(Nr. 42, 14.10.2004)

DOKUMENTATION
Fieberkurve der Gesellschaft

Die Reihe „37 Grad“ läuft seit zehn Jahren im ZDF. Sie zeigt normale Menschen in besonderen Situationen. Die Filme wurden hoch gelobt, doch was wurde aus den Protagonisten?

Foto: ZDF

Autor: DOROTHEE RENGELING

Siebenunddreißig Grad: Das ist die Fieberflagge“, sagt Hans Helmut Hillrichs, Leiter der ZDF-Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft und Erfinder der Dokumentationsreihe. Im November 1994 startete „37 Grad“ mit einem Film über einen Vietnamsoldaten, der nicht vergessen kann, was er im Krieg erlebt hat, und nach Vietnam zurückkehrt. Mit „Jenseits der Schattengrenze“, der ein Jahr später den Adolf-Grimme-Preis bekam, hatten die drei beteiligten Redaktionen „Kirche und Leben evangelisch/katholisch“ und „Geschichte und Gesellschaft“ Maßstäbe gesetzt: „37 Grad“ sollte normale Menschen in außergewöhnlichen Situationen porträtieren.

Seitdem haben in den vergangenen zehn Jahren Menschen in über 440 vielfach prämierten Dokumentationen gezeigt, wie sie mit existenziellen Lebensentscheidungen und Lebenskrisen umgehen. Trauer, Schmerz, Tod, Abschied: Die Autoren und Redakteure wagen sich an Themen, die in den Medien als „unsexy“ gelten. „Wir wollen die Wärmetemperatur in der Gesellschaft messen und zur Klimaforschung beitragen.“ Filme über Arbeitslose, die in Europa ihr Glück suchen, Kindesmissbrauch, kriminelle Rentner oder Mütter, die ihre Familie verlassen, bannen jeden Dienstag um 22.15 Uhr 30 Minuten lang zwischen zwei und drei Millionen Menschen vor den Fernseher. Mit einem Marktanteil von durchschnittlich 10,8 Prozent hat sich „37 Grad“ unter den dokumentarischen Formaten sein eigenes Publikum und seinen eigenen Stil als biografisches Format erarbeitet. Aber: Unausgesprochenes anzusprechen, es auch noch im Fernsehen zu zeigen, erfordert Mut: von den Autoren und besonders von ihren Protagonisten.

Jochen Kalthaus hatte ihn: Im Januar 1999 traute er sich, den Zuschauern seine Wohnung zu zeigen. Eine Wohnung, vermüllt und zugestellt mit Kisten und Kästen, in denen er alles Mögliche sammelte und hortete. Ein Messie ist er, einer, der in einem desolaten Haushalt lebt und hinter dessen unordentlicher Fassade psychische Probleme stecken. „Zehn Jahre lang hatte ich niemanden mehr in meine Wohnung gelassen“, sagt er. Als die Autorin Sibylle Trost nachfragte, ob er für den Film „Wo Saubermänner machtlos sind – Deutsche im Müll“ seine Wohnung öffnen würde, sah er das als Chance für sich und andere Messies, endlich in der Gesellschaft auf ihr Problem aufmerksam zu machen und es dabei richtig darzustellen.

Fast zwei Jahre hatte sich die Autorin mit dem Thema beschäftigt, viel darüber gelesen, mit Experten und den damals noch wenigen Selbsthilfegruppen gesprochen. Sie hatte zwar viele Messies kennen gelernt, die aber wollten eines auf keinen Fall: vor die Kamera. „Unsere Themen sind so heikel, dass viele Betroffene sich nicht trauen, ihr Leben und oft auch ihre Peinlichkeiten vor einem großen Publikum zu zeigen“, sagt sie. Aber: Jochen Kalthaus hat zugesagt. „Ich hatte den Eindruck, dass Sibylle Trost gut recherchiert hatte und der Film ernsthaft das Messie-Syndrom darstellt.“ Die Sicherheit, diesen Schritt zu wagen, gaben ihm die Vereinbarungen, die zwischen ihm, dem Kamerateam und der Autorin getroffen wurden.

Die versierte „37 Grad“-Autorin wahrt die Intimsphäre ihrer Protagonisten. „Ich lasse mich von ihnen und ihrer Welt berühren“, sagt Sibylle Trost. Nicht nur sie, alle am Film Beteiligten machen während der Dreharbeiten, die in der Regel zehn Tage dauern, einen Entwicklungsprozess durch. Das möchte sie auch bei ihren Zuschauern erreichen: Sie gibt keine Meinungen, keine Thesen zu einem Thema vor, sondern möchte die Zuschauer zu eigenen Einsichten bewegen.

Das ist, wie bei vielen anderen „37 Grad“-Themen auch, bei dem Film über die Messies geglückt. Und hatte Konsequenzen: Viele Zuschauer erkannten ihre eigenen Probleme im Film wieder und konnten sie endlich in Worte fassen. „Mein Telefon stand nicht mehr still. Hatten wir vor dem Film 30 Selbsthilfegruppen, ist die Zahl danach sprunghaft gestiegen“, sagt Jochen Kalthaus. Heute gibt es 180 Messie-Gruppen in Deutschland.

Auf Jochen kamen aber auch Reaktionen aus dem privaten Umfeld dazu, denn seine Familie hatte bis zur Ausstrahlung des Films nichts von seinen Problemen gewusst und sich sofort zu ihm nach Berlin aufgemacht. Jochen floh, versteckte sich, hielt das nicht aus. „Ich habe mich damals geschämt“, sagt er. Erst vier Jahre später konnte er zum ersten Mal Leute in seine Wohnung lassen.

Die letzte Reaktion kam fast drei Jahre später: von den Krankenkassen. Jochen Kalthaus hatte dafür gesorgt, dass Mitarbeiter von Krankenkassen den Film sehen konnten. Ende 2002 wurde das Messie-Syndrom als Ausdruck einer psychischen Störung anerkannt, sodass Betroffene therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen können. Reinhold Hartmann, Redaktionsleiter Kirche und Leben evangelisch: „Wir beobachten die Gesellschaft, und manche Filme greifen in das gesellschaftliche Leben ein.“ Die Themenschwerpunkte habe sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre geändert. Anfangs spiegelten entwicklungspolitische Themen, besonders über Menschen in der Dritten Welt, die Interessen der Zuschauer wider. Heute mag das Publikum vor allem Filme zu den Themen Familie und Arbeitsmarkt.

An Vorschlägen mangelt es nicht. Bis zu 2000 Themen gehen pro Jahr bei den Redakteuren ein. Aber erst, wenn alle drei Redaktionen sich am runden Tisch über ein Thema einig sind, kann der Film in die Produktion gehen. Manche Produktionsfirmen haben schon über 50 Angebote eingereicht, von denen keines verwirklicht wurde. Andere Autoren treffen mit ihren Vorschlägen auf Anhieb den Nerv der Gesellschaft und damit auch den der „37-Grad“-Redaktion.

„Das ist auch das Schöne an der Arbeit als Autorin für ,37 Grad': dass ich am Puls der Menschen arbeiten kann. Das bringt Lebendigkeit“, sagt Sibylle Trost. Ganz nah dran war sie mit der Dokumentation über Menschen, die als Dienstleister arbeiten. „Die Putzfrau, die Köchin und der Wachmann – Arbeit ist das ganze Leben“ wagte einen Blick in die Arbeitswelt der Wenigverdiener und Arbeiter. Steffi Lauck, die Jungköchin, die von morgens drei Uhr bis abends acht Uhr auf den Beinen ist, hat einen Blick in ihr Arbeits- und Privatleben zugelassen, weil sie mit einem Vorurteil aufräumen wollte. „Es heißt doch immer, die Jugend würde nicht arbeiten“, sagt sie. Alle sollten sehen, dass das so nicht stimmt.

Ihr Leben hat sich, anders als bei Jochen Kalthaus, nach dem Film nicht geändert. Immerhin kommen seitdem mehr Menschen ins Fernsehen, die nicht zu den Gutverdienenden gehören. „Aber noch mal würde ich das nicht machen“, sagt sie. „Es ist doch sehr anstrengend, wenn die Kamera von morgens bis abends dabei ist.“

Und Sibylle Trost? Sie arbeitet im Moment schon an ihrem nächsten Film. Es geht um ein Vier-Generationen-Haus. „Das Spannende ist, etwas nicht zu bewerten, sondern es zu dokumentieren. Das ist eine phantastische Arbeit.“

Das ZDF zeigt zum Jubiläum am 26. 10. um 22.15 Uhr „Alisons Baby: Die ersten Jahre“. Um 0.35 Uhr folgt eine lange Nacht mit sechs ausgewählten Dokumentationen.