30.10.2004

Zur Qualität der Berichterstattung zum Messie-Syndrom

 

Nun, wenn wir uns Berichte über "Messies" in den Medien ansehen, kann man feststellen, dass dabei viel Wert auf die Darstellung der "vermüllten Wohnung" dieser Menschen gelegt wird. Auf Grund unserer Erfahrungen mit dem Fernsehen wissen wir, dass differenzierende Worte von Therapeuten und Betroffenen zu diesem Phänomen so gekürzt und geschnitten wurden, dass zum Schluss eine Inhaltsverdrehung entstanden ist. So wird der Bevölkerung ein schiefes Bild des Messie-Syndroms vermittelt weil einfach nie dargestellt wird, dass der Mensch mit einem Messie-Syndrom nicht zwangsläufig "vermüllt" wohnen muss. Ich war in vielen Messie - Wohnungen und ich kann Ihnen sagen, dass viele dieser Wohnungen so ordentlich oder unordentlich aussehen wie wahrscheinlich auch jede "normale" Wohnung aussieht. Natürlich war ich auch in Wohnungen, in denen meiner Meinung nach Müll gesammelt wurde, z. B.: zerbrochenes Glas, Styroporreste, Heftseiten usw... Müll, der als Müll von außen in die Wohnung gebracht wird und das, was letztendlich zu Müll in der Wohnung geworden ist. Jedoch wie die Wohnung aussieht, darf kein alleiniges Kriterium zur Diagnose für das Messie-Syndrom sein. 

Ein Bericht des Rheinischen Merkur vom 14.10.2004 zeigt einige Punkte an die ich meine Kritik mit den Medien deutlich machen möchte:

 

 

 

Ein auf das äußere Bild der Wohnung ausgerichtete Meinungsbildung zum Messie-Syndrom

Sibylle Trost hat sicherlich mehr recherchiert als manch ein anderer Autor, von denen die ich bisher kennen lernen durfte, doch sie hat nur extrem vollgestellte Wohnungen gezeigt. Das war gegen die anderslautende Aussage von ihr, z.B.: dass sie auch eine desorganisierte Betroffene zeigen wird. Immer wieder habe ich ihr versucht zu vermitteln, dass die Medienberichte auf keinen Fall immer nur auf "Vermüllung" ausgerichtet sein darf wenn man der Thematik gerecht werden will. Doch dieser Versuchung erliegen leider die meisten Journalisten und Redakteure. Diese alleinige Darstellung der Wohnung informiert aber keinesfalls über das Messie-Syndroms.

Aus dem Artikel zitiert: "Reinhold Hartmann, Redaktionsleiter Kirche und Leben evangelisch: „Wir beobachten die Gesellschaft, und manche Filme greifen in das gesellschaftliche Leben ein.“  

Konstruierte und unwahre Berichterstattung die dazu beitragen das Betroffene oder deren Angehörige fehlinformiert werden über die tatsächlichen Möglichkeit zum Beispiel in wie weit das Messie-Syndrom das Kriterium einer anerkannten Krankheit erfüllt.

Aus dem Artikel zitiert: "Die letzte Reaktion kam fast drei Jahre später: von den Krankenkassen. Jochen Kalthaus hatte dafür gesorgt, dass Mitarbeiter von Krankenkassen den Film sehen konnten. Ende 2002 wurde das Messie-Syndrom als Ausdruck einer psychischen Störung anerkannt, sodass Betroffene therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen können." 

Einige wenige Menschen die über die Aufnahmen einer neuen "Erkrankung" informiert sind, wissen, dass auf so einem Wege keine Krankheit in das diagnostische Manuell aufgenommen wird und das Krankenkassen auch gar nicht darüber entscheiden können. An diesem Beispiel wird deutlich das irgend ein Mensch etwas daher reden darf und das dieses einfach ohne Überprüfung der Fakten gedruckt oder gesendet wird. Wenn die Betroffenen das dann schwarz auf weiß lesen, glauben sie es, und haben dann das Gefühl die Krankenkassen wollen ihnen etwas vorenthalten. Eigentlich gehört unter solchen Artikel der Vermerk das für den Inhalt keine Gewähr der Richtigkeit übernommen werden kann.

Aus dem Artikel zitiert: "Jochen Kalthaus hatte ihn: Im Januar 1999 traute er sich, den Zuschauern seine Wohnung zu zeigen. Eine Wohnung, vermüllt und zugestellt mit Kisten und Kästen, in denen er alles Mögliche sammelte und hortete. Ein Messie ist er, einer, der in einem desolaten Haushalt lebt und hinter dessen unordentlicher Fassade psychische Probleme stecken. „Zehn Jahre lang hatte ich niemanden mehr in meine Wohnung gelassen“, sagt er. Als die Autorin Sibylle Trost nachfragte, ob er für den Film „Wo Saubermänner machtlos sind – Deutsche im Müll“ seine Wohnung öffnen würde, sah er das als Chance für sich und andere Messies, endlich in der Gesellschaft auf ihr Problem aufmerksam zu machen und es dabei richtig darzustellen."   

Das hört sich alles sehr schön an, nur hat Herr Kalthaus schon einem anderem Fernsehteam die Wohnung geöffnet,  Frau Trost konnte sich dieses Video bei uns ansehen. Ich glaube viele Journalisten forschen gar nicht nach was wahr ist und was nicht, sie drucken und senden alles und das ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit. Das ist auch ein Grund mit, das ich in meiner Wohnung keinen Fernseher mehr habe. Denn irgendwelche Mädchengeschichten lese ich lieben bei den Gebrüder Grimm und anderen Geschichtenschreibern.

Abhängigkeit der Medien von Wirtschaftsunternehmen und deren PR-Vertreter

Immer wieder lese oder sehe ich Medienberichte über das Messie-Syndrom die sich sehr ähneln, so als ob einer vom anderen Abschreibt. Sicherlich mag das auch zutreffen, doch viel gravierender finde ich eine, mir deutlich gewordene, Abhängigkeit der Medien von Wirtschaftsunternehmen die durch redaktionelle Berichte eigentlich Werbung für ein oder mehrere Produkte diese Unternehmens  (indirekt/direkt) bewerben. Hierbei spielt beim Messie-Syndrom die Selbsthilfe ein Mäntelchen was man diesem Vorgang nur allzu gerne umhängen mag und die Messie Selbsthilfe wurde benutzt als "Messiequelle". 

Damals hat Susanne Herms (Koordinatorin der Anonymen Messie SHG) dafür gesorgt das die Messie Selbsthilfegruppen als Themen- und Personenlieferant betroffene Menschen bei Talkshows in vielen Fällen "verheizt" wurden und sie hat dafür gesorgt das die Waren des Unternehmens, die ihre Arbeit finanzierte, in diesen Berichten immer einen gebührenden Platz bekamen. Diese Aufgabe hat jetzt Herr Kalthaus übergenommen und um diese Verquickung muss  die Presse wissen. Doch das sehr viele der Medienanstalten da mitspielen, habe ich selbst erlebt und das die Medien nicht darüber informiert waren, kann keiner sagen. 1999 habe ich einem Brief mit entsprechendem Inhalt an alle Medienanstalten versandt. Deswegen meine ich, dass die Zuschauer und Leser um solche Verflechtungen wissen müssen damit sie sich ein entsprechendes eigenes Urteil bilden können und wissen was dahintersteckt, nämlich Schleichwerbung. 

Deswegen benutze ich bei Pressekontakte auch deutliche kritische Worte, denn wer den Anspruch erhebt das er Leser, Zuschauer oder Hörer objektiv unterrichten will, der muss sich an diesem Anspruch auch messen lassen.

Marianne Bönigk Schulz

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