Fortbildungstagung für Psychiatriekoordinatoren

Vom 26. Mai bis 27. Mai

im

Bildungszentrum des Sächsischen Staatsministerium für Soziales in Meißen

Ich begrüße die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Fortbildungstagung ganz herzlich. Ich bedanke mich für die sehr freundlichen Einführungsworte von Herrn Dr. med. Wachtarz  (Amtsarzt, Görlitz).

Das Thema dieser Fortbildungstagung lautet: „Vermüllungssyndrom“ – Aus der Sicht von Messies und Therapeuten.

Bei dem Vermüllungssyndrom scheint es in erster Linie darum zu gehen, welchen optischen Eindruck und welche Bewertung eine andere Person in bezug auf die „Ordnung einer Wohnung“ hat.

Es gibt eine ganze Reihe von psychischen Erkrankungen, bei denen eine nicht normengerechte Versorgung der Wohnung, der Körperpflege, der Ernährung usw... (Hygiene, Kleidung...) erfolgen kann, zum Beispiel bei Personen mit Psychosen, Demenz, Alkohol- und anderen Süchten... Vermüllung ist also ein Symptom, das bei verschiedenen Krankheitsbildern vorkommen kann und es beschreibt einen Zustand des Lebensumfeldes. Hier wäre es sehr interessant zu ergründen, was denn das Gemeinsame bei den unterschiedlichsten Grundstörungen ist, das zu diesem nach außen sichtbaren nicht normengerechten Verhalten führt. Doch hier bei dieser Tagung soll es in erster Linie um Messies und um deren „Vermüllung“ gehen.

Gerade, wenn wir uns Berichte über Messies in den Medien ansehen, kann man feststellen, dass dabei viel Wert auf die Darstellung dieser „vermüllten Wohnung” gelegt wird und so wird der Bevölkerung ein schiefes Bild des Messie-Syndroms vermittelt.

Ich war in vielen Messie - Wohnungen und ich kann Ihnen sagen, dass viele dieser Wohnungen so ordentlich oder unordentlich aussehen wie wahrscheinlich auch Ihre Wohnung aussieht. Natürlich war ich auch in Wohnungen, in denen meiner Meinung nach Müll gesammelt wurde, z. B.: zerbrochenes Glas, Styroporreste, Heftseiten usw... Müll, der als Müll von außen in die Wohnung gebracht wird (aus den unterschiedlichsten Gründen) und das, was letztendlich zu Müll in der Wohnung geworden ist (verbunden oftmals mit Schuldgefühlen gegenüber den Dingen und sich selbst). Wie die Wohnung aussieht, darf kein alleiniges Kriterium zur Diagnose für das Messie-Syndrom sein. Denn nicht das Äußere, nicht das, was in der Wohnung sichtbar ist, sondern die innere Dynamik ist das, was wichtig ist, was uns Aufschluss darüber gibt, wie diese Menschen einen inneren Konflikt oder ähnliches zu bewältigen versuchen. Ich kann Ihnen hier auch keine Handlungsanweisungen zur Behebung dieses Problems geben. Ich kann nur versuchen, Ihnen anhand einiger Beispiele deutlich zu machen, welchen Sinn für die Betroffenen dieses Bewältigungsmuster hat. Vielleicht kann dann der ein oder andere hieraus den Messies andere Arten der Bewältigung nahe bringen, sodass es dann leichter wird, alte Muster über Bord zu werfen.

Ich werde versuchen, Ihnen meine Meinung und Hypothesen über das Messie-Syndrom verständlich zu machen, aber auch zu sagen, wann Behörden, Betreuer und auch Therapeuten wenig hilfreiche Maßnahmen bei den Betroffenen ergreifen. Einiges davon werde ich hier als Beispiel vortragen, damit Sie auch das enorme Ausmaß an äußern und inneren Denk- und Verhaltenmustern sehen, in dem sich die Betroffenen oftmals heillos verstricken.

Ganz kurz zu meiner Person:

Mein Name ist Marianne Bönigk-Schulz. Von Beruf bin ich Schneiderin und Schnitttechnikerin. Ich habe zwei Töchter im Alter von 32+28 J. und einen 29 jähr. Sohn, und drei Enkeltöchter.

Ich hatte 27 Jahre lang große Schwierigkeiten mit der Organisation meines Haushaltes und habe ca. 23 Jahre diese Schwierigkeiten verstärkt durch das Horten von allen möglichen Gegenständen, was noch verstärkt wurde durch die Unfähigkeit, wegzuwerfen, was letztendlich dazu führte, dass die gelben Müllsäcke nicht mehr das Haus verlassen durften.

Nach einer kurzen Therapie (Anfang 1997 bis Mitte 1997) änderte sich mein Leben dadurch, dass ich in der Lage war, Entscheidungen zu treffen. Rückblickend betrachtet empfinde ich immer noch ein Erstaunen darüber, dass der starke innere Druck von einer Minute auf die andere weg war, dass sich mein Leben von einer Minute auf die andere so sehr verändert hat.

Ich will meine Veränderung an einem Beispiel deutlich machen:

Jedes Jahr im Januar fahre ich zum Geburtstag meiner Schwester und immer sind ihre altbekannten Freundinnen und Freunde anwesend. Im Januar 1998 wurde meine Schwester 38 Jahre alt und es waren mit mir auch ihre Bekannten und Freunde anwesend. Meine Schwester berichtete mir am anderen Tag folgende Begebenheit. Nachdem ich nach Hause gefahren war, wurde sie gefragt, wer denn diese Frau gewesen sei. Sie antwortete: „Meine Schwester.“ Darauf haben die Anwesenden erstaut erwidert: „Du hast doch nur eine Schwester.“ Sie haben mich schlichtweg nicht wiedererkannt.

Seit sechs Jahren arbeite ich nun ehrenamtlich im Bereich der Messie - Selbsthilfe und seit fünf Jahren im Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms.

Der Verein wurde im Dezember 1998 zum Schutz der Messie - SHG vor Vermarktung unter einem anderen Namen gegründet. Der Name „Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms“ ist unserem Anwalt eingefallen, als wir Gründungsmitglieder uns mit einer Klageandrohung eines Verlages konfrontiert sahen. Sicherlich war die Erforschung dieses Phänomens ein Teil unserer Intention zur Vereinsgründung, also Aufmerksamkeit erwecken bei der Wissenschaft und auch bei den Therapeuten.

Uns war es wichtig, deutlich zu machen, dass es bei den Messies nicht nur um Desorganisation und Horten geht, sondern dass die Handlungsblockaden mit der dazugehörigen inneren Dynamik und das wenig beachtete soziale Verhalten dieser Menschen den Anderen gegenüber in einem Zusammenhang gesehen werden müssen.

Mitte 1998 habe ich den ersten Fragebogen entwickelt, der anlässlich dreier überregionaler Veranstaltungen für Messies eine erste Befragung dieser Gruppe darstellen sollte.

Ich bemühte mich, Kontakt zu einer Universität zu bekommen, die diesen Fragebogen auswerten sollte. Ein Mitglied unserer Messie-Selbsthilfegruppe hat dann glücklicherweise den Kontakt zur Universität Bielefeld, zu Frau Prof. Dr. Gisela Steins, geknüpft, sodass man sagen kann, dass damit der Grundstein zu einer ausführlichen Erforschung dieses Phänomens gelegt wurde.

Meine Hauptarbeit im Verein ist:

1.     das Informieren über die Zusammenhänge dieser Störung (Betroffene, Angehörige, Behörden...)

2.     eine sinnvolle und hilfreiche Selbsthilfegruppenarbeit den betroffenen Menschen nahe zu bringen und auch Selbsthilfegruppen für Angehörige anzustoßen.

3.     eine Anlaufstelle zu sein, bei den Betroffene sich Rat und Unterstützung holen können (Behördenwillkür, Mietauseinandersetzungen usw. usf...)

4.     den Therapeuten die Besonderheiten des Messie-Syndroms versuchen deutlich zu machen

5.     den Betroffenen bei bestimmten Konstellationen die Behandlungsbedürftigkeit nahe zu bringen

Der Verein versucht jedes Jahr, eine Fachtagung für alle Personengruppen, die mit dieser Störungsart zu tun haben, durchzuführen. Bei diesen Fachtagungen soll ein möglichst breites Spektrum der offenen Fragen abgedeckt werden. Fragen von Behörden, von Therapeuten, von Angehörigen und natürlich auch die vielen Fragen von Betroffenen, die oftmals nicht verstehen, was mit ihnen passiert.

Dann versucht unser Verein in den einzelnen Bundesländern sogenannte Arbeitstagungen zu initiieren, und zwar ausschließlich für die Betroffenen (Messies), die in Selbsthilfegruppen gehen und auch für solche, die nicht in eine Gruppe gehen können. Ziel dieser Arbeitstagungen ist es, den Gruppen deutlich zu machen, welches Potential in der SHG vorhanden ist und dass man in der SHG soziale Kompetenz erwerben kann. Ein weiteres Ziel ist es, dass die Gruppen autonom werden und mit einem gewissen Selbstverständnis diese gruppeninternen Abläufe der Arbeitstagung für sich nützlich machen können, ohne dass wir vom FEM aktiv werden müssen.

Wichtig ist uns auch weiterhin die Kontaktvermittlung von Wissenschaft und Betroffenen, die Unterstützung bei Diplomarbeiten, von Studierenden, die Literaturangaben, Informationen, Kontakte und oftmals Adressen von bestehenden Hilfseinrichtungen benötigen, die sich der Messie-Problematik angenommen haben und die auch gerne bereit sind, ihre erworbenen Erfahrungen anderen mitzuteilen.

Alle Personen im Verein arbeiten ehrenamtlich. Der Förderverein zur Erforschung des Messie-Syndroms finanziert sich in erster Linie über die Selbsthilfeförderung der Krankenkassen und erhält seit 2001 die Bundesförderung von fast allen Krankenkassen. Erfreulicherweise bekommen wir auch Spenden von Betroffenen, Angehörigen und Befürwortern  unserer Arbeit.

Natürlich dürfen hier nicht unerwähnt bleiben unsere nachhaltigen Bemühungen einer eigenen „laienhaften“ Ergründung dieses Phänomens, die als Reaktion auf fehlende oder falsche Zuordnung zu bestimmten Krankheitsbildern entstanden sind (ADS + Zwangserkrankung). Meine Beobachtungen und meine Einschätzungen des Messie-Syndroms gründen sich auf eigenem Erleben und auf der Arbeit mit Messies

1.     in der SHG und bei den Arbeitstagungen

2.     vor Ort, also bei Interventionen, und

3.     durch die Gespräche mit über tausend Messies und mehreren hundert Messie- Angehörigen.

So, das zu der Vereinsentwicklung und zu seinen Zielen und auch zu meiner Kompetenz.

Nun zum Thema: Vermüllungssyndrom!

 

Ich persönlich halte es nicht für wichtig, wie die Wohnung der Betroffenen aussieht. Hier wird ein ganz bestimmter Bereich einer psychischen Störung (Handlungsstörung) dramatisiert und überwertig beachtet. Es hilft meiner Meinung nach kein bisschen weiter in der Bewältigung dieses Defizits. Wenn Sie solche Wohnungen sehen (seien sie vermüllt oder auch nur vollgestellt mit zuviel angesammelten Dingen) und Sie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ausrufen: „Wie kann man nur in einer solchen Wohnung leben?“, sind sicherlich Ihre Gedanken sofort auf die Veränderung dieser Wohnsituation ausgerichtet.

Ein Mitarbeiter einer sozialen Einrichtung in Hannover gestand mir, dass er sofort etwas unternehmen müsse, weil er sich sonst hilflos fühle. Hierzu konnte ich ihm mitteilen, dass, wenn er dann aktiv in der Wohnung räumt, sortiert und Müll wegwirft, sich allerdings der Betroffene hilflos fühlt und Ängste und Panik bei ihm entstehen können.

Wenn ich in eine solche Wohnung komme, registriere ich die äußere Ordnung nur am Rande, denn ich weiß, wie schnell man so etwas aufräumen, teilweise ausräumen oder auch umräumen kann.

Wichtig zu wissen ist: die Vermüllung bei Messies stellt kein Endstadium von irgendwas dar, sondern ist meiner Meinung nach zusammenhängend mit persönlichkeitsbezogenen Eigenschaften dieser Person zu sehen. Hier scheint es eher um ungehemmtes, fast kindliches Verhalten zu handeln. Diejenigen von Ihnen, die Kinder haben, kennen das gut, dass die Sprösslinge keine Hemmungen haben, die Sachen wie Bekleidung, Schultasche usw. einfach im Flur oder Diele (dort, wo sie stehen) fallen zu lassen und diese Dinge auch unbekümmert dann liegen lassen zu können.  Bei meiner Arbeit in der SHG und bei den Interventionen in Messie - Wohnungen konnte ich gut diese Verhaltenweisen beobachten.

Nur einmal hat mich eine „vermüllte Wohnung“ die Flucht ergreifen lassen und ich kann Ihnen versichern, dass nicht das Chaos, der Schmutz oder die Masse an Dingen es war, die die Flucht bewirkt hat, sondern der Mensch. Seine Haltung zu sich selbst mit seiner beständigen Selbsttäuschung und das Anspruchsdenken gegen mich oder andere in der Gruppe war schier grenzenlos. Da wusste ich, dass es zur Zeit noch vollkommen aussichtslos ist, erfolgreich tätig zu sein und dass da an den unterschiedlichsten Fronten erst Einsichtsfähigkeit, und das im wahrsten Sinne des Wortes, erkämpft werden muss. Doch Krankheitseinsicht von außen zu bewirken ist wenig erfolgreich, obwohl sich ausgerechnet diese Menschen in regelrecht aussichtslosen Situationen verstricken.

Einsichtsfähigkeit[C.M.H1],


 [C.M.H1] Schon in den Absätzen davor lag es mir immer wieder auf der Zunge, dazwischen zu rufen und zu sagen: Das, was im Außen einer Person ist, ist nur der Spiegel des Inneren. Der Zustand einer Messie-Wohnung (so sie denn krempelig etc. ist) ist der Spiegel für das Innere. Dies wäre auch die Erklärung dafür, dass die Vermüllung nur bei einigen Messies auftritt, nicht aber bei allen.

Das Wort „Einsichtsfähigkeit“ gab mir den Anstoß, hier die erste Notiz zu setzen. Wenn die Wohnung vermüllt ist, kann man darin nicht „Einsicht nehmen“. Hier ist wie bei einem Paradebeispiel meine Aussage erklärt!

 

Übrigens stützt sich die Aussage, dass das Äußere der Spiegel des Inneren ist, nicht nur auf die Worte meiner Therapeutin sondern zusätzlich auf eigene Erfahrungen! Deshalb empfehle ich Ihnen, auch in diese Richtung weiter zu forschen / zu suchen.

Matthias

Ein Beispiel aus Braunschweig...

 

newsclick.de – Braunschweiger Zeitung – Wolfsburger Nachrichten – Salzgitter-Zeitung     

 

Tragischer Tod in Bergen von Müll

64-Jährige soll Feuer in ihrer Wohnung selbst gelegt haben – Nachbarn flüchteten mit ihren Haustieren

Von Daniel Puskepeleitis

Erschütternder Tod einer einsamen Frau: Bei einem Wohnungsbrand im Mörser Winkel in Detmerode ist gestern Morgen die 64-jährige Inge Z. ums Leben gekommen. Trauriger Verdacht: Sie soll das Feuer selbst gelegt haben.

Um 8.32 Uhr geht der Notruf in der Leitstelle der Feuerwehr ein: Brand im Mehrfamilienhaus. Zu dem Zeitpunkt ist eine Fensterscheibe der Wohnung im dritten Obergeschoss bereits zersprungen; meterhohe Flammen schlagen aus dem Loch. Gärtner, die auf dem benachbarten Grundstück arbeiteten, klingeln die Bewohner der restlichen 15 Wohnungen aus dem Mehrfamilienhaus. Nachbarn alarmieren andere Bewohner telefonisch. Überwiegend ältere Leute verlassen das Gebäude – im Arm Kaninchenkäfige, Hunde und weitere Haustiere. Ein Löschzug der Berufsfeuerwehr erreicht den Unglücksort, Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr Fallersleben folgen. Die Löscharbeiten beginnen, zwei Drehleitern kommen zum Einsatz.

Parallel dazu steigen Retter mit Atemschutz in die brennende Wohnung und bahnen sich ihren Weg durch meterhohe Berge von Müll. Sie entdecken die leblose Frau, tragen sie auf den Flur. "Der Notarzt konnte nur noch ihren Tod feststellen", berichtet Zugführer Dirk Kröger. Nach der Obduktion der Leiche am Nachmittag teilt Polizeisprecher Klaus-Dieter Stolzenburg mit, die Rentnerin starb an der Rauchvergiftung, erlitt zusätzlich Verbrennungen.

Nach einer halben Stunde ist das Feuer unter Kontrolle, die Spurensicherung beginnt. Die Polizei findet den Rest eines Brandbeschleunigers, Benzin möglicherweise. Es gilt als sicher, dass die als verwirrt beschriebene Frau selbst die Wohnung in Brand gesteckt hat. Mit ihr starben zwei Katzen, mit denen sie in der Wohnung lebte. Den Sachschaden beziffert Polizeisprecher Stolzenburg auf etwa 200 000 Euro. Gestern Morgen, 9.30 Uhr, hätte eine Begehung mit dem Vermieter VW Immobilien stattfinden sollen. Die Tote hatte ihre Wohnung bereits gekündigt.

Freitag, 01.11.2002

 

"Sie muss sehr verzweifelt gewesen sein …"

Plötzlich hörten die Bewohner einen lauten Knall

Plötzlich habe es "ganz furchtbar" gepoltert im Mehrfamilienhaus im Mörser Winkel, berichtet Marianne Böhnke. Das war der Moment, als die Fensterscheibe der brennenden Wohnung im dritten Stockwerk zerbarst. Bis dahin aber hatte sie nichts mitbekommen von dem Feuer. "Schließlich hat es aus der Wohnung immer schon komisch gerochen. Das haben wir bereits dem Gesundheitsamt gemeldet", sagt sie.

So roch es auch gestern Morgen seltsam im Hausflur des 16-Parteien-Hauses. "Wie Feuerwerkskörper", berichtet Böhnke später. Andere Hausbewohnerinnen sprechen von dem Geruch nach Desinfektionsmittel, vielleicht auch Benzin. Erst als das Fenster zersprang und die Flammen hochschlugen, flüchteten sie. Den lautstarken Knall hörte auch Liesel Jackisch, die einige Häuser weiter lebt. Sie sah, wie sich Menschen mit ihren Haustieren auf dem Arm in Sicherheit brachten.

Für Inge Z. indes kam jede Hilfe zu spät. "Wir haben noch an ihrer Tür geklopft, bevor wir rausliefen. Aber sie hat nicht geöffnet", erzählt eine 67-Jährige mit leiser Stimme. Auch nachdem der Brand gelöscht ist und sie in ihre unversehrte Wohnung zurückkehren kann, zittert die Frau. Während der Evakuierung nahm sie nur ihre Hündin Tina mit, und den Kaninchenkäfig.

Während die Nachbarn und zahlreiche Kinder vor dem Haus die Löscharbeiten abwarten, wird die Tote auf einer Bahre herausgetragen. "Mein Gott, Inge", seufzt Liesel Jackisch. Und die 67-Jährige Nachbarin ergänzt: "Sie muss sehr verzweifelt gewesen sein …"   dp

Inge Z. drohte Selbstmord an

Als Messie lebte sie zurückgezogen mit zwei Katzen

Die 64-jährige Inge Z. war in ihrem Haus als so genannter Messie bekannt. Zwanghaft sammelte sie nützliche und unbrauchbare Dinge, die sie meterhoch auf den 79 Quadratmetern ihrer Wohnung lagerte, dazwischen auch Unrat.

Seit 24 Jahren soll die Tote im Mörser Winkel gewohnt haben. Seit dem Tod ihres schwer behinderten Mannes vor gut einem Jahr lebte Inge Z. allein mit zwei Katzen im dritten Stockwerk des Mehrfamilienhauses. Nachbarn bezeichnen sie als verwirrt. "Sie hat gedroht, sich umzubringen, gemeinsam mit ihren Katzen im blauen Trabbi gegen einen Baum zu fahren oder vom Balkon zu springen", erinnert sich Nachbarin Marianne Böhnke. "Sie hat immer gedacht, die ganze Welt will ihr etwas Böses", sagt Böhnke. So habe sie niemanden mehr in ihre Wohnung gelassen, die Tür höchstens einen Spalt weit geöffnet. Nach lang währenden Unstimmigkeiten mit VW Immobilien als Vermieter reichte Inge Z. am 17. Oktober die Kündigung bei der Wohnungsgesellschaft ein, teilte Prokurist Eckhard Backhausen mit.   dp

Freitag, 01.11.2002

 

Das dramatische an dieser Situation ist, dass die Betroffenen unfähig sind, frühzeitig erkennen zu können, dass ihre Handlungsversuche zu mehr Chaos und Durcheinander führen. Sie sind fixiert auf die Probleme im Haushalt und sie fixieren sich auf den Ausfall des Normalen auch, wenn dass das Unterbewusste betrifft. Die Betroffenen versuchen, dieses mit enormen Gedächtnisleistungen zu kompensieren. Doch hier entsteht auch ein zusätzliches Problem. Durch eine Überkompensation wird der Betroffene zum Perfektionisten, sodass andere und auch er selbst diesem perfektionistischen Anspruch nicht gerecht werden kann. Deswegen sind sie unfähig, sich Hilfe zu suchen, ganz abgesehen davon, dass oftmals das Hilfsangebot auch einen gesunden Menschen zur Verzweiflung bringen könnte. Um wie viel mehr an Frust richtet es dann bei den Menschen an, deren Selbstwahrnehmung stark beeinträchtigt ist, deren Selbstvertrauen fast nicht vorhanden ist.

Als Beispiel lese ich Ihnen eine E-Mail vor, die ich in den letzten Wochen erhalten habe....

(Dieser Homepage -Text ist anonymisiert und gekürzt. )

 

Liebe Frau Bönigk-Schulz,

ich danke Ihnen herzlichst für Ihre schnelle Reaktion auf meine Zeilen. Gern nehme ich Ihr Angebot, Sie nächste Woche, telefonisch zu kontaktieren, an.

Sie fragen mich, ob es mir helfen würde, wenn ich wüsste, dass ich an einer Handlungsstörung leide. Momentan glaube ich sogar, dass diese Feststellung mich in irgendeiner Weise erleichtern könnte. Jetzt habe ich das Gefühl, auf der richtigen Spur für meine Probleme zu sein.

Aber es ist wirklich so, dass sich niemand in diese - meine - Probleme hineinversetzen kann, auch die Ärzte nicht. Am Dienstag hatte ich einen Termin bei einer FÄin für Neurologie und Psychiatrie. Ich erzählte ihr u. a., dass ich immer Konzentrationsstörungen habe (nicht nur in der jetzigen Phase der Erschöpfung), unter meinem Perfektionismus und Handlungsblockaden leide, mich ständig überfordert und erschöpft fühle, .... Da brach sie in schallendes Gelächter aus und bei mir begannen die Tränen zu rollen. Psychotherapie hätte ich nicht notwendig, mit mir wäre alles okay. Aufgeschrieben wurden ein Schlafmittel, Beruhigungstabletten und ein Antidepressivum. Abschließende Bemerkung: "Das wird schon wieder."

Mein Hausarzt sah die ganze Angelegenheit so ähnlich: Die momentane Belastung ist Schuld an meiner Depression. Allerdings habe ich da wieder gemischte Gefühle, weil ich ja gelesen habe, dass es wenig Erfahrung mit dieser Problematik gibt.

Sicherlich haben beide Ärzte nicht ganz Unrecht mit meiner Belastung. Wie gesagt, viele Symptome und Eigenschaften weise ich immer auf. Mir fällt es aber sehr schwer, diese  einer anderen Person (Arzt, ...) mitzuteilen. Erst bin ich schon im Vorfeld mehr als aufgeregt, dann bringe ich kaum ein Wort heraus, in meinem Kopf kreiselt alles durcheinander, dann kann ich nur ganz zerrissen über das sprechen, was mich bewegt.

Liebe Frau Bönigk-Schulz, ich weiß einfach nicht weiter, denn ich weiß nicht, wem ich mich anvertrauen könnte. Wenigstens hält mein Mann zu mir, auch wenn er mir nicht groß helfen kann. Bis nächste Woche verbleibe ich mit den herzlichsten Grüßen

Nina Schmidt (Name vom FEM geändert)

Als Anhang schicke ich Ihnen den Brief, den ich an Frau Pinnow geschrieben habe, mit. (FEM hat alle persönlichen Daten aus den Brief gestrichen und ihn somit stark gekürzt.)

Ständig leide ich unter Konzentrationsstörungen. Ich fühle mich auch so, wenn ich keine körperlich schwere Arbeit sondern nur ganz „normale“ Arbeiten verrichtet habe.  Weitere Eigenschaften bzw. Erscheinungen möchte ich im Telegrammstil aufführen:

  • kann nur schwer Entscheidungen treffen
  • ständig übermüdet, auch bei ausreichendem Schlaf
  • Perfektionismus!
  • reagiere oft gereizt, Stimmungsschwankungen
  • ziellos
  • Schuldgefühle
  • fange vieles nur an, aber viele Dinge auch gleichzeitig
  • oft hoffnungslos, lustlos
  • Minderwertigkeitskomplexe

     [C.M.H1]

    Warum haben Sie dies nicht fett markiert???  Auch dies kann zum Messie-Sein beitragen. Ich habe mich z.B. ständig überfordert und minderwertig gefühlt (und tue es zeitweise noch heute) wenn ich in meinem Chaos die vielen Sachen herumliegen sehe, die alle eigentlich erledigt gehörten. Jedes herumliegende Teil scheint mich anzuschreien und mir mitzuteilen: „Mich hast Du auch nicht erledigt. Du bist unzureichend, Du bist unfähig, nicht einmal mich erledigen zu können!“ Tja und dann fühlt man sich eben klein, hilflos, und minderwertig! 

    Matthias

     

     

  • kein Durchsetzungsvermögen
  • zweifle am eigenen Können
  • geringes Selbstbewusstsein
  • schiebe unangenehme Dinge auf
  • leicht beeinflussbar, wenn jemand „Kompetentes“ etwas sagt
  • mangelhafte Selbstorganisation
  • Kommunikationsstörungen (verspreche mich oft, ... )
  • „Angst“ vor Autoritäten, vor Neuem oder Unbekanntem
  • fällt es schwer, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden
  • Zerstreutheit
  • vermeide, Verantwortung zu übernehmen
  • vertrage nur schwer oder manchmal auch gar keine Kritik
  • sehr sensibel
  • Leide unter Ängsten.

Lebensgefährte arbeitet im Vier-Schicht-System („rollende Woche“), Kinder, Haushalt, Stress auf Arbeit, ... → bin seit 2 Wochen krankgeschrieben (Angst, Panikstörung, reaktive Depression) → bis jetzt aber noch keine Erholung eingetreten.

Meine psychosomatische Beschwerden:

Schwindel, Migräne, Rückenschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Durchschlafprobleme, ...Chaos! Chaos! Chaos v. a. in meinem Kopf!

Mir fällt auch auf, je mehr Menschen um mich herum sind, um so blockierter bin ich.

Können Sie mir Ärzte oder Psychotherapeuten in Sachsen empfehlen, die Fachkompetenz in dieser Angelegenheit besitzen?

Auf eine Antwort hoffend, verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen N. Schmidt

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren, diese Frau hat sehr deutlich ihre Probleme schriftlich zum Ausdruck bringen können. Ob sie es dann auch verbal so formulieren kann oder sie hier bei ihren Ärzten das Gefühl hat, nicht ernstgenommen zu werden, können wir jetzt nicht klären. Ich möchte Ihnen aber an diesem Beispiel später erklären, wie komplex dieses Störungsbild sich zeigen kann. Das macht es natürlich schwer, typische Merkmale für das Messie-Syndrom, im Sinne von Diagnose, aufzuzeigen. Deswegen ist es wichtig, einzelne Störungen darzustellen, die so vorkommen können aber nicht vorkommen müssen, und es bedarf dann das diagnostisch Kognitive des Behandlers, um das Messie-Syndrom in seiner Komplexität erfassen zu können.

Doch die fehlende Krankheitseinsicht (wie wir es heute Vormittag von Herrn CA Prof. Dr. med. habil. Morgner (Städt. Krankenhaus Dresden-Neustadt, Psychiatrische Klinik) in dem Referat: „Diagnose und Begutachtung des Messie-Syndroms“ anhand eines Krankheitsverlaufs deutlich sehen konnten) macht die Behandlung von Messies oftmals so schwierig. Denn hier reagieren diese Menschen häufig aggressiv und feindselig auf ihre Umwelt.

Noch ein zusätzlicher Umstand beeinträchtigt die Behandlung dieser Menschen in einem nicht zu unterschätzendem Maß: Das Kompensieren in einer Überkompensation stört auch das, was an Handlungen normalerweise möglich wäre. So werden dann normale Handlungsabläufe vernachlässigt und somit zusätzlich gestört.

Somit wird die komplexe Wahrnehmung beeinträchtigt, die bewusste Zuteilung der Aufmerksamkeit wird durch den Perfektionismus (Überkompensation) gestört; doch sind bei dieser multimodalen Störung bestimmte Reflexe und Handlungen sehr wohl zeitweise vorhanden. Manch ein Betroffener erfährt zum Beispiel während des Urlaubs keinerlei Handlungsstörung. Auch erleben Messies bei Umzügen von Freunden keine Ratlosigkeit und oft wundern sich Angehörige, wie gezielt die Tätigkeiten verrichtet werden bei anderen, Tätigkeiten, die zu Hause in der eigenen Wohnung schier zur Verzweifelung und zu Blockaden führen. Hier beginnt meine Arbeit mit Betroffenen, das Erinnern, dass in anderen Wohnungen Handlungen möglich sind, nur nicht in der eigenen Wohnung.

Doch vorher möchte ich Ihnen noch eine Selbstbeschreibung des Erlebens vorlesen...

Leider haben wir von der Betroffenen nicht die Erlaubnis zur Veröffentlichung bekommen, was ich sehr bedaure, denn in diesem Bericht sind auch körperliche Reaktionen deutlich geworden. Natürlich respektieren wir die Bitte auf herausnahme.

Weiter mit den Vortrag:

Zu allererst stelle ich bei Betroffenen fest, dass eine Ratlosigkeit über das eigene Verhalten vorhanden ist. Deswegen versuche ich, so viele Informationen über das Messie-Syndrom, wie mir möglich, weiterzugeben. Dieses kann dann zur Einordnung des rätselhaften Verhaltens und der Handlungen und unerklärlichen Gefühlszuständen führen – bestenfalls wird hier schon darauf geachtet, wie sehr sich Verhaltensabläufe immer wiederholen – Ärger oder auch Zorn über sich selbst verringert oft die unbewusste Angst, sodass in diesem Moment Handlungsänderungen entstehen können. Meistens ist dieses dann auch mit einem anderen Gefühlserleben verbunden.

Konzentrationsstörungen: Meiner Meinung nach werden diese Störungen durch Angst und Stress verursacht – was dann zu Gedächtnis- und Erinnerungsstörungen (fehlendes unbewusstes automatisches Erinnern) führt – was letztendlich dazu führt, dass kaum Entscheidungen getroffen werden können und dass man sich ratlos und ziellos fühlt (desorientiert).

Unaufmerksamkeit bei Gesprächen: Angst vor anderen Menschen und deren Agieren (Angst vor Kontrollverlust) – das führt zu Minderwertigkeitskomplexen, Selbstzweifel, Wortfindungsstörungen und Unsicherheit beim Sprechen – darauf folgt der soziale Rückzug und die Isolation.

Empfindlichkeit gegen Außenreize: Ursache scheint mir die fehlende Selbstabgrenzung zu sein, sodass wegen der Ablenkbarkeit die Neigung entsteht, nachts zu arbeiten, da es dann weniger Außenreize gibt (gestörter Tag/Nacht – Rhythmus). Dieses kann auf Dauer zu Überempfindlichkeiten und auch zu aggressivem Verhalten führen, selbst in ganz normalen Situationen.

Getriebenes Handeln, ständig etwas tun, Suche nach immer neuen Aufgaben: Dieses Verhalten beinhaltet meiner Meinung nach eine Vermeidung von Depressionen – und führt zu Überforderung und zu irrealem Denken (Realitätsverlust). Wenn Selbsttäuschung dazu kommt, entsteht auch eine verzerrte oder eingeschränkte Wahrnehmung (z. B. keine realistische Wahrnehmung der tatsächlich geleisteten Arbeit).

Das Handeln nur im Denken und das nie fertig werden mit Denken führt zum Gefühl, sich ausgebrannt und energielos zu fühlen, mit einer ständigen wachsenden inneren Anspannung, ein Angespannt-Sein, das natürlich auch während der Erholungsphasen bestehen bleibt und so zu einer Dauererschöpfung führt. So bleibt dann alles im realen Handeln unerledigt.

Die Messie-Problematik ist meines Erachtens primär durch die Beeinträchtigung gekennzeichnet, eigene Ziele selbstgesteuert umzusetzen und bedürfnisbefriedigendes Verhalten auszuführen.

Bevor ich zur Selbsthilfearbeit komme, möchte ich Ihnen noch eine Lebensgeschichte vorlesen, die etwas über Entwicklungen aussagen kann. Vielleicht wird hier auch eine bestimmte Abwehrstrategie oder -muster deutlich.

 

Hallo liebe Marianne,

nochmals vielen Dank für alles, was ich bei dem Treffen am 19. 01. in Stuttgart habe an Anregungen mitnehmen dürfen.

Da mein Fall von der persönlichen Entwicklung her vielleicht etwas abweicht von dem, was ich bisher über "Messie-Werdegänge" gehört habe, füge ich Dir hier im Anhang ein Word-Dokument (100% virenfrei) bei.

Ich habe es am Sonntag begonnen, zu schreiben und hat jetzt fünf Seiten. In komprimierter Form ist das eine Übersicht über viele Faktoren, innere Einstellungen und Entscheidungen, die mich zum jetzigen Messie gemacht haben. Ich habe es nieder geschrieben, um mir über mich selbst klarer zu werden. Und die Erkenntnis ist leider sehr erschreckend für mich. Zugleich weiß ich jetzt viel mehr über mich.

Den Anstoß hierzu verdanke ich aber allen Menschen, die am 19.01. dabei waren.

Das anhängende Word-Dokument ist so getextet, dass Du es ohne Änderungen für die Arbeiten von FEM e.V. verwenden kannst, wenn Du möchtest. Näheres sprich dann bitte mit mir ab. Vielleicht hilft meine Story anderen weiter.

Ich habe übrigens vor, daran weiter zu schreiben. Wenn es mir gelingt, aus diesem Scheiß hier heil heraus zu kommen, mache ich das natürlich erst recht.

Denkst Du an die Unterlagen samt Kassetten etc.?

 

Liebe Grüße und viel Erfolg für Deine Arbeit

wünscht Dir Matthias (Name vom FEM geändert)

 Lebensbericht:

Als erstgeborenes Kind eines Lehrer-Ehepaars wurde alles, was ich tat, genau kontrolliert und reglementiert, damit es dem Kind nur ja gut gehen würde. Es gab unzählige Verbote und Richtlinien für „richtiges Verhalten”.

Ein NEIN durfte es nicht geben.

Daraus entstand schnell eine Verweigerungshaltung, ein verstecktes NEIN-Sagen, dass ich vor meinen Eltern geheim halten musste, um nicht bestraft zu werden. Ich lebte unter ständigem Hochdruck aufgestauter NEINs. Zwischen drei und vier Jahren hatte ich häufige Schrei-Anfälle. Meine besorgten Eltern liefen sogleich zu einem Arzt beim Gesundheitsamt, der den intelligenten Rat gab, mir einfach ein Glas kaltes Wasser ins Gesicht zu schütten. Das half – äußerlich, aber innerlich stieg der Druck weiter an.

In der Schule, an der auch mein Vater unterrichtete, musste ich natürlich stets beste Noten erreichen. Die Mitschüler, die meist aus einfachen gesellschaftlichen Schichten stammten, hatten ein extrem distanziertes Verhältnis zu mir: »Pass op, dat is der Sohn vom Lehrer Meier!« Und angesichts meiner tatsächlich fast nur aus »sehr gut« bestehenden Schulnoten war ich zudem schnell als »Streber« verschrieen. Die Isolation und inzwischen teilweise offene Feindschaft zwischen mir und den Mitschülern und die extremen Ansprüche der Eltern brachten mich derart unter Druck, dass ich immer mehr versteckten Widerstand nach Guerilla-Taktik leistete. Da ich von niemandem auf der Welt echte Hilfe erhielt, sah ich den letzten Ausweg darin, alles zu boykottierten, was von meinen Eltern kam, besonders die Erfüllung ihrer Ansprüche. Im Boykott erlebte ich zum ersten Mal einen winzigen „Freiraum”, in dem ich mich selbst und meine eigenen Wünsch wahrnehmen konnte.

Das Nein-Sagen, der Boykott wurde schnell zu meinem weiteren Lebensprogramm:

Boykott als pervertierte Form von Freiheit. Als erste Boykottmaßnahme verweigerte ich gute Leistungen in der Schule. Mein Ziel war, durch die Anpassung an den Durchschnitt des Klassenniveaus von den Mitschülern akzeptiert zu werden. Natürlich funktionierte das nicht, weil die ihre Meinung schon längst über mich fest gemacht hatten. Meine Taktik hatte sogar den gegenteiligen Effekt: Insgeheim haben mich gewiss viele wegen der guten Leistungen geachtet. Und so verlor ich den letzten Rest Achtung der Mitschüler, den ich allerdings nie wahrgenommen habe. Jetzt war ich der aufgrund mangelhafter Leistungen zu Unrecht privilegierte Mitschüler, der dessen einziges Privileg tatsächlich nur noch aus der Tatsache der Lehrerberufs seines Vaters bestand.

Meine Eltern wollten unbedingt, dass ich auf ein Gymnasium ging. Um es abzukürzen: Durch konsequente Zerstörung von Schuleigentum und schlechte Noten wollte ich mich bei den Mitschülern beliebt machen, erntete aber nur tiefe Missachtung. Irgendwann begriff ich, dass ich mir mit dem Boykottverhalten mehr schadete als nützte, ohne das Prinzip und die Ursachen meines Boykottverhaltens erkannt zu haben. Boykott und versteckter, meist zerstörerischer Widerstand war der einzige Freiraum, in dem ich mich selbst als frei Handelnder wahrnehmen konnte. Da war ich ich selbst. Meine Handlungen waren nur hier von mir selbst bestimmt während ich alle anderen meiner Handlungen als letztlich fremdbestimmt empfand. Fremd bestimmt durch die Eltern, die Lehrer, die Gesellschaft, die Normen Sitten und Gebräuche.

Diese Zeit war geprägt von extremen Prügelstrafen meiner Eltern, wobei meine Mutter immer die Richterin und der Vater das ausführende Organ war. Der Höhepunkt der Prügelei war, als mein Vater mir mit einer Reitpeitsche mit langen Lederriemen Beine und Po blutig schlug. Das Ende der Prügelei kam überraschend dadurch zu Stande, als ausnahmsweise auch mal mein Bruder mit einem Kochlöffel etwas abbekam, der Kochlöffel zerbrach und das abgebrochene Teil eine üble Schramme im neuen Bücherschrank hinterlies. Mir wurde schlagartig klar, dass die Beschädigung von Mobiliar einen erheblich höheren Stellenwert hatte, als die Beschädigung der eigenen Kinder.

Außerdem war diese Zeit beherrscht von extremen Aussprüchen meiner hilflosen Eltern, besonders von Vater: »Du bist nix, du hast nix, du kannst nix und aus dir wird auch nie was werden!«  oder »Egal was Du schon anfasst, ist schon Scheiße!« oder »Du bist und bleibst ein charakterloses gemeines Schwein, eine Pestbeule an unserem Leib, der Schandfleck der Familie, das schwarze Schaf.« und so weiter....

Ich fand einen weniger destruktiven Ausdruck für meinen Widerstand und engagierte mich in der damaligen DKP (Deutsche Kommunistische Partei). Zu dieser Zeit war ich mir durchaus bewusst, dass dieses Engagement in den Augen meiner Eltern für ihren guten Ruf sehr schädlich sein musste. Immerhin wurde die DKP vom Verfassungsschutz überwacht und die Eltern fürchteten zudem um die Karriere ihrer beiden anderen Kinder, die gerade studierten, um Lehrer zu werden. Meinen Boykott in Form des Engagements für diese Partei verstärkte ich immer mehr. Später, bei der Bundeswehr wurde ich wegen meiner Aktivitäten unehrenhaft entlassen und kam damit gerade mal an einem Strafverfahren vorbei.

Immer mehr erlebte ich mich als zwischen zwei Dingen hin und hergerissenen Menschen: Einerseits wollte ich mich durchaus fortbilden um einen Beruf zu finden, der mir Spaß macht, andererseits musste ich dafür etwas tun, das auf der Linie meiner Eltern lag. Es war für mich nicht denkbar, dass es etwas gab, wo zumindest äußerlich die Ziel meiner Eltern mit meinen eigenen tatsächlich übereinstimmen. Ich wollte dafür sorgen, dass mir nie wieder jemand vorschreiben konnte, was ich zu tun und zu lassen hätte und musste dies doch im Wesentlichen akzeptieren, wenn ich meinen eigenen Wünschen nach Fort- und Ausbildung folgen wollte. So war es mir unter diesen Umständen nicht möglich, mein Studium durchzuhalten. Ich hatte eine zweijährige Phase mit Alkohol, Tabletten und Haschisch, weil mich die Betäubungsmittel vor meinem fürchterlichen inneren Konflikt schützten.

Mein ganzes weiteres Leben ist geprägt von diesem Konflikt zwischen dem Empfinden, fremdbestimmt zu sein, nicht das tun zu dürfen und zu können, was eigentlich dem eigenen Potenzial angemessen ist und zwischen dem Wunsch, endlich etwas tun zu können und zu dürfen, was mir entspricht. Das Kindheitsproblem war, dass ich nie eine Vorstellung entwickeln konnte, was meine ureigentlichen, wirklichen Bedürfnisse und meine Ziele und Wünsche sind. Niemand hat je ehrlich danach gefragt: Was wünschst Du Dir wirklich? Und ich habe nie herausgefunden, was ich wirklich will.

Erst jetzt habe ich festgestellt, dass ich sogar heute, als 51-jähriger Mensch, immer noch nicht weiß, was mein Lebensziel ist. Ich weiß tatsächlich nicht, was ich mir wünschen soll!!! Ich habe keine Vorstellung, keinen Wunschtraum von dem, was ich erreichen möchte. Statt dessen ist alles überlagert von dem, was getan werden muss, von den Erfordernissen des Alltags, von den Wünschen meiner Kunden.

Ich habe bisher fünf Versuche unternommen, etwas zu tun, das meinen ureigensten Wünschen (die mir bis heute unbekannt sind) entspricht. Jeder dieser Versuche spiegelt wieder, dass meine Selbsterkenntnisse gewachsen sind und eine Fortentwicklung stattgefunden hat. Aber bis heute, wo der fünfte Versuch noch läuft, kann ich nicht sagen, ob das, was ich hier gerade mache, tatsächlich von mir kommt, oder nur ein weiterer verzweifelter Versuch ist, mit der Erfüllung fremder Vorgaben einen mehr oder minder wirtschaftlich stabilen Zustand herzustellen.

Der erste Versuch war die Aufnahme einer unselbständigen Arbeit. Die Konflikte durch meine Unangepasstheit und zum Teil auch hier von mir betriebene Boykottmaßnahmen führten schnell zu Konflikten. Ich habe geschuftet wie verrückt, um zunächst meinen Vorgesetzten zu beweisen, dass ich auch ohne Hochschulabschluss etwas kann und etwas wert bin. Das technische Projekt war aber von den Grundvoraussetzungen her zum Scheitern verurteilt. Die Grundvoraussetzungen hatten meine Vorgesetzten zu verantworten aber an mir blieb der Makel hängen, ein erfolgloses Projekt bearbeitet zu haben. Mein größtes Problem waren die ständigen Vorgaben der Vorgesetzten. Es gab nicht einmal einen Freiraum für projektbezogene, technische Entscheidungen. Dies war bei allen sieben Arbeitsstellen so, die ich in der Zeit von 1975 bis 1987 hatte. — Außerdem lebte ich in der dauernden Angst, fachlich versagen zu können, weil mir die eigentlich erforderliche Ausbildung fehlte. Ich hatte das Gefühl, dauernd beweisen zu müssen, was ich alles konnte, selbst wenn mich danach keiner gefragt hatte. Natürlich ging ich damit allen Menschen massiv auf den Keks. Aber ich selbst konnte das nicht so sehen, selbst wenn mich andere darauf hinwiesen. Das empfand ich lediglich als massive und unverschämte Einmischung in meine Angelegenheiten.

Der zweite Versuch war meine Ehe, aus der zwei Kinder hervorgingen. Nach nicht einmal fünf Jahren war Schluss. Mein größtes Problem waren die mit der Ehe und der Vaterschaft eingegangenen Verpflichtungen. Ich fühlte mich höllisch eingezwängt und versuchte, mir durch extensive Hobbies (HiFi-Technik und Musik) einen Bereich zu sichern, in dem ich mich frei ausdrücken konnte. Die Ehe war zugleich aber auch der letzte große Versuch, etwas zu tun, das im Wertebereich meiner Eltern lag. Ich wollte Ihnen beweisen, dass ich trotz meines verkorksten Werdeganges es zu etwas gebracht hätte. Ich wollte beweisen, dass all die negativen Eigenschaften, die sie mir fest zugeschrieben hatten, Unsinn wären. Außerdem wollte ich mir selbst beweisen, dass ich etwas wert bin, dass ich leistungsfähig bin.

Der dritte Versuch war, mich mit Hifi-Elektronik selbständig zu machen. Als ich kurz vor einem größeren Erfolg stand, verweigerte mir die Bank den notwendigen Kredit und das angebahnte Handelsgeschäft war zerstört. Ein Kunde aus München gab mir einen Kredit, entpuppte sich wenig später aber als Betrüger und ich verlor alles, was ich besaß. Frau und Kinder flüchteten zu ihren Eltern. Ich lebte drei Monate obdachlos in München ehe ich mit Hilfe eines Freundes in Stuttgart wieder Fuß fassen konnte.

Da stand ich nun als der absolute Versager. Ich entsprach exakt den Prognosen meines lieben Vaters, meiner lieben Eltern!

Der vierte Versuch war eine Selbständigkeit als Industrieelektronikentwickler, nachdem ich keine Anstellung finden konnte und das Arbeitsamt mich als ungelernten Arbeiter eingestuft hatte. Zunächst schien ich Erfolg als Freiberufler zu haben – oder war es nur Glück? Zunächst lebte ich in einem alten VW-Golf, weil ich keine Wohnung hatte. Die Schwierigkeiten nahmen dramatisch zu in dem Moment, wo ich mich versuchte „sesshaft” zu machen. Jetzt waren die monatlichen Verpflichtungen höher für Miete, Strom usw. und inzwischen meldeten sich die Banken mit Forderungen von inzwischen über 70.000,- DM. Mit einem Bankkredit schaffte ich eine besseren Start. Der hielt aber nur 1 Jahr an, dann blieben die Aufträge weg. Ich macht bankrott und hatte nun rund 200,000 DM Schulden.

Dieser vierte Versuch war besonders wichtig für mich, weil ich dieses Mal alle Randbedingungen selbst geschaffen hatte, wenn man von den Schulden einmal absieht. Ich hatte (frei?) entschieden, mich mit Industrieelektronik selbständig zu machen. Ich hatte entschieden, Kredite aufzunehmen. Ich hatte entschieden, eine schöne Wohnung im Schwarzwald zu mieten. Ich hatte entschieden, in welchem Umfang und welchem Fachbereich von Elektronik ich tätig werden wollte. Ich hatte meine Wohnung ganz allein gestaltet. — Dennoch blieb mein Problem: Mache ich das nur für mich oder will ich immer noch Anerkennung von den Eltern, wenn ich es doch noch schaffe? oder Mache ich das für mich oder ist das nur der Zwang der Umstände, der mich treibt?

Ich entschied mich dafür, fehlendes Eigenkapital durch extremes Arbeiten ersetzen zu wollen. Ich sagte mir, wenn ich nur genügend hart arbeite und auf persönliche Annehmlichkeiten verzichte, kann ich es schaffen. So verzichtete ich und schuftete bis zum Umfallen. – Ich schuftete auch noch, als es gar keine Aufträge mehr gab! Da machte ich Werbung für meine Unternehmung. Oder ich erging mich darin, die inzwischen angehäuften Fachzeitschriften und den angehäuften Krempel auszusortieren, was mir freilich nie gelang. Ich wollte gegenüber meinen Auftraggebern als besonders tüchtig erscheinen. Ich wollte möglichst viele technische Bereiche mit KnowHow abdecken. Dazu kaufte ich Bücher und abonnierte Fachzeitschriften, um das (scheinbar) noch fehlende Wissen und damit die (scheinbar) noch fehlende Attraktivität zu erwerben.

Weil inzwischen die Banken und das Finanzamt mir auf die Bude rückten, tauchte ich mit Hilfe einer Freundin bei Nacht und Nebel unter. Das mit der Freundin ging aber nicht gut. Ich stand viel zu sehr unter Druck. Drei Monate später brachte mir ein Auftrag die Mittel, mir eine neue Wohnung anzumieten. Ich meldete mich nicht beim Einwohnermeldeamt an und betrieb ohne Anmeldung meine Unternehmung weiter. Ein lukratives Produkt entwickelte ich mit einer Firma in Stuttgart zusammen. Wenn das richtig vermarktet worden wäre, wäre ich heute mehrfacher Millionär. Statt dessen wurde die Stuttgarter Firma an einen Konzern verkauft, der dann natürlich wenig Interesse verspürte, von mir Elektronik zu kaufen. Alles hatte ich in dieses Projekt investiert, sogar Gelder der Freundin, die trotz Trennung ebenfalls an meinen Erfolg glaubte. Nun hatte ich 350.000 DM Schulden und stand vor dem Nichts.

Nun stand ich wieder da als der ewige und absolute Versager. Ich entsprach exakt den Prognosen meines lieben Vaters, meiner lieben Eltern!

Der fünfte Versuch:

Inzwischen hatte ich eine neue Freundin kennen gelernt. Zu dieser durfte ich flüchten. Dann hatten die Gläubiger mich ausfindig gemacht und ich musste ich die Eidesstattliche Versicherung abgeben. Meine Freundin bangte um ihren guten Ruf und dass meine Finanzmisere auch irgendwie auf sie übergreifen könnte.

Ich analysierte mittels EKS-Strategie und all meinem sonstigen tatsächlichen und vermeintlichen Wissen meine persönlichen Stärken und Schwächen, ich checkte dagegen, in welchem Marktbereich mein Potenzial gebraucht werden könnte, ich prüfte meine Möglichkeiten, etwas aufzubauen.

Das einzige, was ich offensichtlich nicht analysierte, waren meine eigenen echten Wünsche und Bedürfnisse. Was will ich wirklich? Worin sehe ich nun noch mein Lebensziel? Wie möchte ich leben und was möchte ich wirklich tun? Was wird mich erfüllen und glücklich machen? – Das weiß ich bis heute nicht!

Dann bot mir das Arbeitsamt eine Fortbildung als Werbetexter an. Gut, Kommunikation ist meine starke Seite. Eine Kombination aus technischem Background plus Werbetext, das kann erfolgreich werden. Außerdem ist die Werbebranche die einzige, die nie eine echte Rezession erlebt hat! Also los!

Die Ausbildung lief zwar erfolgreich, aber unter extremen Konflikten mit der Gruppe der Schüler / Schülerinnen ab, in der ich lernte. Viel Sprengstoff entstand, weil ich der einzige ältere war und ich zudem immer und überall meine „Erfahrenheit” heraushängen ließ. Damit habe ich versucht, meine Minderwertigkeitsgefühle aufgrund der bisherigen Pleiten in meinem Leben zu kompensieren.

Als die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen war, suchte ich zunächst eine Anstellung in Agenturen. Nach rund 80 Bewerbungen kein Erfolg. Wie mir jemand später sagte, war das kein Wunder: Quereinsteiger, keine Berufserfahrung und dann noch das Alter! Dann versuchte ich, als freiberuflicher Texter Aufträge zu bekommen. 130 Bewerbungen versendete ich und wieder nichts! — Das Sozialamt drohte mir inzwischen, mich irgendwohin zum Arbeiten zu schicken. Unter dieser „völlig ungezwungenen Atmosphäre” entschied ich mich, eine eigene Werbeagentur zu gründen. Und an dieser kleinen Agentur, die mit kleinen Erfolgen vor sich hin wurstelt und zurzeit sogar Aufwärtstendenzen hat, schaffe ich mich zurzeit zu Tode!

Der aktuelle Zustand:

Mir bleibt die Luft zum Atmen. Ich ersticke an Arbeit und kriege nix richtig und rechtzeitig erledigt. Es stapeln sich Fachzeitschriften und Berge von „nicht ausgewerteten Papieren”. Mein Schreibtisch / Computertisch quillt über. Morgens schiebe ich die an der vorderen Tischkante unter dem Papier herausragende Computertastatur wie einen Besen über den Tisch, um das Papier zurück zu drängen. Dann kann ich den Computer einschalten.

Meine Ein-Raum-Wohnung hat 37m² Grundfläche. In der Diele steht mein Kleiderschrank. Nachdem man den verbleibenden Schlauch passiert hat, kann man die Küche betreten, die ich zugleich als Abstellraum nutze. Oder es geht gleich in den Wohnraum, der zugleich Arbeitsraum und Schlafraum ist. Der Boden und der große Schreibtisch ist übersäht mit Papieren, Zeitschriften, Werbung und anderen Dingen. An einer Wand sind Regale aufgestellt. Davor ist ein 75cm breiter Gang und dann steht parallel zu den Regalen ein frei aufgestelltes Regal, wie ein Raumteiler.

Genau so voll wie diese kleine Wohnung sind die Festplatten auf meinem Computer. Man mag zwar der Ansicht sein, dass man mit 4GB für Windows und die Programme allein auskommen müsste. Aber es ist doch kein Zufall, dass diese Platte und die Datenplatten ständig mit Überfüllung zu kämpfen haben. Ich sichere auf CD-Roms. Dann mache ich die Platte noch nicht frei. Später vergesse ich, was schon gesichert ist und was neu hinzugekommen ist. Also sichere ich noch einmal. Mittlerweile liegen hier Stapel von Datensicherungen und ich weiß nicht mehr, was wo alles drauf ist und was wo evtl. fehlt. Also behalte ich alles, „um es später einmal in Ruhe auszuwerten”.

Jedes der herumliegenden Teile beinhaltet den unausgesprochenen Vorwurf: Du hast mich nicht erledigt oder ordentlich weggeräumt. Nicht mal das hast du geschafft. Du bist unzureichend! Du bist mangelhaft! Du bist minderwertig! Du bringst nix! Wenn Du nicht mal das schaffst, wie willst Du dann Dein Unternehmen führen? Wie kannst Du es wagen, überhaupt Deinen Kunden gegenüber zu treten und zu erklären, Wunders welche Leistungen Du für sie erbringen kannst, während Du doch noch nicht einmal in der Lage bist, so kleine Sachen zu erledigen!

So lebe ich in Minderwert und Selbstkritik bis zur Selbstzerstörung. Ich werde immer entmutigter und glaube kaum, dass es noch besser werden kann. Es scheint alles aussichtslos.

Ich lebe im Zwang, jetzt unbedingt erfolgreich sein zu müssen, zumal mein Insolvenzverfahren zur Restschuldbefreiung läuft. Die Agentur und das Insolvenzverfahren als zwei letzte Chancen in diesem Leben, es doch noch zu schaffen, noch etwas aufzubauen und vielleicht endlich auch etwas für die Altersvorsorge zu tun. Da habe ich nämlich noch gar nichts.

Ich lebe im Zwang, die Termine der Kunden einhalten zu müssen, im Zwang, die Steuererklärungen rechtzeitig abgeben zu müssen, im Zwang, meine Eigenwerbung rechtzeitig fertig zu stellen, im Zwang, mein Fahrtenbuch endlich nachzutragen, im Zwang, die letzten Monate der Buchhaltung nachzubuchen, im Zwang, jetzt gleich mein Essen kochen zu müssen, im Zwang, endlich aufräumen zu müssen weil ich nichts mehr wieder finde, im Zwang, leistungsfähig sein zu müssen für meine Kunden, im Zwang...... erfolgreich sein zu müssen oder unter zu gehen.

Und dann kommen diese Phasen, wo mir echt alles zu viel geworden ist, wo der Körper schlapp macht, wo ich keine Luft mehr bekomme und die Brust so eng wird, wo ich meinen Kopf nicht mehr aufrecht halten kann, weil die Nackenmuskulatur das Ding nicht mehr halten kann, wo meine Schultern so schmerzen, dass ich die Computertastatur nicht mehr bedienen kann und wo die Augen völlig trocken brennen, als hätten sie zu lange nicht mehr geweint.

Dann, dann ist es so weit, dann muss ich aufpassen! Dann überlege ich, wie ich Schluss machen kann mit diesem Scheiß Leben, dass ich sooo nie gewollt habe.

Eigentlich lebe ich dauernd im Zustand völliger Überforderung. Denn unter solchen Zuständen und Umständen KANN kein Mensch erfolgreich arbeiten! Ich habe Angst, jetzt irgend etwas nicht zu tun, nicht zu erledigen, weil mich dann die Konsequenzen treffen werden. Ich kann Aufträge und Kunden verlieren, das Finanzamt wird über mich herfallen, usw.

Meine Freundin (die wahrscheinlich auch deswegen jetzt noch meine Freundin ist, weil sie fast 100km entfernt von mir wohnt) fand einen Zeitungsartikel über Messies und meinte, das passt doch irgendwie auf mich?! Und so nahm ich am Messie-Treffen in Stuttgart am 19. 01. teil.

Der handschriftlicher Vermerk am Ende des Textes von M. Bönigk-Schulz:

„Es hört nie auf“, damit meine ich, dass ganz bestimmte verinnerlichte Einstellungen zu immerwährenden Wiederholungen führen können, und erst das Bewusstmachen dieser Muster kann eine Änderung bewirken.

 Eine Ergänzung, zur diesem Lebensbericht, ist mit der Genehmigung zur Veröffentlichung bei uns eingetroffen. Ich möchte aber zuerst die E-Mail kopieren:

Hallo Marianne,

Hier mein veränderter Beitrag, bitte beachten Sie  auch die zwei Anmerkungen (gelb markierte Worte) in Ihrem Text.

Evtl. komme ich dazu, noch etwas zusätzlich beizutragen, so wie mein Leben und meine Erkenntnisse sich noch entwickeln...

Die Reise ist wahrscheinlich noch lange nicht zu Ende. Und sie ist schön, glücklich und spannend.

Ach, ich lebe so gerne!!!

Matthias

Wie ging es weiter? (Ergänzung Juni 03)

Wie man sieht, habe ich meine Krise überlebt. Ich habe mir zunächst gesagt, dass ich das Chaos in meiner Wohnung selbst geschaffen habe und dass dies meine spezielle Ausdrucksform des NEIN-Sagens ist. Ich habe mir die mit Hilfe meiner Therapeutin entdeckte Aussage: »Das Außen ist der Spiegel des Inneren« gesagt, dass ich mich überfordern würde, wenn ich versuchen wollte im Außen etwas zu verändern solange die Veränderung im Inneren (noch) nicht erfolgt ist. Und solange die noch nicht erfolgt ist, bin ich bereit, das Chaos (mehr oder minder) zu akzeptieren oder besser gesagt, mir selbst gegenüber zu tolerieren.

Diese beiden Schritte halte ich (auch für andere Messies) für außerordentlich wichtig, weil es den Druck heraus nimmt, unter den man sich selbst setzt und der nur zur Überforderung führen kann. Und Überforderung führt zu Versagen und dann zu Minderwertigkeitsgefühlen und totaler Frustration und weiter zur Verzweiflung. Wichtig ist aber auch, dass man diese Logik nicht als Rechtfertigung missbraucht: »Tja mein Inneres ist eben so und deshalb brauche ich nichts zu ändern.« Aber wer wirklich etwas an seiner Situation ändern will, wird diesen Gedanken nicht haben.

Nachdem ich durch diese beiden Überlegungen den Druck heraus genommen hatte, konnte ich damit beginnen, mir langsam aber immer mehr zu sehen, dass die Unordnung, das Chaos nicht zugleich Ausdruck meines Minderwertes oder meiner Unfähigkeit sind, sondern eben lediglich Symptome für etwas in meinem Inneren, das ich in Ordnung bringen müsste. Und dazu brauchte ich wieder meine Therapeutin. Zur Art dieser Therapie sage ich später als Anmerkung noch etwas.

Nach einigen Sitzungen, die sich zeitlich gedehnt über mehr als ein Jahr hinwegzogen, hatte ich endlich die bahnbrechende Erkenntnis: Bereits als ich geboren wurde, wollte ich dieses Leben, diese Existenz nicht. Und unter diesen Eltern schon gar nicht. Ich war über 52 Jahre lang mit einer grundsätzlichen Verweigerungshaltung durchs Leben gezogen oder besser gegen das Leben gezogen.

Natürlich läuft dies als unbewusste Grundhaltung, als Muster im Hintergrund und daher war es nicht für mich fassbar. Wie immer, wenn man etwas Unethisches oder Unrechtes tut, (nämlich das Leben verweigern), benötigt man eine Rechtfertigung dafür – sogar dann, wenn die Ursache für diese Handlungsweise im Unbewussten liegt, denn im Unbewussten liegen durchaus auch Informationen darüber, was Recht und Unrecht ist.

Wenn einem (unbewusst) keine Rechtfertigung einfällt, dann muss man eben eine konstruieren / herbeiführen. Und so zog ich mir, gesteuert durch mein Unbewusstes, in meinem Leben eine Katastrophe nach der Anderen an, um bei jedem „Schicksalsschlag“ lauthals lamentieren zu können, dass dies der Beweis wäre, dass das Leben eh Scheiße ist und ich bei so viel Schicksalsschlägen auch gleich Schluss machen dürfte. Da ich durchaus fühlte, dass „Schluss machen“ ebenfalls Unrecht ist, brauchte ich auch dafür eine Rechtfertigung: Ganz simpel: Es mussten erst so viele und immer härtere Schicksalsschläge produziert werden, bis das Maß eines  Tages voll ist und ich daraus die Berechtigung zum Schluss machen „erwerben“ würde.

Also habe ich meine Lebenszeit damit vertan, Katastrophen und Schicksalsschläge zu produzieren. Dass ich „nebenbei“ damit die Negativ-Erwartungen meiner Eltern erfüllte, war nicht Hauptsache. Dass ich mir Eltern aussuchte, die meinem Katastrophen-Muster entsprachen und dies durch ihre Erziehung förderten, bestätigt lediglich die Gültigkeit des »Gesetzes der Entsprechung«. Dass ich mir Menschen anzog, die mich betrogen, bestahlen oder meine Rechnungen nicht bezahlten, fällt ebenfalls unter das Prinzip der Entsprechung. Der Volksmund sagt dazu: Gleiches zieht Gleiches an. oder Gleich und Gleich gesellt sich gern. (Beispiel: Jemand betrügt und kommt zu Geld. Prompt erfährt jemand Drittes davon und erpresst den Betrüger mit seinem Mitwissen, was ja auch eine Form des Betrugs ist. Oder jemand bringt den Betrüger beim Anlegen des Geldes um all sein Vermögen. Dann haben wir den klassischen Fall des „Betrogenen Betrügers“, den klassischen Fall der Entsprechung.

Nachdem ich diese Erkenntnis gewonnen hatte und nachdem ich diese Erkenntnis zugelassen hatte und dann auch verinnerlicht hatte, wurde mir klar, wie negativ ich auch die ganze Welt und meine Mitmenschen sah. Ich sah auch, dass ich geradezu darauf aus war, andere dazu zu provozieren, mir Unrecht zu tun oder besser gesagt, sie dazu zu bringen, etwas zu tun, das dann nach außen wie ganz bitter böses Unrecht aussah. Denn ich brauchte und sammelte ja Vorwände, um das Leben insgesamt ablehnen und schließlich beenden zu können.

Und dann passiert etwas ganz Unerwartetes: Meine Freundin und ich konnten für 14 Tage nach Teneriffa in Urlaub fliegen. Unglaublich! Nach über 24 Jahren ohne Urlaub und immer am Existenzminimum lebend endlich in Urlaub! Es war fantastisch! Der Urlaub war auch wirklich ganz super! Auch das Beisammensein mit meiner Freundin über so lange Zeit hinweg war klasse, dabei hatten wir davor beide etwas Angst.

Eine ganz wesentliche neue Erkenntnis oder besser gesagt, ein ganz neues Lebensgefühl konnte ich dort erleben: Ich erlebte, wie es ist, wenn kein Gegenstand und Nichts da ist, das mir ausgesprochen oder unausgesprochen Vorwürfe macht. Wenn alles positiv ist und mal endlich „kein Haar in der Suppe zu finden ist“, wenn ich also wirklich endlich meine Aufgabe als Mensch wahrnehme und L E B E.

Das war sicher die größte Freude in meinem Leben (bisher)!

Nach der Erkenntnis in der Therapie und noch vor diesem Urlaub stellte ich nach wenigen Tagen plötzlich fest, dass sich der Haufen Krempel auf meinem Esstisch wie von selbst auf rund 2cm Schichthöhe reduziert hat. Dabei hatte ich gar nicht (bewusst) angefangen, aufzuräumen! Gleiches galt für den Haupt- Wohn- und Arbeitsraum. Das Aufräumen fällt plötzlich leicht. Dabei stelle ich mich nicht, hin und sage, jetzt wird aber aufgeräumt. Statt dessen geschieht das „nebenbei“. Mir fällt einfach ein Teil auf, das da die nicht hingehört und bringe es an die richtige Stelle oder in den Müll. Dann mache ich das weiter, was ich eigentlich gerade tun wollte. Bis mir evtl. wieder ein Teil begegnet, das ich an die richtige Stelle bringe. Das macht mir keine Arbeit, das ist nicht lästig und vor Allem: Ich fühle mich nicht „gezwungen“ aufräumen zu müssen. Es geht wie von selbst.

Tja, so ist das, wenn das innere, unbewusste NEIN wegfällt. Und die Reise in mein zweites Leben mit dem grundsätzlichen JA hat erst begonnen. Wer weiß, was ich noch alles erleben darf...

Hoffentlich kann ich es noch lange genießen, nachdem ich mir die erste Lebenshälfte so gründlich versaubeutelt habe.

Auch jetzt, 14 Tage nach dem Urlaub, sieht meine Wohnung immer noch arg chaotisch aus. Aber meine innere Einstellung hat sich grundlegend geändert. Meine Stimmung hat sich geändert. Meine Energie hat sich geändert. Ich habe jetzt unglaublich viel Power drauf. Und ich nehme mir jetzt viel mehr Freizeit, weil das leben eben nicht nur aus Arbeit besteht.

Ich weiß, dass ich „den Rest“ an Chaos jetzt locker schaffen werde. Und ich genieße mein Leben!

Anmerkung zur Therapie:

Mit der Therapeutin arbeite ich schon seit meinem unternehmerischen Crash mit der HiFi-Firma zusammen. Damals hatte ich freiberuflich 3.000 DM verdient und wollte gerade eine Pistole kaufen, um mir von den Münchener Betrügern mein Eigentum wieder zu holen. (=Katastrophenprogramm). Meine Ex-Frau mit der ich über meine Absicht telefonierte, hatte ein Inserat dieser Therapeutin gelesen und mir empfohlen, diese wenigstens vorher zu kontakten. Danach könnte ich ja immer noch nach München fahren und diese Typen platt machen. Dem Rat bin ich glücklicher Weise gefolgt.

Meine Therapeutin ist spezialisiert auf das Aufdecken unbewusster Muster und Haltungen, die Menschen daran hindern, ein glückliches, uneingeschränktes Leben zu führen. Als Arbeitsmittel setzt sie die Reinkarnationstherapie ein.

Die Zusammenarbeit muss man sich so vorstellen, dass in zeitlich völlig frei vereinbaren Terminen Einzelsitzungen stattfinden, in denen meist jeweils ein Thema geklärt werden soll. In der Summe habe ich bis jetzt schätzungsweise 100 bis höchstens 150 Therapietage benötigt. Das Verfahren ist also letztlich extrem effizient.

Anmerkung zum Messie-Problem:

Ich bin der Meinung, es gibt gar keine Messie-Erkrankung! Es handelt sich um ein Symptom, ein Symptom von vielen, die möglich sind. Wenn Sie eine innere Einstellung haben, die verkorkst, krankhaft, destruktiv ist, in welcher weise auch immer, dann wird diese innere Einstellung im Äußeren auch einen Weg finden , sich auszudrücken. Der eine entwickelt Magengeschwüre oder Krebs; der nächste entwickelt eine hübsche Psychose und wieder einer wird zum Messie oder wird drogenabhängig. Ist doch egal was... »Suchen Sie sich was Passendes aus!« Alles ist nur Ausdruck für etwas, das im Inneren stattfindet, auch und gerade, weil es  unbewusst abläuft. Und weil es unbewusst abläuft, benötigt man fachliche Hilfe eine qualifizierten Therapeuten.

Es muss nun nicht notwendiger Weise ein Reinkarnationstherapeut sein. Jeder, der in der Lage ist, in diese unbewussten Tiefen eines Menschen einzudringen und ihm dabei helfen kann, diese unbewussten, verkorksten Muster aufzudecken und aufzuarbeiten, kann therapeutisch helfen.

Weiter mit meinem Vortrag:

Selbsthilfearbeit:

1.     In unseren Selbsthilfegruppen wird Stress abgebaut.

2.     In der SHG lernen wir, die eigenen Leistungen realistisch wahrzunehmen. Wir lernen, stolz auf das schon Geleistete zu sein.

3.     Das Anspruchsdenken an sich und Andere anhand von Vergleichen auf ein menschliches (machbares) Maß zu bringen.

4.     Verantwortlichkeit erkennen und lernen, dass ein Messie nur für sich und sein Handeln Verantwortung übernehmen muss, dass auch schon Kinder für sich selbst die Verantwortung in vielen Situationen übernehmen können.

5.     Lernen, dass es nicht sinnvoll ist, anderen nur zu helfen in der Hoffnung nach Anerkennung, die diese Menschen so sehr brauchen.

6.     Unbewusste Ängste und Schuldgefühle an den eigenen Verhaltensweisen erkennen lernen.

7.     Abwehrmechanismen kennen und ihre Bedeutung sehen, die sie im sozialen Miteinander haben und die oft auf Abspalten der Gefühle beruhen.

Bei meinen Beobachtungen spielen das Abspalten der Gefühle vom Erleben und die Verantwortungsabwehr eine entscheidende Rolle für die Aufrechterhaltung dieser Verhaltensmuster die zur Messie-Problematik führen.

Doch bei allem, was ich bis jetzt weiß, haben diese Verhaltensmuster einen Sinn für diese Menschen, auch wenn es von den Betroffenen selbst fast nicht durchschaubar ist, zum Beispiel: den Sinn, sich durch die „Vermüllung“ von Anderen abgrenzen zu können, den Sinn, beim Horten der Dinge eine eigene Sicherheit zu erleben, wenn man für alles vorgesorgt hat, den Sinn, dass bei den vielen unerledigt angesammelten Aufgaben der Mensch immer zu tun hat und sich immer „sinnvoll“ beschäftigen kann. Das Verhalten, alles aufzuschieben, was auch das aufschieben von Entscheidungen betrifft,  ist dann sinnvoll, wenn man Angst vor falschen Entscheidungen und vor den Konsequenzen von Fehlern hat.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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