Gesundheitstage Norderstedt 27.1.2001 und Bielefeld 28.1.2001

 „Dieser Vortrag richtet sich in erster Linie an Therapeuten, weil viele Betroffene das weitgehend fehlende Verständnis im therapeutischen Bereich beklagen und wir mit diesem Vortrag die Hoffnung haben, dass die Therapeuten Informationen erhalten, die zu einem wirksamen therapeutischen Ansatz führen können.“

Messies - bedeutet chaotisch sein krank sein?

„Ich hoffe, dass jeder von uns zum Schluss der Antwort auf diese Frage etwas näher kommen wird.“

Sicherlich haben Sie im Fernsehen oder in der Presse Berichte gesehen oder gelesen, in denen Menschen, oder besser gesagt ihre Wohnungen, dargestellt wurden - also Wohnungen, in denen Berge von Papier, Textilien und Müll gehortet werden, wo die Bewohner anscheinend unfähig sind, dieses „zuviel“ zu entsorgen und wegzuwerfen. Diese Wohnungen, die uns daran erinnern, dass unsere Studentenbude oder unser Zimmer zu Hause bei den Eltern so ähnlich aussah und wir uns fragen müssen: Waren wir einmal Messies?

Ich kann Sie da beruhigen, denn die Verhaltensweisen, die zu diesem Erleben führen, hat hier und da schon jeder einmal erlebt. Vorzugsweise in der Pubertät, beim Erleben einer starken Unsicherheit, zum Beispiel wenn man sich nicht entscheiden konnte, welche berufliche Richtung man einschlagen sollte. Der Zeitraum dieses Erlebens dauerte sicherlich nur einige Wochen oder Monate und das steht dem Erleben von Messies gegenüber, die Jahre oder Jahrzehnte darunter leiden, und das ist auch das Entscheidende: die Chronizität dieses Leidens.

Ich will einmal kurz schildern, wie bei mir der Verlauf des Messie - Seins war, wie es angefangen hat, was für Probleme hinzugekommen sind und wie ich das Problem in den Griff bekommen habe.

Ich kann eigentlich gar nicht sagen, wann mein Problem mit dem Haushalt angefangen hat, sondern nur, wann es mir bewusst geworden ist, und das war nach meiner Heirat. Es fiel mir schwer, die täglich anfallende Arbeit wie spülen und die Betten machen zu erledigen. Ich begann mich überfordert zu fühlen und musste feststellen, dass ich diese Aufgaben einfach nicht erledigen kann. Meine Mutter zeigte mir dann ab und zu, wie leicht diese Tätigkeiten sind, und ich empfand mein Nichtkönnen als so eine Art Protest gegen meine Mutter. Ich bekam in Laufe der nächsten Jahre drei Kinder und musste in dieser Zeit auch noch den Lebensunterhalt unserer Familie verdienen. Ich habe in dieser Zeit eine kleine Firma geleitet und die Arbeiten für ca. 20 Leute eingeteilt, beaufsichtigt und am Laufen gehalten. Natürlich ist mir aufgefallen, dass diese Fähigkeit eigentlich beinhaltet, dass ich in der Lage sein müsste, einen Haushalt zu führen, aber wenn ich im Urlaub oder in einem anderen Haushalt feststellen musste, dass die Hausarbeit eigentlich ganz leicht und schnell gehen konnte, habe ich erst recht nicht verstanden, weshalb ich es bei mir nicht konnte.

Nun, ich zweifelte weiter an meiner Eignung und beschäftigte mich mit mancherlei Hobbys, um so eine Rechtfertigung vor meiner Familie zu haben.

Dann kam etwas hinzu, das wir das Horten nennen. „Das kann ich noch einmal gebrauchen“ oder „ Daraus kann ich noch etwas basteln“. Solch ein Verhalten führt ganz schnell dazu, dass die Keller und Dachböden wegen Überfüllung nicht mehr begehbar sind, aber man hat ja noch eine Wohnung oder auch zwei. JEDER kann sich vorstellen, dass in solchen Wohnungen nichts mehr wiedergefunden, geschweige denn geputzt und aufgeräumt werden kann. Natürlich wollte ich immer aufräumen, durchsortieren und saubermachen, aber ich konnte es einfach nicht. Ich bin schon kläglich in den Anfängen steckengeblieben und habe mich wie gelähmt und blockiert gefühlt, kraftlos und ausgepowert. Dieses Erleben entwickelte sich über einen Zeitraum von 27 Jahren und in den letzten zwei Jahren konnte ich überhaupt nichts mehr im Haushalt erledigen.

Nach meiner Therapie habe ich dann alles das gekonnt, was dem meisten Menschen als Automatismus und als das unbewusste Erinnern zur Verfügung stehen. Diese beiden nichtbewussten Hilfsfunktionen des Gehirns tragen dazu bei, dass immer wiederkehrende Handlungen ohne große Anstrengung zu bewältigen sind.

 „Vielleicht sollte ich einmal erklären -  Automatismus und unbewusstes Erinnern, was ist das? Der Automatismus - den kann man sich folgendermaßen bewusst machen. Sie haben gefrühstückt und räumen sofort oder etwas später den Tisch ab, ohne dass Sie dazu eine bewusste Entscheidung treffen müssen. Bei einem Messie läuft das nicht so. Er bringt sich immer in eine Situation, wo er eine Entscheidung treffen muss, und er weicht ihnen aus, z. B. er macht es später!

Wenn Sie sich einmal vorstellen wollen, wie das ist und wie es sich anfühlt, wenn wir uns zu jeder Handlung quasi motivieren müssen, dann stellen Sie sich vor, dass Sie beim Autofahren jede einzelne Handlung erst durch Ihre Überlegung, was Sie jetzt machen müssen, umsetzen können: die Kupplung treten, den Gang einlegen und Kupplung kommen lassen... Also Sie stellen sich vor, dass Sie so Auto fahren wie am ersten Tag ihren Fahrstunde, und das zum Beispiel über einen Zeitraum von ca. 10 Jahren... Sie kämen von der Stelle, zwar langsam..., aber im Laufe der Zeit würde sich bei Ihnen eine bestimmte Angst einstellen, die Angst, Sie könnten nicht schnell genug reagieren, wenn ein anderer Verkehrsteilnehmer einen Fehler macht. Das genau ist das Erleben eines Messies.

Jetzt möchte ich Ihnen das unbewusste Erinnern erklären. Es ist eine Entscheidungshilfe bei den dann folgenden Handlungen, und zwar in einer zeitlichen oder/und situationsbedingten Richtung. Sie stellen sich also vor:  Sie bekommen einen Brief, zum Beispiel eine kleine Anfrage eines Freundes, den sie sofort beantworten wollen. Sie haben gerade ca. 5 Min. Zeit und sie wissen relativ sicher, dass Sie den Brief in diesem Zeitraum beantworten können.

          Aber woher wissen Sie denn, dass Sie nicht eine Stunde dafür benötigen?

Unbewusst erkennen und ordnen Sie diesen Brief ein und vergleichen auch unbewusst dieses mit den schon von ihnen erlebten ähnlichen Aufgaben oder Situationen. Darauf folgt auch eine unbewusste Einschätzung, die Sie dann sofort oder auch in späteren Handlungen umsetzen können.

Hier ein anderes Beispiel: Eine Nachbarin, nennen sie wir einfach Frau Müller; jeder im Haus weiß, wenn man mit Frau Müller über Krankheiten spricht, dauern die Gespräche manchmal 2 Std. Die Menschen haben also eine Situation in ihrem Gedächtnis gespeichert, die sie so nicht wollen. Also sie wollen mit Frau Müller nicht 2 Std. über Krankheiten reden müssen. So fällt es ihnen nicht schwer, wenn sie Frau Müller sehen, dieses Thema zu vermeiden, weil sie sich sofort an eine Situation erinnern, und das läuft unbewusst ab.

Ein Messie, der über dieses Erinnern nicht oder nur eingeschränkt verfügt, wird eine Situation immer wieder durchlaufen und am Ende feststellen, dass er mal wieder etwas wichtiges in einer bestimmten Situation vergessen hat.“

Die Frage lautet: Woran liegt es denn, dass Messies oder auch eine Reihe von anderen Menschen nicht über diese Hilfsmechanismen verfügen? Ich glaube, dass diese Menschen in ihrer frühen Kindheit ein Erleben hatten, dass zur Verdrängung des Schmerzes, zur Hemmung der Entwicklung und zum Widerstand gegen einer Handlungsänderung führte. Ich halte die Hemmung der Entwicklung des betroffenen Menschen für ausschlaggebend, und ganz besonders die daraus resultierende Angst.

„Ich habe an dieser Stelle Folien vorbereitet, um deutlich zu machen, wie es zu einer solchen Entwicklung kommen kann. Die erste Folie zeigt eine gesunde Bedürfniserfüllung eines Kindes mit seinem Bedürfnis, sich verstanden, akzeptiert und angenommen zu fühlen. Der innere Kreis stellt das dazugehörende innere Gefühl dar. Ein Bedürfnis entsteht und das Kind geht auf die Suche nach einer Person, die dieses Bedürfnis befriedigen kann. Es entsteht eine innere Spannung. Wenn das Kind zum Beispiel auf die Mutter trifft, die es so akzeptiert und annimmt, dass das Bedürfnis befriedigt wird, tritt eine innere Entspannung ein. Bei diesem Erleben sind zwei Erfahrungen wichtig: die Selbstwahrnehmung und die Wahrnehmung der anderen, also die nach außen gerichtete Wahrnehmung.“

                                                              Gesunde Bedürfnis - Erfüllung

                                                         

„Die nächste Folie zeigt verletzte Bedürfniserfüllung -  wie bei der ersten Folie geht das Kind auf die Suche nach demjenigen, der seine Bedürfnisse erfüllen kann und das Kind trifft                                                            

                                                               Verletzte  Bedürfnis - Erfüllung

 

 z. B. auf die Mutter - das innere Gefühl von Spannung ist vorhanden und in der Erwartung, dass das Kind sich angenommen und akzeptiert fühlt, weist die Mutter das Kind zurück.

Das Kind fühlt sich verletzt und es entsteht eine Steigerung der inneren Spannung. Das Kind ist frustriert und unsicher. Es wendet sich von der Selbstwahrnehmung verstärkt zu Wahrnehmung der anderen, um zum Beispiel erkennen zu können, wann die Mutter bereit ist, seine Bedürfnisse zu erfüllen. Die innere Spannung bleibt erhalten und somit erlebt das Kind in dem für ihn so wichtigen Bereich keine erholsame Pause.

Wenn das Kind dieses sehr oft erlebt, fängt es an, sich in den verschiedensten Erlebensverläufen zu hemmen. Folie Nr. 3. Das Kind geht auf die Suche nach Bedürfniserfüllung und kann sich schon bei der Suche hemmen, es weicht also in Ersatz aus. Es ist also vorstellbar, dass ein Kind hingeht und Gegenstände sammelt, wie zum Beispiel im Kies gefundene Flaschenscherben, diesen Dingen fantastische und an Märchen erinnernde Bedeutung zuschreibt (Ich habe einen Schatz gefunden), um über diesen Ersatz dann doch noch die Akzeptanz und Anerkennung zu bekommen. „Wenn ich einen Schatz habe, müssen mich andere akzeptieren und sogar beneiden.“

Das Kind kann sich dann auch bei der Kontaktaufnahme mit anderen hemmen, zum Beispiel durch Abwehr, Überanpassung oder Rebellion. Die innere Spannung bleibt bestehen und an dem Punkt der Selbstwahrnehmung kann diese Spannung gehemmt oder vermieden werden. Es ist verständlich, dass das Kind diese beständige Spannung in sich nicht lange aushalten kann und so entsteht sehr oft die Feindseligkeit andern gegenüber: „Der andere muss mich unbedingt mögen.“ Diese innere Spannung wird als Aggression entweder nach Außen gerichtet oder es entsteht zur Leidvermeidung eine Hemmung der Eigenwahrnehmung; es ist so, als ob sie ihr Gefühl neutralisieren - Es ist so, als ob sie innen die Luft anhalten - Fehlende Selbstwahrnehmung bedeutet aber auch eine Steigerung der Illusionen; illusionäre Ansprüche und Erwartungen an sich und andere.

Das Kind erlebt nach der Spannung eine Erschöpfung und das hat zur Folge, dass es seine zukünftigen Bedürfnisse hemmen will - zur Vermeidung des Leidens - Bedürfnislosigkeit ist dann unausweichlich.

                                                                         Bedürfnis - Hemmung

                                                            

                                                           Frustration / Verzweiflung

Wenn wir diese einmal erlernten Verhaltensmuster in der Pubertät nicht verändern können und diesen Verlauf auch in Beziehungen mit Partnern beibehalten, entsteht ein Steckenbleiben in der sonst ablaufenden Entwicklung zur Persönlichkeitsbildung.  

Es ist im Erwachsenenleben nicht sinnvoll, mit seinen Bedürfnissen nach Akzeptanz und Sich -Angenommen - Fühlen auf andere Menschen angewiesen zu sein. Selbstakzeptanz ist wichtig im Umgang mit anderen Menschen und das kann man lernen. Wie ersetzen die Suche nach dem Anderen durch eine Suche nach unserem Selbst --- das Erlernen unserer Selbstwahrnehmung und das Erkennen unserer Bedürfnisse ist ein wesentliches Element zur Reparatur unseres beschädigten Ich-Empfindens.

Das Erleben von Schmerzen, Hilflosigkeit, Minderwertigkeit und Mangel gerade in der frühen Kindheit ist eine erschreckende und erschütternde Erfahrung.

Wenn Demütigung und Schmerz zu groß werden, die Kränkung unüberwindbar, dann erstarrt der Mensch innerlich und spaltet sein Gefühl von seinem Erleben ab. Er bleibt gewissermaßen in der Situation stecken, sein Ausdruck gefriert, sein Bewusstsein engt sich ein. Es darf nicht mehr zugelassen werden, zur Wahrnehmung, was ihn der Gefahr der erneuten Kränkung oder des erneuten Verlassenwerdens ausliefern könnte. So kommt es, dass wir später ähnlich strukturierten Erlebnissen mit der gleichen starren Formel begegnen. Langanhaltende Enttäuschung, Missachtung der Ich-Grenzen, Ungeliebtsein, sexueller und emotionaler Missbrauch, Überstimulierung oder Vernachlässigung, gepaart mit der Unfähigkeit oder dem Verbot, darüber zu sprechen oder sich zur Wehr zu setzen, sind wesentliche Verdrängungsmotoren und können zu krankhaften Entwicklungen führen.

Vermutlich verdrängen alle Menschen unseres Kulturkreises in früher Kindheit und tragen einen Teil dieser Haltung mit ins Erwachsenenleben. In Traumen und Konflikten der Kindheit scheinen die wahren Ursprünge der Verdrängung zu liegen, die dann zum Dauerproblem werden, wenn das Verdrängte unverstanden wiederkehrt und belastet. Frühe Leidabwehr wird zum Leidensprozess. Später werden nicht nur die Impulse vergessen, auch die Gedanken- und Gefühlsinhalte, die an diese früheren Situationen gekoppelt sind, werden verdrängt, und in einem Teufelskreis verstärken sich diese Phänomene gegenseitig.

Der Mensch kann nicht einmal mehr wissen, dass er gelitten hat. Die Lebenseinschränkung durch unverstandene Verdrängung bedeutet für die Betroffenen Leid und Lähmung, die Angst kann sich bis zu Panik steigern.

Verfällt der Mensch in Hilflosigkeit und Handlungsohnmacht, entgleiten ihm die Mitmenschen und damit der wichtigste Teil der Welt. Eine aufmerksame Umgebung spürt ein Unbehagen in der Nähe der Messies. Wir sehen uns Erwachsenen gegenüber, denen nichts weiter widerfahren ist als die normalen Lebensschwierigkeiten, die mit Affekten aufgeladen wurden. Verdrängungen in der Kindheit können so im Erwachsenenleben eine Rolle spielen, müssen es aber nicht. Je nach individueller Einschätzung wird ein Erlebnis traumatisch ausfallen oder nicht. Ein Trauma wird erst zum Trauma, wenn das Kind es dazu macht, ein Zustand, in dem das Ich sich hilflos und überwältigt, gar vernichtet fühlt. Das wahre Ausmaß dieser Grund-Angst wird wohl nie ganz zu erfassen sein, aber die Reaktion darauf ist der starke Wunsch, Ordnung, Überschaubarkeit und Sicherheit zu schaffen, aber durch das Selbstbild der Unzulänglichkeit entsteht Scham. Das Selbst leidet vor allem an Entwertung und dieses wiederum zieht Selbstvernachlässigung und Selbstlosigkeit, das heißt Leben ohne eigenes Selbst, nach sich. Wie wir von den eigenen Erwartungen (z. B. Perfektionismus) an uns beherrscht werden, werden wir die Auswirkungen unseres Handelns zu verbergen suchen. Je gebildeter allerdings ein Mensch ist, desto negativer sieht er sich selbst und wer seine Selbstentwicklung versäumt -  fördert schließlich seine Scham. Das hat zur Folge, dass man sich von anderen Menschen isoliert.

Das Grundgefühl der Geborgenheit und das grundsätzliche Angenommensein (aus denen Selbstachtung und Mut erwachsen) wird von der Mutter vermittelt, und das bewirkt die gefühlsmäßige Öffnung zu anderen. Entsprechend wächst die Gefühlsfähigkeit und die Fähigkeit zur Kommunikation. Aber Offenheit macht auch schutzlos. Sich der Welt preiszugeben bedeutet dann eine existenzielle Bedrohung, wenn der Mensch in der Kindheit ein Übermaß an Angst, Zurückweisung und Hemmung erfahren hat.

Eine Vertrauensphase beginnt: Je nach der Qualität unseres Vertrauens können Eltern ihre Kinder unterstützen oder hemmen. Je mehr Kontrollen sie einsetzen, umso stärker hemmen sie die Entwicklung. Jedes signalisierte Zögern hat Bremswirkung. Dann zieht sich der Mensch zurück, er verhärtet und verkapselt sich, es ist eine Abwendung von der Welt insgesamt. Mit dem Sich - Verschließen ist eine Reduzierung des Gefühlslebens und der Kommunikation sowie eine Verstärkung von Affekten und Phantasietätigkeit verbunden. Sekundär entsteht eine Haltung der Abwehr, der Skepsis und der Feindseligkeit.

Stärkste Hemmungsfaktoren sind erzieherische Härte, Lieblosigkeit und Verwöhnung, die das Kind einschüchtern, ihm seine Selbständigkeit nehmen oder aber Trotz hervorrufen. Angst und Schuldgefühle sind grundlegend am Zustandekommen von Gehemmtsein beteiligt. An nicht einfühlsamen Eltern rächt sich das Kind mit Erkrankungen, Trotz oder schlechten Schulnoten, wodurch viele Lernprozesse blockiert und lahmgelegt werden. Die Eltern haben häufig nur den Anspruch und übersehen die Notwendigkeit der erholsamen Pausen. Der Anspruchsphase muss eine Zeit der Entspannung folgen. Jedenfalls nimmt der Stress auf diese Weise immer mehr zu, und die Kinder werden immer unsicherer. Die ursprüngliche Initiativlosigkeit kann dann durch Überkompensation verdeckt werden, doch wird es sich dabei mehr um Getue denn um Taten handeln.

Hemmungen sind eine seelische Unvollständigkeit. Der Mensch greift in der Wahl seiner inneren Mittel fehl, er realisiert anders. Er leistet „Falsches“, manchmal mit verheerenden Folgen für sich und andere. Auf dem Boden der Gehemmtheit wachsen neben Bequemlichkeit, Riesenansprüchen, Überkompensationen und Ersatzbefriedigungen noch weitere Eigenschaften, die erzieherisch bedeutsam werden, und zwar mangelndes Können und Wissen, mangelnde Arbeitstechnik, fehlende Mußefähigkeit, verringerte Selbst- und Menschenkenntnis, ungeschickter Umgang mit Mitmenschen, und der Lebensvollzug erschöpft sich zunehmend in einem „contra“, in einem eigensinnigen Nein.

Nichtwissen hängt eng mit dem Nichtwissendürfen und mit dem Nichtsagendürfen zusammen. Aus der Stummheit gegenüber relevanten Themen entwickelt sich gleichzeitig das ausgeprägte Vielreden, wie wir es bei vielen Messies mit ihrem Geltungsdrang beobachten können. Je größer die Gehemmtheit, desto größer der Innendruck, und desto dramatischer und expansiver die Phantasie und die Gedanken. Wir erleben, dass wir unfähig sind, die Lebensprobleme zu lösen. Den Zusammenhang  zwischen eigener Anstrengung und Veränderung in der Außenwelt erkennen wir nicht. Dieses führt zu einem primär erlebten Erschöpfungszustand, weil wir an der katastrophalen Situation nichts verändern können.

Um es noch einmal deutlich zu machen:

Der Ursprung unseres Problems liegt meiner Meinung nach in der Unmöglichkeit, früh erfahrene emotionale Verletzungen oder Traumatisierungen zu artikulieren, und in der Notwendigkeit, diese Erlebnisse oder das Gefühl des Leidens zu verdrängen. Durch das Nichtwissen wird dem Kind der Zugang zu seinen Gefühlen und seiner Lebendigkeit versperrt. Im wesentlichen wird ein Kind durch die fortdauernde Missachtung der Ich-Grenzen in seinen vitalen Bedürfnissen behindert und traumatisiert. Wo das Ich sich nicht gegen seine Umwelt adäquat abgrenzen kann, muss es zu regressiven Formen der Abwehr greifen.

Die nicht adäquate Reaktion von Mutter und Vater kann ein Grundgefühl von Sicherheit und Wohlbehagen verhindern, was dem Menschen unter Umständen ein Leben lang anhängt. Durch die Abwehr von Nähe durch die Mutter kann das Kind kein Urvertrauen entwickeln. Urvertrauen braucht es aber, um ohne Angst selbständig zu werden. Konkret gesprochen sind es unverständige, inkonsequente, ambivalente, demütigende und spottende Eltern, bei denen das Kind sich nicht angenommen fühlen kann und die im Kind Chaos und Unordnung hinterlassen. Das Bedürfnis nach Liebe wurde immer wieder enttäuscht, und der Liebesentzug wird zur Behinderung der Entwicklung in der frühen Kindheit. Diese Behinderung kann bis in die Gegenwart anhalten.

Eine gesunde Entwicklung des Selbstvertrauens bedeutet Zutrauen in eigene Fähigkeiten, die Bejahung der Verantwortung für das eigene Leben, das Vertrauen darauf, dass der andere dabei hilft, und das Gefühl der Dankbarkeit.

Jedenfalls hält das Leben immer wieder Anlässe und Erlebnisse bereit, die eine neue Reaktion und eventuell eine Änderung der bisher geübten Einstellungen zum Leben erfordern.

Wie erleben die Angehörigen oder Mitbewohner die Handlungen, oder besser gesagt Nichthandlungen, eines Messies?  Sie stehen vor folgender Frage: Warum kann ein Messie das doch offenkundig unzweckmäßige Verhalten nicht korrigieren? Es folgt darauf meistens die Einschätzung: Sie wollen dieses Verhalten gar nicht abstellen und verändern, und wenn man den Versuch unternimmt, Messies zur Besinnung zu bringen, stoßen viele Angehörige auf Widerstand.

Dieses Widerstehen ist überhaupt kein „Nicht-Wollen“. Vielmehr handelt es sich dabei um ein „Nicht-Anders-Können“. Im Verhalten des Widerstehens liegt die Unfreiheit des "nur so und nicht anders". Widerstand ist auch ein Akt der Abgrenzung, ein gewolltes nein.

Es droht der Verlust der Integrität, wenn in den entscheidenden Momenten des Lebens nicht „Nein“ gesagt werden darf: Nein zu Überforderungen, Nein zu unangemessenen Ansprüchen anderer, Nein zu Übergriffen der Eltern. Wer sich nicht abgrenzen darf und die Kunst der Abgrenzung verlernt, verliert seine Grenzen. Deswegen ist funktionaler Widerstand konstitutiv für die menschliche Existenz. Der gesunde Organismus zeichnet sich durch seine Fähigkeit aus, zur rechten Zeit, an der richtigen Stelle und auf die subjektiv beste Art Grenzen zu ziehen und sie aufrechtzuerhalten.

Grenzen zu ziehen heißt, sich zu orientieren und Identität zu schaffen. Seelisch unsichere Menschen reagieren beim Überschreiten ihres Schutzkreises, dieser unsichtbaren, imaginären Grenze durch einen anderen Menschen mit Panik.

Die gesunden Widerstände, die den Menschen innere Sicherheit, Stabilität und eine freie Ordnung sichern, werden im erkrankten Menschen zu unvernünftigen, wahnhaften, konfusen, fanatischen Widerständen. Das Kippen vom gesunden Widerstand zum krankhaften Widerstand erweist sich als infantil wirkende Trotzeinstellung, als starre Fixierung, als sture Verneinung, mit denen Angehörige und Therapeuten konfrontiert werden.

Bei Widerstand und Verdrängung handelt es sich um eine mehr oder minder unfreiwillige innere Verschlossenheit aufgrund seelischer Verletzung.

Zu der seelischen Verschlossenheit eines Messies gehört eine Selbstzentriertheit, ein autoplastisches Steckenbleiben in Hemmungen, Verkrampfungen, Schüchternheit und Vermeidungen. Zu den allgemeinsten Charakteristiken eines solchem, in sich verfangenen Menschen ist das nicht „Fertig-Sein“ und der Verlust des Du und der Weltbeziehungen.

Was für somatische Erkrankungen gilt, findet sich analog in den seelischen Krankheiten: Der Mensch wird auf sich selbst zurückgeworfen, beschäftigt sich viel mit sich selbst, sein Aktionsradius ist ängstlich eingeengt und er sucht verstärkt Ruhe und Abgeschiedenheit. Das Symptom, der Wunsch Ordnung zu schaffen, mit seinen langdauernden Erscheinungsbildern verdeckt das eigentliche Problem. Man gibt ihm jede Aufmerksamkeit und Zuwendung, die eigentlich den charakterlichen Entwicklungen und den mitmenschlichen Beziehungen gelten sollten.

Verdrängung schloss in der Vergangenheit bestimmte Entwicklungen und Erfahrungen aus, Widerstand schließt mögliche zukünftige Entwicklungen und Erfahrungen aus.

Ein verhängnisvoller Kreislauf, der von der Störung der Wahrnehmung (z. B. der räumlichen Umgebung) dann zum Verlust der Fähigkeit, Brauchbares von Unbrauchbarem zu unterscheiden, führt, kann sich direkt zum Erleben einer Grundangst entwickeln. Diese Angst, etwas wichtiges zu vergessen, beruht auf einer bestimmten Vorstellung von Wahrnehmung, die die Gleichsetzung von Verdrängtem und Vergessenem beinhaltet. Das Ausfiltern der auf uns einstürzenden Informationen gehört zu den existenznotwendigen Voraussetzungen der Persönlichkeitsbildung. Die Masse der Erinnerungen muss allein schon wegen ihres Umfanges „verdrängt“ werden. Es handelt sich hier um ein Vergessen.

Würde die gesamte Menge an Informationen ungefiltert in das Bewusstsein gelangen, wäre jeder Wahrnehmende in der Lage, jede einzelne Facette zum Beispiel seines Verhalten genau zu beschreiben. Aber es wäre ihm unmöglich, die Gesamtwirkung seiner Verhaltensweisen zu erkennen und wiederzugeben.

Deshalb muss das Gehirn unablässig Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden. Erst so wird es überhaupt möglich, das ganze Erleben in seiner Bedeutung wahrzunehmen. Die Funktion des Gedächtnisses und dessen Wertung beeinflusst den Bestand von Erinnerungen und die Möglichkeit, dass der Mensch Vorsorge für die Zukunft treffen kann.

Beim Fehlen dieser Funktion des Gedächtnisses entsteht kein Automatismus, das heißt es fehlt das Erinnern an gleiche oder ähnliche Situationen. Das Erinnern ist bei anstehenden Entscheidungen eine nicht bewusst ablaufende Hilfestellung des Gedächtnisses. Die Wahrnehmung verläuft zwischen Regeln und Chaos, also zwischen Stabilität und Instabilität.

Das „sich nicht Erinnern können“  (Gedächtnisstörung) wird nicht nur durch Krankheiten und Unfälle verursacht, sondern es können auch Umweltsituationen wie Stress zu Blockaden in bestimmten Gehirnbereichen führen.

In der sensitiven Phase ist der Mensch leicht zu irritieren. Es ist also vorstellbar, dass eine schwierige Kindheit (in der das Kind Existenzängste und existentielle Unsicherheiten erlebt hat) zu Lern-, Denk- oder Handlungsblockaden geführt hat. Nehmen wir einmal an, das Kind hat in frühen Jahren das Verlassenwerden als traumatisch erlebt und dieses in späterer Zeit nicht verarbeiten können. Erwachsen geworden, wird man immer wieder gleiche oder ähnliche Situationen erleben, sodass dieses immer wiederkehrende Erleben Stresshormone freisetzt, und ich glaube, dieses führt unter anderem zu Gedächtnis- und Handlungsblockaden und zu einer Änderung der Lernbereitschaft, wobei dem Vergessen eine entscheidende Rolle zukommt, da sich aus ihr die Angst vor Vergesslichkeit entwickelt.

Selbsthilfegruppen und professionelle Psychotherapie steigern wechselseitig ihren Wirkungsgrad. Dieses wird besonders deutlich, wenn es darum geht, die panzerharte Starrheit zu verändern, die ihrerseits eine Veränderung dieses Teiles des Charakters zu verhindern sucht. Das Hauptleiden und das Hauptsymptom all dieser Menschen liegt im Zerfall der tragenden mitmenschlichen Kontakte. Messies treten in die Behandlung sehr oft mit vielerlei Anzeichen einer mitmenschlichen Unterkühlung und Kälte ein. So schützen sie sich vor jedem, der ihnen emotional zu nahe kommt. Der Leidende hat sich festungsartig und unbeweglich in diese Lebenstechniken vergraben. Der Therapeut muss mit dessen Rigidität, ausgeprägter Rationalität, großer Gefühlsängstlichkeit, Unsicherheit und Kränkbarkeit rechnen. Der Grad ihrer Eigenaktivität ist diesen Menschen nicht wirklich bekannt, und sie sehen viele ihrer Handlungen und Gedanken nicht als die ihren an. Sie erscheinen ihnen fremd und wie von einer anderen Person. Es ist eine erschreckende Wahrheit, dass Menschen sich selbst ihre psychischen Symptome schaffen, aber dennoch darf die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln nicht auf das Schicksal oder andere abgeschoben werden, denn mit dem verleugnenden Handeln entziehen wir uns dieser Verantwortung. Der Mensch leistet Widerstand gegen Selbstverantwortung. „Wer sich verantwortlich fühlt, kann sich nicht aufgeben, wer sich als Mitgestalter seines Schicksals wahrnimmt, kann von diesem Schicksal nicht niedergezwungen werden.“

Es besteht kein Zweifel, dass Verdrängungen dem Ich viele Wachstumsmöglichkeiten verbauen, denn Wachsen und Sich - Entwickeln sind gebunden an die Anerkennung der Realität, und zwar gerade in ihren zunächst furchteinflößenden Bestandteilen. Zur Realität gehört ferner die kontinuierliche Zeit des Bewusstmachens. Eins reiht sich ans nächste.

Etwas ausblenden wollen, weil man es nicht sehen will, lockert die Beziehung zur Realität. Bringt der Mensch sein verdrängtes Seelenleben oder den ausgeblendeten Wirklichkeitsanteil ins Gleichgewicht, so kann sich sein Ich reicher, flexibler und gesünder entfalten. Wichtig ist die Erkenntnis, das Liebe und Freundschaft nicht Luxus, sondern Grundbedürfnisse und Grundforderungen des Daseins sind. Offenheit in der Therapie und in der Selbsthilfegruppe schaffen die Wachstumsmöglichkeiten, in der der Mensch bestimmte Lebens- und Entwicklungsaufgaben bewältigen kann. Als Therapieziel sollte man ins Auge fassen, was man landläufig bei einem gesunden Menschen für angemessene Verhaltens-, Denk- und Gefühlsweisen hält.

Das geht von der Wiedergewinnung eines Urvertrauens über realitätsgerechte Abkopplungen, Überwindung von Irrationalität, Abbau von destruktiven Elementen, Stärkung der Selbstverantwortung und des Selbstwertgefühls, Klärung der Beziehung zu den Eltern, verbesserte Beziehung zu den Mitmenschen, befriedigender Sexualität, Akzeptierung der Realität, Abbau von Größenwahn, Erlebnisfülle, Gefühlserweiterung, flexibleren Abwehrmechanismen bis hin zu den selbstanalytischen Fähigkeiten.

Dazu ist es sinnvoll, eine gleichberechtigte therapeutische Gesprächspartnerschaft zu bilden, in der alles und jedes thematisiert werden darf. Jeder Mensch hat seine persönliche Wahrheit.

In der Verdrängung wird an einem für den jeweiligen Menschen zweckmäßigen Irrtum als seiner Wahrheit beharrlich festgehalten. Wenn die Erlebnisse und Konflikte in der Selbsthilfegruppe den Therapeuten geschildert werden, trägt das zu einer vertieften Erkenntnis der Ursachen unserer Probleme bei. Der Patient wuchs in einen Lebensstil hinein, der ihm von seiner Umgebung mehr oder minder suggeriert wurde. Er kennt einfach nichts anderes. Der therapeutische Prozess ist ein Versuch, einen Mangel an Identität zu erkennen und zu überwinden.

Alle seine Gedanken, Gefühle und Wertungen drängen ihn zu jenen Verhaltensweisen und Reaktionen, die unser Problem ausmachen. So außenbezogen das wahre Selbst auch ist, die Freiheit zur Individualisierung ist ein innerpsychischer, selbstreflexiv begleitender Reifungsprozess. Seelengröße beruht auf der Kraft der Selbstbehauptung der eigenen Persönlichkeit gegen die problematischen Seiten der Gesellschaft.

Mit größerer Selbstkritik wird sich die starre Ichhaftigkeit abbauen, auch wird die Berücksichtigung der Realität größer. Die unbewussten Charakterhaltungen sind mit zunehmendem Bewusstsein nicht mehr ohne weiteres reproduzierbar und der Teufelskreis von übersteigertem Geltungsstreben und entmutigenden Konflikten mit der Umwelt wird durchbrochen. Mut und Zuversicht schaffen Werdensmöglichkeiten, und die Selbsthilfegruppen und die Therapie soll ihm dabei helfen.

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