchstreitet, haltbar ist, das Eigentum der betroffenen Person anzutasten, es wegzuwerfen, es zu vernichten ohne deren ausdrückliche Erlaubnis! Diese hat weder der Sozialhilfeträger noch ein gesetzlicher Vertreter. Auch ein Betreuer hat sie in den seltensten Fällen. Ich habe erst einmal einen solchen Beschluss gesehen, in dem das Amtsgericht gesagt hat, Entmüllung der Wohnung ist der Aufgabenkreis. Denn Wohnungsangelegenheit allein reicht nicht aus, um zu sagen: Ich bin Betreuer, ich habe den Aufgabenkreis Wohnungsangelegenheit, werft weg! Es muss so und so, also ordentlich, aussehen. Das ist meiner Ansicht nach absolut nicht haltbar. Das heißt, die Anwesenheit ist immer dann eine zwingende Voraussetzung, sobald es der oder die Betroffene wünscht. Das muss dann natürlich auch entsprechend geäußert und durchgesetzt werden. Ich weiß, wie schwer das für Betroffene ist.

Das Problem, und das ist jetzt die zweite Ebene, wo ich Schwierigkeiten sehe, ist folgende Problematik. Die Stadt München macht es zwar in dankenswerter Weise und stellt dafür auch Ressourcen (Geldmittel) zur Verfügung. Das möchte ich wirklich herausstellen. Das ist, glaube ich, im Unterschied zu anderen örtlichen Sozialhilfeträgern und auch zu den überörtlichen Sozialhilfeträgern sehr selten, dass Mittel für so etwas zur Verfügung gestellt werden, dass nämlich ein gemeinsames pädagogisch angeleitetes Aufräumen und Sortieren finanziert wird. Nichtsdestotrotz, das Problem wird als Problem der Haushaltsführung gesehen. Es geht also nicht um die Probleme der Person, sondern es geht um das Problem der Wohnung, des Zustandes der Wohnung und um die Konflikte, die damit einher gehen können. Das sind Konflikte mit der Nachbarschaft, mit dem Vermieter. Die Interessen der Nachbarschaft sind legitim, dass es im Sommer nicht riechen soll nach verdorbenen Lebensmitteln. Auch die Interessen des Vermieters sind durchaus legitim, dass deswegen nicht Mietminderung von der Nachbarschaft geltend gemacht wird. Da ist es ein legitimes Interesse des Vermieters, zu sagen, da muss sich etwas ändern!

Dass das Problem nicht in der Haushaltsführung zu suchen ist, sondern etwas mit der Person der Klientin oder des Klienten zu tun hat, denke ich, das wissen die „Fachleute“! Allerdings, es gibt kaum Strukturen, wo gesagt wird, das setzen wir jetzt um, in einem entsprechenden Hilfeplan oder wie auch immer...

Inwieweit nach Beendigung der Maßnahme weitergehende Hilfen, zum Beispiel eine Haushaltshilfe, notwendig sind, das ist bereits während oder spätestens unmittelbar nach Abschluss der Maßnahme als Bedarf hinreichend festzustellen. Es ist eine umgehende Entscheidung erforderlich, um einen nahtlosen Anschluss zu gewährleisten und den Erfolg der Maßnahme sicherzustellen.

Nochmals zu einem grundlegenden Problem (wichtig auch bei der Zusammenarbeit mit Behörden): Eine rechtlich haltbare Grundlage, das Eigentum der betroffenen Person ohne deren ausdrückliche Erlaubnis wegzuwerfen, hat weder der Sozialhilfeträger noch der Betreuer. Die Anwesenheit ist meines Erachtens dann eine Voraussetzung, sobald es der oder die Betroffene wünscht. Seuchengefahr sowie Selbst- und Fremdgefährdung sind oft genannte Argumente, um Zwang zu rechtfertigen. Ob sich diese Argumente im Einzelfall halten lassen, bleibt fraglich.

Wann werden wir tätig?

Ich habe es schon gesagt, der Kooperationspartner ist die Stadt München, das Sozialamt mit ihrer Ausgliederung, dem allgemeinen Sozialdienst. Da sind die Streetworker (Sozialpädagogen) tätig. Das sind zum Großteil unsere Anfrager. Danach folgen die gesetzlichen Betreuer, danach die Vermieter, die Wohnungsbaugesellschaften als Vermieter, deren Sozialdienste, Krankenhaussozialdienste, die Angehörigen und erfreulicher Weise, in den letzten zwei Jahren feststellbar, auch mehr Betroffene selbst. Das hat es bis vor zwei, drei Jahren gar nicht gegeben, dass Betroffene sich melden mit der Frage: Könnt Ihr mir helfen? Könnt Ihr mich unterstützen? Was habt Ihr für Erfahrungen? Einfache Fragen; das kommt glücklicher Weise jetzt öfter vor.

Grundreinigungsdienst / Ambulanter Dienst  (GR / AD)

Die Anfragegründe sind so unterschiedlich wie die Anfrager selbst. Ist es der Hilferuf von Betroffenen... ist es der Vermieter, der seine Rechte gewahrt sehen will... ist es der Sozialdienst, der zum Teil engagiert ist, zum anderen Teil gebremst wird von der Spielregel: Wir müssen die Kassen schonen, wo es nur geht, der dann aber auch unter diesem Druck arbeitet. Das alles ist bei der Anfrage schon herauszuhören. Entsprechend sind da, wo die Motivation herkommt und wo die Standpunkte klar sind, dann die Ansatzmöglichkeiten für unsere Arbeit zu finden. Kurz: Eskalationsgrund, wer macht Druck? Daraus ergeben sich Motivation und Ansatzmöglichkeiten.

So ähnlich ist es vielleicht auch hier und heute. Bei dieser Fachtagung stoßen wir auf unterschiedliche Interessen im Publikum. Es gibt sicherlich viele betroffene Messies oder es gibt sicherlich einige, die sagen, ich bin indirekt betroffen, ich lebe im Umfeld eines Messies; Behördenvertreter, Fachfrau, Fachmann in irgendeiner Einrichtung, auch da gibt es ganz unterschiedliche Motivationslagen und Schwerpunktsetzungen. Das ist sicher auch bei dieser Fachtagung feststellbar, wenn man das genauer ergründen würde. Ich behaupte es zumindest.

Dass das H-TEAM vor allem nicht von Betroffenen, sondern vom Umfeld gerufen wird, hat Auswirkungen auf die Struktur unseres Klientel. Das sind eben die, die nicht von selbst kommen, die mit Suchterkrankung überlagerten Fälle, da, wo Gewalt herrscht, in den Wohnungen mit Nachbarschaftskonflikten und so weiter und so fort. Das sind eigentlich die Hauptanlässe. Auf Grund dieser Hauptanlässe wird dann erst eine Verwahrlosung der Wohnung festgestellt. So wird festgestellt, die Wohnung ist vollgesammelt und es herrschen chaotische Zustände.

Leistungsangebot (GR)

Ich habe schon gesagt, wir unterscheiden in projektorientierte einmalige Hilfe; Grundreinigung wird es genannt. Das hat auch mit den rechtlichen Regeln zu tun, oder besser gesagt, unter dieser Bezeichnung ist es finanzierbar. Schön finde ich sie nicht. Wir reinigen, wir sortieren, es wird aussortiert. Wir machen kleine Montagen. Wir machen Schönheitsreparaturen und wir putzen. Es ruft immer wieder großes Erstaunen hervor, wenn gesagt wird, dass eine Diplom-Psychologin oder ein Diplom-Sozialpädagoge oder ein anderer Akademiker in einen stinkenden Haushalt geht und putzt. Das können sich viele nicht vorstellen. Doch das war von Anfang an unser Konzept und es macht uns auch nichts aus. Wem es etwas ausmacht, der ist bei uns auf der Durchreise. Er wird es nicht lange schaffen.

Es wird zunächst nicht differenziert in Sammler, Verwahrlosung, Vermüllung, Horter, wie auch immer...

Ich sage ganz kurz etwas zum Ablauf. Es wird angefragt wegen einer Grundreinigung. Dann erfolgt ein Hausbesuch. Dieser muss, und das ist von uns als Bedingung gestellt, gemeinsam mit einem Vertreter des allgemeinen Sozialdienstes und des Betreuers oder des Angehörigen, eben mit einer dritten Person erfolgen, und zwar mit der Person, die bei uns anruft oder anfragt. Ich gehe nicht zu jemanden hin, ohne dass ich die Möglichkeit habe, persönlich vorgestellt zu werden.

Für diese Hausbesuche nenne ich nur ein paar Schlagworte, die die Arbeit ein bisschen lebendiger und hautnäher beschreiben: Geduld, Geduld, Geduld. Das ist nicht in einem Zeitfenster von einer Stunde machbar. Dafür braucht man Zeit, möglichst ganz am Anfang oder am Ende eines Arbeitstages. Warten, mehrere Anläufe, durch die Tür reden, all das sind Dinge, die immer wieder vorkommen. Der Hausbesuch ist für mich und nach der Erfahrung unserer Kollegen und Kolleginnen der Schlüssel für den Zugang zum Klienten und zur Klientin. Ich denke, es ist eine persönliche Haltungsfrage. Ich fand es vorhin sehr spannend, dass es weniger die „Schulen“ sind, weniger die therapeutische Richtung, die entscheidend ist für die Aussicht auf erfolgreiche Unterstützung oder nicht, sondern dass es sehr stark an den Beziehungen zu den Personen liegt. Ich glaube, dass das auch unser Erfolgsgeheimnis ist. Wir machen kein Geheimnis daraus, aber ich denke, da liegt für uns der „Schlüssel“! Wir trainieren uns selbst, dass

-           wir die Situation und Person so annehmen, wie sie ist, 

-           wir die Person und Wohnung als Privatsphäre achten,

-           wir uns als Gast fühlen und uns jeglicher (taktloser) Kommentare zunächst einmal enthalten, ohne dass wir uns jetzt selbst dazu zwingen müssen, sondern dass das wirklich zu einer gelebten Haltung wird,

-           das die Grundlage für eine wachstumsfähige Vertrauensbasis wird.

Das zweite ist, dass wir das Ziel ermitteln, soweit es geht. Will er, will sie diese Wohnung halten? Ich habe vorhin gesagt, das ist das Hauptaugenmerk unseres Auftrages, auch unseres Finanziers, und das wird zunächst einmal geprüft. In 99 % der Fälle ist der Wohnungserhalt auch der Wunsch der Betroffenen. Es ist ganz selten, dass man mir sagt: „Es ist mir egal! Setzt mich um von einer Unterkunftswohnung in eine andere, dann bin ich den ganzen Schrott los.“ Das kommt ganz selten vor und da sind wir dann auch verkehrt, das machen wir nicht. Das habe ich erst einmal erlebt. Aber wenn erst dieses konkrete Ziel, der Wohnungserhalt, geäußert wird von dem Klienten oder der Klientin, dann ist das der Anker der zukünftigen Zusammenarbeit. Dann erst werden der weitere Bedarf konkretisiert und Prioritäten gesetzt, Vorschläge gemacht. Wir erstellen einen Kostenvoranschlag, der sich natürlich an den objektiven Bedingungen der Wohnung orientiert, aber vor allen Dingen auch an der Person. Ich sage einfach, wenn ein Zimmer zu zweit in fünf Stunden aufräumbar ist, dann ist es in fünf Stunden aufräumbar.

Wenn ich aber den Faktor Mensch dazunehme, dann kann es sich verdoppeln, schneller gehen (das kommt leider nicht vor bei unser Klientel), es kann sich verdreifachen, vervierfachen. Es muss verantwortbar sein. Man muss auch ehrlich sein und sagen, das ist verzehnfacht: „Leute, könnt Ihr euch das leisten?“ „Ist das verantwortbar?“ Vertreten muss es auch der Geldgeber. Das ist sehr schwer, das abzuschätzen - ich kann es wirklich nicht sagen, wie wir das machen. Dafür muss man ein Näschen haben. Es kommt aber bei uns recht gut hin. Dieser Kostenvoranschlag wird an den Allgemeinen Sozialdienst weitergegeben, der mit einer Stellungnahme versehen werden muss, dass diese sozialpädagogische Betreuung und Begleitung notwendig ist. Erst dann ist die Stadt bereit, es zu finanzieren. Wenn dem so ist, dann kommt eine Genehmigung. Dann gehen wir über in das Tätigwerden.

Koordination intern / extern

Das teilt sich einerseits auf vor Ort. Vor Ort ist die Wohnung. Es ist aber auch die Nachbarschaft. Das ist der Hausmeister. Es können irgendwelche Kellerbereiche oder benachbarte Hauseingänge sein, auch das gibt es (dass die heimlich vereinnahmt wurden). Das kann auch der Bereich der Angehörigen sein. Andererseits teilt es sich auf in interne Koordination im Büro durch das Planen - was sehr schwierig ist -, Vereinbarungen zu treffen, die auch funktionieren. Das Funktionieren ist immer ein Muss. Wir wissen allerdings zu genau, dass wir damit leben müssen, dass diese Vereinbarungen revidiert werden, dass Termine abgesagt werden, dass es nicht so klappt, wie gestern vereinbart. Darauf müssen wir möglichst flexibel reagieren können.

Nach dem Tätigwerden in der Wohnung kommt es zu einer Überleitung in eine Nachversorgung entweder durch unseren ambulanten Pflegedienst (intern), der ja regelmäßige ambulante Hilfe anbietet, oder extern. Hier ist die Schwierigkeit, die Finanzierung auf die Beine zu bringen, weil das natürlich auch nur unter hauswirtschaftliche Hilfe läuft, und ich kann - offen gestanden - nicht für 9,20 EURO legale qualifizierte Arbeit einkaufen und dann unter diesem Titel diese Leistung anbieten.

Wo wir scheitern bzw. nicht tätig werden:

Das sind zunächst erst einmal die Fälle, wo beim Hausbesuch klar wird, dass da andere Prioritäten zu setzen sind. Manchmal sind zunächst andere Schritte erforderlich, stationäre Klinikaufenthalte, Entzug etc. Wir werden auch nicht tätig, wenn keinerlei erkennbarer Wille zum Wohnungserhalt da ist. Das mag zunächst ein Entzug sein, dass diese Hilfe nicht möglich wird (in erster Linie bei Zuführung zu ärztlicher Behandlung, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt). Es gibt auch Fälle, in denen ich mich selbst und die Mitarbeiter schützen muss, etwa bei zu viel aggressivem Ungeziefer wie Taubenzecken. Da gibt es Grenzen, wo wir auch sagen, da muss etwas anderes passieren. Wir können nicht jede Härte, die entsteht, beiseite räumen. Dabei würden wir uns hoffnungslos übernehmen.

Wo wir auf keinen Fall tätig werden, ist, wenn kein Interesse besteht zum Erhalt der Wohnung. Dann sind wir da verkehrt.

 Zurück

 

Die Arbeit vor Ort - in der Regel Klient und zwei Mitarbeiter

Formal sollte es so ablaufen, dass wir zunächst einmal einen intensiveren Kontakt zu der Person haben. Wenn ich einen Hausbesuch mache, dann beginne ich die Aktion selbst. Dann sollte - sollte ist immer Wunsch, keine Bedingung unserer Seite - eine Struktur zustande kommen: Klient plus zwei von uns. Das ist eine große Herausforderung. Warum es so sein sollte, dazu kann ich nur sagen: Angst vor Kontrollverlust! Bedingung ist die Anwesenheit der betroffenen Person während der Arbeiten.

Prinzipen:

- offene Haltung

- Gast sein

- keine Schutzkleidung, wenn möglich, nur Handschuhe - möglichst auch auf Handschuhe verzichten

- Respekt vor Wohnung und Eigentum. Von uns wird nichts weggeworfen, was nicht weggeworfen werden darf. Entweder gibt es dazu eine Erlaubnis (das ist oft rituell mit Verabschiedung verbunden) oder nicht. So kann man sich manchmal auf eine Kategorie einigen. Das ist zum Beispiel ein Ziel, das wir erreichen wollen, wenn wir sagen: „Jetzt haben wir die Erfahrung gemacht, Werbung ist tatsächlich nicht so arg wichtig. Dürfen wir in Zukunft Werbung, Hauswurfsendungen o. ä. wegwerfen, ohne jedes Mal zu fragen?“ Wenn dann die Erlaubnis kommt, dann arbeiten wir natürlich nach dieser Verabredung.

- Reden und Tun verbinden

An dieser Stelle möchte ich noch einmal sagen, dass wir uns bewusst sind, dass wir es mit Menschen zu tun haben, bei denen eigentlich Behandlungs- und Therapiebedarf besteht - wir jetzt aber aus der Not, aus einer akuten Krise heraus in etwas eingreifen: in diese angesammelten Dinge, in die Wohnung, in die Intimsphäre, was eigentlich ganz am Ende passieren sollte! Trotz alledem: wenn der Wunsch geäußert wird, die Wohnung erhalten zu wollen, müssen wir uns der Situation stellen und es versuchen.

Fallbeispiel

Ich möchte jetzt an einem Fall ganz kurz darstellen, was an Methode möglich ist und es vielleicht an einem Aspekt ein bisschen ausführlicher machen.

Frau S. (alleinstehend, Anfang 40), mit Tochter (10 Jahre alt). Die Tochter lebt im Heim und kommt am Wochenende immer zu Besuch. Frau S. muss an den Wochenenden immer etwas organisieren, denn in der Wohnung geht es nicht. Bei dem Hausbesuch hat sich herausgestellt, dass die Tür nur noch 20-30 cm weit zu öffnen ist. Ich bin ein schlanker Mensch und komme fast überall durch, doch zum Stehen zu dritt..., das ist überhaupt nicht möglich, nicht daran zu denken! Ich schaffe es wirklich nur mit Mühe in den Wohnraum. Das ist eine Wohnküche und dahinter liegt das Kinderzimmer. Da muss ich wirklich hineinkrabbeln und in das Kinderzimmer kann ich letztlich nur den Kopf stecken und versuchen, in m³ die vorhandenen Dinge abschätzen. Wie gesagt, die Tochter kann an den Wochenenden eigentlich nicht mehr in die Wohnung hineinkommen.

Schon beim ersten Hausbesuch erleben wir die Geschichte mit der Angst, mit der Scham, die heute in den Vorträgen angesprochen wurde und die ich immer wieder als eine sehr gravierende Geschichte erlebe..., worunter ganz enorm gelitten wird..., dieses sich schämen..., die Enge.

Nachdem die Genehmigung eingetroffen ist, können wir tätig werden. Ich mache mit Frau S. einen Termin aus, an dem wir beginnen wollen. Die Frage nach der Uhrzeit, ob wir uns lieber in der Früh oder am späten Nachmittag treffen, wie sie es gerne haben möchte, wird geklärt. Wir haben uns geeinigt und es kommt zu einem Termin. Der erste Termin findet tatsächlich statt!

Frau S. lässt mich zögerlich in die Wohnung. Sie will freundlich sein, kann aber ihre Furcht auch nicht verbergen; die Furcht davor, dass ich jetzt meine Nase in ihre Dinge stecke.

Nach kurzem Allerweltsgespräch zeige ich die blauen Säcke, frage, womit sie beginnen möchte. Jetzt kommt ihre Angst noch mehr zu Tage. Ihre Angst ist physisch spürbar, das Zittern...

Ich hantiere mit den Säcken, nehme mein Handy und werfe es in einen der blauen Müllbeutel, und rede einfach dabei mit Frau S. weiter. Ich hole das Handy wieder heraus und stecke es ein. Da gibt es keine Pause in der Situation, aber ich möchte jetzt einschieben - warum so eine Spielerei. Mir ist es wichtig, nicht nur mit Worten, sondern durch ein kleines Beispiel zu vermitteln: Wir können die Dinge wieder hervorholen, die wir wegwerfen. Wir werfen nicht nur weg, sondern wir sortieren, und wir arbeiten nicht(!!!) nach den Prinzip: Wer A sagt, muss auch B sagen! Das gibt es nicht! Sondern: Wer A sagt, der kann merken, dass A falsch war, und dann müssen wir es korrigieren, so gut es halt geht!

Das wird nicht thematisiert. Es wird nicht besprochen. Das soll eigentlich nur aus der Situation heraus entstehen und das wird auch so erkannt. Die Situation entspannt sich dabei auch sofort; es gibt ein gewisses Tempo, ein bisschen was an Komik ist dabei, etwas Banales, Tiefgründiges, das ist mein Interesse, denn wir sind in Aktion. Frau S. spricht über ihre tiefe Abneigung gegen die blauen Säcke. Ich gebe ihr mein Handy und fordere sie auf, es in den Sack zu werfen. Ich merke sofort, es ist ihr unangenehm und es ist ihr anzusehen, wie schwer ihr das fällt. Sie findet es vielleicht kindisch, aber sie tut es (ich hole es mir natürlich wieder heraus).

Ich frage, ob wir mit Werbung üben können. „Nur Werbung, können wir damit üben?“ Nur Werbung, egal woher, ob aus Flur, Küche oder Kinderzimmer, und alles, was wir nehmen, wird ihr gezeigt. Kein Sack verlässt die Wohnung! Das sind die Spielregeln; von Spiel rede ich nicht und sage: Das sind die Regeln. Frau S. grenzt das Revier ein auf den Flur (was auch gar nicht anders ginge). Sie bestimmt, kontrolliert. Sie geht aber auch auf uns ein, indem sie einfach mitmacht.

Wir finden viel Werbung, sehr, sehr viel Werbung. Langsam steigert sich das Tempo. Während wir arbeiten, reden wir über dies und das, lernen uns kennen. Die entspannte Seite der Situation überwiegt die schwierige Seite. Ein Gespräch kann ohne Peinlichkeit fallen gelassen werden oder sich vertiefen.

Wir haben kaum Platz zu zweit und zu dritt schon gar nicht, aber es geht schon irgendwie. Die Arbeit ist einfach und doch schwierig. Gewisse Probleme werden jetzt ganz konkret, die Enge, die Sorge, den Überblick zu verlieren, die Frage nach Möglichkeiten zum Umschichten, Kategorisieren, Sortiersystemen usw., das Abwägen von Vor- und Nachteilen all dieser Dinge. Unsere gemeinsame Planung für die nächsten Schritte findet während der praktischen Arbeit statt, während wir Werbung in blaue Säcke sortieren! Das ist jetzt ein Beispiel, das ich ein bisschen heraushebe. Es gibt sicherlich noch mehr, aber ich glaube, dass da viel darin steckt an Möglichkeiten, was vielleicht hilfreich sein kann, um auch so ein bisschen die Hintergründe zu verstehen - was läuft da eigentlich ab.

Ich denke, dass Sammler ein sehr starkes, übersteigertes Bedürfnis danach haben, dass sich „die Dinge im Kopf" materiell manifestieren in der Wohnung. Dazu kommen noch andere Funktionen, die diese Dinge und die „Festung Wohnung“ übernehmen.

Aber die vielen Ideen, Wünsche, Pläne, oft super kreativ, bisweilen mit perfektionistischer Genauigkeit durchdacht, generalstabsmäßig ausgearbeitet und geplant, all dieses subjektive Empfinden hat im Realen überhaupt keinen Raum, weder sozial noch zeitlich; wohnräumlich ein wenig. Die bescheidene kleine Wohnung ist immer zu klein. So „suchen sich" diese lebendigen Ideen, das ist meine laienhafte Theorie, und ich betone das laienhafte, sie suchen sich verstärkt Projektionsflächen materieller Art. Aber der Widerspruch zwischen lebendigem Denken, Träumen, Erinnern, Planen und totem Material, das zudem nicht zugänglich ist, was auch entzwei geht, die Funktion verliert, dieser Widerspruch wird natürlich von den Betroffenen als eine herbe Niederlage, als ein Scheitern empfunden.

Diese Niederlage kann man richtig anfassen. So kommt es zu diesem recht schmerzhaften Widerspruch, dass dieses Zeug, diese Dinge einerseits Zufluchtobjekte sind, auf der anderen Seite auch ein Zeugnis des Scheiterns. So repräsentiert das Materielle Zufluchtsobjekt und Zeugnis der Niederlage in einem. Allein die gedankliche Beweglichkeit zwischen „Damit wollte ich dies und das machen." und „Ich hatte vor, daraus etwas zu bauen.“, „Dann und dann werde ich damit dies und das machen." „Dann, wenn ich Zeit habe, werde ich das lesen.“, „Wenn mein Bruder wieder von Hamburg nach München zieht, dann möchte ich, dass er sich das in den Garten stellt.“, alle diese Begründungen, diese gedanklichen Auseinandersetzungen, die hauchen den Dingen noch Leben ein. Ein Umsetzen der Ideen, im doppelten Sinne, das Umsetzen im Hier und Jetzt scheint jedoch unmöglich. Es gibt keinen Raum dafür, sowohl was die Aktivitäten betrifft als auch den physischen Raum, nämlich die Wohnung, wenn sie so voll ist. Wir könnten ja gut sortieren - aber wie denn? Das sind oft Worte, die ich dann höre. Das sind oft die Grenzen, an die die Betroffenen stoßen.

Wenn die Dinge im Wortsinne in Bewegung geraten, verringern sich diese Klüfte (das ist so meine Erfahrung) aus lebendig und tot, früher und irgendwann einmal. Das darf dann alles noch stattfinden. Man fängt an, dass sich die Dinge bewegen - sei es mit so einem Spiel, dass man sagt: „Wir können es auch wieder herausholen!“ oder „Wir nehmen nur Werbung!“ Man muss anfangen, und während wir sortieren und umschichten, entsteht zum einen Raum, wenn auch nur ein kleiner, aber es entsteht Raum (ein Hier), und gleichzeitig wird es gemeinsam erlebt und es ist ein anderes Zeitempfinden (ein Jetzt). Alte Geschichten oder Planungen dürfen „zu Besuch" kommen. Allerdings, der Lieblingsgast dieser Menschen ist das „Morgen" im Zugriff auf die Zukunft. Wenn man dann den nächsten Schritt plant: „Ja, morgen, wenn wir Kartons mitbringen, werden wir anfangen, Spielzeug, Kosmetika, und Kleidung zum Waschen zu sortieren.“

Entscheidend ist aber, es jetzt zu tun!

Während wir die Werbung einsacken, gibt Frau S. uns auch schon einmal etwas anderes als Werbung, zum Beispiel eine alte Fernsehzeitung oder Illustrierte. So kommt dann schon einiges zusammen. Der Entschluss, dass wir die Säcke mitnehmen und zum Altpapier bringen sollen, das ist für Frau S. gar keiner, sondern plötzlich das Selbstverständlichste der Welt. Der gewonnene Platz im Flur wird gewürdigt und wenn es geht, auch mit etwas Besonderem versehen. So kann das Tagesergebnis genutzt, wahrgenommen und wertgeschätzt werden, sodass man als Beispiel einen Stuhl dort hinstellen kann, der da gut steht, oder etwas Dekoratives. Das Ergebnis soll wahrgenommen und wertgeschätzt werden. Das ist hilfreich bei gleichzeitiger Aufwertung eines „lieben“ Gegenstandes, den man aus dem Durcheinander herausnimmt.

So geht es am nächsten Tag weiter; kurzes Sprechen, dann möglichst nur noch Reden und Tun, wie linkes und rechtes Bein gehen. Nach Plan oder modifiziertem Plan, schnell oder im Schneckentempo, für sich genommen sinnig oder unsinnig, das ist zunächst einmal nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist: die Dinge müssen sich bewegen! Das Tempo, der sich entwickelnde Rhythmus muss von Frau S. kommen!

Die Häufigkeit von kleinen Pausen, die Länge des Arbeitstages, die Uhrzeit des Beginns, all das wird von Frau S. bestimmt. Erst allmählich „verhandeln" wir ihre Vorstellungen mit unseren. Frau S. geht gerne darauf ein. Sie gibt sich Mühe, dass wir eine Stunde früher beginnen können. Sie traut sich zu, doch um 8 Uhr aufzustehen statt erst um 9 Uhr und so kommen wir mit ihr recht schnell zu unserer gemeinsamen Arbeitsform. Insofern ist dieser Fall ein bisschen idealistisch, weil es doch häufig anders ist. Aber hieran lässt sich grundsätzlich erkennen, wie unsere Haltung und unser Arbeitsstil ist.

Während der weiteren Arbeiten in den nächsten Tagen entwickelt sich ein spezifisches Sortiersystem. Zum einen orientiert sich das an den Kategorien der Dinge, die sie hat, und zum anderen orientiert es sich an den Entscheidungsmöglichkeiten von Frau S. - der Fähigkeit, Entscheidungen überhaupt zu treffen! Wir geben Anregungen. Entscheiden darüber muss sie: behalten - verschenken - Flohmarkt - „Ich weiß noch nicht“ - unsicher - wegwerfen?

Da gibt es Hausrat - Kleidung - Bücher - Krusch - Schuhe - Regenschirme - Elektronik usw. Es wird vorsortiert. Das sind die Kategorien der Dinge. Wir machen Schätzungen spielerischer Art. Wir werden auch Schätzungen abgeben über die jeweilige Gesamtmenge. Quoten werden vereinbart, wo es geht. Spielerisch damit umgehen hilft, Humor auch. Es ist auch immer wichtig, wenn eine Vertrauensbasis da ist!

Ich habe zum Beispiel einmal eine Klientin gefragt: „Wieso ist das so, dass alle Menschen ihre Regenschirme unterwegs, also außer Haus verlieren, Sie komischerweise aber alle, die Sie je angefasst haben, in Ihrer Wohnung verlieren?“ Da hat sie gelacht und gesagt: „Das weiß ich auch nicht. Aber ich nehme von jetzt an bei schönem Wetter immer einen Regenschirm mit. Den vergesse ich dann ganz bestimmt irgendwo anders!“ Das war dann ihr Beitrag zum Entmüllen.

Bei Lebensmitteln sind wir strenger. Was nicht mehr haltbar ist, sollte heraus, notfalls gegen frischen Ersatz.

Je nach Situation sollten Sortiermöglichkeiten, wie Kisten und Körbe, auch nach Feierabend zur Verfügung stehen. Für Frau S. ist das aber überhaupt nichts. Sie sieht darin nur mahnende Kisten, von deren „Auftrag" sie sich „genervt" und überfordert fühlt. So ist der rituelle Tagesabschluss besser, das Wegräumen, Aufräumen und Resümieren. „Tschüss, morgen sehen wir uns wieder.“

Manchmal helfen Erinnerungshilfen wie Zettel innen an der Wohnungstür: „Ich habe genug Schokolade" oder ähnliches. Frau S. ist das zu pädagogisch, unangemessen und blöd. Also lassen wir es. Am nächsten Tag kommt merkwürdigerweise  der Vorschlag von ihr und sie schreibt einen Zettel: „Eine Tüte Altkleider zum Container mitnehmen!"

Die Anfangserfolge sind nach einigen Einsätzen aufgezehrt. Frau S. geht die Arbeit zu langsam voran, aber dennoch muss weiter jedes einzelne Teil gesichtet, begutachtet und über die weitere Verwendung entschieden werden. Ungeduld, Ärger, Verzweiflung machen sich bei ihr breit. Sie wird fahrig und hektisch. Was gestern ein schönes Ergebnis war, ist heute nur noch unvollständig - und auch noch schmutzig dazu! Sie ist auch sauer auf uns, da sie ein Büchlein nicht findet und wir es verlegt oder möglicherweise sogar noch weggeworfen hätten. Diese nicht leichten Auseinandersetzungen gehören zwangsläufig zu unserer Arbeit und denen müssen wir uns stellen. Das ist zum einen der Perfektionismus, der auch schon angesprochen wurde, zum anderen die Angst, und das ist eine Folge davon, wenn das Pferd von hinten aufgezäumt wird.

Die subtileren Effekte treten erst nach einer gewissen Zeit auf. Die vermeintlich absolute Kontrolle über die Dinge in der eigenen Festung Wohnung hat sich in etwas Gemeinsames verwandelt, was nicht nur angenehm ist. Da redet plötzlich jemand mit, erinnert an zuvor Besprochenes, weiß manchmal besser, wo sich bestimmte Dinge befinden. Der Kontrollverlust schmerzt. Das Schlimmste ist, alle Entscheidungen überlassen wir ihr. Noch viel schlimmer wäre natürlich, wenn Fremdbestimmung Einzug halten würde. Und diese verdammte Geduld! Könnten wir nicht einen Nebenkriegsschauplatz eröffnen? Das würde ablenken und mir jetzt helfen! So oder ähnlich scheinen die Gedanken bei Frau S. abzulaufen, und sie versucht es. In solchen Momenten ist es ganz wichtig, dass wir auf diese Konflikte überhaupt nicht eingehen, ohne dass wir sie ignorieren!

In solchen Momenten, während des Nicht-Eingehens auf die Konflikte, ist es enorm wichtig, ihr verstehen zu geben, dass ich ihre Gefühle zwar verstehe, aber dass ich sie selbst nicht teile und weitermache. Gleichzeitig versuche ich immer zu vermitteln, dass mir die Dinge vollkommen gleichgültig sind. Mich stößt nichts davon ab. Ich will aber auch überhaupt nichts davon haben. Mir geht es nur um sie und um das vereinbarte Ziel. Aber auch das ist hart für sie, weil ich eine Trennung mache, die sie gar nicht mehr nachvollziehen kann. So stark ist ihre Identifikation mit den Dingen.

Das wichtigste nochmals in aller Kürze: Auf keinen Fall sollten sich die Unterstützer, die Helfer, in das System dieser Menschen verstricken. Eher ist es gut zu zeigen, dass man die Gefühle versteht, aber nicht teilt. Ich versuche zum Beispiel zu vermitteln, dass mir all die Dinge vollkommen gleichgültig sind. Sie üben keinen Reiz auf mich aus, weder positiv noch negativ. Mich stößt nichts davon ab und ich will auch nichts davon haben. Mir geht es um die Person und ihr Ziel. Das ist hart, weil ich eine Trennung mache, die diese Betroffenen oft gar nicht mehr nachvollziehen können, so stark ist die Identifikation. Dieses zeigt sich in Aussprüchen wie: „Werft mich doch mit weg." oder „Ich möchte mit all meinen Sachen verbrennen."

Das Vertrauen, dass auch schwierige Phasen vorübergehen, ist noch nie enttäuscht worden. Manchmal braucht es Poker-Mentalität, dass wir nicht darauf einsteigen, allerdings ohne Gewinner und Verlierer. Gleichzeitig haben wir Vertrauen in unsere Arbeitsweise, nichts unkontrolliert wegzuwerfen, das uns hoffen lässt, dass auch das kleine Büchlein wieder auftauchen wird.

 Wichtig ist, dass wir wirklich nichts hinter ihrem Rücken wegräumen! So geht es nach einer kleinen Pause mit Frau S. weiter, nicht euphorisch, recht still, aber es geht weiter.

Nach und nach gewinnen wir Platz. Es wird wieder wohnlicher. Man kann sich an einen Tisch setzen. Die sanitären Anlagen sind wieder zugänglich und nach veranlasster Reparatur auch wieder funktionstüchtig. Dass sich Frau S. traute, einen Handwerker in die Wohnung zu lassen, muss als großer Fortschritt verstanden und auch benannt werden, so wie alle erkennbaren und spürbaren Fortschritte benannt werden: kein großes Gerede, nur benennen. Frau S. muss nicht mehr Ausflüge planen für Besuche ihrer Tochter. Sie können wieder in der Wohnung zusammen essen oder spielen. Das erfreut sie dann am meisten. Das war ja vorhin auch angeklungen bei dem Vortrag von Frau Juuls über die Erfolge bei den Müttern mit Kindern, dass da die Widerstände offensichtlich geringer sind. Das fand ich ganz wichtig und für diesen Fall, den ich mir ausgesucht habe, trifft es genau so zu; es ging erfreulich gut...

Je näher wir zum Ende unserer gemeinsamen Arbeit kommen, desto klarer tritt zutage, dass wir jetzt nur Äußerliches in Ordnung gebracht haben. Für die Tochter ist es auch gut, das sieht auch Frau S. so. Für sie selbst aber fehlt etwas ganz Entscheidendes. Sie selbst fühlt sich nicht aufgeräumt, hat Angst, das Erreichte nicht aufrechterhalten zu können. Zudem ist der Druck des Vermieters weg. Die Abnahme ist erfolgreich vonstatten gegangen. Warum soll sie sich jetzt ändern? „Warum soll ich mich jetzt noch ändern?“

Da ist jetzt das Problem der Überleitung (unser Auftrag ist erfüllt, was die projektorientierte Arbeit angeht) in die weitere Hilfe. Das stellt auch für uns vom H-TEAM eine große Schwierigkeit dar. Der Auftrag wurde mehr oder minder vollständig durchgeführt, aber das jetzt zu erhalten..., oder Frau S. weiter zu helfen...

Dabei stehen wir auch nach mittlerweile 12 Jahren vor großen Schwierigkeiten. Wir bieten ja selbst die regelmäßige ambulante Hilfe an (eine Weiterversorgung), und stellen Kontakte her, wo es hilfreich erscheint. Die Frage nach therapeutischer Hilfe können wir aber nicht nur unzureichend, sondern oft gar nicht beantworten. Allzu oft haben Klienten bei Psychotherapeuten und in Kliniken eine Abfuhr erfahren.

 Zurück

 

Leistungsangebot r. a. H. (regelmäßige ambulante Hilfe)

Schon während der Erstanfrage wird die Überleitung in eine Nachversorgung ins Auge gefasst. Unser ambulanter Dienst (r. a. H.) arbeitet der Form nach wie jeder andere Pflegedienst auch. Wir haben eine Pflegedienstleitung, examinierte Alten- und Krankenpfleger, Sozialpädagogen. Letztere sind schon nicht mehr so typisch und das unterscheidet uns von anderen Pflegediensten, weil wir mit qualifiziertem Personal arbeiten. Minutenpflege gibt es nicht. Kein Einsatz liegt unter 45 Minuten. Die Leistungen werden je nach Fall von der Kranken- bzw. Pflegekasse und / oder vom Sozialamt vergütet.

Dankenswerterweise hat die Sozialamtsleitung München die Besonderheit unserer Arbeit anerkannt und zahlt im Rahmen der Nachversorgung eine jährliche Förderung. Auch der Stundensatz liegt über dem für „gewöhnliche" hauswirtschaftliche Hilfe. Schwerpunkt ist wieder die hauswirtschaftliche Versorgung. So heißt es. So wird es auch finanziert (leider). Was wir tun, ist ganz etwas anderes!

 Die Klienten werden ein- bis mehrmals in der Woche besucht. Dabei sollten nach Möglichkeit die Erfahrungen aus der Grundreinigung weiter fortgesetzt werden. Es findet ein fließender Übergang statt, angefangen beim persönlichen Vorstellen der Kollegen bis zur Übernahme spezifischer Methoden des Sortierens, der Orte für Abfalleimer, Orte der Erinnerungshilfen usw. Auch hier gilt das Prinzip der gemeinsamen Arbeit, wo immer das möglich ist. Es ist auch dort leitend - zusammen Müll wegbringen, gemeinsam einkaufen, zum Arzt gehen, putzen, je nach Möglichkeiten des Klienten oder der Klientin.

Da in der regelmäßigen ambulanten Hilfe wechselndes Personal tätig ist, wurde die Bezugspflege eingeführt, sodass die Klienten eine feste Person haben, die sich rundum auskennt und speziell für sie da ist.

Die große Gefahr besteht darin, dass wir auf einem bestimmten Level stecken bleiben und zu Versorgern werden, zu Dienstleistern, und das mangels entsprechender weiterführender Angebote. Wenn der Anruf kommt „Wo ist denn meine Putzfrau?“, dann wird es allerdings schwierig.

Eine Zwischenfrage nach der Finanzierung bzw. an wen man sich wenden muss

Das ist der Sozialhilfeträger in den meisten der Fälle. Bei dieser Nachversorgung ist es häufig eine Mischfinanzierung aus Pflegekasse, wenn eine Pflegestufe vorliegt, oder Krankenkasse im Rahmen von Wiedereingliederungshilfe oder der Sozialhilfeträger, der örtliche.

 Zurück

 

Abschließende Worte

Das war jetzt im groben die Schilderung des H-TEAM e.V. und seiner Arbeit vor allem. Der dargestellte Fall muss unvollständig bleiben. Ich will kein geschöntes Bild unserer Einrichtung vermitteln. Nur allzu oft hadern wir mit den Umständen und mit uns selbst auch!

Analyse, Nennen von Ursachen, Krankheitsbilder, technische Probleme, juristische Probleme usw. usf., das hat jetzt komplett gefehlt. Zur Methodik allein könnte man mehrere längere Vorträge halten. Es gibt dermaßen viele kleine praktische Ansätze, die nicht Tricks sind, sondern wirklich hilfreiche Mittel. Deswegen habe ich mich nur auf einen einzigen Bereich / Aspekt beschränkt, um ihn etwas ausführlicher zu schildern.

Das wichtigste in Stichworten:

Auf der einen Seite:

Reden, Denken, Planen, Wünschen, Erinnern - das „Im-Kopf“ (.. und dann noch im Sitzen ..)

Auf der anderen Seite:

Bewegen, Handeln, Tun - das „Um-Uns-Herum“

Die Dinge müssen sich bewegen und wir müssen uns bewegen. Da sehe ich keinen Unterschied zwischen Messies, Betreuern, Sachbearbeitern, Helfern, Ärzten und Wissenschaftlern.

Es gibt sozialhilferechtliche Möglichkeiten, auch für mittellose Betroffene finanzielle Ressourcen für (auch professionelle) Hilfe zur Verfügung zu stellen oder sie ihnen verschaffen. Es gibt streng genommen eine gewisse Verpflichtung dazu bei Achtung des Rechts. Aber es fehlen die Anbieter. Die Nachfrager trauen sich oft nicht.

Ich wünsche mir, dass diese Fachtagung alle Beteiligten dazu ermuntert zum Nachfragen und zum Anbieten der Hilfe, ermuntert, auch unvollständige, nicht perfekte Hilfe anzubieten, ermuntert zum Austausch von Erfahrungen und Fachkenntnissen.

Und ich wünsche mir, dass diese Fachtagung in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Vielleicht wissen dann einige Menschen mehr, was sich hinter Messie so heimlichtuerisch verbirgt.

 

Danke!

 Zurück

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Marianne:

Vielen Dank, Herr von Wedel. Ich denke, Ihr Bericht war sehr gut und sehr anschaulich. Dieser Bericht rundet einfach das komplexe Bild dieser Menschen ab. Die vielfältigen Möglichkeiten, die Hemmungen oder die Behinderungen oder die Blockaden werden in Ihrem Bericht sehr deutlich.

Vielen Dank und auf Wiedersehen.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Anhang:

Anja Raskob

Auswertung der Ergebnisse der Untersuchung zum Messie-Sein

 

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Untersuchung zum Messie-Sein,

nach langer Zeit möchte ich mich nun endlich bei Ihnen melden und Ihnen noch einmal ganz ausdrücklich meinen herzlichen Dank dafür aussprechen, dass Sie mir durch die viele Mühe, die Sie sich mit dem Ausfüllen des wirklich sehr umfangreichen Erhebungsinstrumentes gemacht haben, ermöglicht haben, einige neue Erkenntnisse über mögliche Ursachen und Begleiterscheinungen des Messie-Seins zu gewinnen.

Ich habe nicht vergessen, dass ich Ihnen damals als kleines Dankeschön für Ihre Teilnahme ein Persönlichkeitsprofil versprochen habe. Im Laufe der Datenauswertung wurde mir allerdings klar, dass dies in vielen Fällen bedeutet hätte, Menschen sehr schmerzhaft zu Bewusstsein zu bringen, dass sie sich in einigen sehr wichtigen Lebens- und Erfahrungsbereichen sehr deutlich von Nicht - Messies unterscheiden und dass gerade dies auch ursächlich bei der Entstehung ihrer heutigen Probleme sein könnte. Menschen, zu denen ich keinen persönlichen Kontakt habe, einfach postalisch eine Diagnose ihres Zustandes mitzuteilen, halte ich für unmoralisch. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass konkrete Hilfsangebote für Messies nach wie vor sehr rar sind.

Dies hat mich zu der Entscheidung bewogen, Ihnen in allgemeiner Form einige wichtige Ergebnisse meiner Untersuchung mitzuteilen. Darüber hinaus versuche ich derzeit einen Verlag zu finden, um die Ergebnisse meiner Untersuchung publizieren zu können, damit sie zukünftig auch einem breiteren Publikum zugänglich sind. An dieser Stelle möchte ich auch darauf hinweisen, dass in Kürze beim Pabst-Verlag ein Buch von Gisela Steins erscheinen wird, in dem sie - wie ich finde - in sehr ansprechender Weise die bisherigen Befunde ihrer Untersuchungen an und mit Messies darstellt.

Ergebnisse der Untersuchung zum Messie-Sein

Nun zu meinen Ergebnissen, von denen ich hier allerdings nur einen ersten groben Überblick vermitteln kann:

Ich möchte Sie bitten zu berücksichtigen, dass ich an dieser Stelle nur Aussagen über die Gesamtgruppe der Messies treffen kann. Auffällig war bei der Untersuchung, dass sich innerhalb dieser Gruppe aller untersuchten Messies im Einzelfall erhebliche Unterschiede im Datenprofil ergeben haben, weit größere als in der Vergleichsgruppe von Nicht - Messies. Das bedeutet, dass sich die eine Messie - Persönlichkeit sehr stark von einer anderen unterscheiden kann und dass das heutige Messie-Sein aus einer Kombination sehr unterschiedlicher, einschneidender Erfahrungen entstanden sein kann. Also muss nicht alles, was ich nachfolgend berichte, auch im Einzelfall für Sie zutreffend sein!

Hypothesen

Aus bisherigen Untersuchungen zur Desorganisation (Steins 2000, Steins 2001) und zwanghaftem Horten (z. B. Frost et al., 1998 ) ergab sich die Vermutung, dass desorganisierte Personen in erster Linie Schwierigkeiten in sozialen Beziehungen haben und in zweiter Linie darauf reagiert haben, indem sie eine überwertige sentimentale Bindung zu materiellen Dingen aufgebaut haben. Dies ist häufig begleitet von vermehrtem Sammeln und Horten, bzw. Nichtmehrwegwerfenskönnen und kann teilweise einhergehen mit chaotischen Haushalten.

Das muss allerdings nicht immer sein. Oft hat eine Besichtigung der Wohnräume ergeben, dass manche Messies sehr rigide Ordnungsvorstellungen haben, in dieser Hinsicht sehr viel perfektionistischere Ansprüche an sich stellen als andere und sehr unzufrieden mit sich und ihrer Haushaltsführung sind. Die durchgeführte Befragung untersuchte nun die Rolle von unsicherem zwischenmenschlichem Bindungsverhalten und sozialer Vermeidung unter Berücksichtigung einschneidender Lebenserfahrungen und dissoziativer Verhaltensweisen (z. B. Abspaltung von Gefühlen, Erinnerungen etc.) bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Desorganisationsproblemen.

Der zu diesem Zweck entwickelte umfangreiche Fragebogen berücksichtigte mögliche Einflussfaktoren auf das aktuelle Ausmaß der Desorganisation aus drei Bereichen, nämlich

a)      dem in der Rückschauerinnerlichen sozial-emotionalen Wohlbefinden in Kindheit und Jugend unter Berücksichtigung einschneidender Lebensereignisse,

b)      dem gegenwärtigen sozial-emotionalen Wohlbefinden unter Berücksichtigung partnerschaftlicher und freundschaftlicher Bindungsstile und

c)      der sentimentalen Bindung an Besitztümer.

Es wurden die Daten desorganisierter Personen (N = 156) mit denen einer Kontrollgruppe (N = 67) verglichen. In Anlehnung an die Bindungstheorie (Bowlby, u. a. 1988) und Befunde von Steins (2001) wurden folgende Hypothesen entwickelt:

 a)      Menschen mit Desorganisationsproblemen, sogenannte Messies, weisen häufig einen unsicheren Bindungsstil auf, der sich in einer tiefgreifenden sozialen Rückzugshaltung bzw. Entemotionalisierung zwischenmenschlicher Beziehungen manifestiert, und

b)      auf unsichere primäre Bindungsbeziehungen (z. B. zu den Eltern) sowie

c)      einschneidende Lebenserfahrungen zurückgeführt werden und sich

d)      zusätzlich in verstärktem dissoziativem Erleben manifestieren kann. Dies führt

e)      zu einer kompensatorischen, d. h. ersatzweisen Überbewertung der Ordnungsthematik und der Bedeutsamkeit von Besitztümern. Im Falle

f)        nach außen hin sichtbar werdender Desorganisation kann sich die überwertige sentimentale Bindung an und personifizierende Funktionalisierung von Besitztümern in einer für Außenstehende sichtbaren Vermüllung der Privatsphäre Betroffener niederschlagen.

Befunde

Diese Hypothesen konnten weitestgehend bestätigt werden. Desorganisierte sind häufig ängstlich-vermeidend gebunden und vermeiden soziale Kontakte, dies z. T. bereits seit der Kindheit, in der sich rückblickend Belege für unsichere primäre Bindungserfahrungen finden lassen. Beides steht in Zusammenhang mit einer starken Emotionalisierung von Besitztümern. Zusammen stellen die Einflussgrößen bedeutsame Vorhersagefaktoren der Desorganisation dar.

Diese Befunde deuten daraufhin, dass Messies nur geholfen werden kann, wenn all diese Faktoren in einer etwaigen Therapie Berücksichtigung finden, d. h. eine geeignete Mischung aus kognitiver Verhaltenstherapie, Tiefenpsychologie und strukturierten Hausaufgaben angeboten werden kann. Eine Familienaufstellung nach Hellinger könnte zudem Katalysator beziehungsorientierter Therapie sein und Betroffenen helfen, den Einfluss der familiären Strukturen in ihrer Ursprungsfamilie auf ihr heutiges Leben und ihre Sichtweise ihrer selbst und der Welt zu begreifen und sich da, wo es nötig ist, aus einer ungünstigen Umklammerung der Vergangenheit zu befreien.

Diskussion der Ergebnisse

Zusammenfassend bedeutet dies, dass sich aus den Daten folgendes Modell möglicher Einflussfaktoren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung einer Desorganisationsproblematik ableiten lässt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abbildung 1 Pfadanalytisches Modell für Messie-Sein

 

Der gegenwärtige Leidensdruck von Messies und das Ausmaß, in dem jemand ein Messie ist, stehen in enger Verbindung zu dem Ausmaß, in dem eine besonders emotionale Verbindung zu materiellen Besitztümern aufgebaut wurde sowie einer zunehmend starken sozialen Rückzugshaltung sowie Vermeidung zwischenmenschlicher Interaktionen.

Die Zuschreibung menschlicher Attribute, das extreme innere Verpflichtungsgefühl den Besitztümern gegenüber und die Personifizierung der Besitztümer stehen in einem engen Zusammenhang mit dieser Isolation, werden durch diese maßgeblich mitbeeinflusst.

Von den zurückliegenden Kindheitserfahrungen haben einen schwachen, aber direkten Einfluss auf das Messie-Sein die Beziehung der Eltern zueinander, also die Spannung zwischen den Eltern und die Erfahrung, dass diese die Betroffenen als Kind nicht Kind sein ließen, sondern häufig zu Vertrauten ihrer intimen Sorgen und Ängste machten. Außerdem bedeutsam ist die Erfahrung, im Elternhaus keinen angemessenen emotionalen Rückhalt erfahren zu haben, sondern dort viel mehr emotional vernachlässigt worden zu sein.

 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hierin könnte ein Hinweis auf das bereits frühe Fehlen einer sicheren Basis liegen, d. h. die Betroffenen konnten weniger als andere sicher sein, dass dann, wenn sie Unterstützung und Zuneigung gebraucht hätten, ihre Eltern oder vergleichbar bedeutsame Beziehungsfiguren für sie da gewesen wären. Daraus entwickelt sich im Laufe der weiteren Entwicklung häufig ein Modell der Welt, in der diese als gefährlich, unberechenbar und feindselig wahrgenommen wird. Dies führt dazu, dass die ursprüngliche Neugier des Kindes, sein ursprünglicher Expansions- und Forschungsdrang stark eingeengt werden und dadurch nachfolgend wichtige Lernerfahrungen nicht gemacht werden.

Dies hat damit zu tun, dass die Menschen am Anfang alles versuchen, sich an die Bedingungen ihrer frühkindlichen Umwelt, also an die Struktur ihrer Eltern anzupassen. Ziel dieser Anpassung ist der unbedingte Überlebenswille eines jeden Kindes, auch wenn dies bedeutet, dass zu diesem Zweck Verhaltensweisen entwickelt werden müssen, die zwar in der Ursprungsfamilie ihren Sinn hatten, sich aber in späteren sozialen Kontexten als hinderlich oder gar stark beeinträchtigend erweisen.

Bereits in der Kindheit hat bei vielen Betroffenen, das hat die Untersuchung gezeigt, ein hohes Maß an sozialer Isolation stattgefunden, an Rückzug aus unüberschaubaren Situationen und sozialen Interaktionen. Der Einfluss auf das heutige Leiden ist zwar eher indirekt, erscheint aber vermittelt über die gegenwärtigen, z. T. stark ausgeprägten, sozialen Kompetenzdefizite und Ängste bzw. Unsicherheiten anderen Menschen gegenüber, aus denen heraus häufig der Kontakt zu diesen vermieden wird, aus Angst zurückgewiesen zu werden oder aber weil z. B. die Entscheidung getroffen wurde, dass die Beziehung zu anderen Menschen im eigenen Leben keine so hohe Bedeutung habe.

Dies ist aber auch als Reaktion darauf zu verstehen, dass mit einer solchen Haltung schmerzhafte Verletzungen vermieden werden sollen, die den Betroffenen möglicherweise früher dadurch zugefügt wurden, dass ihre Eltern nicht greifbar waren oder sie misshandelten oder in anderer Weise nicht in der Lage waren, die emotionalen Bedürfnisse eines Kindes in kindgerechter Weise zu erfüllen.

Einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Vereinsamung hat offensichtlich auch das Ausmaß der Dissoziation. Hier ist davon auszugehen, dass Messies, die stark dissoziieren, traumatische Erlebnisse hatten, die ihrem Bewusstsein nicht mehr oder nur zeitweilig zugänglich sind, dass sie sich ihrer selbst kaum sicher sein können und ein besonders fragiles/zerbrechliches Selbstkonzept haben, aber auch widersprüchliche Modelle der Welt und der Anderen aufweisen. Dissoziation wird mit einem desorganisierten Bindungsstil in Zusammenhang gebracht. Es konnte gezeigt werden, dass viel mehr Messies als Kontrollpersonen einen solchen Bindungsstil aufweisen. Ein solcher Bindungsstil gilt als Folge schwerer Traumatisierungen oder einer kindlichen Umwelt, die nicht fassbar und über die Maßen erschreckend für das Kind war.

Dies ist zum Beispiel der Fall, weil die Eltern sich sehr widersprüchlich verhielten und ihre Kinder durch ihr Verhalten mal in Angst und Schrecken versetzten, mal jedoch besonders liebevoll waren. Betroffene Kinder reagieren, indem sie sich einerseits den Eltern, die ursprünglich Schutz bieten, einen emotionalen Rückhalt darstellen sollen, die Basis sind, von der aus die Welt erobert werden kann, nähern wollen, andererseits aber auch große Furcht vor diesen haben.

Dadurch entsteht der Eindruck, die Welt sei unkontrollierbar. Dies zeigt sich im Verhalten des Kindes dadurch, dass es „desorganisiert“ erscheint. Erst sucht es Nähe, dann weicht es ängstlich zurück oder verfällt in eine tranceähnliche Starre, beginnt Spielzeug wichtiger zu finden als die verwirrenden Erwachsenen etc.

Eine verwirrende, widersprüchliche und in besonderem Maße furchteinflößende Bindungserfahrung in den primären Beziehungen erhöht die Angst, in sozialen Situationen zu versagen, sich zu „verraten“, sich unangemessen zu benehmen und dafür bestraft zu werden. Aus diesem Grund versuchen Betroffene auf anderen Wegen Kontrolle über ihre Welt zu erhalten aus Angst, von anderen möglicherweise retraumatisiert, d. h. erneut schmerzlich verletzt oder zurückgewiesen zu werden. Dies bedeutet, dass zwischen Dissoziation, also Abspaltung bestimmter Erlebnisinhalte und sozialem Rückzug ein enger Zusammenhang besteht.

Auf das Messie-Sein als solches hat die Dissoziation keinen unmittelbaren Einfluss, aber sie führt zu einer Verstärkung der Tendenz, sich aus sozialen Interaktionen zurückzuziehen. Wurden Messies in ihrer Kindheit von überforderten Eltern mit großer Härte bestraft, bloßgestellt und ausgelacht, hat das offensichtlich einen nachhaltigen Einfluss auf ihre Objektbeziehungen, denn mit zunehmend autoritärem und willkürlichem Erziehungsgebaren der Eltern, bei dem das Kind nicht als vollwertiger Mensch  respektiert wird, geht auch eine zunehmende Vermenschlichung und identitätsstützende Funktionalisierung von Besitztümern einher, möglicherweise werden sie als „gute Andere und Freunde“ zum Schutz gegen die böse Außenwelt verwendet.

Hierin liegt ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Hang zu Horten oft etwas mit einer zugrundeliegenden, tief sitzenden Unsicherheit zu tun hat, dass die Betroffenen also versuchen, ein Gefühl der Ohnmacht dadurch zu beseitigen, dass sie viele Funktionen, die andernfalls enge zwischenmenschliche Beziehungen hätten, ihren Besitztümern zuweisen. So berichten Betroffene, inmitten ihrer Besitztümer am meisten innere Sicherheit zu verspüren, diese wie Freunde zu behandeln, ihren Verlust wie den Tod eines nahestehenden Menschen zu empfinden.

Zusammengenommen bedeutet dies, dass die Besitztümer bzw. die aus Horten folgende Unordnung in den Besitztümern sowie auch das zeitliche Chaos in einem sehr engen Zusammenhang damit stehen, dass Messies, selbst wenn sie Partner oder Freunde haben, meist keine besonders enge emotionale Bindung zu diesen besitzen, wenig Vertrauen in die Zuverlässigkeit ihrer Mitwelt haben, wenngleich sie oft bereit sind, anderen zu helfen.

Das bedeutet aber auch, dass die überbetont häufige Auseinandersetzung mit dem Thema Ordnung und die zeitliche sowie räumliche Desorganisation der Betroffenen vor allem auch damit zu tun hat, dass ihnen der Rückhalt in zwischenmenschlichen Kontakten fehlt, dass sie sich grundsätzlich unsicherer fühlen in dieser Welt und wenig Glauben an die eigene Kompetenz, mit dieser Welt umzugehen, in dieser Welt wirksam sein zu können, besitzen.

Dabei geht es nicht nur um Defizite in Fragen der Haushaltsführung, vielmehr ist recht deutlich geworden, dass diese Defizite Ausdruck einer dahinterliegenden grundsätzlichen, existentiellen Angst sind. Das bedeutet unter anderem auch, dass das Horten von Besitztümern oft dem Zweck dient, eine innere Unruhe zu lindern, ein Spannungsgefühl abzubauen, die Angst zu reduzieren, sich zu schützen vor einer Welt, von der geglaubt wird, dass sie grundsätzlich feindselig sei.

Ein Kind, das aus desorganisierten Strukturen stammt, kann diese Desorganisation im späteren Leben in unterschiedlicher Weise zum Ausdruck bringen; wenn nicht bedeutsame positive Erfahrungen dazu führen, dass das Kind/dieser Mensch wieder an sich glaubt und sich sicher und geborgen fühlt, um dadurch Mut und Kraft zu haben, die Welt zu erforschen. Eine Möglichkeit ist das Messie-Sein, eine andere Möglichkeit ist das Entwickeln von Depressionen als Ausdruck der gelernten Hilf- und Hoffnungslosigkeit. Ein dem Messie-Sein ähnlicher Versuch, den Eindruck der Kontrollierbarkeit der Welt zurückzugewinnen, ist das Entwickeln einer Essstörung. Manche Menschen entwickeln auch Zwangshandlungen und Zwangsgedanken, mit denen sie hoffen, ihre Angst quasi magisch zu lindern. Bei einigen Menschen liegen Hinweise auf mehrere dieser Fehlanpassungen vor, die ihnen später das Leben im Alltag sehr schwer machen können.

Insgesamt lässt sich aus den Untersuchungsergebnissen vor allem ableiten, dass Messie-Sein keineswegs einfach ein Problem mit der Ordnung ist, sondern dass das sichtbare Ordnungsproblem viel mehr Ausdruck für etwas anderes ist, ohne dass dieses andere den betreffenden Menschen in jedem Falle voll bewusst sein müsste. Manchmal wäre das auch viel zu schmerzhaft.

Bowlby geht davon aus, dass jedem Menschen das Bedürfnis nach Rückhalt angeboren ist, dass wir alle uns ein Leben lang in Situationen der Verunsicherung und des Stresses Rückhalt bei geliebten Menschen suchen oder zumindest erhoffen und dass wir unsere Aufgaben in dieser Welt immer dann zu unserer Zufriedenheit erledigen können, wenn wir diesen Rückhalt, wenn es darauf ankommt, auch sicher haben.

 

Bedeutung der Befunde für Hilfsangebote/Therapie

 Dies bedeutet, dass vielen Betroffenen mit Tipps zur Haushaltsführung kaum wirklich geholfen sein dürfte.

Wenn das so wäre, ergäben sich durch die zahlreichen Tipps, die viele Messies im Internet zu Fragen der Reinlichkeit und Ordnung, zur Erledigung anstehender Aufgaben austauschen, auch ebenso zahlreiche Spontanheilungen vom Phänomen der Desorganisation. Dies ist meist nicht der Fall.

So erscheint es auf Grundlage der umfangreichen Untersuchung sehr, sehr wichtig, den Betroffenen dabei zu helfen, zuverlässige, enge emotionale Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.

Da keiner grundlos beschließt, sich aus diesen Kontakten zurückzuziehen, bedeutet dies sicherlich oft, dass dabei die Hilfe eines Therapeuten in Anspruch genommen werden sollte, der sich auf die Herstellung einer solchen heilsamen Beziehung als Grundvoraussetzung einer guten Psychotherapie versteht. 

In dem Ausmaß, in dem es Betroffenen gelingt, sich wieder sicherer, geliebter, geschützter, getragener und unterstützter zu fühlen in dieser Welt und in dem sie wieder beginnen, an sich selbst und ihre Kompetenzen zu glauben, hier vielleicht auch wichtige neue Lernerfahrungen zu machen bereit sind, sollte das Phänomen der Unordnung sich auch leichter lösen lassen.

Dafür muss es aber erst in seiner Bedeutsamkeit entschlüsselt und durch andere Lebensinhalte überflüssig gemacht werden. Versuche, einfach eine Räumung durchzuführen, dürften an der engen emotionalen Bindung Betroffener zu ihren Besitztümern scheitern und gegebenenfalls, wenn unautorisierte Personen dies tun, massive Ängste auf Seiten der Betroffenen auslösen.

Es gäbe noch viel zu sagen. Dennoch habe ich nun hoffentlich einen ersten Eindruck dessen vermittelt, was sich mit Hilfe des Fragebogens untersuchen ließ. Wie gesagt, das muss nicht auf alle Messies zutreffen, insofern kann es durchaus sein, dass die individuelle Geschichte ganz anders aussieht als das, was sich aus den Daten der Gesamtgruppe ermitteln ließ.

Ich wünsche Ihnen allen auf Ihrem weiteren Weg alles Gute und hoffe, dass der Rest des Sommers viel Licht und Sonne in Ihr Leben bringen möge.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihre Anja Raskob

 

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

 

Die Durchführung der 2. Messie-Fachtagung in Göppingen und die Herausgabe dieser Dokumentation war nur möglich durch die Unterstützung der gesetzlichen Krankenkassen. Aus den Mitteln für die Förderung von Bundesorganisationen der Selbsthilfe hat der FEM e. V. im Jahr 2002 von folgenden Krankenkassen Zuschüsse erhalten:

 AOK-Bundesverband, Bonn

Barmer Ersatzkasse, Wuppertal

Förderpool ´Partner der Selbsthilfe´, bestehend aus

-                     BKK Bundesverband

-                     IKK Bundesverband

-                     Bundesverband der landwirtschaftlichen Krankenkassen

-                     Bundesknappschaft

-                     See-Krankenkasse

-                      Gmünder Ersatzkasse, Schwäbisch Hall

Selbsthilfe-Fördergemeinschaft der Ersatzkassen, bestehend aus

-                     Techniker Krankenkasse

-                     Kaufmännische Krankenkasse - KKH

-                     Hamburg-Münchner Krankenkasse

-                     HEK - Hanseatische Krankenkasse

-                     HZK - Krankenkasse für Bau- und Holzberufe

-                     Brühler Krankenkasse Solingen

-                     Buchdrucker - Krankenkasse Hannover

-                     Krankenkasse Eintracht Heusenstamm

Zurück zum Inhaltsverzeichnis                                           Zurück!

 Startseite